Ist das noch Norm?

Überarbeitetes Angebot von Normpumpen

Interview mit Paul Dommanget
Von Normen, Motoren und was Betreiber wirklich fordern

CT: Hand aufs Herz Herr Dommanget: Sind Chemienormpumpen nun eigentlich Segen oder Fluch? Betreiber profitieren zwar durch die Möglichkeit, herstellerunabhängig einkaufen zu können. Aber führt der Zwang zu konstruktiven Dogmen eventuell auch zum einen oder anderen Kompromiss bei der Entwicklung neuer Pumpen?
Dommanget: In unserem Selbstverständnis als Technologieführer ist es natürlich klares Ziel der KSB, die geltenden Normen einzuhalten. Das finden Sie in jedem unserer Lastenhefte, wenn wir eine neue Pumpe entwickeln. Klar ist aber auch, dass so eine Norm zu vielen Kompromissen führt, da sie die Kreativität der Entwickler einzwängt. Als Hersteller definiere ich ein Raster, das ich abdecken möchte und entscheide dann, mit welchen und wie vielen Baugrößen ich diese abdecken möchte. Der zuständige Entwickler muss dann noch wissen, auf was er vor allem Wert legen soll: Ist der NPSH-Wert wichtig, oder ist es der Wirkungsgrad? Beides bekommen Sie nie zusammen auf ein Optimum. Bei Normpumpen kommen dann noch die Abmessungen und die Hydraulik als unverrückbare Vorgabe hinzu. Am Ende stehen dann für uns Pumpenbauer natürlich Kompromisse – für uns wie für unsere Marktbegleiter.

CT: Normpumpen sind alle gleich, das liegt ja in der Natur der Sache. Wie können Sie Betreiber überzeugen, gerade eine Pumpe der KSB zu kaufen?
Dommanget: Will ich mich positiv vom Markt abheben, kann ich das im Segment der Normpumpen nur über Details erreichen, die dem Betreiber das Leben einfacher machen: eine erhöhte Lebensdauer der Lager, der Gleitringdichtung sowie eine einfache Montage bzw. Demontage der Pumpe und ähnliches. Nicht zuletzt entscheiden diese „Kleinigkeiten“ dann auch über die Betriebskosten einer Pumpe. Der stärkste Mehrwert den wir unseren Kunden bieten, ist aber sicherlich der Service: die weltweite Verfügbarkeit von Ersatzteilen. Das erreichen wir durch eine globale Strategie, die sich am besten auf folgenden Nenner bringen lässt: gleiche Pumpe, gleiche Ersatzteile. Ob nun Deutschland oder China, alle unsere Produktionsstandorte verwenden die gleichen Rohteile aus einem Baukasten und bilden daraus dann jeweils für den Anwender passende Lösungen. Dadurch, dass es keine eigens konstruierten Sonderlösungen, sondern nur modifizierte Gleichteile gibt, können wir unseren Kunden dann sehr schnell wieder das jeweils benötigte Teil liefern, und der Betreiber hat keine unnötig langen Stillstandszeiten.

CT: Hersteller rücken seit einigen Jahren verstärkt den Einsatz von Energiesparmotoren in den Fokus. Ist es für Anwender – unter Berücksichtigung steigender Energiepreise – eigentlich sinnvoll, die Motoren seiner bereits in die Jahre gekommenen Bestandspumpen gegen effizientere IE4-Modelle auszutauschen? Oder stellt sich die Frage erst dann, wenn seine bisherige Pumpe ohnehin das Ende ihres Arbeitslebens erreicht hat?
Dommanget: Ein Austausch ist natürlich generell eine Möglichkeit und ergibt auch Sinn. Aber im Grunde rühren Ineffizienzen weniger vom Motor, als vielmehr durch einen falschen Betrieb. Beispielsweise ist es bis heute gängige Praxis, dass Betreiber bei entstehenden Kavitationen auf der Druckseite der Pumpe drosseln und diese hierdurch nur noch im ineffizienten Teillast-Betrieb fährt. Wichtig ist es daher zu sehen, wie das Gesamtsystem gefahren wird. Wenn meine Anlage nur 20 bis 30 % der Zeit produziert, spielt es keine Rolle wie effizient mein Motor auf den Produktions-Betriebspunkt ausgelegt ist, wenn er 70 bis 80 % der Zeit im ineffizienten Teillastbetrieb fährt. Wollen Sie ihre Anlage also wirtschaftlich fahren, dann müssen Sie den Betrieb ändern. Ist dies nur bedingt oder überhaupt nicht möglich, dann sollte Wert darauf gelegt werden, Motoren zu verwenden, die im Teillastbetrieb noch einen guten Wirkungsgrad bringen. Wir haben das vor einiger Zeit einmal durchgerechnet: würde die gesamte deutsche Wirtschaft solche Ineffizienzen beseitigen, könnten wir Kilowattstunden im Gegenwert von zwei Atomkraftwerken einsparen. Dass dennoch aktuell alle von den Motoren reden, ist auch ein Stück weit der Simplifizierung seitens der Politik geschuldet. So ein Motor ist einfach griffig, ähnlich einer Energiesparlampe. Sobald es aber in die Hydraulik geht, verstehen viele nicht mehr ganz, um was es da eigentlich geht. Wenn man ehrlich ist, geht die ganze Diskussion um Energieeinsparungen im Grunde auch ein Stück weit an der Realität vorbei, wenn es um den Bereich Chemie mit ihren Konti-Prozessen geht. Hier gilt weiterhin, dass die Prozesssicherheit über allem steht. Denn die höchste Ineffizienz verursacht noch immer ein Stillstand. Die Pumpe ist aus Betreibersicht kein Gerät um Strom zu sparen, sondern Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist es zu produzieren.

CT: Um trotzdem beim Thema Effizienz zu bleiben: Seit einiger Zeit wird der Einsatz von Frequenzumrichtern stark beworben. Diese ermöglichen zwar Energieeinsparungen, führen aber auch zu Problemen durch die sogenannte Netzverschmutzung; was auch wieder in Investitionen wie einen neuen Transformator enden kann – und die erzielten Einsparungen sofort wieder auffrisst. Und auch der Einsatz im Ex-Bereich ist zumindest bei integrierten Umrichtern nicht immer unproblematisch.
Dommanget: Frequenzumrichter werden sicher nach und nach kommen, aktuell sehe ich dieses Thema in der Chemie aber noch nicht umgesetzt. Rein über das Argument der gesteigerten Effizienz werden Sie die einschlägigen Betreiber aus den erwähnten Gründen nur bedingt zu einem Wandel bewegen können. Dies wird erst gelingen, wenn sie durch den Einsatz von Frequenzumrichtern auch Vorteile für den eigentlichen Prozess realisieren können. Generell hilft Ihnen ein solcher Umrichter aber nicht nur den Verbrauch zu reduzieren. Sie können auch die Lebensdauer Ihrer Pumpe verbessern, da sich beispielsweise Belastungen auf Welle und Lager verringern lassen. Die Überzeugungsarbeit ist an dieser Stelle allerdings noch ein wenig mühselig; vielleicht ist das aber auch schlicht und ergreifend eine Generationsfrage. Gerade im Ex-Bereich stehen Betreiber vor dem Problem, dass es, zumindest meines Wissens nach, noch keine Pumpe mit integriertem Frequenzumrichter gibt. Für eine externe Lösung benötigen Sie wiederum eine lange, abgeschirmte Leitung. Das mindert dann nicht nur die Effizienz, sondern ist auch schon in der Anschaffung sehr teuer. Es ist ja auch so: Je mehr ich in meinem Stromnetz zwischengeschaltet habe, um so mehr leidet mein Wirkungsgrad und damit die Gesamteffizienz. Und mit dem Nachrüsten der erwähnten Transformatoren und Ähnlichem haben Sie auch sehr schnell wieder den Punkt erreicht, in dem die Ausgaben jeden Effizienzgewinn zunichtemachen. Darum wird das wohl eher ein Thema für Greenfield-Anlagen werden, bei denen die Umrichter von Anfang an als Teil des Systems eingeplant sind.  So ein Frequenzumrichter ergibt ja auch nur dann Sinn, wenn sich der Betriebspunkt auch tatsächlich ändert. Wenn Sie eine Pumpe haben, die konstant mit gleicher Last fährt, dann können Sie mit einem Umrichter nichts gewinnen. In vielen Fällen ist und bleibt eine optimal eingestellte Pumpe noch immer der beste Schutz gegen Energieverschwendung. Das können Sie beispielsweise erreichen, indem Sie die Pumpe gegen eine kleinere Variante austauschen und die Rohrleitung verkleinern oder aber das Laufrad abdrehen. Vor allem wichtig ist es, die Pumpe gleich zu Beginn korrekt auszulegen. Wer später nachbessert, erreicht in der Regel nie das mögliche Optimum.

Zur Person
Pascal Dommanget, geboren 1968, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und ist seit 1997 für die KSB tätig, unter anderem als Projektleiter KSB Easy Select. Seit 2011 ist er Leiter des Produktmanagements Normpumpen.

Heftausgabe: März 2016
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Über den Autor

Philip Bittermann, Redaktion
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