Das U-Boot taucht wieder auf

VDMA-Infotag „Modularisierung und Standardisierung im Anlagenbau“

Und im Großanlagenbau? Helmut Knauthe, Head of Technology & Innovation beim Anlagenbau-Multi Thyssen Krupp Industrial Solutions, sieht einerseits Meldungen, wonach im Großanlagenbau Modularisierung und Standardisierung als wesentliche Elemente gesehen werden, um mit den heutigen Herausforderungen im Wettbewerb zurechtzukommen. „Andererseits sieht man genauso, dass es auch in Großprojekten, in denen beides angewandt wird, zu massiven Zeit- und Kostenüberschreitungen kommen kann“, sagt Knauthe mit Blick auf jüngste LNG-Megaprojekte in Australien, bei denen im großen Stil Module eingesetzt wurden.

Im Rahmen seiner Keynote zum Informationstag berichtete Knauthe über die Gründe zur Modularisierung in zwei aktuellen Projekten aus dem eigenen Unternehmen. So waren es bei einem Chemieprojekt im Westen Kanadas vor allem hohe Arbeitskosten, Sicherheitsaspekte sowie die arktischen Bedingungen, die zum Entschluss für einen modularen Ansatz führten: Die Anlage wurde aus rund 40 Modulen aufgebaut, die vom amerikanischen Houston aus auf eine 3.450 Kilometer lange Reise ins kanadische Zielgebiet geschickt wurden. Ähnlich lagen die Argumente auch bei einer 500 Tonnen schweren Chemieanlage in Südostasien, die zwar küstennah liegt, für die die Experten von Thyssen Krupp schließlich aus  Gründen der Arbeitseffizienz und dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften vor Ort den Weg über ein Konzept von 80 Modulen vorgeschlagen haben.

Sind Module im Großanlagenbau der Chemie also nur eine Notlösung? Darauf mag sich Helmut Knauthe, der viele Jahre als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau auch andere Branchen des Anlagenbaus vertreten hat, nicht festlegen. „Es kommt auf die Industrie an. In extremen Regionen führt an modularen Chemieanlagen kein Weg vorbei. Bei einer Anlagenerweiterung ist Modularisierung dagegen kein Thema. Im Hütten- und Walzwerksbau wiederum wird in Produktlinien gedacht und die Modularisierung und Standardisierung deutlich weiter getrieben“, sagt Knauthe.

Auf dem 3. Engineering Summit im vergangenen Jahr hatte Thomas Wehrheim, COO von Doosan Lentjes, eine Lanze für die konsequente Standardisierung und Modularisierung als Mittel zur Kostensenkung gebrochen. „Auf der Entscheidungsebene der Kunden“, so Wehrheim, „ist immer weniger Engineering-Know-how vorhanden, und in der Folge ist oft der Preis das einzige Entscheidungskriterium.“ Die deutsche Tochter eines südkoreanischen Anlagenbauunternehmens machte sich deshalb das Erfolgsrezept der koreanischen Mutter zu eigen: kompromissloses Standardisieren und Modularisieren.

Heftausgabe: Juni 2015
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Armin Scheuermann, Redaktion
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