„Auf dem Weg zum Schüttgut-EPC“

Vom mittelständischen Silolieferanten zum globalen Anlagenbauer – Interview mit Bernhard Scherer und Dr. Harald Wilms, Zeppelin Systems

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01.10.2012 Mittelständische Anlagenbauer stehen mehr und mehr vor der Frage, wie sie im globalen Projektgeschäft bestehen können. Im CT-Gespräch erläutern Bernhard Scherer, Vorsitzender der Geschäftführung und Dr. Harald Wilms, Leiter Unternehmensentwicklung bei Zeppelin Systems, die langfristige Strategie des Schüttgut-Spezialisten, der auch in der Flüssig-Prozesstechnik wachsen will.

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CT: Wie sieht die Strategie des Mittelständlers Zeppelin im globalen Anlagenbau aus?
Scherer: Zeppelin ist im vergangenen Jahrzehnt konsequent den Weg von einem Behälterbauer zu einem Anlagenbauer gegangen. Wir wollen Lösungen anbieten und sind dabei international ausgerichtet. Mehrere Zukäufe von kleineren Unternehmen entlang unserer Wertschöpfungskette haben dazu beigetragen, bessere Lösungen für den Kunden anzubieten. Außerdem hatten wir die Dynamik in Asien bereits früh erkannt und uns dort positioniert. Als Mittelständer sind wir immer sehr bodenständig, aber auch sehr konsequent in unserer Vorgehensweise.

CT: Die Zukäufe, die ich verfolgt habe, waren vor allem Ergänzungen technologischer Art. Inwiefern ging es auch darum, in anderen Regionen Fuß zu fassen?
Wilms: Es ist schon richtig, dass der Schwerpunkt der Zukäufe im Bereich der Technologien lag. Es ging darum, die verfahrenstechnische Kompetenz von Zeppelin auszubauen und das Branchenspektrum zu erweitern, um global anbieten zu können. Dies alles haben wir in ein existierendes, weltweites Netzwerk integriert. Das Netzwerk ist dabei durch zusätzliche Standorte weiter gewachsen. Zeppelin hat sich dadurch sehr stark verändert.

CT: Mit der Übernahme von Reimelt Henschel kam dann schließlich auch die Lebensmitteltechnologie hinzu.
Wilms: Zum Einen ging es darum, in den Bereich der Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelverarbeitung einzusteigen, andererseits aber auch darum, den Bereich Kunststoffverarbeitung durch die Misch- und Compoundiertechnik aus dem Hause Henschel zu erweitern. Gerade auf den jüngsten Messen, wie der Achema, konnten wir feststellen, dass sehr viele Aufgaben an uns herangetragen werden, die Lösungen aus Foodindustrie, Chemie, Kunststoff- und Pulververarbeitung erfordern.

CT: Wie sieht der Scope von typischen Zeppelin-Projekten aus? Planen Sie, ein Schüttgut-EPC-Unternehmen für Großanlagen zu werden?
Scherer: Wir bewegen uns schon hin zum Schüttgut-EPC. Unsere Kunden wollen immer größere Pakete durch einen Verantwortlichen abgewickelt haben, um Schnittstellen zu reduzieren. Das kommt uns zugute, da wir durch den Silobau sowieso bereits vor Ort auf den Baustellen der Kunden fertigen müssen. Dann können wir natürlich auch weitere Gewerke wie Rohrleitungsbau, Kabelverlegung oder den Stahlbau koordinieren und durchführen. Den Scope „EPC für Schüttgutlogistik“ werden wir weiterentwickeln – das ist eine klare Differenzierung gegenüber Wettbewerbern, die nur Engineering anbieten.
Wilms: Für Sabic haben wir in Belgien beispielsweise das größte Compoundingwerk Europas schlüsselfertig gebaut. Wir fühlen uns vor allem bei Projekten mit einem Volumen unter 100 Mio. Euro wohl – eine Größenordnng, die nicht im Fokus von Unternehmen des Großanlagenbaus liegt. Früher wurden Projekte dieser Größenordnung vielfach in Einzelgewerke aufgesplittet. Heute werden diese Aufträge mehr und mehr Turnkey vergeben. Um diese Gesamtkompetenz anbieten zu können, musste sich Zeppelin entwickeln.

CT: Was hat sich in den vergangenen drei Jahren verändert?
Wilms:  Vor drei Jahren waren wir auf der Achema noch als Fördertechnik-Anlagenbauer aufgetreten. In diesem Jahr standen vor allem verfahrenstechnische Lösungen im Vordergrund, bei denen es um die Übertragung von Produkten und Know-how in andere Anwendungen geht. Das nehmen wir verstärkt als Trend wahr.

CT: Wie schaffen Sie es, das Know-how zwischen Zeppelin und Reimelt Henschel über die Distanz zwischen Friedrichshafen und Hanau zusammenzubringen?
Scherer: Daran arbeiten wir. Es gibt natürlich Werkzeuge wie der Einsatz einer gemeinsamen ERP oder die Standardisierung unserer Engineeringtools, um auf die gleichen Materialstämme, Daten und Standards zurückzugreifen. Neben diesen technischen Mitteln ist es  für uns aber wichtig, unsere Mannschaft so zu organisieren, dass sie bereits vorhandene Lösungen kennt und dem Kunden das jeweils Optimale anbieten kann. Dieser Austausch geschieht in vielen Gremien. Dazu kommen multikulturelle Aspekte – überall menschelt es. Aber diese Themen gehen wir an.
Wilms: Einheitliche Engineeringtools in einem weltumspannenden Netz versetzen uns auch in die Lage, das gesamte Engineering zu beschleunigen. Kunden können dadurch auch schneller in die Bewertung von Lösungsvorschlägen integriert werden.

CT: Welches sind für Sie im derzeitigen Marktumfeld die größten Herausforderungen?
Wilms: Natürlich spüren auch wir den Wettbewerbsdruck aus anderen Regionen, gerade aus Asien. Wir merken aber auch, wie komplex unser Anlagenbau ist, der eben nicht auf einer Serienfertigung und Wiederholungen beruht, sondern immer zu Unikaten führt. Dort ist der Wettbewerbsdruck noch nicht ganz so groß. Wir bemühen uns, entsprechende Strukturen zu schaffen: Beispielsweise haben wir auch eine Niederlassung in Korea, die den Kontakt zu den koreanischen Kontraktoren pflegt, damit die Kenntnisse über die Produkte von Zeppelin in den Planungsprozess mit einfließen können.
Wir sehen aber auch, dass mit der größeren Komplexität von Projekten, die von asiatischen Anlagenbauern angepackt werden, sich auch deren Kostenstruktur etwas mehr der unseren annähert. Vor diesem Hintergrund hoffen wir, dass unsere Innovationskraft reichen wird, um immer eine Nasenlänge voraus zu bleiben.
Scherer: Das Jammern über den Wettbewerb hilft nicht weiter. Man muss sich stets selbst weiterentwickeln, um den Vorsprung zu verteidigen. Aus meiner Sicht ist besteht die größte Herausforderung darin, wie wir es schaffen, junge Ingenieure für unser mittelständisches, dynamisches Unternehmen zu gewinnen. Wir versuchen das mit dem Programm „Focus on our People“, mit dem wir unsere Attraktivität als Arbeitgeber erhöhen. Denn der Kampf um die Talente ist in vollem Gang. Und wir setzen darauf, dass wir das auch mit dem Argument schaffen, dass ein mittelständisches Unternehmen Freiräume bieten kann.
Wilms: Der Erfolg hängt natürlich auch immer sehr stark davon ab, wie man gut kommunizieren kann. Und für uns ist deshalb wichtig, Mitarbeiter aus verschiedenen Weltregionen hier auszubilden. Diese können dann wiederum als Nukleus dienen, um unsere Erfolge in den Regionen nach vorne zu treiben. Ein Problem liegt zum Beispiel darin, dass wir immer überlegen, wie man die allerbeste Anlage bauen kann. Wenn der Kunde aber eine einfache Anlage haben will, müssen wir auch in der Lage sein, diese zu konzipieren und zu liefern. Das wiederum geht am allerbesten mit Mitarbeitern, die in den Regionen groß geworden sind und die die Anforderungen dieser Länder kennen und verstehen.

CT: Welche technologischen Synergien aus den verschiedenen Unternehmensbereichen wollen Sie verstärken?
Wilms: Wir beschäftigen uns im Rahmen unserer langfristigen Entwicklung mit verschiedenen Megatrends. Das sind die Nahrungsmittel­industrie, die Versorgung mit Wasser und Getränken sowie Proteine. Auf der anderen Seite die Entsorgung: Recycling und  Urban Mining. Und wir überlegen uns, was können wir zum Beispiel aus dem Bereich der Extrusionstechnik in den Bereich der Mischtechnik übertragen? Welche Synergien gibt es zwischen Nahrungsmittel- und Kunststofftechnik? Welche zwischen Chemie und Pharmazie? Hier können wir mit unserem technologischen  Wissen viel bewegen und ähnliche Aufgabenstellungen aus der Verfahrenstechnik übertragen.

CT: Bislang liegt Ihr Schwerpunkt auf Schüttgütern, mit Reimelt Henschel haben sie aber nun auch den Flüssigprozessbereich im Portfolio. Welche Pläne haben Sie hier?
Scherer:  Die Phasenübergänge zwischen fest und flüssig sehen wir als ein großes Wachstumsfeld. Dieser Bereich ist nun als eigenes, wachsendes Geschäftsfeld etabliert. Hier haben wir noch einiges vor, und ich kann mir vorstellen, dass wir uns da auch noch weiter verstärken werden. [AS]

Zeppelin auf einen Blick

  • Die Zeppelin Systems GmbH ist als strategische Geschäftseinheit in der Zeppelin-Gruppe für den verfahrenstechnischen Anlagenbau zuständig.
  • Mit 1.122 Mitarbeitern erzielte die Geschäftseinheit in 2011 einen Umsatz von 234 Mio. Euro.
  • Unter dem Dach der Geschäftseinheit sind weltweit 13 Tochterunternehmen an 20 Standorten tätig.
  • Der Zeppelin Anlagenbau ist spezialisiert auf die Entwicklung, die Produktion und den Bau von Anlagen für das Handling (Lagern, Fördern, Mischen, Compoundieren, Dosieren und Verwiegen) von hochwertigen Schüttgütern.
  • Zum Portfolio gehören Engineering, Produktion, Baustellenmontage, Kommissionierung bis hin zum After Sales Service.
  • Die Geschäftseinheit ist in den Branchen Kunststoffe, Gummi, Lebensmittel und Getränke tätig.

 

Heftausgabe: Oktober 2012

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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