CT-Spotlight: Steamcracker statt Reiscracker

Wachstumsmarkt China hängt Europa ab

07.08.2018 China war früher weit, weit weg. Fernost-Feinkost war mal exotisch, mit Stäbchen essen war mal ungewöhnlich, und China war das märchenhafte Land, in das Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer reisten, um eine Prinzessin zu retten.

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China and EU flag. 3d illustration

Bild: rawf8 – AdobeStock

Wenn in China ein Sack Reis umfiel, war das sprichwörtlich das unwichtigste weil weitentferntest-vorstellbare Ereignis der Welt. „Fachchinesisch“ gilt immer noch als der Inbegriff des Unverständlichen. Auch die Fronten waren früher klar: Europa und die USA auf der einen Seite, Russland und China auf der anderen.

Doch mit einem auf Handelsstreit gebürsteten Staatsoberhaupt am Westufer des Atlantiks sind die Beziehungen derzeit schwierig, deshalb schaut man sich gern auch auf der eigenen Landmasse um. Und da Eurasien für „Euros nach Asien“ steht, pumpen die Ludwigshafener Großbuchstaben demnächst rund 10 Milliarden davon in einen neuen chinesischen Verbundstandort. Die Zeit der Greenfield-Großprojekte ist nicht vorbei, sie tickt lediglich auf einem anderen Kontinent.

Zeiten ändern sich

China ist das neue Ludwigshafen. Statt einer von zwei Marionetten aus der Puppenkiste gesteuerten Dampflok rollen auf der „neuen Seidenstraße“ Trans-Eurasia-Express-Züge voller Container. Dampf geht nicht in Lokomotiven, sondern in Steam Cracker, die wie chinesische Mandelpilze aus dem Boden schießen. Dort fallen keine Säcke, höchstens Big Bags, und die sind ziemlich standhaft. Sie enthalten auch keinen Reis, sondern Spezialchemie praktisch sämtlicher europäischer Chemiekonzerne mit Rang und Namen.

Auf den Zug des chinesischen Wachstumsmarkts wollen schnell noch alle aufspringen, bevor sie abgehängt werden. Dabei müssten die Unternehmen doch gar nicht so weit reisen: Der chinesische Markt ist längst bis Europa gewachsen. Während Europäer die großzügige Genehmigung erhalten, in China – neuerdings auch ohne Händchenhalten in Form eines Joint Venture – in einen neuen Standort zu investieren, gehen chinesische Investoren in Europa auf „Einkaufstouren“. Der umgekehrte Fall? Fehlanzeige. Dementsprechend klingt derzeit auch die leicht futuristische Schlagzeile „Sinochem schluckt BASF“ wahrscheinlicher als „BASF verschluckt sich an Sinochem“.

Diese Einkaufstouren werden mittlerweile schon wegen „Sicherheitsbedenken“ von ganz oben ausgebremst – damit das Wirtschaftswachstum nicht endgültig mit dem Orient-Express verschwindet und China nicht Europa kauft. Auch Politkern wird langsam klar, dass Fachchinesisch zur Handelssprache wird. China war schon früher bekannt als das Reich der aufgehenden Sonne. Im Land des Sonnenuntergangs droht dagegen Dunkelheit. Uns bleibt die Insel mit zwei Bergen.

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Heftausgabe: August/2018

Über den Autor

Ansgar Kretschmer, Redaktion
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