Mai 2008
| von Armin Scheuermann, Redaktion

  • Akzo rechnet damit, dass der Transport von Chlor in Zukunft auf Grund des Risikos schwieriger werden wird. In den Niederlanden gibt es bereits ein Verbot.
  • Betreibern mit einem Bedarf zwischen 10000 und 15000t/a bietet Akzo die Versorgung mit Chlor vor Ort an. Dazu errichtet das Chemieunternehmen gemeinsam mit Uhdenora eine Membranelektrolyseanlage und betreibt diese ferngesteuert.
Mit ferngesteuerten Chlor- Elektrolyseanlagen will Akzo Nobel Prozessbetreiber vor Ort versorgen

Mit ferngesteuerten Chlor- Elektrolyseanlagen will Akzo Nobel Prozessbetreiber vor Ort versorgen

Das Image der Grundchemikalie Chlor in der Öffentlichkeit ist schlecht. Der Einsatz als Kampfgas im ersten Weltkrieg, gelegentliche Unfälle und – im Fall des Irak-Konflikts – auch gezielte Anschläge auf Transporte taten in der Vergangenheit das Ihre dazu, die öffentliche Wahrnehmung weiter negativ zu beeinflussen. Dazu kommt, dass eine der drei Möglichkeiten, Chlor zu produzieren, ebenfalls in Verruf ist: Die Gewinnung über das Amalgamverfahren, bei dem große Mengen an Quecksilber zum Einsatz kommen. Auf der EU-Ebene ist ein Gesetz in Arbeit, das den Im- und Export von Quecksilber über Ländergrenzen hinweg auf Sicht verbieten soll. Die Chlorproduzenten haben sich freiwillig selbst verpflichtet, ihre Amalgam-Anlagen bis 2020 stillzulegen.

Außerdem besteht das Problem des Chlortransports: Große Mengen des verflüssigten Gases werden derzeit in Kesselwagen per Schienenverkehr zu den Abnehmern gebracht. Ein Risiko, das europäische Länder wie die Niederlande oder die Schweiz nicht mehr eingehen wollen und deshalb verboten bzw. eingeschränkt haben. Genügend Gründe für Produzenten wie der niederländischen Gesellschaft Akzo Nobel über alternative Versorgungskonzepte nachzudenken. Denn Alternativen zum Chlor als Grundchemikalie für die Chemie gibt es nicht: Ob PVD, MDI, Epoxide oder andere Massenprodukte – allen gemeinsam ist der Einsatz von Chlor. In ferngesteuerten Produktionsanlagen, die das Chemieunternehmen für ihre Kunden und Abnehmer des Gases vor Ort betreiben will, sieht der Konzern eine Alternative zu den bisherigen Versorgungskonezpten.
Gemeinsam mit dem Uhde-Joint Venture Uhdenora hat das Chemieunternehmen ein Konzept entwickelt, wie sich Membranelektrolyse-Anlagen mit einer Leistung bis zu 15000 Jahrestonnen wirtschaftlich betreiben lassen. Zwei Zielgruppen hat der Produzent dabei besonders im Fokus, führt Ellen Holmen, Business Manager Remote Controlled Chlorine Production bei Akzo Nobel, aus: Einerseits Abnehmer, die einen eher niedrigen Chlorbedarf – etwa bis zu 15000t pro Jahr – haben, andererseits Wettbewerber die bislang im kleineren Maßstab Amalgamanlagen betreiben und diese umrüsten müssen.
In den Anlagen kommt standardisierte Technik zum Einsatz, wie sie von Uhde auch für individuell geplante Großanlagen zum Einsatz kommt. Das Equimpment wie z.B. die Membranzellen werden zum Teil auf transportablen Skids vormontiert. Auch der Planungsprozess ist standardisiert, um die Engineeringkosten zu senken. „Durch Standardisierung des Engineerings lassen sich rund 10 % der Anlagenkosten sparen“, konkretisiert Dr. Benno Lüke, Head of Electrolysis Division bei Uhde (siehe Interview). Denn ob sich die dezentrale Versorgung rechnet, hängt vor allem von den Investitionskosten für die Anlage ab. „Durch den modularen Charakter der Fabrik sind sehr geringe Bauaktivitäten am Standort selbst erforderlich und der Austausch von Modulen ist im Bedarfsfall einfach“, erklärt Ellen Holmen. Die Fläche für die „kleine“ Chlorfabrik entspricht etwa der Hälfte eines Fußballfeldes (36 x 46Meter). Der vollautomatische, ferngesteuerte Betrieb von einer Leitwarte an einem größeren europäischen Akzo-Standort aus soll weitere Kostenvorteile bringen. Dort sollen gleichzeitig mehrere der dezentralen Chloranlagen rund um die Uhr überwacht werden.
„Akzo Nobel Base Chemicals wird die Chlorfabriken von A bis Z betreiben“, beschreibt Holmen das Konzept. „Dies schließt die Lieferung des Salzes als Einsatzstoff ebenso ein, wie die Koordination der Logistik durch einen tagsüber anwesenden Akzo-Mitarbeiter. Auch die anfallenden Nebenprodukte Natronlauge, Wasserstoff usw. vermarktet das Chemieunternehmen, wenn sie nicht vor Ort abgenommen werden.“Der Hersteller schlägt damit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Denn längst ist die anfallende Natronlauge kein unerwünschtes Nebenprodukt mehr. „In Europa wächst die Nachfrage nach Natronlauge stärker als die Chlornachfrage“, verdeutlicht Hartger Hartgerink, Commercial Manager ChlorAlkali bei Akzo: „Natronlauge ist der Wertgenerator des Chlor-Alkali-Geschäfts.“

Die dezentralen Chlorversorgungseinheiten werden von Akzo und Uhdenora im Betreibermodell exklusiv gemeinsam vermarktet. „Wenn der Kunde selbst eine solche Anlage betreiben will, verkaufen wir diese natürlich auch direkt“, ergänzt Adrian Schervan, Managing Director Uhdenora. Und hier sieht der Anlagenbauer vor allem in Nordamerika noch ein enormes Potenzial, da in den USA Chlor bislang über weite Strecken per Kesselwagen transportiert wird und das Risikobewusstsein steigt, was unter anderem die Versicherungsprämien deutlich wachsen lässt.

 

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