„Die Geschwindigkeit von politischen Entscheidungen hat nachgelassen“

CT-Interview mit Dr. Joachim Kreysing, Geschäftsführer von Infraserv Höchst

02.08.2019 Die Hochstimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich zuletzt deutlich eingetrübt. Mit Standortunternehmen aus verschiedenen Branchen hat man im Industriepark Höchst einen guten Überblick darüber, wie die Lage wirklich ist. Im CT-Gespräch gibt Dr. Joachim Kreysing, Geschäftsführer von Infraserv Höchst, seine Einschätzung und erläutert, wie ein Industriepark trotzdem wachsen kann und was er von der Politik erwartet.

Kreysing

Der Chemiker Dr. Joachim Kreysing ist seit Januar 2015 Geschäftsführer von Infraserv Höchst. Nach der Promotion in Göttingen startete Kreysing seine Karriere bei der Unternehmensberatung McKinsey. Von 2003 bis 2008 begleitete Kreysing als Geschäftsführer die Gründung der Infraserv Höchst Technik, den ehemaligen technischen Services des Standortbetreibers. Das Unternehmen wurde 2005 Teil des Bilfinger-Konzerns, wo Kreysing dann verschiedene Positionen innehatte.

CT: Wie ist Ihre Einschätzung zur wirtschaftlichen Lage, vor allem auch zu Ihren Standortunternehmen?
Dr. Kreysing: Auch wir beobachten, dass es für einige Unternehmen und in einigen Märkten ganz eindeutige Eintrübungen gibt, während die Entwicklung in anderen Bereichen noch nicht so signifikant ist. Die Unternehmen im Industriepark sind in der Basischemie, der Spezialchemie oder der Pharmabranche tätig, also in ganz unterschiedliche Bereichen, die sich auch unterschiedlich entwickeln. Insgesamt ist die Lage im Bereich Chemie und Pharma aber noch weitgehend stabil.

CT: Wie bereiten sie sich als Standortbetreiber auf eine Abkühlung der wirtschaftlichen Lage und möglicherweise zurückgehende Investitionen vor?
Dr. Kreysing: Wir wappnen uns für schwierige Zeiten, indem wir konsequent die Themen Effizienzsteigerung und Kostensenkung im Fokus haben. Wir arbeiten seit Jahren kontinuierlich daran, unsere Kostenstrukturen immer weiter zu optimieren und die Effizienz unserer Leistungen immer weiter zu verbessern. Denn wir stehen als Standort natürlich nicht nur im nationalen Wettbewerb, sondern müssen uns vor allem im internationalen Vergleich behaupten. Und da ist es zwingend erforderlich, sowohl in guten wie auch in schlechten Phasen an der Optimierung der Kostenstrukturen zu arbeiten. Wir haben das mit Erfolg getan und daher auch in der Vergangenheit wirtschaftlich schwierige Phasen relativ gut überstanden, als Unternehmen, aber auch als Standort. Insofern müssen wir da strategisch nicht viel anpassen.

CT: Inwiefern stellen dabei auch politische Rahmenbedingungen eine Rolle?
Dr. Kreysing: Zwei Themen sind mit Blick auf die politischen Rahmenbedingungen besonders wichtig: Planungssicherheit und die Geschwindigkeit bei Entscheidungen, unter anderem auch bei Genehmigungsverfahren. Die Bedeutung dieser Themen wächst in Phasen, in denen sich die Konjunktur abkühlt. Hier ist die Politik gefragt. Wir haben zum Beispiel im Energiebereich, aber auch rund um das Thema Entsorgung immer wieder mit Planungsunsicherheiten zu kämpfen, weil sich regulatorische Rahmenbedingungen ändern. Da fällt es uns und unseren Kunden mitunter schwer, langfristige Investitionsentscheidungen zu treffen. Im Energiesektor ist die Planungsunsicherheit ein fast ebenso großes Investitionshindernis wie die Höhe der Energiepreise.

Zweiter Punkt: Umsetzungsgeschwindigkeit bei Entscheidungen und Genehmigungen. Hier konnten wir in der Vergangenheit in Deutschland zum Teil einen Standortvorteil generieren. Doch die Geschwindigkeit von Entscheidungen hat nachgelassen und wir sind in Sorge, dass diese Entwicklung weiter andauert. Da gibt es auf allen Ebenen, von den Bundes- bis zu den kommunalen Behörden, noch Verbesserungspotenzial.

CT: Ein Beispiel für Planungsunsicherheit waren ja die Gasturbinen-Projekte, die Sie im letzten Jahr auf Eis legen mussten.
Dr. Kreysing: Ja, da wurden wir davon überrascht, dass es plötzlich noch Änderungsbedarf im KWK-Gesetz gab. Bis diese Änderungen umgesetzt wurden, ist ein Jahr vergangen. Das ist dann schon ärgerlich, denn ein Jahr ist bei so einem Projekt sehr viel Zeit. Aber mittlerweile sind wir soweit, dass wir für beide Projekte grünes Licht haben.

CT: Welche Bedeutung haben diese Projekte für den Industriepark?
Dr. Kreysing: Die Themen Strom- und Wärmeversorgung stehen für einen Chemieparkbetreiber auf der Prioritätenliste ganz oben. Insofern hat die Möglichkeit, dass wir die Infrastruktur hier modernisieren und erweitern können, für den Industriepark insgesamt und für die Kunden sowie deren Versorgungssicherheit einen sehr hohen Stellenwert. Wenn die beiden neuen Gasturbinenanlagen in Betrieb gegangen sind, werden wir komplett aus der Kohlenutzung aussteigen.

2 Patrick Daxenbichler AdobeStock_228117172

Die Politik schafft es nicht immer, die richtigen Rahmenbedingungen für neues Wachstum zu setzen – gerade, wenn es nicht läuft. Bild: Patrick Daxenbichler – AdobeStock

CT: Ihr Unternehmen hat immer deutlich gemacht, auch außerhalb von Höchst wachsen zu wollen. Wie verfolgen Sie den Eigentümerwechsel in Muttenz und die mögliche Veräußerung von Currenta?
Dr. Kreysing: Mit großem Interesse und einigem Abstand. Ich freue mich, dass Bewegung in den Markt gekommen ist und dass weitere Unternehmen erkannt haben, wie interessant der Betrieb von Industriestandorten sein kann. Wettbewerb belebt bekanntermaßen das Geschäft. Wir beobachten den Markt natürlich sehr genau, denn wir wollen Wachstum generieren, mit einzelnen Leistungen, aber gern auch mit dem Premiumprodukt Standortbetrieb.

CT: Warum wird der Chemiepark-Markt auch plötzlich für andere Player so interessant?
Dr. Kreysing: Der Betrieb von industriellen Infrastrukturen ist ein Thema, das sich gerade in Zeiten von niedrigen Zinsen zunehmenden Interesses erfreut. Zwar bieten diese Märkte vielleicht nicht die allergrößten Wachstumschancen, dafür aber stabile Cashflows. Das ist für manche Investoren sehr attraktiv. Es ist gut, wenn neue Interessenten den Markt für sich entdecken.

CT: Welche Möglichkeiten hat vor diesem Hintergrund ein Standort-Betreiber, weiter zu wachsen?
Dr. Kreysing: Wir wachsen mit den Unternehmen am Standort, die auch im vergangenen Jahr wieder kräftig investiert haben, was für die Attraktivität des Industrieparks Höchst spricht. Daneben sind wir immer bestrebt, neue Unternehmen anzusiedeln und somit zusätzliches Geschäft zu generieren. Auch das gelingt in Höchst recht gut. Und wir sind nach wie vor daran interessiert, weitere Standorte komplett zu übernehmen und zu betreiben.

Ein weiterer Wachstumspfad, den wir mit Erfolg beschreiten, ist weitgehend unabhängig vom Standortbetrieb: Wir sind mit spezialisierten Dienstleistungspaketen am Markt aktiv, und zwar deutschlandweit. Seit einigen Jahren realisieren wir etwa im Facility Management oder mit Dienstleistungen auch den Bereichen Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Umweltschutz ein im Marktvergleich überdurchschnittliches Wachstum. Unsere Facilities Services sind mit Betriebsstätten in Darmstadt, in Bayern und in Nordrhein-Westfalen mit vertreten, Experten aus den anderen genannten Bereichen sind standortunabhängig in ganz Deutschland unterwegs. Da spielt natürlich das besondere Know-how, das wir für die Chemie- und Pharmaindustrie haben, eine wichtige Rolle. Und im FM-Bereich wissen unsere Kunden zu schätzen, dass wir nicht nur Dienstleister sind, sondern auch selbst Eigentümer und Betreiber von Forschungs- und Laborgebäuden. Diese Erfahrungen, die den gesamten Lifecycle eines Gebäudes umfassen, bringen wir als Dienstleister mit ein. Der Umsatzanteil von Dienstleistungen außerhalb des Chemieparks liegt bei uns bei etwa 15 Prozent.

Heftausgabe: August/2019
Die Fragen stellte Jona Göbelbecker, Redaktion

Über den Autor

Die Fragen stellte Jona Göbelbecker, Redaktion
Loader-Icon