Feuchte Daten(t)räume

CT-Spotlight: Daten werden europäisiert

13.03.2020 Freie Fahrt für freie Daten – diese Vision der EU-Kommission sorgt seit Februar in der Industrie für Gesprächsstoff. Doch es liegt in der Natur einer jeden Cloud, dass sie zunächst einmal nebulös ist. Klar ist dagegen, was das kosten soll.

CT-Spotlight

Bild: Tarik GOK / guukaa – stock.adobe.com

Freier Datenverkehr innerhalb der gesamten Europäischen Union – diesen Traum träumt EU-Kommissar Thierry Breton. Ein europäischer Datenraum soll entstehen. So groß, dass darin sogar eine europäische Cloud Platz hat. Um die Relevanz des Themas zu veranschaulichen, arbeitet die Kommission im entsprechenden „Fact­sheet“ mit einem, nun sagen wir einmal etwas interpretationsbedürftigen Gedankenexperiment: Bis 2025 wird sich das globale Datenvolumen gegenüber 2018 verfünffachen: gespeichert in aufeinander gestapelten 512-GB-Tablets würde das fünf Türme bilden, die bis zur Mondoberfläche reichen würden. Wie wir alle wissen, werden Tablets überwiegend in China und Südkorea gefertigt und nach unserem letzten Wissensstand gehört der Mond noch nicht zur EU – auch wenn einige Mitgliedsstaaten dort am liebsten gewisse andere Mitglieder endlagern würden. Die jüngsten Pläne sehen für den Verbleib europäischer Daten zudem ausschließlich den europäischen Raum vor.

Europäische Cloud als Endlager

Bemühen wir also zunächst einmal keine asiatischen Tablets, sondern eine europäische Cloud als Endlager für europäische Daten. Die bisher über Europa identifizierbaren Clouds entstehen fernab des europäischen Kontinentalsockels in internationalen Gewässern, meist über dem Atlantik, und erdreisten sich nicht nur, ohne Visum in Portugal, Spanien, Frankreich und Irland in die EU einzureisen, sondern den Wirtschaftsraum zudem unbehelligt an den Ostgrenzen von Polen, dem Baltikum und Österreich wieder zu verlassen – sofern sie ihren Inhalt nicht zuvor über europäischem Gebiet ausscheiden.

Ein Heer an digitalen Meteorologen kümmert sich um die europäische Cloud

Künftig soll ein Heer an digitalen Meteorologen dafür sorgen, dass europäische Dataclouds nur aus der Verdunstung europäischer Datalakes und -streams entstehen. Und auch der Zugang zum Datarain soll streng limitiert werden: Lediglich Mitglieder der EU und die europäische Industrie sollen davon profitieren und mit dem kostbaren Datenregen auch nur europäische Nutzpflanzen gedeihen lassen. Wie das konkret geschehen soll, ist derzeit noch vom Nebel verborgen – um es physikalisch auszudrücken: Der feuchte Traum der europäischen Datenstrategie hat bislang leider noch nicht die Kühlgrenztemperatur der Realität überschritten.

Klar berechnet hat die EU Kommission allerdings bereits, was das Ganze kosten soll: „Wir brauchen dafür Gesamtinvestitionen von vier bis sechs Milliarden Euro in gemeinsame europäische Datenräume“, heißt es dazu in den „Factsheets“ der Kommission. Allein die chinesische Hafenstadt Tianjin will 16 Mrd. Dollar in KI investieren. Ein Träumchen …

Heftausgabe: März 2020

Über den Autor

Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK
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