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Digitalisierung der Infrastrukturdaten im Chemiepark

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26.07.2019 Wachsende Dokumentationspflichten machen Chemieunternehmen zu schaffen. Der Chemiepark-Betreiber Infraserv Gendorf arbeitet daher daran, die Infrastrukturdaten komplett und zentral in einem digitalen Geoinformationssystem zu bündeln – und damit in Zukunft auch Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen.

Entscheider-Facts

  • Um Vorschriften wie der Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen nachzukommen, müssen Betreiber alle Daten für eine Vielzahl prüfpflichtiger Objekte dokumentieren.
  • Um die Prozesse zu beschleunigen und verlässlicher zu machen, entwickelt der Chemieparkbetreiber Infraserv Gendorf ein Geoinformationssystem, in dem die Infrastruktur komplett und zentral gebündelt werden soll.
  • So lassen sich bald auch Planungs- und Genehmigungsprozesse oder die Nebenkostenabrechnung beschleunigen.

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Eine Art „Google Maps“ für den Industriepark: Das GIS stellt Infrastrukturdaten zielgruppenspezifisch zur Verfügung. Bilder: Infraserv Gendorf

Große Chemieanlagen wie der Chemiepark Gendorf in Oberbayern wandeln sich ständig: Es wird aus-, neu- und umgebaut. Der Bedarf an aktuellen Infrastrukturdaten ist deshalb groß: Kanalverläufe, Straßen und Schienenwege, Rohrleitungen, Stromtrassen, Vermessungsinformationen, Probenahmestellen, die historische Nutzung der Fläche und Luftbilder: All diese Informationen spielen bei den permanenten Bautätigkeiten eine entscheidende Rolle.

Das Problem ist häufig, dass diese Daten zwar dokumentiert sind. Das aber nicht etwa zentral in einem System, sondern verteilt auf die unterschiedlichsten Quellen: papiergebunden in Aktenordnern, digital in unterschiedlicher Planungssoftware, bei den Unternehmen selbst ebenso wie bei Dienstleistern. Entsprechend zeitaufwendig ist die Planung von Bauprojekten: Bis alle nötigen Informationen allen beteiligten Unternehmen vorliegen, bis alle Verantwortlichen ihre Anmerkungen gemacht und ihre Freigabe erteilt haben, bindet der Prozess Zeit und wertvolle Ressourcen.

Das gehört in Gendorf mittlerweile der Vergangenheit an: Gemeinsam mit externen Partnern hat der Chemiepark-Betreiber ein ganzheitliches Geoinformationssystem (GIS) für den Standort entwickelt. „Man kann sagen: Wir haben den gesamten Chemiepark digital nachgebaut“, erklärt Andreas Damian, Leiter des Standort- und Immobilienmanagements.

Ganzheitliches System für 100.000 prüfpflichtige Objekte

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Das System liefert dem Benutzer auf Knopfdruck Informationen, etwa zu Gebäude, Kanäle, Leitungen oder relevanten Umweltinformationen.

Ziel des GIS-Projektes ist es, die gesamte oberflächengebundene Infrastruktur, die Elektroversorgung, die unterirdische rohrgebundene Infrastruktur und auch alle relevanten Umweltinformationen des Chemieparks zentral zu managen, zu analysieren und zielgruppenorientiert verfügbar zu machen. Außerdem sollen Freigabeprozesse von ehemals bis zu zwei Tagen auf weniger als eine Stunde beschleunigt werden. Erste praktische Erfahrungen mit dem Geoinformationssystem zeigen, dass diese Zeitersparnis realistisch ist und von Kunden und Dienstleistern gleichermaßen angenommen wird.

Den Anstoß zur Entwicklung des Systems gaben nicht nur die ständigen Bautätigkeiten, sondern auch die wachsenden Dokumentationspflichten der Infrastruktur- und Anlagenbetreiber. Gemäß der Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (AwSV) müssen alle AwSV-Anlagenbetreiber sicherstellen, dass keine wassergefährdenden Stoffe in die Umwelt gelangen. Hierzu muss nicht nur der Anlagenaufbau dokumentiert sein, sondern auch die im Betrieb eingesetzten Stoffe sowie die regelmäßigen Prüfungen und Sanierungsmaßnahmen auf Ebene der Einzelobjekte, zum Beispiel einer Auffangwanne.

„Allein in unseren 86 Gebäuden kommen auf diese Weise rund 10.000 prüfpflichtige Objekte zusammen: Jede Klimaanlage, jede Brandschutztür, Lüftung, jeder Brandmelder etc. muss regelmäßig geprüft, gewartet und gegebenenfalls entstört werden,“ erklärt Andreas Damian. Die Techniker müssen regelmäßig vor Ort sein und genau wissen, wo sich das Objekt befindet, ohne lange Suche. Wenn man die übrigen Gebäude sowie die übrige Infrastruktur im Chemiepark dazu nimmt, zum Beispiel das Kanalnetz, steigt die Zahl sogar auf 100.000 prüfpflichtige Objekte. Ohne intelligente EDV-Unterstützung ist die Flut an Anforderungen hier kaum noch zu bewältigen.

Alle Prüfvorschriften und Protokolle sofort per Mausklick

Im GIS des Chemieparks wird deshalb jedem Objekt im Kanalnetz jene Prüfvorschrift zugeordnet, der sie unterliegt – inklusive der Fristen und Prüfarten. Das System berechnet dann auf Basis der Prüfvorschrift und des Datums der letzten Prüfung automatisch den nächsten Prüftermin. Daraus lassen sich praktisch per Knopfdruck Aufgabenlisten erstellen, die in einem bestimmten Zeitraum abzuarbeiten sind. Auch die Datenpflege ist viel einfacher: Wenn sich beispielsweise eine der Vorschriften ändert, muss lediglich ein einziger Datensatz geändert werden. Das wird dann automatisch bei jedem betroffenen Prüfobjekt nachvollzogen. Die mühsame Suche nach Dokumenten bei Audits entfällt damit.

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Bauanträge und Freigaben lassen sich schnell und transparent in einem Workflow integrieren und digital nachvollziehbar gestalten.

Um das zu illustrieren, öffnet Standortmanager Damian das Geoinformationssystem und klickt sich durch den Plan des Chemieparks. Er zoomt auf eine Anlage, schaut sich dort den Grundriss an, zoomt weiter hinein auf eine Auffangwanne. Per Klick öffnet sich ein Fenster. „Hier ist die gesamte Maßnahmenhistorie dieser Wanne dokumentiert – alle Prüfungen, Prüfprotokolle und alle Sanierungen sind auf einen Blick verfügbar.“ Nicht nur der Zeitaufwand für die Dokumentation sinkt mit dem GIS. Es macht die Prozesse auch wesentlich verlässlicher und weniger fehleranfällig.
Ohne GIS gleicht die Suche nach möglicherweise verpassten Fristen der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Mit dem GIS lassen sich die Daten schnell und einfach validieren. Wenn zum Beispiel bei einem Kanalobjekt versehentlich keine Prüfvorschrift hinterlegt ist oder die Prüffrist überschritten wurde, dann geht das mit einem automatisierten Kontrolllauf. Diese ganzen Prüf- und Wartungsprozesse zu überwachen, ist mit einem regelbasierten Datenbanksystem wesentlich einfacher möglich als mit einem dateibasierten Ablagesystem aus zehntausenden Dokumenten. „Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Bei der zunehmenden Regelungs­tiefe und Komplexität ist es anders fast gar nicht mehr möglich, die gesetzlichen Dokumentationsvorgaben schnell und effizient einzuhalten – zumindest nicht in größeren Chemieanlagen“, meint Damian.

Vom Genehmigungsmanagement bis zur Nebenkostenabrechnung

Die für Gendorf entwickelte GIS-Lösung ist bereits seit Ende 2018 im operativen Einsatz. Auf der ESRI-Basistechnologie Arc-GIS entwickelt der Chemieparkbetreiber in Zusammenarbeit mit dem Dienstleister Geocom Informatik die Fachlösung stetig weiter. Ziel ist es, die Einsatzgebiete Schritt für Schritt zu erweitern. Derzeit im Fokus: das Genehmigungsmanagement.

Auf einer abstrakten Ebene unterscheiden sich die Anforderungen an das GIS aus der AwSV nicht wesentlich von denen des Genehmigungsmanagements. Jedes Bauwerk und jede Anlage hat eine Historie an Genehmigungsvorgängen aufzuweisen. Mit jedem Genehmigungsbescheid können spezielle Auflagen verbunden sein, deren Erfüllung der Betreiber dokumentieren muss. Daher prüft das Team derzeit in einer nächsten Ausbaustufe des Geoinformationssystems, wie sich die Genehmigungsdatenbank des Genehmigungsmanagements im GIS abbilden lässt. Ein Betreiber im Chemiepark hätte dadurch in Zukunft die Möglichkeit, per Mausklick die gesamte Genehmigungshistorie eines Objekts nachzuverfolgen, inklusive aller damit verbundenen Auflagen und des Erfüllungsstands.

In Zukunft könnten noch viele weitere standortbezogene Daten und Prozesse in das GIS integriert werden – zum Beispiel technische Gebäudeausstattung, Mietverwaltung oder Abrechnung der Betriebs- und Nebenkosten. „Das Schöne ist: Egal ob wir das System unseren eigenen Mitarbeitern vorstellen oder unseren Kunden im Chemiepark – die Begeisterung ist aufgrund der einfachen und intuitiven Bedienung jedes Mal groß“, erläutert Standortmanager Damian. Deshalb ist er sich sicher, dass sowohl die Zahl der Anwendungen als auch der Anwender und Anwenderinnen weiter wachsen wird. Das GIS entwickelt sich so immer mehr zu einer Art allumfassendem „digitalen Zwilling“ des Chemieparks.

Heftausgabe: August/2019
Tilo Rosenberger-Süß ist Leiter Unternehmenskommunikation bei Infraserv Gendorf

Über den Autor

Tilo Rosenberger-Süß ist Leiter Unternehmenskommunikation bei Infraserv Gendorf
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