„Prozesskette verlängern“

Interview mit Dr. Reinhold Festge, Geschäftsführender Gesellschafter von Haver & Boecker

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16.11.2012 Wie der mittelständische Maschinenbauer Haver & Boecker sein globales Projektgeschäft ausweitet   Das in diesem Jahr 125 Jahre alt gewordene Unternehmen Haver & Boecker hat den Sprung vom lokalen Anbieter von Verpackungsmaschinen hin zum global tätigen Projektpartner geschafft. Im Gespräch mit der Redaktion erläutert der geschäftsführende Gesellschafter Dr. Reinhold Festge die Strategie und aktuelle Trends.

CT: Haver & Boecker bietet in einzelnen Geschäftsbereichen inzwischen die Abwicklung kompletter Anlagenprojekte an. Wird aus dem Maschinenbau-Unternehmen nach und nach ein EPC-Anbieter?
Festge: EPC bieten wir derzeit nur in der Zementindustrie an. Im Kunststoff-Anlagenbau wird die Polymer-Alliance mit Zeppelin und JSW unverändert fortbestehen. Dort macht eher Zeppelin den EPC-Kontrakt und wir sind der Unterlieferant. Neu ist, dass wir im Zementbereich weltweit EPC-Verantwortung übernehmen. Wir rechnen allerdings damit, dass die Anzahl der Projekte nicht weiter steigen wird. Deshalb müssen wir entlang der Prozesskette wachsen: vom Siloeinlauf bis auf das Schiff und den LKW.

CT: Durch Übernahmen und Kooperationen findet bei den Verpackungsmaschinenherstellern derzeit ein Konzentrationsprozess entlang der Logistikkette statt …

Festge: Ja, das ist auch die Aufgabe des Mittelstandes, so etwas zu tun, um überhaupt nach draußen gehen zu können. Der kleine Mittelständler ist mit der Globalisierung überfordert. Das geht nur in der Kooperation.

CT: Reichen dazu Kooperationen oder läuft das zwangsläufig auf Übernahmen hinaus?
Festge: Es gibt Kooperationen, die über viele Jahrzehnte bestehen. Wir machen als Familienunternehmen einen Fehler, wenn wir meinen, alles selbst können zu müssen. Die erste Priorität eines Familienunternehmens ist nicht den Gewinn zu maximieren, sondern die Beschäftigung zu sichern. Konzerne sind dagegen auf Shareholder Value ausgerichtet. Deshalb können Familienunternehmen viel eher langfristige Kooperationen eingehen. Darin sehe ich eine Chance.

CT: Welche Entwicklungen und Trends sehen Sie für die Chemie?
Festge: Die Geschäftseinheit Chemie hat deutlich aufgeholt und steht inzwischen als gleichwertiger Partner in der Spitzengruppe unserer Aktivitäten neben dem Zementmarkt. Meiner Meinung nach haben wir im Form-Fill-Seal-Bereich die besten Maschinen im Markt. Und wir haben mit der Adams-Technologie ein neues Füllprinzip installiert, das jetzt stark wächst. Dazu kommt das neue FFS-System für gewebte PP-Säcke, das wir mit Starlinger und Dow gemeinsam entwickelt haben. Das ist insbesondere für die Schwellenländer ein interessantes System, da die Säcke und die Sacknähte sehr robust sind. Ich erwarte für 2013 den Durchbruch für gewebte FFS-Säcke.

CT: Die Anlagenbauer aus Fernost machen derzeit im globalen Projektgeschäft stark Druck. Wie können Mittelständler aus Deutschland da mithalten?
Festge: Wir versuchen vor Ort zu sein. Allerdings sind wir keine „Ja-Sager“: Wenn wir nicht mithalten können, gehen wir aus den Angeboten raus. Wir stellen aber fest, dass Kunden, die in den vergangenen Jahren auf chinesische und indische Technik gesetzt haben, jetzt wieder zurückkommen und zumindest Kernkomponenten aus Deutschland haben wollen. Wir produzieren weltweit mit deutscher Qualität. Das ist zwar teurer, aber unsere Effizienz ist auch sehr viel höher. Auch in China sehen wir inzwischen ein deutliches Wachstum mit unseren Integra-Maschinen. Deshalb sehe ich die Wettbewerber aus Asien gelassen.

CT: Welches ist die herausragende Eigenschaft eines Unternehmens, das 125 Jahre alt ist?
Festge: Die Solidität und Erfahrung im Produkt und in den Märkten. Wir investieren viel in Forschung und Entwicklung und arbeiten nicht mehr nach dem Trial & Error-Prinzip. Wir bereiten die Umsetzung der Ideen heute viel besser vor. Das kann sich ein jüngeres Unternehmen oft nicht erlauben, weil dieses oft kurzfristig die vielfältigen Wünsche seiner Kunden realisieren muss. Wir können dagegen erst entwickeln und dann – natürlich nach erfolgreichen Tests – damit zum Kunden zu gehen. Und natürlich spielt auch die Größe eine Rolle. Wir haben inzwischen über 2.500 Mitarbeiter, Tendenz steigend. Natürlich schafft das auch eine große Verantwortung.

CT: Wo sehen Sie Haver & Boecker in 20 Jahren?
Festge: Hier wage ich nur vorsichtige Vorhersagen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nach wie vor als Familienunternehmen agieren werden. Außerdem bin ich mir sicher, dass mehr als die Hälfte unserer Mitarbeiter im Ausland beschäftigt sein wird. Mehr als die Hälfte unseres heutigen Umsatzes machen wir heute schon im Ausland. Und: Services werden einen sehr viel größeren Anteil an unserer täglichen Arbeit haben, als Ingenieurleistungen. Bei der Produktion wird es Effizienzsteigerungen geben. Die Kundenwirkung der Maschinenqualität wird abnehmen. Sie wird vorausgesetzt. Die Consultingaufgabe eines normalen Maschinenbauers wird zunehmen. Ich sehe uns auf jeden Fall wachsen und gedeihen.[AS]

Heftausgabe: November 2012

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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