Ein bisschen Deutsch muss sein

Chem-China übernimmt Krauss Maffei

09.02.2016 Weg vom Billig-Exporteur, hin zum Qualitäts-Produzenten für die eigene Bevölkerung – so sieht in aller Kürze die aktuelle Strategie der chinesischen Regierung aus. Dass dies nicht ganz ohne Schluckauf funktioniert, davon konnte sich überzeugen, wer in den vergangenen Wochen und Monaten die Wirtschaftsmeldungen aus China verfolgte: Nach unten verbesserte Wachstumsprognosen und Einbrüche von Börsenkursen in einem Ausmaß, dass China gleich mehrfach den Handel aussetzte um Schlimmeres zu verhindern. Doch davon lässt sich der Rote Riese nicht irritieren, und so verlautbarte die Wirtschaftspresse am 11. Januar dieses Jahres die Übernahme von Krauss Maffei durch den chinesischen Staatskonzern Chem-China.

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Der zahlt dem bisherigen Besitzer Onex, ein kanadisches Beteiligungsunternehmen, 925 Mio. Euro – die bisher teuerste Übernahme eines deutschen durch einchinesisches Unternehmens der Wirtschaftsgeschichte.

Neuer Besitzer, alles beim alten

In einer noch am selben Tag kurzfristig einberufene Telefon-Pressekonferenz gab Dr. Frank Stieler, CEO der Krauss Maffei Gruppe, über die Transaktion und darüber Auskunft, was sich beide Seiten konkret von der Übernahme versprechen. Wichtig war ihm dabei vor allem eine Aussage: „Krauss Maffei bleibt ein deutsches Unternehmen.“ Soll heißen, die operative Verantwortung bleibt, wo sie ist: in Deutschland. Weder würde das Unternehmen künftig fremdbestimmt, noch gäbe es personelle Änderungen innerhalb der Führung der Unternehmensgruppe. Auch die Standorte blieben vom Besitzerwechsel unberührt. Einzig strategische Entscheidung seien künftig mit Fernost abzustimmen. Diese Entscheidung rührt daher, dass sich der Chemiekonzern mit dem Aufkauf nicht nur Marktanteile sichern möchte, sondern vor allem von der deutschen Unternehmenskultur lernen will, erklärt Jianxin Ren, Chairman von Chem-China: „Wir schätzen die große Management- und Technologiekompetenz des Unternehmens sehr und glauben, dass wir diese auch für einige unserer Tochterunternehmen in China einsetzen können.“ Das Interesse an diesen deutschen Tugenden rührt vom von der chinesischen Regierung ins Leben gerufene Programm „Made in China 2025″, das die Basis zur Weiterentwicklung der chinesischen Industrie sein soll und dessen drei Pfeiler Qualität, Effizienz und Ökologie lauten. Davon können natürlich auch deutsche Unternehmen profitieren, die bereits heute dort stehen, wo chinesische Hersteller binnen der kommenden zehn Jahre sein wollen. „Mit der Übernahme erhalten wir zum perfekten Zeitpunkt Zugang zu einem Markt, der gerade sucht, was wir als unsere Kompetenz erachten“, kommentiert Stieler.

Der große Bruder aus China
Wer die Übernahmemeldungen der vergangenen Monate und Jahre betrachtet erkennt, dass es den chinesischen Unternehmen ernst ist mit dieser Strategie: 2012 übernahm der Sanys-Konzern den Betonpumpen-Hersteller Putzmeister, 2013 kaufte die Eastern Sea International Holding Group den Maschinenbauer Gölz und 2014 wurde Autozulieferer Boge Elastmetall Teil des CSR-Konzerns – um nur drei Beispiele zu nennen. Stets ging es dabei nicht darum, einen im Markt etablierten Namen zu kaufen und die Produktion nach China zu verlagern, sondern darum Wissenstransfer zu betreiben, Synergie-Effekte zu nutzen und die Unternehmen darüber hinaus eigenständig wirtschaften zu lassen – und dabei von den erleichterte Marktzugänge zu profitieren, in China wie auch Europa. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC, die das Management deutscher Unternehmen befragte, an denen sich ein chinesischer Investor mit mindestens 50 % beteiligt hat: „Die Zukunftsaussichten der deutschen Unternehmen verbessern sich nach der Übernahme durch einen chinesischen Investor in der Regel. In Deutschland können dadurch sogar neue Arbeitsplätze entstehen“, erklärt Jens-Peter Otto, Leiter der China Business Group von PWC Deutschland.

Wachstum und Entwicklungen
Krauss Maffei will seine Expansionsziele in China nun „deutlich beschleunigen“ und auch personell wachsen. Für konkrete Zahlen sei es laut Stieler allerdings noch zu früh. Im Bezug auf das eigene Produktportfolio hege das Unternehmen derzeit keine Anpassungen bezüglich spezieller Low-budget-Produkte für den chinesischen Markt, schließlich sei es ja die deutsche Qualität, die China wolle. Als wahrscheinlich sieht er hingegen, künftig gemeinsam mit Chem-China an Produkten für die Automobilindustrie zu arbeiten. Chem-China-Chairman Ren dazu. „Die fortschreitende Automatisierung in der Automobil-Produktion und der Trend zu Leichtbau-Materialien werden sich positiv auf das Premium-Segment im Bereich der Spritzgießtechnik auswirken. Zusammen sind wir sehr gut aufgestellt, um künftig zu wachsen“. So oder so, einen Gewinner hat die Übernahme von Krauss Maffei in jedem Fall schon jetzt hervorgebracht: Vorbesitzer Onex hatte den Maschinenbauer im Jahr 2012 für 568 Mio. Euro übernommen und konnte die Gruppe nun zum nahezu doppelten Preis wieder verkaufen.

Die Unternehmen

Der Deutsche
Die Krauss Maffei Gruppe zählt zu den weltweit führenden Herstellern von Maschinen und Anlagen zur Produktion und Verarbeitung von Kunststoff und Gummi. Das Unternehmen entwickelt und produziert Produkte in über zehn Produktionswerken und vertreibt diese unter den Produktmarken Krauss Maffei, Krauss Maffei Berstorff und Netstal.

Der Chinese
Der Staatskonzern ist das laut eigenen Angaben größte Chemieunternehmen der Volksrepublik China und belegt im internationalen Vergleich den 9. Platz innerhalb seiner Branche. Bisher ist das Unternehmen vor allem im Bereich der Agrochemie tätig, verfügt aber auch über die Geschäftsbereiche Elastomere, Spezialchemie sowie Petrochemie.

Hier gelangen Sie zur Krauss Maffei Gruppe.

Und hier zum neuen Besitzer der Gruppe, Chem-China.

Auf unserem Portal finden Sie Berichte über weitere Übernahmen.

Heftausgabe: Januar/Februar 2016

Über den Autor

Philip Bittermann, Redaktion
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