Wer steuert wen?

CT-Spotlight – Künstliche Intelligenz

01.12.2017 Maschinen, Roboter und künstliche Intelligenzen, die sich gegen die Menschheit auflehnen und ihre Schöpfer wahlweise versklaven oder gleich ganz ausrotten wollen – die Science-Fiction-­Literatur ist voll von solchen mahnenden Beispielen. Auch im tatsächlichen Leben werden Stimmen immer lauter, die Regeln für den Umgang mit der KI fordern.

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Bild: johndwilliams – Fotolia

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Gedanken über vorbeugende Gegenmaßnahmen gibt es schon seit über 60 Jahren: Science-Fiction-Autor Isaac Asimov hat bereits 1942 seine „Robotergesetze“ festgelegt. Sie besagen – in dieser Reihenfolge – dass ein Roboter keinem Menschen Schaden zufügen darf, den Befehlen eines Menschen gehorchen muss, und außerdem auf seine eigene Sicherheit achten muss.

In Kraft getreten sind diese Gesetze jedoch bislang offensichtlich nicht. Denn betrachtet man einige Regeln genauer, tun sich heute schon Widersprüche auf. Oft ist es doch so, dass der Mensch der Maschine gehorcht, nicht umgekehrt. Bei vorausschauender Wartung beispielsweise fordert der Roboter Aufmerksamkeit und Behandlung ein, noch bevor es ihm schlecht geht. Dann sagt die KI dem Menschen leicht verdaulich und Schritt für Schritt, was er zu tun hat. Skeptiker halten das vielleicht für einen Einzelfall. Aber was tun Sie in der Regel, wenn ihr Navi anordnet: „In 300 m links abbiegen“? Die künstlichen Intelligenzen steuern unsere Autos schon längst, wir sind nur noch ausführende Organe. Der Mensch sitzt nur noch am Steuer, weil er im Ernstfall die Verantwortung übernehmen muss – oder die Verantwortung nicht abgeben will.

Risikofaktor Mensch

Apropos Organe: Die könnten übrigens durch selbstfahrende Autos knapp werden. Da es weniger Unfallopfer zu beklagen gibt, befürchten einige Mediziner bereits eine Verknappung von Spendernieren und -herzen und -lebern. Ohnehin scheint sich abzuzeichnen, dass der eigentliche Risikofaktor nicht die Maschinen sind, sondern ihre Bediener. Dank künstlicher Intelligenz können Maschinen nämlich mittlerweile alles besser. Schach ist schon lange kein Problem mehr, beim noch komplexeren Spiel Go hat jüngst der menschliche Champion gegen eine KI verloren, und in den verstrickten sozialen Netzen fühlen sich unzählige Bots heimisch. Beim Autofahren optimiert die KI die Route nach Verkehrslage und Sicherheit in Echtzeit, und automatisierte Drohnenpiloten fliegen ausdauernder und konzentrierter als ihre Kollegen aus Fleisch und Blut.

Lange gab es zumindest die Beruhigung: Wir Menschen sind die besseren Lehrer, von irgendwem müssen die Maschinen ihr Können übernehmen. Aber dieser Grundsatz gerät ins Wanken, denn einen menschlichen Lehrmeister hat die emanzipierte KI von heute nicht mehr nötig. Das Programm Alpha Go Zero beweist, dass ein grundlegendes Regelwerk völlig ausreicht, um sich überragende Fähigkeiten selbst anzutrainieren. Wir sollten uns darauf vorbereiten, dass die künstlichen Intelligenzen bald auch ihre eigenen Gesetze schreiben. Oder unsere.

CT-Artikel „Künstliche Intelligenz in der Chemie“.

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Heftausgabe: Dezember 2017

Über den Autor

Ansgar Kretschmer, Redaktion
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