„Standorte stehen vor vielfältigen Herausforderungen“

Interview mit Jürgen Vormann, FV Chemieparks im VCI

11.03.2016 Im November hat Jürgen Vormann, Geschäftsführer von Infraserv Höchst, den Vorsitz der Fachvereinigung Chemieparks im Chemieverband VCI übernommen. Im CT-Gespräch erläutert Vormann, warum die chemische Industrie in Deutschland auf effiziente und wettbewerbsfähige Standorte mit spezialisierter Infrastruktur angewiesen ist und wo derzeit die Herausforderungen für Chemieparks in Deutschland und Europa liegen.

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Jürgen Vormann, Vorsitzender der Fachvereinigung Chemieparks im Verband der Chemischen Industrie, „Fehlende Planungssicherheit ist ein großes Problem. Wenn Chemieunternehmen und Standortbetreiber heute in Anlagen investieren, dann wird in Zeiträumen von D

CT: Welches sind derzeit die drängendsten Themenfelder für Chemiepark-Betreiber?
Vormann: Nach wie vor beschäftigen sich Chemiepark-Betreiber in Deutschland vor allem mit den Auswirkungen der Energiewende und den damit verbundenen Kostenbelastungen. Das betrifft insbesondere  das Thema Kraft-Wärme-Kopplung und noch viel mehr das Thema der EEG-freien Nutzung des selbst erzeugten Stromes. Der wirtschaftliche Betrieb hocheffizienter und umweltfreundlicher KWK-Anlagen ist aufgrund der Auswirkungen der Energiewende sehr schwierig geworden. Während mit dem neuen KWK-Gesetz, das zum 1. Januar 2016 in Kraft getreten ist, die Kraft-Wärme-Kopplung im Bereich der öffentlichen Versorgung über eine Förderung unterstützt wird, ist dies für die Kraft-Wärme-Kopplung im industriellen Bereich nicht der Fall. Dabei könnte über industrielle KWK-Anlagen ein deutlicher Beitrag zum Umweltschutz und zur Energiewende geleistet werden, zum Beispiel über die Erbringung von Netzdienstleistungen. Die Konsequenz dieser nicht nachvollziehbaren Diskriminierung der industriellen Kraft-Wärme-Kopplung ist, dass industrielle KWK-Anlagen nur mit deutlichen Einschränkungen betrieben werden können oder KWK-Anlagen sogar stillgelegt werden müssen, weil beispielsweise höhere Instandhaltungsmaßnahmen oder Nachrüstungen nicht mehr wirtschaftlich sind. Der fehlende KWK-Strom muss dann anderweitig produziert werden, beispielsweise in Kohlekraftwerken mit einem deutlich geringeren Brennstoffnutzungsgrad und mit deutlich höheren CO2-Emissionen. Auf diese Weise wird die eigentliche Zielsetzung der Energiewende konterkariert.

CT: …und zusätzlich will die EU-Kommission, dass Standorte für selbstgenutzten KWK-Strom die EEG-Umlage zahlen.
Vormann: In den letzten Jahren haben die Betreiber von Chemiestandorten sehr hohe Investitionen getätigt, um das Kraft-Wärme-Kopplungspotenzial ihrer Standorte optimal auszunutzen. Der Ausbau war zu diesem Zeitpunkt der klare politische Wille in Deutschland. Grundlage der Wirtschaftlichkeit dieser Anlagen war sowohl die KWK-Förderung, die jedoch zeitlich beschränkt ist, als auch die EEG-freie Nutzung des selbst erzeugten Stromes. Nun wird die EEG-freie Nutzung des selbst erzeugten Stromes durch die EU-Kommission in Frage gestellt. Man muss jedoch feststellen: Es ist nicht die EU-Kommission, die Treiber dieser Entwicklung ist, sondern die deutsche Gesetzgebung, die die Grundlage der Entstehung der EEG-Umlage im Jahr 2014 grundlegend geändert hat und der EU-Kommission gar keine andere Wahl ließ, als sich diesem Thema anzunehmen. Wenn der deutsche Gesetzgeber bei einer Novellierung des EEG die Grundlage der Entstehung der EEG-Umlage wieder auf den Stand von 2012 zurücknehmen würde, gäbe es für die EU-Kommission keinen Grund mehr die EEG-freie Nutzung des selbst erzeugten Stromes in Frage zu stellen. Ich bin gespannt, wie die deutsche Politik dieses Thema angeht. Wenn der selbst erzeugte Strom nicht mehr von der EEG-Umlage befreit wird, hat dies erhebliche negative Auswirkungen sowohl für  die produzierenden Unternehmen als auch für die Betreiber von Chemieparks. Die Folgen können bis hin zu Stilllegung von Produktionsanlagen reichen, verbunden mit einem entsprechenden Abbau von Arbeitsplätzen sowohl bei den produzierenden Unternehmen als auch bei den Betreibern der Chemiestandorte.

CT: Niedrige Energiepreise in den USA wurden noch vor anderthalb Jahren als Nachteile für die europäischen Standorte gesehen. Hat sich das mit dem Ölpreisverfall wieder geändert?
Vormann: Nein, ich sehe hier nach wie vor deutliche Nachteile für Chemiestandorte in Deutschland beziehungsweise in Europa. Die Zurückhaltung bei den Investitionen der produzierenden Chemieunternehmen ist nach wie vor deutlich spürbar.  Ein großes Problem ist die fehlende Planungssicherheit. Wenn Chemieunternehmen und Standortbetreiber heute in Anlagen investieren, dann wird in Zeiträumen von Dekaden gedacht. Die Halbwertszeit politischer Weichenstellungen orientiert sich hingegen bestenfalls an Legislaturperioden. Das ist ein Problem, wenn es um Investitionen geht.  Ich rechne in den nächsten Jahren für Deutschland eher mit einem stagnierenden bis leicht rückläufigen Investitionsniveau.

Heftausgabe: März 2016
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Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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