Chemiepark in der Zange

Interview mit Peter Bartholomäus und Michael Behling

07.08.2013 Die Unsicherheiten bei der Energiepolitik setzen auch dem Industrieparkbetreiber des Industrieparks Kalle-Albert in Wiesbaden zu. Mit dem Zukunftsprojekt Infraserv Wiesbaden 2020 steuert der Standortdienstleister gegen. Im CT-Gespräch erläutern Peter Bartholomäus und Michael Behling die Strategie.  

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CT: Wie bewerten Sie die Nachteile, die deutschen Chemieparkbetreibern derzeit durch Unsicherheit in der Energiepolitik und die hohen Energiepreise entstehen?
Bartholomäus: Innerhalb Deutschland gelten die Nachteile für alle gleich. Aber viele unserer Firmen am Standort gehören heute internationalen Kapitalgebern. Und die sagen uns, in der derzeitigen energiepolitischen Unsicherheit investieren wir nicht in Deutschland. Diese Unternehmen warten ab.

CT: Sie sehen also als Hauptgrund für die Investitionszurückhaltung die politische Unsicherheit?
Bartholomäus: Absolut. Das Schlimmste sind nicht die steigenden Kosten, sondern die Planungsunsicherheit, mit der kein Unternehmen gut umgehen kann.

CT: Die deutsche Chemie realisiert derzeit einige Großprojekte – würden die so nicht mehr entschieden werden?
Bartholomäus: Das kann ich nicht sagen. Manche der Großprojekte bauen darauf, dass sie vom EEG befreit bleiben, wobei keiner weiß, ob das nach der Wahl im Herbst noch gilt. Das Dilemma zwischen Haushaltsstrom und Industriestrom bleibt: Wenn sich immer mehr Unternehmen vom EEG befreien lassen, dann müssen alle anderen mehr bezahlen und wenn die Befreiung fällt, stehen mittel- und langfristig bei uns viele Arbeitsplätze auf dem Spiel. Bei uns am Standort sind nur zwei von 74 Unternehmen befreit. Und was machen wir mit denen, die nicht befreit sind?

CT:  Wie groß die Bedrohung ist, hängt ja davon ab, wie energieintensiv ein Unternehmen produziert. Wie stellt sich die Situation für den Industriepark Kalle-Albert?
Bartholomäus: Der Industriepark hat einen jährlichen Strombedarf von rund 430 GWh. Wenn die EEG-Umlage im kommenden Jahr also um nur 1 ct/kWh steigt, können unsere Stromkosten um weitere 4 Mio. Euro steigen, die wir zum größten Teil direkt an unsere Kunden im Park weiterleiten müssen, da derzeit nur zwei Unternehmen am Standort von der EEG-Umlage befreit sind. Das Unternehmen Mitsubishi z. B. scheitert in diesem Jahr nur ganz knapp an der Grenze von 14 % Energiekostenanteil an der Bruttowertschöpfung und ist deshalb gerade nicht mehr befreit. Bei fast 80 GWh Stromverbrauch und einer aktuellen EEG-Umlage von 5,3 ct/kWh kostet das dem Unternehmen in diesem Jahr 4 Mio. Euro direkt vom Ergebnis. Und im nächsten Jahr könnten es bei weiter steigender EEG-Umlage leicht 5 Mio. Euro oder mehr werden.
Hier produzieren energieintensive Unternehmen, und die kämpfen innerhalb ihrer Konzerne um Investitionsmittel. Diese können aber auch in Japan oder den USA erweitern oder in Frankreich bauen. Das ist ein Grund warum unsere hiesigen Firmen im Moment nicht die Investitionsmittel bekommen – Projekte mit undefinierbaren künftigen Energiekosten sind nicht kalkulierbar und werden deshalb verständlicherweise von den Konzernzentralen auch nicht genehmigt…

CT: Wie wirkt sich das konkret auf Investitionen im Industriepark aus?
Bartholomäus: Wir sind in der Zange: In Osteuropa gibt es immer noch ein niedriges Lohnniveau, das Druck auf unsere Unternehmen hier ausübt, und im Westen sind die Energien durch Shale Gas und Tight Oil deutlich billiger geworden. Die Firma Kalle verlagert beispielsweise den lohnintensiven Anteil der Fertigung nach Tschechien und für den energieintensiven Teil – der Viskosefaserproduktion – hat man bereits ein neues Werk in den USA in Betrieb genommen.

CT: Sind das Projekte, für die Sie die Hoffnung hatten, dass diese hierher an den Standort kommen?
Bartholomäus: Absolut. Wenn nicht mehr in die Anlagen hier investiert wird, dann findet eine schleichende Überalterung der Betriebe statt. Anderswo werden dann Kapazitäten aufgebaut, die moderner und leistungsfähiger sind. Und wenn irgendwann Überkapazitäten vorhanden sind, dann liegt natürlich nahe, wo abgebaut und zugemacht wird. Wir verlieren mit jeder Investition, die unsere Ansiedler anderswo tätigen, nach und nach an Wettbewerbsfähigkeit – ein wie gesagt schleichender Prozess, der anfangs kaum auffällt und sich später dann kaum noch aufhalten lässt.
Behling: Ein anderes Beispiel ist unser größter Ansiedler SE Tylose, dieser baut derzeit eine neue Anlage für Bauanstrichmittel in den USA. Der Projektleiter kommt von hier: Hier sind die Köpfe, aber gebaut wird in den USA.
Bartholomäus: Jetzt könnte man sagen, das ist für den Zusatzbedarf im US-Markt. Aber ich warne davor, sich das selbst schönzureden. Fakt ist, dass SE Tylose einen Teil seiner Produkte hier in Wiesbaden auch für den amerikanischen Markt produziert. Ob das noch so sein wird, wenn die Anlage in den USA einmal läuft?
Behling: Mitsubishi schiebt hier am Standort die Investition in eine neue Folienanlage vor sich her. Die Entscheidung ist seit Jahren im Vorstand mehr oder weniger durch, aber dann immer an der letzten Hürde hängengeblieben. Normalerweise wäre der Standort Wiesbaden jetzt dran. Aber warum sollen sie bei den Energiekosten hier investieren?

CT: Was können Sie als Chemieparkbetreiber tun?
Bartholomäus: Wir gehen über die Dörfer, in den Landtag, zu den Parteien und versuchen dafür zu sensibilisieren, dass die geltenden Regelungen für die Befreiung energieintensiver Betriebe von der EEG-Umlage nicht auch noch infrage gestellt werden und dass es zukünftig einen gleitenden Einstieg in die Befreiung gibt, ohne die harte Grenze von 14 % der Bruttowertschöpfungskosten. Ein weiterer Aspekt ist die Eigenstromerzeugung. Wenn die Umlagebefreiung für die Eigenstromerzeugung nach der Wahl wegfallen sollte, dann entstehen uns von einem auf den anderen Tag 4 Mio. Euro zusätzliche Kosten für die Erzeugung von Druckluft, Kälte und anderen Energien. Das müssen wir dann ebenfalls an die Standortteilnehmer weiterverrechnen, so dass deren internationale Wettbewerbsfähigkeit noch weiter leidet. Wir werben dafür, dass das verstanden wird. Das ist im Moment die wichtigste Aufgabe. Außerdem haben wir das Zukunftsprojekt Infraserv Wiesbaden 2020 angeschoben. Wichtigster Baustein darin ist eine signifikante Reduzierung der Energiekosten.

CT: Was sind die Inhalte des Zukunftsprojekts?
Bartholomäus: Das hat im Energiebereich drei Komponenten. Erstens: die effiziente, verlustarme Energieerzeugung und -verteilung. Zweitens: Energieeffizienzmaßnahmen beim Kunden und drittens die Beratung für Förderoptionen, die die Politik bietet, um die Energiekosten zu senken.

CT: Die Politik könnte ja sagen: Dann haben wir alles richtig gemacht, wenn immer enger gezogene Schrauben die Kreativität fördern.
Behling: Als Hamster im Laufrad auf der gleichen Stelle zu bleiben, könnte man ja vielleicht noch akzeptieren. Aber wir machen Rückschritte. Wir tragen die Energiewende voll mit, aber die Politik muss sich damit auseinandersetzen, dass die Prämissen für die Energiewende – knapper und teurer werdende fossile Energie – so nicht eingetreten sind.

CT: Wie hat sich die Situation für Betreiber von GuD-Kraftwerken verändert? Stimmen die Kalkulationen für die jüngsten Kraftwerksprojekte in Chemieparks überhaupt noch?
Behling: Einige Investitionen würden aus heutiger Sicht so nicht mehr getätigt werden. Der Betrieb und die Auslastung der eigenen Kraftwerke richtet sich heute bereits teilweise nach den Einkaufspreisen am Leipziger Strommarkt. Bei einem Gaspreis von 30 Euro pro MWh und einem Börsen-Strompreis von 38 Euro pro MWh oder weniger kann man nicht einmal ansatzweise die Kosten wieder einspielen.

CT: Infraserv Wiesbaden will sich so schlank wie möglich aufstellen. Was genau meinen Sie damit?
Behling: Vom Übergabepunkt bis zur Maschine gibt es immer noch Verbesserungspotenzial. Das wollen wir nutzen.
Bartholomäus: Wir haben die operative Führung zusammengefasst. Eine schlanke Organisation und schlanke Strukturen entlang der Prozesskette helfen, unsere Fixkosten zu optimieren, auch das können wir für unsere Kunden tun. Darüber hinaus suchen wir permanent neue Möglichkeiten, unser Geschäft hier im Industriepark und vor der Haustür weiter zu entwickeln. Wir können z. B. Leistungen, die wir bisher nach draußen gegeben haben, wieder zurückholen und versuchen dadurch unsere Ressourcen effizienter zu nutzen.
 
CT: Welche Leistungen wollen Sie wieder zurückholen?
Bartholomäus: Das fängt mit Beratungsleistungen an und betrifft hier insbesondere den IT-Support, wo wir mit einer Tochtergesellschaft erfolgreich ein eigenes Systemhaus betreiben, des Weiteren Prozessoptimierungen im Bereich der Abwasserreinigung etc.
Behling: Auch Wartungsarbeiten, die teilweise fremdvergeben sind, holen wir zurück. Wir haben dafür das Know-how und die Kapazitäten. Wir geben gezielt Leistungen mit niedriger Wertschöpfung raus und stärken die höherwertigen.

CT: Wie ist Ihr Projekt Infraserv Wiesbaden 2020 organisiert?
Bartholomäus: Sie müssen sich das vorstellen wie ein Spinnennetz, das sich über das ganze Unternehmen ausbreitet. Jeder schaut in seiner Abteilung, ob und was er oder sie zusätzlich machen und anbieten kann. Der medizinische Dienst geht beispielswiese auch zu den Unternehmen in der Umgebung, Ähnliches machen die Abteilungen Arbeitssicherheit und Immissionsschutz. Diese Aktivitäten verstärken wir.
Behling: Außerdem bieten wir unseren Kunden Systemlösungen aus der ganzen Infraserv-Wiesbaden-Gruppe an. Heute bieten wir verstärkt Leistungsausführungen unserer Tochtergesellschaften an – es macht z. B. mehr Sinn, wenn einer für alle die Gebäudetechnik übernimmt, anstatt dass jeder das selbst tut. Das sind Gedanken, die früher so nicht da waren.

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Heftausgabe: August 2013

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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