Digitaler Schutz vor der Konkurrenz

Studie: Digitalisierung im Großanlagenbau

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09.11.2017 Der Wettbewerbsdruck im Großanlagenbau steigt weiter: Fast zwei Drittel der Manager im deutschen Großanlagenbau rechnen in naher Zukunft mit einer deutlichen Intensivierung des Wettbewerbs, so die aktuelle Studie „Potenziale von Industrie 4.0 im Großanlagenbau“. Vor allem asiatische Anbieter heizen den Kampf um Marktanteile an.

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Entscheider-Facts Für Planer und Manager

  • Noch vor zwei Jahren hatte der Großanlagenbau die Potenziale der Industrie 4.0 noch nicht durchgängig als bedeutend eingeschätzt. Eine neue Studie belegt, das die Digitalisierung für den deutschen Großanlagenbau zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor wird.
  • Mit der Digitalisierung werden beträchtliche Potenziale für Wachstum im Industrieanlagenbau verbundenen.
  • Die im Rahmen der Studie befragten Experten verweisen unter anderem auf digitale Service-Plattformen, die vorausschauende Instandhaltung und die Chancen, die sich durch die Analyse riesiger Datenmengen ergeben.

Dabei werden Anlagenbauer aus China als die stärksten Herausforderer wahrgenommen. Diese punkten mit niedrigen Preisen und der Regierungsunterstützung bei der Projektfinanzierung.

Höhere Gewinne durch digitale Lieferungen und Leistungen

Eine Situation, die die im VDMA organisierten Großanlagenbauer nicht kalt lässt – mit einem umfassenden Maßnahmenpaket stellen sich die Unternehmen der Herausforderung: Zu den Hebeln gehören der Ausbau von Kompetenzen im Projekt- und Risikomanagement, der Ausbau des Dienstleistungsgeschäfts und schlankere Organisationsstrukturen. Und nicht zuletzt haben die Unternehmen inzwischen die Chancen der Digitalisierung als ein Mittel zur Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit erkannt und offenbar bereits Maßnahmen ergriffen.

„Wie die vorliegende Studie belegt, nutzt der Großanlagenbau die Möglichkeiten von Industrie 4.0 gezielt, um Umsätze zu erhöhen, Produktentwicklungszeiten zu verkürzen und Kosten zu senken“, erläutert Jürgen Nowicki, Sprecher der AGAB und Mitglied des Board of Directors der Linde Engineering Division. Demnach bewerten 72 % der Befragten die Chancen auf Umsatz- und Gewinnsteigerungen durch digitale Lieferungen und Leistungen als sehr relevant. 14 % der Studienteilnehmer erwarten auf dieser Basis sogar einen zusätzlichen Gewinn von über 10 % in den kommenden fünf Jahren. Nowicki: „Diese Einschätzung verdeutlicht die mit der Digitalisierung verbundenen beträchtlichen Potenziale für weiteres Wachstum im Industrieanlagenbau.“
Doch es sind nicht nur Chancen, die von den Anlagenbau-Unternehmen inzwischen verstärkt erkannt werden. Denn neben den klassischen Wettbewerbern im Anlagenbau könnten künftig auch branchenfremde Anbieter auf den Plan treten und mit Dienstleistungen in den vom Anlagenbau angestrebten Geschäftsfeldern punkten.

Großanlagenbau inzwischen besser auf Digitalisierung vorbereitet

Noch vor zwei Jahren war die Situation im Großanlagenbau im Hinblick auf die Industrie 4.0 ziemlich ernüchternd. Mehr als die Hälfte (61 %) der Unternehmen sahen sich im Hinblick auf die Industrie 4.0 als „nicht gut bis gar nicht vorbereitet“. Inzwischen hat der Digitalisierungszug in der Branche deutlich an Fahrt aufgenommen. Nach der aktuellen Untersuchung halten sich nun 70 % der Anlagenbauer für „gut oder sehr gut vorbereitet“. „Ein tieferes Verständnis für die grundlegende Bedeutung von Industrie 4.0 hat zu dieser neuen Wahrnehmung im Anlagenbau beigetragen“, erklärt Marc Artmeyer, Geschäftsführer und Industrie-4.0-Experte bei Maexpartners. Erkennbar profitieren die Unternehmen auch von Veränderungen in den betrieblichen Organisationshierarchien, etwa der Schaffung neuer Führungspositionen für die Steuerung der digitalen Transformation oder von Abteilungen, in denen die mit Industrie 4.0 verknüpften Aktivitäten gebündelt werden.

Digitale Geschäftsmodelle im Anlagenservice werden marktfähig

Gleichzeitig rückt die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle immer stärker in den Fokus des Anlagenbaus. Insbesondere im Servicegeschäft sind schon heute verschiedene Ansätze marktfähig. Die im Rahmen der Studie befragten Experten verweisen unter anderem auf digitale Service-Plattformen, die vorausschauende Instandhaltung und die Chancen, die sich durch die Analyse riesiger Datenmengen ergeben. „Es ist offensicht-lich, dass die Verarbeitung und Analyse von Daten eine wesentliche Schlüsselkompetenz im Zusammenhang mit Industrie 4.0 ist“, erläutert Artmeyer. „Dies wird vermutlich auch Auswirkungen auf die Nutzungsmodelle im Anlagenbau haben. So könnten neue Vertragstypen wie das „Performance Based Contracting“ oder das „Pay per Use“, bei denen der Kunde lediglich für den Abruf von Leistungen bezahlt, zukünftig eine wichtigere Rolle spielen.“

Intensiver Wettbewerb um digitale Talente

Neben den vielfältigen Chancen treten auch die mit der Digitalisierung verknüpften Herausforderungen mittlerweile klarer ins Bewusstsein des Anlagenbaus. In der Studie werden dabei Sicherheitsrisiken, fehlende Standards und die Verfügbarkeit qualifizierten Personals als wesentliche Handlungsfelder skizziert. Vor allem der Wettbewerb um hochqualifizierte Mitarbeiter wird mit zunehmender Intensität geführt, auch weil immer mehr Unternehmen aus verschiedenen Branchen um eine begrenzte Anzahl von digitalen Top-Talenten konkurrieren. Nowicki: „Der Großanlagenbau ist bestrebt, sich in diesem Umfeld als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. So bieten die Mitglieder unserer Arbeitsgemeinschaft ihren Mitarbeitern ein anspruchsvolles, internationales Arbeitsumfeld sowie die Möglichkeit, frühzeitig und umfassend Verantwortung im Projektgeschäft zu übernehmen.“

Industrie 4.0 im Großanlagenbau erfordert individuelle Lösungen

Letztlich bleibt festzuhalten, dass die Einführung von Industrie 4.0 im Großanlagenbau ein evolutionärer Prozess ist, der sich nicht in einem einzigen Schritt umsetzen lässt. Vielmehr erfordert eine erfolgreiche Implementierung von Industrie 4.0 ein Maßnahmenbündel, das von der Anpassung von Prozessen und Strukturen über die Entwicklung von Netzwerken bis hin zur Einführung neuer digitaler Produkt reicht. Dass es hierbei keine Patentrezepte gibt, ist eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Umfrage. „Die Unternehmen müssen individuelle Lösungen finden, die das spezifische betriebliche Umfeld und die jeweiligen Kundenanforderungen im Blick haben. Dass der Großanlagenbau sich hierbei auf einem guten Weg befindet, hat die vorliegende Studie eindrucksvoll belegt“, lautet das Fazit von AGAB-Sprecher Nowicki.

Artikel „Gemeinsame Vision gesucht – Digitalisierung im Anlagenbau“ aus CT 08/2017.

Heftausgabe: November 2017

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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