(Re-)Taking the Lead

Anlagenbau sieht Digitalisierung als Differenzierungsstrategie

29.11.2018 Dass der deutsche Anlagenbauer seine führende Rolle bei internationalen Großprojekten zurückerlangt, scheint unwahrscheinlich. Zu stark ist die Konkurrenz – unter anderem aus China, zu groß wiegt der Nachteil eines ungleichen Umfelds bei der finanziellen Rückendeckung durch den Staat. Dennoch stellt sich die Frage, wie und in welchen Bereichen die Branche ihre globale Führungsrolle wieder zurückerlangen kann.

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„Der deutsche Großanlagenbau unternimmt eine ganze Reihe von Anstrengungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Aktuell liegt der Fokus auf den Themen Digitalisierung und Modularisierung“, stellte Klaus Gottwald, Referent der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA, fest.

„Taking the Lead“ lautete das Motto des diesjährigen, nun bereits sechsten Engineering Summit, der vom 20. bis 21. November in Wiesbaden stattfand. Über 310 Führungskräfte aus dem europäischen Anlagenbau trafen sich dort, um die aktuellen Entwicklungen zu diskutieren. Und als ein wichtiger Differenziator wurde Technologie, und vor allem die Digitalisierung, erkannt. Hier geht es nicht nur um das Heben von Einsparpotenzialen, sondern der Anlagenbau erhofft sich auch neue Geschäftsmodelle.

Schon in der Vergangenheit nutzte die Branche digitale Werkzeuge als Möglichkeit, um die Wettbewerbsfähigkeit im Engineering zu steigern. Aber vor allem das Servicegeschäft bietet Potenzial, um mit datenbasierten, digitalen Lösungen neues Geschäft zu erschließen. Der Trend geht vom Projektgeschäft hin zu einer Betreuung der Anlagen über den gesamten Lebenszyklus. „Der deutsche Großanlagenbau unternimmt eine ganze Reihe von Anstrengungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Aktuell liegt der Fokus auf den Themen Digitalisierung und Modularisierung“, stellte Klaus Gottwald, Referent der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau, in seinem Konjunkturbericht fest: Die Mitgliedsunternehmen des Verbands rechnen für das kommende Jahr mit einem weiter steigenden Auftragseingang.

Engineering-Multis drängen in den deutschen Markt für Chemieprojekte

Im Segment des Chemieanlagenbaus herrscht derzeit eine besonders starke Konjunktur: Die dort tätigen kleinen und mittelständischen Engineering-Dienstleister sind derzeit gut ausgelastet. Gerade in Deutschland werden derzeit etliche Projekte im hohen zweistelligen und sogar dreistelligen Millionen-Euro-Bereich angeschoben. Auch ausländische EPC-Unternehmen sind darauf inzwischen aufmerksam geworden. So stellte Oliver Apelt, CEO des Chemieanlagebau-Unternehmens MMEC Mannesmann, fest, dass aktuell auch globale Anlagenbau-Multis wie beispielsweise Worley Parsons oder Alpiq den hiesigen Markt für sich erschließen. Apelt plädierte in seinem Vortrag dafür, neue Partnerschaftsmodelle für EPC- oder EPCM-Projekte zwischen Betreibern und Engineering-Dienstleistern zu entwickeln.

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Marcel Fasswald, CEO Thyssenkrupp Industrial Solutions: „Datenanalysen, wie sie von den Internetunternehmen für neues Geschäft genutzt werden, lassen sich nicht eins zu eins auf die komplexe Welt der Prozessanlagentechnik anwenden. Dafür brauchen wir Ingenieure und Mitarbeiter mit viel Erfahrung und Kompetenz.“

Kein einfaches Unterfangen: Häufig scheitern solche Bemühungen an dem hierzulande ausgeprägten Bestreben, neue Kompetenzen selbst zu entwickeln – ein Aspekt, den auch das Beratungsunternehmen PwC in einer aktuellen Benchmarking-Studie, die gemeinsam mit dem VDMA durchgeführt wird, aufgedeckt hat. Christian Elsholz, PwC, zeigte, dass die Unternehmen des Anlagenbaus auch bei der Digitalisierung überproportional zu internen Lösungen tendieren, während die internationale Konkurrenz dagegen häufig auf externe Unterstützung zurückgreift.
Unzweifelhaft scheint dagegen, dass an der weitgehenden Digitalisierung der Arbeitsabläufe kein Weg vorbeiführt. Obwohl die Frage, welchen Mehrwert die Digitalisierung dem Anlagenbau liefern kann, nicht in jedem Fall beantwortet ist, haben die meisten Unternehmen bereits Digitalisierungsprojekte in Arbeit. Laut VDMA-Umfrage sehen sich die Mitgliedsunternehmen gut oder sehr gut auf die digitale Transformation vorbereitet. Eine Einschätzung, die von Frank-Peter Ritsche, Project Director bei Thyssenkrupp IS und CEO der Projektmanagement-Initiative „Project Team“, kritisch gesehen wird. Ritsche stellte in seinem Impulsvortrag dar, dass vor allem das Segment Öl und Gas „Weltmeister im Vermeiden der Digitalisierung“ ist.

Digitale Transformation ist mehr als Einsparungen im Engineering

Die digitale Transformation, so die VDMA-Umfrage unter Führungskräften des Anlagenbaus, soll in erster Linie weitere Einsparungen im Engineering und beim Service liefern. Die Kehrseite: Der Umsatzanteil durch die Digitalisierung ist bislang relativ niedrig. „Wir müssen den Kunden den kommerziellen Mehrwert aus der Digitalisierung zeigen, sonst haben die neuen digitalen Produkte keine Chance“, verdeutlicht Jürgen Nowicki, Sprecher der Geschäftsführung von Linde Engineering, das Dilemma.

Was funktionieren wird und was nicht, lässt sich heute meist nicht vorhersagen – deshalb gilt es, auszuprobieren. Giovanni Bavestrelli, Digital Engineering Director beim Metallurgie-Anlagenbauer Tenova, stellte der Frage nach den Investitionskosten für die Digitalisierung die Frage gegenüber, wie hoch die Kosten langfristig sein werden, wenn ein Unternehmen nicht in Digitalisierung investiert. Auch in der Keynote von Marcel Fasswald, CEO von Thyssenkrupp Industrial Solutions, wurde deutlich, dass das Angebot digitaler Produkte künftig eine Voraussetzung sein wird, um Projekte zu gewinnen. Allerdings, so Fasswald, gehe es darum, Mehrwert aus Digitalisierung zu erzeugen. Eine Einschätzung, die sowohl Bavestrelli als auch Julien Brunel, Head of Digitalization bei Linde Engineering, teilen: „Das Geschäft muss der Treiber von Digitalisierungsprojekten sein, die Technologie ist lediglich ein Enabler.“

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Julien Brunel, Head of Digitalization bei Linde Engineering teilt mit: „Das Geschäft muss der Treiber von Digitalisierungsprojekten sein, die Technologie ist lediglich ein Enabler.“

Spezialisten gefragt

Die Aussichten für den Anlagenbau stehen dabei nicht schlecht: Denn im Gegensatz zum Consumermarkt, wo sich digitale Produkte wie Streamingdienste oder Shopsysteme für sehr viele Anwender skalieren lassen, sind Anlagenprojekte Unikate. Datenanalysen, wie sie von den Internetunternehmen für neues Geschäft genutzt werden, lassen sich nicht eins zu eins auf die komplexe Welt der Prozessanlagen anwenden. Fasswald: „Dafür brauchen wir Ingenieure und Mitarbeiter mit viel Erfahrung und Kompetenz. Nur so gelingt es uns, im Datenchaos an den entscheidenden Stellen zu suchen.“

Dr. Hartmut Klocker, Vice President Business Segment Automation and Engineering Systems bei Siemens, richtete den Blick auf den gesamten Lebenszyklus einer Anlage: Den größten Nutzen aus Digitalisierung sieht Klocker im späteren Betrieb der Anlage. Dafür schlägt der Automatisierungsexperte vor, bereits bei der Auslegung des Prozesses und der Anlage einen digitalen Zwilling zu erstellen, der beim Betrieb der Anlage zur Optimierung und zum Training der Nutzer eingesetzt werden kann. Data-Engineering-Methoden könnten dabei künftig auch vom Anlagenbau genutzt werden, um digitale Geschäftsmodelle und Services zu entwickeln.

Ein Ansatz, der auch vom Metallurgie-Anlagenbauunternehmen SMS bereits konsequent verfolgt wird. Prof. Dr. Katja Windt, Mitglied der Geschäftsführung, stellte die Vision des Unternehmens – ein „Lernendes Stahlwerk“ – vor. Das Unternehmen entwickelt dafür derzeit ein digitales Ökosystem, das der Hersteller dafür nutzen will, um mit digitalen Technologien das eigene Servicegeschäft auszubauen.

In zahlreichen Vorträgen, so zum Beispiel dem von Julien Brunel, Linde, wurde deutlich, dass der Erfolg der digitalen Transformation vor allem davon abhängt, ob es gelingt, die Mitarbeiter für diese Technologien und die damit verbundenen Veränderungsprozesse zu begeistern. „Digitalisierung erfordert einen Kulturwandel im Unternehmen“, so Brunel: „Solange die Mitarbeiter ihre Urlaubsanträge noch auf Papier ausfüllen, ist der Schritt hin zur Nutzung virtueller Realitäten zu groß.“ Den Mindset für die Digitalisierung zu ändern, erfordert viele kleine Schritte – so Brunel.

Aus Sicht von Marcel Fasswald sind dafür künftig vor allem Generalisten notwendig. Ein wesentlicher Faktor ist außerdem der Wille zur Veränderung. Thomas Wehrheim, COO bei IDS Industrieservice + Anlagenbau, plädierte in der Diskussion außerdem dafür, bei der Entwicklung digitaler Produkte auch die Mitarbeiter nicht aus den Augen zu verlieren, die diese Produkte später im Projekt und auf der Baustelle nutzen sollen: „Vergessen Sie bei der Entwicklung des digitalen Zwillings nicht den digitalen Cousin“, riet Wehrheim.

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Dr. Gerd Sagawe, Mitglied der Geschäftsleitung der Enviro Chemie: „Unser Kunde kauft die Funktion, wir liefern und betreiben die Anlage.“

Ein bislang ungelöstes Thema ist die Bereitschaft der Endkunden, ihre Betriebsdaten mit dem Anlagenbauer zu teilen. „Das größte Problem ist derzeit das mangelnde Vertrauen“, verdeutlicht Peter Ritsche. Vielerorts befürchten die Prozessbetreiber, dass ihr Know-how auch zu Wettbewerbern fließen könnte. Eine Sorge, die von den Engineering-Anbietern bereits erkannt ist und der mit entsprechenden Sicherheitsmechanismen begegnet wird. „Wenn der Mehrwert, den die gemeinsame Nutzung der Daten bietet, groß genug ist, dann werden sich Betreiber auch dafür öffnen“, glaubt Marcel Fasswald. Und so wird es in Zukunft darum gehen, erfolgreiche Digitalisierungsprojekte in der Öffentlichkeit darzustellen, um neuen digitalen Geschäftsmodellen zum Durchbruch zu verhelfen.

Mehr Flexibilität durch Modularisierung und Standardisierung

Ein für die Chemie wichtiges Anwendungsfeld könnte dabei die flexible Produktion sein: Dr. Frank Stenger und Igor Stolz vom Spezialchemiekonzern Evonik stellten dar, welcher Nutzen für ein Spezialchemie-Unternehmen darin besteht, wenn Geschäftsprozesse durch Digitalisierung transparent werden und eine flexible Steuerung der Lieferkette möglich wird. Denn „Time to Market“ ist für die in immer kleineren Losgrößen produzierenden Spezialisten ein immer wichtigerer Erfolgsfaktor. Erreicht werden soll die notwendige Flexibilität und Schnelligkeit durch Modularisierung und Standardisierung der Anlagen.

Aber auch bei Großprojekten sehen die Chemie-Spezialisten neue Möglichkeiten durch Einsatz von Modulen. Gemeinsam mit anderen Chemieunternehmen, aber auch Verbänden entwickelt das Unternehmen derzeit in einer strategischen Initiative die für die Modularisierung notwendigen Methoden und Werkzeuge, um Chemieanlagen modular aufzubauen.

Welchen Nutzen ein Anlagenbauer aus der Modularisierung ziehen kann, verdeutlichte Dr. Gerd Sagawe, Mitglied der Geschäftsleitung beim Wasser- und Abwasserspezialisten Enviro Chemie. Auch hier stellt sich das Problem einer zunehmenden Spezialisierung der Kundenanlagen und der Wunsch nach einer schnellen und kosteneffizienten Anlagengestaltung. Mit der Modularisierung der Prozessschritte ist es dem Anbieter gelungen, die Planungs- und Lieferzeit deutlich zu verringern. Der Erfolg gibt dem Anlagenbauer Recht: Inzwischen liefert der Hersteller 70 % seiner Anlagen auf Basis kompakter Module aus. Dass sich damit auch das Geschäftsmodell gewandelt hat, geht als Nachsatz der lebhaften Diskussion fast unter: „Unser Kunde kauft die Funktion, wir liefern und betreiben die Anlage.“ Und so lag auch diesmal wieder auf dem Engineering Summit die Transformation der Anlagenbau-Branche in der Luft: analog und digital.

Zum Thema: Anlagenbau ist ein „People Business“

Kiechl - Wehe

Rüdiger Wehe (Mitte) von Thyssenkrupp Industrial Solutions und Rainer Kiechel, MHPSE (links), stellten sich den Fragen des Publikums zum Thema Veränderungsprozesse.

Anlagenbau ist ein „People Business“
In allen Diskussionen zu den Fachaspekten der aktuellen Veränderungsprozesse im Anlagenbau wurde immer wieder die Bedeutung der Mitarbeiter deutlich. Wie es gelingen kann, diese bei den analogen und digitalen Transformationsprozessen im Anlagenbau mitzunehmen, wurde im Rahmen des Summit-Talks intensiv diskutiert: Rainer Kiechl, CEO beim Energieanlagenbau-Unternehmen MHPSE, und Rüdiger Wehe, Betriebsratsvorsitzender bei Thyssenkrupp Industrial Solutions, stellten dar, wie bedeutend die Aspekte „Transparenz“ und „Kommunikation“ in Veränderungsprozessen sind. Aus Sicht von Rüdiger Wehe ist außerdem die Verbindlichkeit – beispielsweise dann, wenn ein Zeitplan für die Mitarbeiterinformation in Aussicht gestellt wird – ein wichtiger Faktor, um die Mitarbeiter für Veränderungen motiviert zu halten.

Der nächste Engineering Summit wird Anfang Juli 2020 stattfinden: www.engineering-summit.de.

Video-Rückblick und Statements zur Digitalisierung des Anlagenbaus:

Anlagenbau treibt Digitalisierung voran

 

Heftausgabe: Dezember/2018
Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK

Über den Autor

Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK
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