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Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie, die Chemie- und Pharma­branche steht ihr jedoch noch vergleichsweise skeptisch gegenüber. (Bild: Production Perig – stock.adobe.com)

  • Die Chemie- und Pharmaindustrie sowie der Maschinen- und Anlagenbau haben künstliche Intelligenz als wettbewerbsrelevante Schlüsseltechnologie erkannt.
  • Dennoch zeigen sich nur vergleichsweise wenige Unternehmen aufgeschlossen für entsprechende Technologien. Noch deutlich weniger Firmen setzen sie bereits ein.
  • Die generelle Akzeptanz digitaler Themen und Technologien nimmt zu. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend noch beschleunigt.

Für die Studie „Deutschland lernt KI“ hat Bitkom Research im Auftrag des IT-Dienstleisters Tata Consultancy Services (TCS) eine repräsentative Umfrage unter Führungskräften und Entscheidern der deutschen Industrie durchgeführt. Den Ergebnissen zufolge sind im Bereich Chemie und Pharma lediglich rund vier von zehn Unternehmen (43 %) KI gegenüber aufgeschlossen – der Gesamtwert aller Branchen liegt mit 57 % deutlich darüber. Der Maschinen- und Anlagenbau ist mit 55 % offener für den KI-Einsatz und liegt nah am Durchschnitt der gesamten Industrie.

„Viele wagen sich nicht aufs Feld“

Gerade einmal 14 % der Chemie- und Pharmaunternehmen setzen bereits KI-basierte Anwendungen ein, im Maschinenbau sind es ebenfalls 14 %. Allerdings liegt auch der Industrie-Durchschnitt bei lediglich 13 %. 47 % der Befragten aus den Prozessindustrien erhoffen sich vom KI-Einsatz vor allem Effizienzsteigerungen. Diese wünschen sich die Anlagenbauer in ähnlicher Weise (47 %), mehr noch geht es ihnen aber um direkte Kosten­einsparungen (59 %).

„Viele Unternehmen zögern den Einsatz neuer Technologien hinaus, sie stehen an der Seitenlinie und wagen sich nicht aufs Feld. Diese defensive Strategie kann sinnvoll sein, ist jedoch beim Thema künstliche Intelligenz riskant“, erklärt Dr. Kay Müller-Jones, Leiter Consulting und Services Integration bei TCS, „KI ist nicht nur irgendein Trend, sondern ein entscheidender Baustein für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen“. Dabei ist mehr als die Hälfte der Befragten aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie (57 %) überzeugt, dass KI eine Schlüsseltechnologie für die eigene Wettbewerbsfähigkeit ist. Im Maschinen- und Anlagenbau sind es 53 %. Hinderlich sind vor allem Investitionskosten und die Anforderungen an Datenschutz und Sicherheit.

Der Einsatz künstlicher Intelligenz ist in Chemie und Pharma sowie im Maschinen- und Anlagenbau bislang wenig verbreitet
Der Einsatz künstlicher Intelligenz ist in Chemie und Pharma sowie im Maschinen- und Anlagenbau bislang wenig verbreitet. Bei Robotik und 3D-Druck gehören die Branchen zu den Vorreitern.
Daten: Bitkom, TCS / Grafik: CHEMIE TECHNIK

Fachkräftemangel hat an Bedeutung als Digitalisierungsbremse zwar nachgelassen, spielt aber noch immer eine Rolle: Ähnlich wie andere Branchen stehen Chemie- und Pharmaunternehmen vor der Herausforderung, entsprechendes Fachwissen aufzubauen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen (54 %) berichtet von fehlender Expertise im eigenen Haus, um die Potenziale von KI voll ausschöpfen zu können. Die Maschinenbauer zeigen sich hier zwar erfahrener, aber immer noch 41 % beklagen einen Mangel an vorhandener Expertise.

Vorreiter im 3D-Druck

Die Aufgeschlossenheit für andere digitale Themen und Neuerungen nimmt bei Chemie- und Pharmaunternehmen dagegen weiter zu. Laut den Ergebnissen der aktuellen Umfrage nehmen mittlerweile 82 % der befragten Unternehmen eine offene Haltung gegenüber der Digitalisierung ein – im Jahr 2018 waren es erst 65 %. Im Maschinen- und Anlagenbau sprang die Zustimmung sogar von 74 % auf 93 %. So nutzen acht von zehn Chemie- und Pharma-Firmen (82 %) und Maschinenbauern (84 %) inzwischen Cloud-Computing, etwa so viele wie durchschnittlich in anderen Branchen (84 %). In Sachen 3D-Druck gehören Chemie- und Pharmaunternehmen zu den Spitzenreitern: Mehr als die Hälfte der Firmen (52 %) nutzt die additive Fertigung – doppelt so viele Unternehmen wie in anderen Branchen (26 %). Noch etwas beliebter ist die Technologie im Anlagen- und Maschinenbau (54 %). Verständlicherweise ist auch die Robotik im Maschinenbau (47 %) und in der Prozessindustrie (45 %) deutlich verbreiteter als im Industrie-Durchschnitt (20 %).

Die Studie bestätigt außerdem den vielfach zitierten „Digitalisierungsschub durch Corona“: 48 % in Chemie und Pharma, 45 % im Maschinen- und Anlagenbau sehen eine beschleunigte Digitalisierung ihres Geschäftsmodells als Folge der Pandemie, beides deutlich über dem Durchschnitt von 40 %. Auch Geschäftsprozesse sieht die Chemie- und Pharmabranche mit 27 % beschleunigt, gegenüber dem Gesamtschnitt von 25 %. Im Maschinenbau sehen nur 19 % diesen Fortschritt.

Zur Studie „Deutschland lernt KI“

Grundlage der Angaben ist eine Unternehmensbefragung, die Bitkom Research im Auftrag des IT-Beratungsunternehmens Tata Consultancy Services im Mai/Juni 2020 durchgeführt hat. Dabei wurden 955 Unternehmen mit 100 oder mehr Mitarbeitern befragt. Die Interviews wurden mit Führungskräften durchgeführt, die in ihrem Unternehmen für das Thema Digitalisierung verantwortlich sind. Dazu zählen Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder ebenso wie Entscheider aus den Bereichen Digitale Technologien, Informationstechnik und Operatives Geschäft. Die Umfrage ist repräsentativ für die deutsche Gesamtwirtschaft ab 100 Mitarbeitern. Nach 2016, 2017, 2018 und 2019 ist dies die fünfte gemeinsame Studie von TCS und Bitkom Research.

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