Energie-Schlagader unter Beschuss
Auswirkungen der Hormus-Blockade auf die Chemieindustrie
Die Eskalation im Nahen Osten hat mit der Schließung der Straße von Hormus durch den Iran eine kritische Phase erreicht. Durch diese Schlagader der Weltwirtschaft fließen normalerweise rund ein Fünftel der globalen Mengen an Rohöl und Flüssigerdgas.
KI-generiert mit Ideogram
Während die unmittelbare öffentliche Sorge oft den
steigenden Preisen an den Tankstellen gilt, warnen Experten und
Industrieverbände vor weitaus tiefergehenden Erschütterungen der globalen
Wertschöpfungsketten. Was als regionaler Konflikt begann, fügt durch explodierende
Rohstoffkosten, massive Logistikstörungen und den Ausfall wichtiger
Handelsrouten der ohnehin von Standortsorgen geplagten industriellen Basis
Deutschlands weitere Schwierigkeiten hinzu. Die Blockade der Straße von Hormus
trifft die chemische Industrie zu einem Zeitpunkt, an dem die Branche in
Europa bereits durch hohe Energiekosten und eine schwache Konjunktur massiv
geschwächt ist. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) sieht sich aufgrund der massiven Unsicherheiten derzeit außerstande, eine solide wirtschaftliche Prognose für das Jahr 2026 abzugeben.
Größte Störung in der Geschichte des Ölmarktes
Die Straße von Hormus ist kein gewöhnlicher Transportweg;
sie ist das Nadelöhr, durch das rund ein Fünftel der weltweiten Mengen an Rohöl
und Flüssigerdgas (LNG) fließt. Da die Straße von Hormus blockiert ist und
gleichzeitig wichtige Flugdrehkreuze wie Dubai, Abu Dhabi und Doha nach
Angriffen geschlossen wurden, bricht die gewohnte Logistik zusammen. Viele
Reedereien meiden zusätzlich aus Sicherheitsgründen bereits auch den Suezkanal,
wodurch weitere Seefahrtsrouten deutlich länger ausfallen. So kostet der Umweg
um Afrika und das Kap der Guten Hoffnung im Schnitt 37 Tage.
Der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge hat die
Schließung der Straße von Hormus die größte Versorgungsstörung in der
Geschichte des globalen Ölmarktes ausgelöst. Der vorherige Gas- und Ölstrom von rund 20 Millionen
Barrel pro Tag durch die Meerenge sei faktisch „auf ein Tröpfeln zusammengeschrumpft“. Infolgedessen
sind die Rohölpreise auf über 100 US-Dollar pro Barrel gestiegen, während
raffinierte Produkte wie Diesel, Kerosin und Flüssiggas (LPG) noch drastischere
Preissprünge verzeichnen.
Die Krise wird durch gezielte militärische Angriffe auf die
Infrastruktur verschärft. So meldete Qatar Energy massive Schäden an den Pearl
GTL-Anlagen und weiteren LNG-Einrichtungen durch Raketenangriffe. Die Folgen
für den Markt sind drastisch: Der Preis für europäisches Erdgas (TTF) ist seit
Beginn der militärischen Eskalation um mehr als 60 % gestiegen und notierte
zuletzt bei über 52 Euro pro Megawattstunde. Experten warnen, dass dieses
Preisniveau ökonomische Anreize für die Wiederbefüllung deutscher Gasspeicher
zunichtemacht, was die Versorgungssicherheit im kommenden Winter gefährdet. Bis
Mitte März 2026 wurden bereits 35 Fälle von Force Majeure in der Krisenregion
gemeldet; Branchenriesen wie Shell und Total Energies mussten Lieferausfälle
bei katarischem LNG einräumen. Die asiatische Industrie deckt normalerweise 55
% ihres Naphtha-Bedarfs (ca. 4 Mio. t/Monat) aus dem Nahen Osten. Diese Mengen
fehlen nun fast vollständig, was zu massiven Produktionskürzungen führt.
Historische Preisexploson bei Grundchemikalien
Die aktuellen Auswirkungen (Stand März 2026) gehen dabei weit über gestiegene
Transportkosten hinaus und bedrohen die industrielle Basis im Kern. In den
betroffenen Industrien führt der Rohstoffmangel zu einer beispiellosen
Preisrallye: Die Preise für Benzol, Ethylen und Methanol steigen global so
schnell wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Allein Methanol verteuerte sich
innerhalb von zwei Wochen um 27 %. Spotpreise für Polypropylen (PP) und
Polyethylen (PE) in Europa sind binnen zwei Wochen um 30 % bis 40 % in die
Höhe geschnellt. Auch bei Spezialprodukten wie Methylmethacrylat (MMA) oder
Basisölen für Schmierstoffe (Anstieg um über 200 $/Tonne) herrscht ein massiver
Preisdruck. Europa deckt zwischen 40 % und 50 % seines Bedarfs an strategischen
Produkten wie ABS, MMA, Epoxidharzen und Polyesterfasern durch Importe aus
Asien und dem Nahen Osten.
Für europäische Cracker-Betreiber, die Naphtha als Basis
nutzen, sind die Gewinnmargen durch die Kombination aus steigenden Rohstoff-
und Energiekosten faktisch kollabiert. In Deutschland liegt die
Kapazitätsauslastung der Anlagen bei nur noch 72,5 % – ein Wert, bei dem
Anlagen nicht mehr rentabel betrieben werden können. Das Produktionsniveau
liegt insgesamt fast 15 % niedriger liegt als noch im Jahr 2021.
Um den massiven Preisdruck zu lindern, haben die
IEA-Mitgliedstaaten die Freigabe von 400
Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven beschlossen – die größte
Bestandsentnahme in der Geschichte der Agentur. Die EU-Koordinierungsgruppen
begrüßten diese Maßnahme, mahnten jedoch eine genaue Prüfung der
mittelfristigen Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit an. Flankierend dazu
empfiehlt die IEA einen 10-Punkte-Plan
zur Nachfragesenkung, der unter anderem verstärktes Homeoffice, eine
Senkung der Autobahn-Tempolimits um mindestens 10 km/h sowie den Verzicht auf
Geschäftsreisen per Flugzeug vorsieht. Für die Industrie wird zudem
vorgeschlagen, bei Engpässen in der Flüssiggasversorgung von LPG auf alternative Rohstoffe wie Naphtha
umzusteigen. Auf diesen Wegen soll erstens der Gesamtbedarf an Öl und Gas sowie
deren Derivaten sinken und zweitens mehr Energie für kritische Bereiche
bereitstehen.
Die Angst vor einem kompletten Stillstand der Produktion hat unterdessen in Europa bereits zu Panikkäufen geführt, berichtet Analyst Will Beacham in einem Bericht für den Brancheninformationsdienst ICIS. Einkäufer konzentrieren sich nicht mehr auf den Preis, sondern nur noch darauf, überhaupt Material zu sichern, um ihre Maschinen am Laufen zu halten. Die Nachfrage sei so extrem, dass sogar „Off-Grades“ – minderwertige Chargen oder Restbestände, die teilweise seit Jahren in den Lagern lagen – problemlos Käufer finden.
Auch Düngemittel werden teurer
Nicht nur Öl und Gas sowie deren Derivate sind aufgrund der
Hormus-Blockade knapp. Auch bei anderen Grundchemikalien verzeichnen die Märkte
Mangel und steigende Preise, wie das Beispiel der Düngemittelindustrie
verdeutlicht. Stickstoffdünger wie Harnstoff & Ammoniak-basierte
Düngemittel gehören laut ICIS-Analyst Chris Vlachopoulos zu den am meisten betroffenen
Produkten. Die Preise für Harnstoff sind im Vergleich zum Zeitraum vor dem
Konflikt im Nahen Osten um durchschnittlich fast 67 % gestiegen, Ammoniak
verteuerte sich um etwa 29 %. Produktionsausfälle im Iran sowie Angriffe auf
Anlagen in Saudi-Arabien und Bahrain belasten die Märkte. Eine starke Nachfrage
aus Indien aufgrund der Monsun-Anbauperiode absorbiert zudem verfügbare
Spot-Mengen, mit denen sich andernfalls Engpässe abfedern ließen.
Stak ausgeprägt ist die Knappheit auch bei Schwefel und
Schwefelsäure, die Preise für Schwefel liegen fast 43 % über dem Niveau vor
Krisenbeginn. Ein wesentlicher Faktor ist die Entscheidung Chinas, den Export
von Schwefelsäure (mit Ausnahme elektronischer Qualität) bis Dezember 2026
komplett zu stoppen, um den Inlandsbedarf zu decken. Bei Phosphaten ist derzeit
durch Wartungsarbeiten bei großen Produzenten wie OCP in Marokko und
Betriebseinstellungen in bei Mosaic in Brasilien stark begrenzt. Die Preise
liegen etwa 16 % höher als vor dem Konflikt. Kali-Dünger sind dagegen weniger
stark von den regionalen Störungen im Nahen Osten betroffen und stechen durch
eine vergleichsweise stabile Versorgungslage hervor.
Die hohen Preise und die Unsicherheit führen dazu, dass
Landwirte ihre Strategien anpassen. In Europa optimieren Bauern den
Nährstoffeinsatz und reduzieren teilweise die Ausbringungsraten für Phosphate.
In einigen Fällen wird sogar auf andere Nutzpflanzen ausgewichen,
beispielsweise Sojabohnen statt Mais, da diese einen anderen Düngerbedarf haben.
Globaler Wettbewerbsnachteil
Während die europäische Industrie ums Überleben kämpft,
verschiebt sich das globale Machtgefüge. US-amerikanische Chemieunternehmen,
die primär auf heimisches Ethan setzen, profitieren von ihrem massiven
Kostenvorteil und steigenden Weltmarktpreisen. Der VCI warnt daher
eindringlich: Ohne schnellen Reformwillen und eine Entlastung bei den
Standortkosten drohe der deutschen Chemie nicht nur eine temporäre Krise,
sondern ein dauerhafter Strukturbruch. Viele Kunden weichen bereits jetzt
dauerhaft auf ausländische Anbieter aus, wodurch die heimische Industrie
zunehmend den Boden unter den Füßen verliert
Die Blockade der Straße von Hormus ist mehr als eine
temporäre logistische Herausforderung; sie wirkt wie ein Katalysator für eine
tiefgreifende Krise der europäischen Industrie. Die Lage bleibt hochgradig
unvorhersehbar, betont beispielsweise der VCI in seinem jüngsten
Quartalsbericht, und sieht daher eine solide wirtschaftliche Prognose für das
Jahr 2026 als unmöglich an. Die Botschaft ist dennoch unmissverständlich: Um
einen dauerhaften Substanzverlust zu verhindern, darf nicht auf das Ende der
nächsten Krise gewartet werden.