Careflex Chemie startet

Chemie-Tarifparteien sichern Beschäftigte für den Pflegefall ab

07.08.2020 Die Sozialpartner in der Chemieindustrie betreten Neuland: Erstmals werden alle Tarifbeschäftigten einer Branche umfassend gegen das Pflegerisiko abgesichert. Der Start für das Programm Careflex Chemie erfolgt bei BASF, Bayer und Evonik.

Darauf hatten sich die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) im letzten Tarifabschluss geeinigt. Nach Unterzeichnung der Verträge mit einem Konsortium deutscher Versicherungskonzerne beginnt nun die Umsetzung von Careflex Chemie in den Unternehmen. Gleichzeitig starten die Chemie-Sozialpartner eine bundesweite Kampagne, um Betriebe und Mitarbeiter über die Leistungen und Optionen der neuen Pflegezusatzversicherung zu informieren.

Die Unternehmen können zudem entscheiden, ob sie gut 130.000 außertariflich Beschäftigte und Führungskräfte zu identischen Konditionen wie die 450.000 Tarifarbeitnehmer versichern wollen. Die Beschäftigten haben anschließend die Möglichkeit, ihren eigenen Versicherungsschutz zu attraktiven Konditionen aufzustocken und auch die eigene Familie bei CareFlex Chemie zu versichern. Die Chemie-Sozialpartner investieren so gemeinsam in die soziale Sicherheit und bauen zugleich die Attraktivität der Branche aus.

Erste Branche in Deutschland

Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) haben sich in der Chemie-Tarifrunde 2019 auf ein umfassendes Tarifpaket geeinigt, das der schwierigen wirtschaftlichen Lage Rechnung trägt und zugleich neue, innovative Elemente enthält. Mit einer Laufzeit von 29 Monaten ist es der längste Tarifabschluss in der Chemie seit 1987. (v.l.n.r.: Georg Müller, Verhandlungsführer des BAVC; Ralf Sikorski, stellvertretender Vorsitzender und Verhandlungsführer der IGBCE; Kai Beckmann, Präsident des BACV; Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE) (Bild: BAVC)

Auf die Pflegezusatzversicherung hatten sich die Tarifparteien im Tarifabschluss Ende 2019 geeinigt. (Bild: BAVC)

BAVC-Präsident Kai Beckmann: „Als erste Branche sichert die Chemie ihre Beschäftigten für den Pflegefall ab. Damit greifen wir ein Thema auf, das zu oft unter dem Radar fliegt. Die eigene Pflege oder die der Angehörigen wird uns in den nächsten Jahren immer stärker fordern. Gut, dass unsere Beschäftigten ab Mitte 2021 besser abgesichert sind. Zugleich hat Careflex Chemie das Zeug, ein weiteres schlagkräftiges Argument für unsere Branche im Wettbewerb um die besten Köpfe zu werden.“

IG BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis: „Gute Tarifpolitik schützt die Beschäftigten und leistet einen Beitrag zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen. Mit Careflex Chemie gelingt uns beides. Wir sichern unsere Leute gegen das Pflegerisiko ab – ohne dass sie dafür bezahlen oder eine Gesundheitsprüfung durchlaufen müssen. Gleichzeitig stabilisieren wir das Pflegesystem. Nun muss das Modell auf außertarifliche und leitende Beschäftigte ausgeweitet werden. Die Chance bieten wir den Betrieben mit diesem Tarifvertrag – und wer sich Fachkräften als innovativer Arbeitgeber präsentieren will, sollte sie nutzen.“

Automatischer Start zum 1. Juli 2021

Vom 1. Juli 2021 an wird jeder Tarifbeschäftigte der chemischen Industrie automatisch besser für den Pflegefall abgesichert sein. Wer nach diesem Stichtag pflegebedürftig wird, erhält zusätzlich zur Ausschüttung aus der gesetzlichen Pflegeversicherung ein fest vereinbartes Pflegemonatsgeld von 300 Euro bei ambulanter Pflege oder 1.000 Euro bei stationärer Pflege. Durch die Absicherung aller Tarifbeschäftigten der Branche entfällt die individuelle Gesundheitsprüfung. Den monatlichen Beitrag von 33,65 Euro je Beschäftigten trägt der Arbeitgeber. Bei einem Wechsel der Branche oder mit Renteneintritt kann der Arbeitnehmer die Versicherung eigenfinanziert zu attraktiven Konditionen fortsetzen.

Zusätzlich zu der tariflichen Absicherung über Careflex Chemie haben Beschäftigte die Möglichkeit, die eigene tarifliche Pflegezusatzversicherung in den Leistungen flexibel und nur mit einer „Mini – Gesundheitsprüfung“ aufzustocken: durch Erhöhung des Pflegemonatsgeldes im ambulanten Bereich oder bei der stationären Pflege (CareFlex Aufstockung). Ehe- und Lebenspartner sowie Kinder der versicherten Beschäftigten können befristet mit einer verkürzten Gesundheitsprüfung privat abgesichert werden, während Eltern, Schwiegereltern und Enkel ebenfalls befristet mit normaler Gesundheitsprüfung versichert werden können (Careflex Familie).

Seit Jahren steigen die Pflegekosten ungebremst. Laut Verband der Ersatzkassen liegen die monatlichen Aufwendungen für stationäre Pflege im Bundesschnitt inzwischen bei 2015 Euro pro Monat – fast 7 % mehr als vor zwölf Monaten.

Pilotstart bei BASF, Bayer, Clariant und Evonik

Die Umsetzung von Careflex Chemie beginnt zunächst in einigen Pilotbetrieben, darunter BASF, Bayer, Clariant, Evonik oder Hesse Lignal. Ab September 2020 ist die Registrierung aller Unternehmen möglich. Ab Januar 2021 können die Daten der Arbeitnehmer in das Unternehmensportal hochgeladen werden. Der angemeldete Mitarbeiter kann seinen vertraglichen Status über das Mitarbeiterportal jederzeit passwortgeschützt einsehen.

Das Konsortium aus R+V, Deutsche Familienversicherung und Barmenia garantiert den kollektiven Beitrag von 33,65 Euro pro Monat sowie die dargestellten Leistungen bis Ende 2023. Anpassungen des Beitrags oder der Leistungen sind ab 2024 möglich, wenn ein externer Treuhänder dies nach Prüfung objektiver Rahmenbedingungen bestätigt. Für BAVC und IG BCE ist entscheidend, dass sich diese Anpassungen nicht automatisch vollziehen. Eine Beitragserhöhung oder alternativ eine Reduzierung der Leistungen bedarf in jedem Fall der Zustimmung beider Tarifparteien. (jg)

Chemie-Tarifrunde 2019: Die Ergebnisse

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