Jenseits von China

Kunststoffbranche in Südostasien

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17.09.2019 Während sich die USA und China im Handelskrieg zerlegen, lohnt sich ein Blick auf die aufstrebenden kleineren Staaten in Südostasien: Die Region ist attraktiv für Schlüsselindustrien der Kunststoffbranche.

Entscheider-Facts

  • Bei wachsender Markt-Unsicherheit in China kann sich für die Kunststoffindustrie ein Blick nach Südostasien lohnen: Wichtige Abnehmermärkte haben dort ein großes Marktpotenzial.
  • Sowohl die Auto- als auch die Verpackungsindustrie gehören zu den aufstrebenden Wirtschaftszweigen in der Region, mit Nachfrage an Technologien und Materialien, die die Kunststoffindustrie bereitstellen kann.
  • Zusätzliche Anreize entstehen durch den steigenden Bedarf dieser Schlüsselindustrien in der Region an nachhaltigen Lösungen zur Reduktion von Luftverschmutzung und Plastikmüll.

Southeast Asia Map

Bild: Adobe Stock – pinate

Zwar prognostiziert die Bank of America Merrill Lynch für Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Singapur und Thailand, dass deren Wirtschaftswachstum von 5 auf 4,8 % 2019 leicht sinken soll. Für zwei wichtige Einzelmärkte der Kunststoffbranche liegt dort jedoch großes Potenzial: die Automobil- und die Verpackungsindustrie.

Einstieg in die Elektrofahrzeugbranche

Ein Großabnehmer der Kunststoffindustrie ist traditionell die Automotive-Branche, die in Südostasien noch Produktionswachstum verzeichnet: Die Region produzierte im Jahr 2018 über 4 Mio. Fahrzeuge und verzeichnete laut Angaben der ASEAN Automotive Federation (AAF) von Januar bis November 2018 ein durchschnittliches Wachstum von 7,6 % im Bereich Fertigung und Vertrieb. Besonders in Thailand und in Indonesien hat die Produktion deutlich zugenommen. Leichte und stabile Materialien spielen im Fahrzeugbau ohnehin eine wichtige Rolle. Besondere Bedeutung haben sie jedoch in der Entwicklung effizienter Elektrofahrzeuge. Diese sind noch stärker auf ein reduziertes Gewicht angewiesen, um bei begrenzter Batteriekapazität eine optimale Reichweite zu ermöglichen.

Während der Verkauf von Elektrofahrzeugen weltweit zunimmt, sind China, die USA und Europa für rund 90 % aller Elektrofahrzeugverkäufe verantwortlich. China beherrschte 2017 sogar die Hälfte der weltweiten Produktion, gefolgt von Europa und den USA mit je 21 % und 17 %, sowie Japan und Südkorea mit je 8 % und 3 %. In Südostasien nimmt die Zahl der Elektrofahrzeuge wegen vergleichsweise hoher Preise und fehlender Ladeinfrastruktur bislang allerdings nur langsam zu. Dabei bestünde dort ein besonderer Bedarf: Der immer schlechteren Luftqualität durch Industrieabgase und das Verbrennen von Biomasse ließe sich durch kohlenstoff- und feinstaub-emissionsarme Transportmittel begegnen. Eine Studie des Beratungsunternehmens Frost & Sullivan aus dem Jahr 2018 zeigt, dass die Verbraucher in den betroffenen Ländern sich der Vorteile elektrisch betriebener Fahrzeuge durchaus bewusst sind.

Jakarta city covered by air pollution at morning

Jakarta, die Hauptstadt von Indonesien, gehört zu den am stärksten von Luftverschmutzung betroffenen Städten. Elektromobilität könnte bei der Lösung dieses Problems helfen. Bild: Adobe Stock – Creativa Images

Die „Großen 3“ – Thailand, Malaysia und Indonesien – haben darum entsprechende Roadmaps für den Einsatz von Elektrofahrzeugen entwickelt, um ein integriertes Elektrofahrzeug-Ökosystem zu errichten, das Privatinvestitionen über die Wertschöpfungskette unterstützt. Beispielsweise plant der Fahrzeughersteller Hyundai in Indonesien einen Produktionsstandort für jährlich 250.000 Elektrofahrzeuge. Ebenfalls in Indonesien will ein Konsortium aus Investoren aus Südkorea, Japan und China für 4 Mrd. USD ein Werk für Batterie-Elektrofahrzeuge errichten, um die reichlich vorhandenen Nickel-Laterit-Ressourcen des Landes als Schlüssel-Bestandteil von Lithium-Batterien zu erschließen. Außerdem arbeitet das Land momentan eine Richtlinie aus, die steuerliche Anreize für Hersteller von Elektrobatterien und Elektrofahrzeugen bietet, sowie Tarifvereinbarungen mit Ländern, die einen hohen Bedarf an Elektrofahrzeugen aufweisen.

Wachsender Verpackungsmarkt …

Großes Potenzial steckt auch im südostasiatischen Markt für kunststoffbasierte Verpackungen: Laut einer Branchenprognose von Transparency Market Research kann der asiatische Markt für flexible Verpackungen von 2016 bis 2024 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 5,7 % erreichen und somit auf 6,7 Mrd. USD steigen. Thailand weist eines der fortschrittlichsten Nahrungsmittelverarbeitungssegmente Asiens vor und besitzt über 10.000 Nahrungsmittel- und Getränkeverarbeitungsbetriebe. Als drittgrößte Branche des Landes erwirtschaftet sie über 20 % des Bruttoinlandsprodukts. Die thailändische Verpackungsindustrie wird im Jahr 2020 voraussichtlich 63,1 Bill. Einheiten vorweisen, verglichen mit 51,3 Bill. Einheiten im Jahr 2017 ein deutlicher Anstieg. Verpackungen, die eine hohe Funktionalität aufweisen, wie On-the-go-Verpackungen, nachhaltige Verpackungen oder personalisierte Päckchen, werden langfristig eine höhere Nachfrage erzielen, ebenso wie Hartkunststoffe.

In Indonesien machen Lebensmittelverpackungen laut Transparency Market Research 70 % des Plastikkonsums aus. Die Umsätze im Bereich Lebensmittel und Getränke zählen dort zu den treibenden Kräften für den starken Anstieg im Einzelhandelsumsatz, der basierend auf den Daten von Dezember 2018 von der Bank Indonesia durchschnittlich bei 3,7 % im Vergleich zum Vorjahr liegt. Dadurch ist auch der Kunststoffmarkt gewachsen. Der aufkommende Trend eines hektischen, schnelllebigen Lebensstils in der florierenden indonesischen Urbanisierung ist laut Global Data auch für die steigende Nachfrage nach kleineren, praktischen, On-the-go-Verpackungen und anderen Verpackungsarten verantwortlich, was auch für ein steigendes Umweltbewusstsein bei den Verbrauchern spricht, welches wiederum als Schlüsselfaktor für eine höhere Nachfrage nach umweltfreundlichen Verpackungsformaten gilt. Auch in Malaysia wird der Kunststoffmarkt mit über 1.500 Kunststofffertigungsunternehmen vor allem von Verpackungen dominiert. Dort trägt auch die Pharmaindustrie zum Wachstum des Verpackungsgeschäfts bei.

… und wachsende Abfallproblematik

Vietnamese woman throws garbage on the beach by the sea. Dump by the sea. bad ecology in Southeast Asia. Fishermen village in MUI ne

Die Hälfte des Plastikmülls in den Ozeanen stammt aus China, Indonesien, den Philippinen, Thailand und Vietnam. In der Region besteht großer Bedarf an nachhaltigen Verpackungs- und Recycling-Lösungen. Bild: Adobe Stock – diy13

Die boomenden Kunststoff- und Verpackungsbranchen in Südostasien haben zu einem immer größer werdenden Abfallproblem geführt. Laut der Umweltschutzorganisation Ocean Conservancy und basierend auf den Forschungsergebnissen des Magazins Science stammt über die Hälfte des Plastikmülls, der in den Weltmeeren landet, aus fünf Ländern – China, Indonesien, den Philippinen, Thailand und Vietnam. Nachdem China im letzten Jahr die Einfuhr von Kunststoffabfällen gestoppt hat, ist zunächst Südostasien zur Anlaufstelle für westlichen Verpackungsmüll geworden, und die Zahl illegaler Plastik-Recycling-Fabriken nimmt auch trotz Einfuhrverboten zu.

Doch auch die dortigen Staaten bemühen sich, gegen die Plastikflut anzukämpfen. Zwar ist die Einführung einer Steuer auf Einwegplastiktüten am Widerstand kleiner und mittelständischer Unternehmen gescheitert. Aber laut dem Ministerium für Meeresangelegenheiten geht das Land davon aus, dass sich die Menge an Plastik, die es in die Weltmeere leitet, bis 2025 um 70 % reduzieren lässt. Dazu sollen Produktverpackungen überarbeitet, recycelbare Materialien verwendet und eine entsprechende Abfallwirtschaft eingeführt werden. Bezüglich Letzterer kann das Land bereits eine Recyclingindustrie vorweisen, die pro Jahr circa 1,1 Mio. t Kunststoffabfall recycelt. Dennoch ist die Recyclingrate mit unter 20 % verhältnismäßig niedrig.

Thailand produziert pro Jahr rund 3 Mio. t Plastikmüll und hat eine 20-Jahres-Strategie veröffentlicht, die laut den Plänen des Ministeriums für Umweltschutz bis 2022 ein Nutzungsverbot für dünne Einwegplastiktüten vorsieht und bis 2025 ein Verbot für Einwegplastikbecher und Plastiktrinkhalme. Das Nachbarland Malaysia hat hingegen einen Zero-Waste-Plan erstellt, der die Abschaffung von Einwegplastik bis 2030 anvisiert. Kambodscha hat mittlerweile eine Gebühr auf Plastiktüten in Einkaufszentren und Supermärkten eingeführt. In den Philippinen hat die Regierung ein Verbot von Plastik­utensilien, Plastiktüten und Plastiktrinkhalmen verhängt. Die Gemeindeverwaltungen haben außerdem Zero-Waste-Strategien in ihren Städten eingeführt.

Nachhaltigkeit in der Branche ist nur durch das Anpassen der aktuellen Systeme für die Plastikhandhabung und den Plastikkonsum möglich. Daher besteht in der Region Südostasien einerseits ein Bedarf an entsprechender Recycling-Technologie sowie an recyclebaren Materialien. Andererseits von Bedeutung sind Werkstoffe, die funktionale Verpackungen auch mit geringerem Materialaufwand ermöglichen, um die entstehende Abfallmenge zu reduzieren.

Internationale Allianz will Plastikmüll komplett beseitigen

Heftausgabe: Oktober/2019
Ansgar Kretschmer, Redaktion

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