Navigieren auf Sicht

Folgen des Ölpreisverfalls für Anlagenbau und Projektgeschäft

Anlagenbau
Chemie
Pharma
Ausrüster
Planer
Betreiber
Einkäufer
Manager

25.08.2015 Wenn die Ölmultis in kurzer Zeit Projekte im Wert von 200 Mrd. Dollar schlachten, kann das am Anlagenbau nicht spurlos vorbeigehen – sollte man meinen. Doch nicht überall ist Heulen und Zähneklappern. Die Wasserscheide scheint momentan nördlich der Raffinerieprojekte zu verlaufen.

Anzeige

Entscheider-Facts Für Planer und Manager

  • Angesichts des massiven Ölpreisverfalls haben die globalen Energiekonzerne bis zur Jahresmitte die „finale Investitionsentscheidung" für Großprojekte mit einem Wert von rund 200 Mrd. US-Dollar verschoben.
  • Für den verfahrenstechnischen Anlagenbau gilt derzeit: Je näher der Anlagenbauer am Bohrloch arbeitet, desto gravierender die Auswirkungen.
  • Im deutschen Anlagenbau ist das Bild derzeit noch uneinheitlich. Die Projekt-Pipelines der Unternehmen sind noch gut gefüllt.

Bei den globalen Öl- und Gaskonzernen regiert der Rotstift. Angesichts des massiven Ölpreisverfalls haben die Unternehmen bis zur Jahresmitte die „finale Investitionsentscheidung“ für bereits 45 Großprojekte verschoben. Damit wurden insgesamt Investitionen in Höhe von rund 200 Mrd. US-Dollar eingemottet – berichtet das Marktforschungsunternehmen Wood Mackenzie.
„Die Zahl der größeren Upstream-Projekte, für die bis Jahresende eine Investitionsentscheidung getroffen sein wird, lässt sich an einer Hand abzählen“, prognostiziert Angus Rodger, Analyst bei dem britischen Marktforschungsunternehmen. Die aktuellen Investitionskürzungen entsprechen einem Öläquivalent von 20 Mrd. Fässern. Vor allem teure Tiefsee-Förderprojekte sowie die Erschließung von Ölsanden werden dem Rotstift geopfert.

Dabei verfolgen die Energiekonzerne offenbar zwei Ziele: Einerseits reagieren diese mit den Kürzungen auf den Ölpreisverfall und sichern Kapital für Dividendenzahlungen an die gebeutelten Aktionäre. Andererseits soll der Aufschub für Kos­tenoptimierungen an den Projekten genutzt werden. Im Zuge der Kürzungen erwarten die Konzerne Preissenkungen im Anlagenbau und bei Engineering-Dienstleistungen. „In Anbetracht dessen, wo wir derzeit im Capex-Zyklus stehen, werden nur solche Anlagen gebaut werden, denen eine robuste Kalkulation zugrundeliegt. Projekte, die sich erst oberhalb von 50 Dollar/Fass rechnen, werden einer strengen Prüfung unterzogen. Wir gehen davon aus, dass die Mehrzahl dieser Projekte nun für einen Start zwischen 2019 und 2023 geplant werden. Sollten weitere Investitionskürzungen kommen, könnten sich diese Termine noch weiter nach hinten verschieben“, schätzt Rodger.

Die Entwicklung ist für die Ölproduzenten dramatisch. Noch vor einem Jahr konnten diese noch Projekte angehen, deren Break-Even-Preis bei 90 Dollar pro Fass lag. In den vergangenen Monaten wurde dieser sukzessive erst auf 80 Dollar pro Fass, 60 bis 70 Dollar pro Fass und schließlich auf 55 Dollar pro Fass gesenkt. Immer mehr langfristig geplante Projekte können diese Hürde nicht mehr nehmen.

Heftausgabe: September 2015
Seite:

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
Loader-Icon