In Kürze
- Angekündigte Anlagenschließungen 2025 mit einer bestätigten Gesamtkapazität von 17,2 Mt
- Angekündigte Investitionen 2025 dagegen mit einer bestätigten Gesamtkapazität von lediglich 0,3 Mt
- Stillgelegte Kapazität hat sich seit 2022 fast versechsfacht. Geplante neue Kapazitäten sind dagegen stark zurückgegangen.
- Besonders betroffen von Stilllegungen ist Deutschland (8,8 Mt), die meisten neuen Kapazitäten verzeichnet Belgien (2,4 Mt).
- Im Segment Spezialchemie gleichen Neubauten die Stilllegungen annähernd aus, in anderen Downstream-Sparten überwiegen Schließungen und die Netto-Kapazität geht deutlich zurück.
Angekündigte Anlagen-Stilllegungen
Die im Cefic-Radar erfassten Stilllegungsankündigungen haben
seit 2022 stark zugenommen: von 2,9 Mt auf 17,2 Mt (2025YTD) und insgesamt
mindestens 37 Mt für 2022–2025YTD, was etwa 9% der europäischen Chemiekapazität
entspricht. Besonders exponiert ist die Petrochemie (48% der
Schließungskapazität), wobei rund die Hälfte dort auf neun Steamcracker in
integrierten Clustern entfällt. Regional konzentrieren sich 84% der
Schließungskapazität auf die wichtigsten Chemieländer, mit einem auffällig
hohen Anteil der Niederlande. Als häufigster Grund werden fehlende
Energiekosten-Wettbewerbsfähigkeit (49%) sowie niedrige Nachfrage (19%),
Überkapazitäten (9%) und Regulierung (8%) genannt.
Angekündigte Investitionen
Bestätigte Investitionsankündigungen in Europas
Chemieindustrie sind stark zurückgegangen (von 2,7 Mt in 2022 auf 0,3 Mt in
2025) und summieren sich 2022–2025 auf 7 Mt, zusätzlich stehen 5 Mt
unbestätigte Projekte im Raum. Investitionen sind vor allem Nachfrage-Getrieben, vor allem im Bereich Spezialchemikalien im
Umfeld der Batterie-Wertschöpfungskette. Rund 40% des Capex entfallen auf
Batteriematerialien, Emissionsminderung und Recycling. Trotz der größten bestätigten
Investitionskapazität in der Petrochemie (3,8 Mt) reicht das nicht aus, um die
dort angekündigten Schließungen (-17,8 Mt) auszugleichen; gleichzeitig ist das bestätigte Capex in bestätigte Investitionen seit 2022 um 81% gefallen.
Stilllegungen: Schwerpunkt in der Grundstoffchemie
Die Dynamik zeigt sich besonders in der jährlichen Stilllegungsrate: Zwischen 2022 und 2025 stiegen die angekündigten Stilllegungen von 2,9 Mt auf 17,2 Mt pro Jahr. Zudem habe sich die Rate zwischen 2024 und 2025 nochmals verdoppelt. Inhaltlich konzentrieren sich die Kapazitätsrückgänge vor allem auf vorgelagerte Wertschöpfungsstufen: Upstream-Petrochemie macht 17,8 Mt (48 %) der angekündigten Stilllegungen aus, gefolgt von Basischen Anorganika mit 11,7 Mt (32 %), Polymeren mit 5,4 Mt (15 %) und Spezialchemikalien mit 2,0 Mt (5 %). Die Anzahl der Ankündigungen ist dabei laut Bericht gleichmäßiger über die Segmente verteilt als die Kapazitätsmengen.
Innerhalb der Petrochemie ragt ein Punkt heraus: Rund 50 % der dort angekündigten Stilllegungskapazität betrifft neun Steamcracker. Das entspricht einer Netto-Reduktion von 16 % der europäischen Steamcracking-Kapazität. Alle betroffenen Anlagen liegen in integrierten Chemieclustern, was den Druck auf diese Standorte zusätzlich erhöht, da zentrale Vorprodukte und Verbundstrukturen betroffen sind.
Geografisch verteilen sich die angekündigten Stilllegungen über Europa, mit Schwerpunkten in großen Chemiestandorten: Deutschland 8,8 Mt (25 %), Niederlande 7,2 Mt (20 %), Vereinigtes Königreich 4,5 Mt (12 %), Frankreich 3,9 Mt (10 %), Italien 2,5 Mt (7 %), Belgien 2,3 Mt (6 %), Spanien 1,6 Mt (4 %) sowie Rest Europa 6,0 Mt (16 %).
Als wichtigste Begründung für Stilllegungsentscheidungen geben Unternehmen in 49 % der Fälle die Wettbewerbsfähigkeit der Energiekosten an. Es folgen nachfragebezogene Erwägungen (19 %), Überkapazitäten (9 %) sowie regulatorische Faktoren (8 %).
Investitionen: Bestätigte Kapazität und CAPEX gehen massiv zurück
Auf der Investitionsseite zeigt der Radar einen gegenläufigen, aber ebenfalls eindeutigen Trend: Bestätigte Investitionen folgen einer stark abnehmenden Entwicklung, von 2,7 Mt bestätigter Investitionskapazität im Jahr 2022 auf 0,3 Mt im Jahr 2025. Der Cefic-Bericht beziffert den Rückgang im Vergleich zum Vorjahr auf -86 %. Kumuliert ergeben sich über 2022 bis 2025 rund 7 Mt bestätigte Investitionskapazität. Das entspricht etwa 2 % der europäischen Chemieproduktionskapazität.
Segmentseitig dominiert auch bei den Investitionen die Petrochemie: 3,8 Mt (59 %) der bestätigten Investitionen entfallen auf diesen Bereich – was die -17,8 Mt petrochemischer Stilllegungen jedoch nur teilweise kompensiert. Länderseitig konzentrieren sich die größten bestätigten Kapazitätsinvestitionen auf Belgien (2,4 Mt; 36 %), Deutschland (0,8 Mt; 12 %) und Frankreich (0,4 Mt; 6 %); zusammen stehen diese drei Länder für rund 60 % der bestätigten Investitionskapazität.
Parallel dazu ist laut Radar auch der bestätigte Investitions-Capex deutlich gefallen: von 7,6 Mrd. Euro (2022) auf 1,5 Mrd. Euro (2025), ein Rückgang um den Faktor fünf. Auffällig ist dabei, dass Deutschland trotz der größten Chemieindustrie Europas mit 1,4 Mrd. Euro (10 %) hinter Frankreich (1,7 Mrd.Euro, 12 %) und den Niederlanden (1,5 Mrd. Euro, 11 %) liegt. Thematisch werden Investitionen unter anderem Projekten in der Batterie-Wertschöpfungskette (1,9 Mrd. Euro; 14 %), der Emissionsminderung (1,9 Mrd. Euro, 14 %) und dem Recycling (1,5 Mrd. Euro, 11 %) zugeordnet – allerdings folgen auch diese Themen dem übergeordneten Abwärtstrend.
„Es spielt keine Rolle mehr, ob es fünf Minuten vor oder nach zwölf ist", formuliert Marco Mensink, Hauptgeschäftsführer von Cefic. "Der Sektor steht unter massivem Druck und beginnt zu brechen. Die Zahl der Stilllegungen hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt – und noch schlimmer: Die jährlichen Investitionen haben sich halbiert und liegen nahe null. Auf beiden Seiten beschleunigt sich das Tempo, statt langsamer zu werden. Wir brauchen in diesem Jahr entschlossenes Handeln – mit Wirkung bis auf die Ebene der Fabrikhallen.“
Wachsende Asymmetrie
Aus der Gegenüberstellung von angekündigten Stilllegungen und bestätigten Investitionen ergibt sich laut Bericht eine zunehmende Asymmetrie, die über den betrachteten Dreijahres-Zeitraum in eine Netto-Kapazitätsreduktion von -30,2 Mt münden könnte. Die Daten weisen zudem darauf hin, dass diese Asymmetrie unterschätzt sein könnte, weil Investitionen mit zwei bis fünf Jahren typischerweise eine längere Vorlaufzeit haben als Anlagensschließungen mit ein bis zwei Jahren.
Hinzu kommt ein Standortproblem: Länder mit den meisten Stilllegungen sind nicht automatisch jene, die die größten Investitionen anziehen. In der Länderbilanz zeigen sich negative Salden insbesondere für Deutschland (-8,0 Mt), die Niederlande (-6,9 Mt), das Vereinigte Königreich (-4,2 Mt), Frankreich (-3,5 Mt) sowie Mittel- und Osteuropa (-3,4 Mt). Belgien ist als Ausnahme nahezu ausgeglichen (+0,1 Mt), was der Bericht mit einigen relativ großen Projekten begründet.
Auch in den verschiedenen Segmenten bleibt die Schieflage deutlich: Besonders betroffen ist die Upstream-Petrochemie (-14,0 Mt), gefolgt von Basischen Anorganika (-11,3 Mt) und Polymeren (-4,8 Mt). Spezialchemikalien sind vergleichsweise ausgeglichener (-0,3 Mt), gestützt durch Investitionen, etwa im Umfeld der Batterie-Wertschöpfungskette.
Methodik
Der „European Chemical Closures & Investments Radar 2022–2025“ wurde von Cefic beauftragt und von Roland Berger erstellt. Er dient als wiederkehrender Tracker und soll als KPI für europäische Wettbewerbsfähigkeit sowie die Wirksamkeit industriepolitischer Maßnahmen fungieren. Erfasst werden öffentlich angekündigte Kapazitätsschließungen und -investitionen; Reorganisationen, Effizienzprogramme und reine Auslastungsänderungen sind explizit ausgenommen. Der Tracker soll mehrmals pro Jahr aktualisiert werden; zweimal jährlich ist eine verdichtete Trendzusammenfassung vorgesehen.
Der Cefic-Radar „European Chemical Closures &
Investments“ erfasst öffentlich angekündigte Kapazitätsstilllegungen (inkl.
dauerhafte Stilllegungen, Downsizing und Idling > 3 Monate) sowie
Investitionen (Green-/Brownfield) > EUR 25 Mio. CAPEX. Standardgrafiken
zeigen nur confirmed investments (formal genehmigt/FID, Baustart oder in
Betrieb). Scope: EU27, UK, Norwegen, Schweiz, Chemieindustrie NACE 20; u. a.
Industriegase und (Bio)fuels sind nicht im Tracking. Ankündigungen können sich
ändern bzw. nicht materialisieren.