Michael Strack, Leiter Engineering bei Yncoris

Die Bereitschaft der Auftraggeber im Chemieanlagenbau steigt, Projekte mit Dienstleistern auf Augenhöhe zu diskutieren und Lösungen zu bewerten. (Bild: Bilder: getty / Yncoris)

CT: Anlagenplaner und Verfahrenstechniker erleben aktuell eine sehr spannende Zeit: Die Chemie und andere Prozessindustrien stehen vor einem enormen Transformationsprozess, haben aber auch noch die Pandemiesituation zu bewältigen. Was beschäftigt Sie im Engineering bei Yncoris besonders?
Strack: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren ein starkes Auf und Ab gesehen: Zunächst wurden viele Projekte gestoppt, doch seit die Produktion im vergangenen Jahr wieder anzieht, kommen auch die Projekte zurück und neue dazu. Das ist erfreulich, allerdings werden die Ressourcen im Anlagenbau knapp. Insbesondere bei der Baustellenabwicklung fehlt Personal und die Kosten – auch für Material – steigen.

Erfreulich ist allerdings, dass dadurch die Bereitschaft der Auftraggeber steigt, mehr in die Diskussion über das Projekt zu gehen: Es entsteht ein Austausch auf Augenhöhe und wir sind mehr gefragt, die vom Auftraggeber ins Auge gefassten Lösungen zu bewerten. Und dann sind da noch andere Megathemen wie Klimaneutralität. Die von den Vorständen ausgegebenen Nachhaltigkeitsziele müssen schließlich von den Ingenieuren in den Betrieben umgesetzt werden. Da sind wir als Berater gefragt, weil wir das Thema Klimaneutralität auf allen Ebenen bearbeiten: einmal als Chemieparkbetreiber, indem wir unsere im Chemiepark ansässigen Firmen dabei unterstützen klimaneutral zu werden. Außerdem indem wir die Utilities auf klimaneutraler Basis zur Verfügung stellen. Und wir vom Engineering müssen auch Technologien anbieten, die unsere Kunden unterstützen, klimaneutral zu werden.

CT: Ein weiteres Megathema ist die Digitalisierung. Wie sehen Sie hier die Rolle des Yncoris-Engineerings?
Strack: Wir sind der Meinung, dass die Klimaneutralität nicht ohne Digitalisierung möglich ist. Die Betriebsweise lässt sich optimieren, wenn man einen digitalen Zwilling nutzt. Mit den Daten aus den Betrieben ist es mit künstlicher Intelligenz und Machine Learning in Kombination mit verfahrenstechnischem Know-how möglich, kausale Zusammenhänge herzustellen. Damit kann man dem Anlagenfahrer Empfehlungen für einen optimierten Teillastbetrieb oder Anfahrvorgänge geben. Gerade bei Neubauten halten wir Digitalisierungskonzepte für sehr wichtig. Eine Hürde ist dabei allerdings immer noch die Capex- und Opex-Schere: Um die Betriebskosten zu senken, muss am Anfang meist mehr investiert werden. Und oft stehen für Projektpartner die Investitionskosten im Vordergrund.

Engineering Summit 2022 adressiert Dekarbonisierung

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Wie die Dekarbonisierung und der Trend zur Nachhaltigkeit den europäischen Anlagenbau verändern wird, ist Thema des kommenden Engineering Summit, der vom 20. bis 21. Juli 2022 in Darmstadt stattfinden wird. Unter dem Motto „Welcome to the new realities in plant engineering“ werden Führungskräfte aus dem europäischen Anlagenbau die aktuellen Entwicklungen der Branche diskutieren.

Im Zentrum steht die Frage, welche Chancen die globale Energietransformation für die Branche bietet. Denn klar ist: Ohne den verfahrenstechnischen Anlagenbau können Wasserstoff-Wirtschaft, Umstellung der Metallurgie-, Chemie- oder Zementindustrie auf grünen Strom und eine klimaneutrale Mobilität nicht gelingen. Gleichzeitig schaffen neue Verfahren und Prozesse enorme Chancen für technologie-getriebene Anlagenbau-Unternehmen, gleichzeitig allerdings auch enorme Herausforderungen im Hinblick auf eigene Investitionen zur Technologieentwicklung und Abwicklungskompetenz. Mehr Informationen unter www.engineering-summit.de

CT: Die Diskussion um Investitions- versus Betriebskosten ist nicht neu. Sind die Kunden im Hinblick auf die Transformationsthemen inzwischen offener dafür, das zu diskutieren?
Strack: Das kann ich noch nicht eindeutig mit Ja beantworten, aber ich glaube Tendenzen erkennen zu können. Die Technologien zur Digitalisierung, beispielsweise den digitalen Zwilling, gab es schon vor 20 Jahren. Heute sind Software und Hardware deutlich weiter und auch akzeptiert. Mit KI kann man viel machen, aber mit den kausalen Zusammenhängen über das Domänenwissen der Verfahrenstechniker kann man wirklich viel rausholen. So haben wir zum Beispiel hier am Standort ein Kühlwassersystem in einem digitalen Zwilling nachgebaut und Optimierungspotenzial identifiziert.

Mit der Wettervorhersage für die nächsten acht Tage können wir unseren Kunden dann sagen, welche Vorlauftemperatur das von uns gelieferte Kühlwasser haben wird. Damit kann der Kunde seine Produktion anders steuern.

CT: Da sind wir ja eigentlich schon an einer Besonderheit Ihrer Setups als Engineering-Anbieter: die Rückkopplung von Betriebserfahrungen in den Planungsprozess. Wie nutzen Sie das für Ihr Engineering-­Geschäft?
Strack: Das ist ein USP der Yncoris: Wir planen, betreiben, instandhalten und bauen. Auch Instandhaltungskonzepte denken wir schon in der Planung mit: Welche Werte müsste ich eigentlich wo abgreifen, damit der Betrieb später eine zustandsbasierte Instandhaltung realisieren kann. Wenn wir eine Pumpe auslegen, können wir auch die Erfahrungen der Kollegen nutzen, die unseren Pumpenpool betreiben.

CT: In Ihrem Leistungskatalog steht auch GMP-Planung. Wie passt das zu Ihrem doch ausgeprägten Chemie­fokus?
Strack: Wir haben in den vergangenen Jahren immer mal Projekte für Kunden aus der Pharmaindustrie realisiert und uns entschieden, das weiter auszubauen. Und die Fragestellungen und Lösungen daraus lassen sich auf immer mehr Bereiche übertragen. Zum Beispiel: Wie sichert man die Produktion vor Störstoffen im Produkt? Das ist auch bei der Herstellung von Polysilizium wichtig, aber auch für die Produktion von Batterien für Elektroautos. Das erfordert auch besondere Planungs- und Montagekompetenz und die Fähigkeit, solch komplexe Prozesse zu beherrschen.

Zur Person: Michael Strack

Michael Strack ist Prokurist und Leiter der Geschäftseinheit Engineering bei Yncoris, ein Industriedienstleister und der Standortbetreiber des Chemiepark Knapsack. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind neben der Anlagenplanung speziell die Digitalisierung sowie Themen der Klimaneutralität wie CO2-­Reduzierung, Kreislaufwirtschaft und Prozessoptimierung für produzierende mittelständische und große Chemie- sowie Pharma-Unternehmen. Strack ist Verfahrenstechniker und seit mehr als dreißig
Jahren im Bereich der verfahrens­technischen Anlagenplanung aktiv. In den letzten zwölf Jahren ist Strack als Leiter des Engineerings in die Themen Projektmanagement, Produkt- und Strategieentwicklung involviert.

CT: Zurück zum Thema Dekarbonisierung: Haben sie da schon konkrete Projektanfragen?
Strack: Wir haben noch keine Anlagen umgebaut, um diese zu dekarbonisieren. Aber zum Thema Nachhaltigkeit gibt es schon Kundenanfragen: Laufende Projekte wurden bereits gestoppt, weil der Kunde sich gewünscht hat, dass wir während der Planung Nachhaltigkeitskriterien untersuchen. So zum Beispiel die Prüfung, ob man mit Dampf oder elektrisch beheizen soll, aber auch Reststoff-Kreisläufe. Das nimmt zu.
Wir sind in mehreren Forschungsprojekten für Power-to-X mit dabei. Die große Frage wird dabei sein, wie wir diese Überlegungen und Konzepte auch in den Mittelstand in der Chemie bringen.

CT: Wie hat sich das Projektgeschäft für Yncoris zuletzt entwickelt?
Strack: Wir sind in den letzten acht Jahren um 100 Prozent gewachsen. Inzwischen haben wir im Engineering 160 Mitarbeiter. Und das kriegen auch die Kunden mit, sodass wir auch immer größere Projekte und auch immer mehr Projekte bekommen.

EPCM-Verträge
EPCM-Verträge schaffen Flexibilität, weil bei Vertragsbeginn noch nicht alle Festlegungen getroffen sein müssen. (Bild: getty / Yncoris)

CT: Im Projektgeschäft ist in letzter Zeit ein Trend zur Vertragsform EPCM zu sehen, bei der ein Kontraktor zwar die Gesamtverantwortung hat, aber in der Bauphase vor allem Überwachungsleistungen erbringt. Sehen Sie diesen Trend in Ihrem Geschäft ebenfalls und wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Strack: Den Trend sehen wir ganz klar. Wir begrüßen das, weil wir von der Prozessidee bis zur Realisierung mit dabei sein wollen. Natürlich ist das gegenüber einzelnen Engineering-Leistungen auch eine große Herausforderung. Einmal weil die frühen Projektphasen sehr viel Kreativität erfordern, wenn man Optionen ausloten und bewerten muss. Wichtig ist es dann, einen Punkt zu definieren, an dem man sich festlegt. Denn sobald man in die Umsetzung geht, zählt Geschwindigkeit. Das erfordert ein anderes Mindset bei den Beteiligten. Und in der Bauabwicklung muss man die vom Kunden beauftragten Firmen steuern können. Das bedeutet Schnittstellenmanagement in einem komplexen System, mit Leuten, die man nur fachlich führt, aber nicht direkt. Verschiedenste Firmen mit unterschiedlichen Interessen müssen auf ein Ziel eingeschworen werden. Das erfordert Know-how und Fingerspitzengefühl.

Für den Kunden bietet EPCM aber auch Flexibilität, denn im Gegensatz zu EPC kann sich das Projekt noch weiter entwickeln und müssen bei Vertragsbeginn nicht alle Festlegungen getroffen sein.

CT: Das bringt uns zum Ressourcenthema: Kriegen Sie für die wachsende Projektzahl die notwendigen Fachkräfte?
Strack: Wir lösen das über ein partnerschaftliches Netzwerk und arbeiten in unserem Geschäft mit externen Ressourcen. Wir hatten 2021 drei große Projekte, die zeitgleich in die Bauphase eingetreten sind. Das kann man nicht mit eigenem Personal stemmen. Ich möchte die Kompetenz definitiv selbst an Bord haben – und zwar auch redundant, aber dann greifen wir auf unser Netzwerk zurück.

CT: Wie gehen Sie mit den stark steigenden Preisen im Chemieanlagenbau um?
Strack: Das ist eine echte Herausforderung: Wir müssen Projekte ja auf Jahre im Voraus kalkulieren und anbieten. Vor zwei Jahren konnte noch niemand absehen, wie sich das entwickeln wird. Wenn man Kostensteigerungen kalkuliert, kann man Gewinner oder Verlierer sein. Und da stehen wir natürlich auch im Wettbewerb. Auch das spricht für EPCM als Vertragsform. Da teilt man sich den Schmerz mit den Auftraggebern und diese profitieren auch, wenn die Preise in den kommenden Jahren wieder sinken.

CT: Im Engineering-Geschäft sind die Risiken hoch und die Margen niedrig. Warum ist das für Yncoris trotzdem wichtig?
Strack: Es stimmt, die Rendite liegt im mittleren einstelligen Bereich. Manche Anbieter konzentrieren sich deshalb auf das margenstärkere Basic Engineering. Die haben aber das Problem, nachzuweisen, dass das, was sie als Basic Engineering abgeben, überhaupt realisierbar ist. Wir bieten die ganze Palette an und denken, dass auch die Marge interessant ist. Uns motiviert, dass wir mit unseren Konzepten der chemischen Industrie die Chance erarbeiten, auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist neben den Margen definitiv eine Motivation. Für Ingenieure, insbesondere die Jungen, ist es wichtig, einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten.

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