Universalprüfmaschine mit umfangreichem Monitoring
Werkstoffprüfung für die Nuklearindustrie
Ein deutsches Prüflabor führt unter anderem Zugproben und Kerbschlagversuche zur Werkstoffprüfung für einen französischen Kernenergiespezialisten aus. Eine aufgerüstete Universalprüfmaschine generiert die geforderten Daten und detaillierte Dokumentation.
Zugversuche an der neuen Prüfmaschine des Labors erzeugen eine Vielzahl von Daten, um die Versuche lückenlos zu dokumentieren.
GWQ
Entscheider-Facts
- Mit einem Prüfmaschinen-Upgrade erfüllt ein Dienstleister die
anspruchsvollen Vorgaben der Nuklearindustrie an die Werkstoffprüfung.
- Das System erlaubt die Überwachung aller Prüfdetails vom
Temperaturverlauf bis zur Regelgeschwindigkeit und liefert lückenlose Rohdaten
zur vollständigen Nachverfolgbarkeit der Prüfabläufe.
- Der durch die Atomindustrie angestoßene Qualitätssprung des
Prüflabors kommt auch Betreibern in anderen Prozessindustrien mit
vergleichbaren Ansprüchen zugute.
Vor dem Hintergrund
der Produktion, Speicherung und des Transports kritischer Medien wie Wasserstoff –
der durch Versprödung erhebliche Anforderungen an Werkstoffe stellt –
sowie LNG für globale Energieinfrastrukturen steigen die
Anforderungen an Hochdruckbehälter, Rohrleitungen und sicherheitsrelevante
Komponenten massiv. Anlagenbetreiber wie Evonik, Ineos, Air Liquide und Linde
im Bereich Wasserstofftechnologien sowie Uniper und Shell im
LNG-Umfeld fordern eine lückenlose, normkonforme Werkstoffprüfung mit höchster
Datenintegrität. Gleichzeitig gelten vergleichbare Anforderungen in der Nuklearindustrie,
wo sicherheitsrelevante Komponenten nur dann zugelassen werden, wenn Prüfungen
nicht nur korrekt durchgeführt, sondern vollständig überwacht, dokumentiert und
über Jahrzehnte nachvollziehbar archiviert werden.
Das Prüflabor GWQ mit Sitz in Moers ist eine Tochter der TÜV-Nord-Gruppe und Spezialist für die zerstörende und zerstörungsfreie
Werkstoffprüfung und verfügt aktuell über 50 Mitarbeiter. Das Unternehmen ist im
Bereich der zerstörenden Werkstoffprüfung auf spezielle Anwendungsbereiche
spezialisiert und unter anderem für Prüfungen im Bereich der Schweißtechnik
(unter anderem AD 2000), Norsok-Standards (Offshore-Anwendungen), Gashochdruckanwendungen
DVGW (zum Beispiel Verfahrensprüfung der Schweißnähte für Wasserstoffanbindungen und
LNG-Terminals) zuständig. Seit etwa fünf Jahren erfüllt das Labor auch die Anforderungen
des RCCM-Codes der Nuklearindustrie.
Für Framatome, ein französisches Unternehmen, das Kernkraftwerke
entwickelt, baut und instand hält, führt GWQ neben den mechanisch
technologischen sowie metallographischen Untersuchungen die klassische
Werkstoffprüfung mit Zug- und Kerbschlagbiegeversuchen durch. Die verschiedenen
Stahlgüten (Ferrit, Austenit und Duplex-Werkstoffe), die im Nuklearbereich Anwendung
finden, werden für die jeweiligen Gefahrenbereiche Q1 bis Q3 geprüft. Ein aktuelles
Projekt ist das Kernkraftwerk in Hinkley Point in Somerset, England, das aus
zwei EPR-Reaktoren besteht.
Framatome schaut den Dienstleistern und Werkstoffprüflaboren genauer auf die Finger.
Wolfram Schütz,
Geschäftsführer von Schütz+Licht Prüftechnik
Generell werden im Nuklearbereich nicht nur die Prüf- und Versuchsdaten,
sondern auch das Restmaterial inklusive der geprüften Proben für mindestens 30
Jahre aufbewahrt. Die Bruchflächen der Proben werden speziell verpackt, vakuumiert
und in einem Spezialdepot beim Kunden eingelagert. Hintergrund ist, dass im
Falle von Störungen oder Problemen diese Rückstellmuster sowie Prüf- und
Versuchsdaten zur Findung herangezogen werden können.
Nun wurde in der Vergangenheit bei internen Nachprüfungen
seitens Framatome sowie EDF Energy festgestellt, dass Zugversuche und
Kerbschlagbiegeversuche nicht normkonform durchgeführt wurden. „Bei der Pendelschlag-Werkprüfung
hat ein Unternehmen vor Jahren falsche Zahlen weitergegeben. Deswegen schaut Framatome
den Dienstleistern und Werkstoffprüflaboren genauer auf die Finger“, erklärt Wolfram
Schütz, Geschäftsführer von Schütz+Licht Prüftechnik. Bei besagter
Kerbschlagbiegeprüfung werden nun nicht nur der Arbeitsverbrauch in Joule beziehungsweise J/cm² ermittelt, sondern zusätzlich der Start- und Anstiegswinkel überwacht und
dokumentiert.
Die Anforderungen an die Werkstoffprüfung sind massiv gestiegen:
Das Unternehmen verlangt von den akkreditierten Prüflaboren genauere Ergebnisse,
eine präzise Überwachung und Dokumentation der Versuche sowie ihre
Reproduzierbarkeit. Das Prüflabor GWQ hat in enger Zusammenarbeit mit den
Inspektoren sowie Kunden und Endkunden die Grundlagen über Jahre entwickelt und
umgesetzt. Insbesondere die Erzeugung von sogenannten „Rohdaten“, also nicht
veränderbaren Versuchsdaten aller Maschinen und Ergebnisparameter, stellten
sich hier als Herausforderung dar. Die Lösung war eine aufwendige, manuelle
Erzeugung im Nachgang. Im Zuge der Entwicklung wurden zusätzlich Features wie Kontrollfenster
für Live-Geschwindigkeiten, Verfahrweg und deren jeweilige Umrechnungen entwickelt,
um die Überwachungstätigkeit der Inspektoren zu erleichtern.
Eine weitere Vorgabe, insbesondere beim Zugversuch bei
erhöhten Temperaturen (Warmzugversuch), war eine komplette Aufzeichnung der
Aufheizraten. „Um die Anforderungen des RCC-M-Codes zu erfüllen, mussten wir
das Konzept des Warmzugversuchs überdenken. Das Monitoring startet normalerweise
erst beim Start des Zugversuches“, erklärt Laborleiter Michael Müller. Durch den
Einsatz von zusätzlichen, extern kalibrierten Thermoelementen und einer
entsprechenden Aufzeichnungsmöglichkeit konnte diese Anforderung ebenfalls umgesetzt
werden.
Anfang 2024 wurde beim Prüf-Dienstleister beschlossen, den Maschinenpark
um eine weitere Universalprüfmaschine zu erweitern. In diese Prüfmaschine
sollten die oben genannten Entwicklungsschritte implementiert und im Idealfall
automatisiert erfolgen und weitere Verbesserungsideen sollten ebenfalls
einfließen. Die Zugprüfmaschine sollte entsprechend modifiziert werden, um die
Versuche regelkonform durchführen zu können und gleichzeitig alle relevanten
Daten zu erzeugen, die die nuklearen Regelwerke verlangen. Die Wahl fiel auf
den Prüfmaschinenhersteller Galdabini und Schütz+Licht Prüftechnik.
Die Anforderungen
Die Universalprüfmaschine Quasar 600 steht nun seit Januar
im Prüflabor und wurde innerhalb von sechs Monaten zur Verfügung gestellt. Die
Maschine deckt die Werkstoffprüfung in einer besonders hohen Detailtiefe ab, über
verschiedene Bauteile und Baugruppen hinweg. Zusätzlich wurden Sensoren
eingebaut, um die Aufheizraten des Ofens zu überwachen. Darüber hinaus wurde die
Software der Maschine angepasst, die ursprünglichen Prüfparameter-Anzeigen im
Display von drei auf acht erweitert und die Exportmöglichkeiten für Daten
erhöht.
Ein Zugversuch erzeugt nun eine Vielzahl von Diagrammen, etwa
Kraft/Weg-, Spannung/Dehnung- oder Geschwindigkeitszunahme-Diagramme. Durch das
integrierte Monitoring ist nun nachvollziehbar, dass im Versuch Regeltechnik
und Geschwindigkeit eingehalten wurden. Die Aufheizrate beim Warmzugversuch kann
mittels 100-%-Überwachung den Nachweis erbringen, dass kein Überschwingen der
Temperatur stattgefunden hat, dass also während des Aufheizvorgangs die
Prüftemperatur nicht überschritten wurde. Die Sachverständigen können sämtliche
relevanten Prüf- und Verfahrensdaten einsehen und auswerten. Das Monitoring
kann auf alle Versuchsarten wie Druck-, Biege und zyklische Versuche adaptiert
werden: Dabei wird für eine lückenlose Dokumentation jeder Tastendruck und
jeder Versuchspunkt aufgezeichnet.
Als Dienstleister führen Prüflabore für ihre Kunden
Prüfungen in engen Fristen und Zeitrahmen durch, da die Prüfergebnisse meistens
am Ende einer Produktions- oder Prozesskette ermittelt werden. Bei Problemen
mit Prüfmaschinen sind diese somit auf einen guten Support angewiesen. Längere
Stillstände können zu hohen Folgekosten wegen Prozess- oder
Produktionsstillständen führen. „Viele Hersteller von Prüfmaschinen machen ein
Ticket auf und der Support meldet sich irgendwann. In unserer Branche kommt es
aber auf Schnelligkeit an. Bei Schütz+Licht kann ich den Chef persönlich anrufen,
wenn nötig auch nachts um drei Uhr“, sagt Müller. Der Maschinenhersteller Galdabini
teilt diesen Servicegedanken und schickt bei Bedarf Techniker aus Mailand nach
Deutschland.
Die Vorteile
Alle Mitarbeiter von GWQ können die Maschine bedienen, was die Betreiber auch unter Vertretungsgesichtspunkten zu schätzen wissen. Die
Prüfmaschine punktet bei den Nutzern mit einer guten Bedienfähigkeit: „Die Software ist
benutzerfreundlich und selbsterklärend – auch wenn neue Module hinzukommen“, erklärt Müller. Bei anderen Maschinen musste GWQ nach einem Update das Team
erneut in der Benutzung schulen, weil nicht sofort klar war, wie man als
Beispiel die Proben dokumentiert, Daten eingibt und Prüfpunkte startet und
stoppt.
Ein weiterer Vorteil gerade für die Zusammenarbeit mit der
französischen Framatome: Mit einer Taste kann die Sprache der
Benutzeroberfläche umgestellt werden. „Der Sachverständige kann dann alle
Schritte in seiner Muttersprache nachvollziehen“, schildert Müller. Außerdem
ist es möglich, die Oberfläche individuell anzupassen.
Insgesamt konnte GWQ mit der neuen Maschine zwei Welten
vereinen: jene der normalen Prüfansprüche und jene der hochqualitativen und
anspruchsvollen Nuklearindustrie. Daten können nun für jeden Kunden in der
Qualität der Nuklearstandards aufgezeichnet werden. „Das bedeutet für unsere
anderen Kunden einen Qualitätssprung und für uns einen Vorsprung gegenüber dem
Wettbewerb. Wir haben unser Labor massiv weiterentwickelt.“
Bei Bedarf kann jeder Versuchsablauf nachvollzogen werden: Taucht
in der Regeltechnik der Maschine ein unerwarteter Peak oder ein Fehlerwert
auf, erlauben es die Daten, die Ursache zu finden. Sämtliche Fragen während der
Prüfungen können auf Basis der umfangreichen Rohdaten beantwortet werden, die
den Sachverständigen in vollem Umfang zur Verfügung gestellt werden – das
wiederum verkürzt die Zeit, die für Fragen anfällt, und hilft auch bei
Reklamationen, da man auf eine lückenlose Dokumentation verweisen kann.