Beschaffung und Entlastungen optimieren

Strategien gegen steigende Energiekosten

Die energieintensiven Industrien sind besonders von steigenden Preisen betroffen. Energieeffizienzmaßnahmen helfen, diese Kosten zu reduzieren, haben aber Grenzen. Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten.

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Entscheider-Facts

  • Volatile Energiepreise strategisch nutzen.

  • Energiebeschaffungstrategie algorithmusgestützt dem Unternehmen anpassen.

  • Förderungen und Entlastungen mit Hilfe eines Energiekostenscans ausschöpfen.

Die Produktion der chemischen Industrie in Deutschland ist von Februar 2022 bis März 2026 saison- und kalenderbereinigt um 18,1 % gesunken – und damit deutlich stärker als in der gesamten Industrie mit einem Rückgang um 9,5 %. Das zeigt, dass die Energiekosten zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden sind. Neben der Reduzierung des Verbrauchs durch Effizienzmaßnahmen, haben Unternehmen vor allem zwei Ansatzpunkte, um diese Kosten zu beeinflussen: die optimale Beschaffungsstrategie und die Nutzung von Beihilfen und Entlastungen.

Volatile Energiepreise strategisch nutzen

Der eigentliche Energiepreis kann grundsätzlich über einen geeigneten Einkauf direkt beeinflusst werden. Er wird an der Börse gebildet und unterliegt aufgrund vielfältiger Markteinflüsse teils erheblichen Schwankungen. Selbst für erfahrene Profis ist eine langfristige Bewertung der Marktsituation deshalb schwierig. Klassische Beschaffungsansätze, wie der einmalige Einkauf pro Jahr, einfache Marktpreisabfragen zu unterschiedlichen Stichtagen oder gar Einkaufsgemeinschaften, sind deshalb längst nicht mehr zeitgemäß.

Stattdessen empfehlen sich für den Energieeinkauf Strategien aus dem Finanzbereich, die eine professionelle Risikostreuung ermöglichen. Indem der Energiebedarf in Teilmengen gesplittet und über verschiedene Zeitpunkte hinweg beschafft wird, reduziert sich das Risiko, zu einem Hochpreis-Zeitpunkt einkaufen zu müssen. Stattdessen entsteht ein optimierter Durchschnittspreis über den Beschaffungszyklus hinweg, gleichzeitig verbessert sich die langfristige Planbarkeit.

Noch mehr Vorteile bietet eine Strategie, die den Markt automatisiert kontinuierlich beobachtet und algorithmusbasiert für jede Tranche den günstigsten Zeitpunkt wählt. So profitieren Unternehmen ohne Aufwand von optimalen Preisen. Gibt es zudem die Möglichkeit, vom strategisch definierten Beschaffungsturnus und den regulären Standardmengen individuell abzuweichen, können starke Preisausschläge nach oben bestmöglich vermieden werden, während sich Niedrigpreisphasen voll ausschöpfen lassen.

Klassische Beschaffungsansätze sind in der neuen Marktsituation längst nicht mehr zeitgemäß.

Strategie muss zum Unternehmen passen

Was dabei dringend zu berücksichtigen ist: Die Energiebeschaffung muss zum Unternehmen passen. Maßgeblich sind vor allem die Produktionsprozesse: Während Unternehmen mit kontinuierlich laufenden Anlagen von einer langfristigen Strategie mit bestmöglichen Konditionen profitieren, erfordern schwankende oder diskontinuierliche Prozesse eine entsprechende Flexibilität im Energiebezug. Auch die Risikobereitschaft spielt eine wichtige Rolle.

Dabei gilt die Faustregel: Wer frühzeitig beschafft, gewinnt Planungssicherheit. Wer kurzfristig beschafft, kann Marktchancen stärker nutzen, trägt aber höhere Risiken. Unternehmen bewegen sich also im Spannungsfeld zwischen Preisabsicherung und Planbarkeit, Flexibilität sowie Mengen- und Kostenrisiken. Das unternehmensspezifische Optimum kann über drei Stellschrauben erreicht werden:

  • Beschaffungshorizont: 12, 24 oder 36 Monate im Voraus,

  • Verhältnis von Terminmarkt (Absicherung) und Spotmarkt (Flexibilität),

  • Grad der Automatisierung: komplett automatisiert oder hybrid mit gezielten Eingriffsmöglichkeiten auf Basis von Markteinschätzungen und Handlungsempfehlungen.

Die optimale Kombination kann hier eine Algorithmus-gestützte Beschaffung bieten. Ein erfolgreiches Modell ist zum Beispiel der Energiefonds von MVV Energie. Dieser optimiert nicht nur das Beschaffungsergebnis, sondern entlastet zudem den Einkauf von der ständigen Marktbeobachtung und der Suche nach den idealen Einkaufszeitpunkten. Stattdessen bleibt dem Kunden die Freiheit, strategischer zu agieren, indem er seine individuellen Beschaffungsparameter festlegt und diese der sich verändernden Unternehmenssituationen anpasst.

CT 6 BFE 3 Viele Unternehmen bezahlen zu viel, weil sie Entlastungen nicht nutzen, die ihnen eigentlich zustehen.

Beihilfen und Entlastungen ausschöpfen

Die Unternehmen der Chemieindustrie gehören zu einer energieintensiven Branche und sind damit bei praktisch allen staatlichen Beihilfen prinzipiell antragsberechtigt, zum Beispiel beim Industriestrompreis und der Strompreiskompensation, den reduzierten Netzentgelten nach §19 Strom NEV, der Energiesteuerrückerstattung oder Carbon-Leakage-Beihilfe (BECV).

Die meisten dieser Beihilfen sind jedoch generell oder in ihrer Höhe an spezifische Anlagen, Abnahmemengen oder ein bestimmtes Lastverhalten geknüpft. Deshalb ist immer individuell zu prüfen, ob das eigene Unternehmen alle Kriterien erfüllt. Außerdem ist es sinnvoll, vorab zu klären, ob die möglichen Beihilfen den Aufwand für die Antragsstellung und ggf. Gegenleistungen übersteigen. Ist das der Fall, sind die geltenden Fristen im Blick zu behalten.

Dieser Prozess sollte in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, weil sich die Beihilfen, der Kreis der berechtigten Unternehmen sowie die Vorgaben und Berichtspflichten immer wieder ändern. Das erfordert Zeit, Ressourcen und Expertenwissen. Die Folge: Viele Unternehmen bezahlen zu viel, weil sie Entlastungen nicht nutzen, die ihnen eigentlich zustehen.

Hierfür hat das BFE Institut für Energie und Umwelt den Energiekostenscan entwickelt. Er liefert einen unternehmensspezifischen, anbieterneutralen Überblick mit konkreten Bewertungen und Empfehlungen. Anhand einiger weniger Unternehmensdaten werden rund 50 Themenfelder im Bereich Energiekosten und Meldepflichten betrachtet – von der Netzentgeltreduzierung über das Marktstammdatenregister und die Konzessionsabgabe bis zur Anschlussoptimierung. Die Fachleute nutzen hierfür spezifische Analyse-Tools, lassen aber auch ihre Erfahrung aus zahlreichen Projekten und den Blick für individuelle Besonderheiten einfließen. Innerhalb weniger Wochen erhält das Unternehmen einen Bericht mit konkreten Einsparpotenzialen und Angaben, wo Handlungsbedarf besteht.

Zwei konkrete Beispiele illustrieren das Potenzial: Für einen Kunststoffhersteller mit einem Stromverbrauch von 3 GWh konnten mögliche Einsparungen von 100.000 Euro identifiziert werden, bei einem Hersteller von Dichtungstechnik mit 1,9 GWh Stromverbrauch waren es 48.000 Euro.

Diese Beispiele zeigen: Es gibt mehrere Wege zur Reduzierung von Energiekosten. Entscheidend ist, die eigenen Optionen zu kennen und im Einklang mit den Unternehmenszielen voll auszuschöpfen.