Tanker

(Bild: Nick Julia / angelha – Adobe Stock)

  • Die Folgen der Covid-Pandemie und des Konflikts mit Russland sind unmittelbare Herausforderungen für die Industrie, die den wichtigen Kampf gegen den Klimawandel erschweren.
  • Der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie fällt unter diesen Bedingungen angesichts der wachsenden Konkurrenz vor allem durch China umso schwerer.
  • Europa muss sich auf seine Innovationskraft als Stärke besinnen, um die Herausforderungen als Chancen wahrnehmen zu können.

Festes Standbein dieser Ausgangsposition ist zunächst die Stellung der Branche in Europa: Mit rund 80.000 Unternehmen und etwa vier Millionen Mitarbeitenden gehört der Sektor Maschinenbau und Prozesstechnologie zu den stärksten europäischen Industriezweigen, betont Richard Clemens, Geschäftsführer im VDMA-Fachverband Verfahrenstechnische Maschinen und Apparate.

Zwar stellte Clemens anlässlich der Achema Media Insights, der Pressevorschau zur Achema 2022, vor allem deutsche Geschäftszahlen vor: Auf den Maschinenbau in Deutschland entfällt ein Anteil am Gesamtumsatz der 27 EU-Staaten von 35 %. Produktions- und Exportzahlen zeigen ein beeindruckendes Wachstum über die letzten Jahre, allein 2020 schlug die Corona-Pandemie eine Delle in die Bilanz, doch mit knapp 10 % Wachstum sprang die Produktion schon 2021 wieder deutlich über die Zahlen vor der Pandemie. Ganz so stark erholten sich die Exporte zwar noch nicht, aber auch hier steht 2021 immerhin ein Zuwachs von fast 6 % in den Büchern. Viele deutsche Unternehmen sind in ihrem Bereich Weltmarktführer, hob Clemens außerdem hervor. Gleichzeitig stellte er aber auch klar: „Deutschland ist in Europa keine Ausnahme.“ So stieg die Maschinenbau-Produktion in ganz Europa 2021 um 12 % an. Umsatzstark sind nach Deutschland auch Italien und Frankreich.

China läuft Europa den Rang ab

Umsatz im Anlagen- und Maschinenbau nach Ursprungsland, Deutschland ist  führend.
Umsatz im Anlagen- und Maschinenbau nach Ursprungsland, Deutschland ist führend. (Bild: Daten/Bild: VDMA)

Ähnlich solide steht die Chemieindustrie in Europa da: Sie ist nach Umsatz (Stand 2020) gemessen mit 499 Mrd. Euro der zweitgrößte Chemikalienproduzent der Welt, beschrieb Daniel Witthaut, Executive Director Innovation des Europäischen Chemieindustrie-Verbandes Cefic. Platz eins geht mit fast dreimal so viel Umsatz (1.547 Mrd. Euro) nach China. Auf dem dritten Platz folgen die USA mit 426 Mrd. Euro Umsatz. Witthaut gab mit diesen Zahlen jedoch auch gleich einen gewissen Dämpfer: Während die Umsätze der Chemieindustrie in den 27 EU-Staaten über die letzten 20 Jahre stabil blieben, fiel der weltweite Marktanteil in diesem Zeitraum von 24,9 auf 14,4 %. Andere Märkte, ganz besonders China, zeigten in dieser Zeit ein beeindruckendes Wachstum und nahmen Europa Marktanteile ab.

Dafür nennt Witthaut zwei Gründe: Erstens ist Europa nicht so reich an Rohstoffen wie andere Regionen der Erde. Zweitens ist Arbeitskraft anderswo billiger zu bekommen. Als einzigen Weg für die Industrie in Europa, um international wettbewerbsfähig zu bleiben, beschreibt er die europäische Innovationskraft. Nimmt man Ausgaben für Forschung und Entwicklung als Maßstab, liegt Europa auch hier aktuell an zweiter Stelle, mit deutlich höheren Forschungsausgaben als noch vor zehn Jahren. Doch auch hier geht, nach Ausgaben gerechnet, der erste Platz mittlerweile an China, das seine Forschungsinvestitionen im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdreifacht hat. Auch hier schwinden Europas Anteile.

Doch aus mehr als einem Grund sollte die EU sich hier nicht den Rang ablaufen lassen: Innovationsexperte Witthaut zufolge ist die Neuentwicklung von Technologien nicht nur Europas beste Chance auf Wettbewerbsfähigkeit: „Was wir jetzt für Forschung und Entwicklung ausgeben, ist die Grundlage für unsere Zukunft, im Bezug auf Nachhaltigkeit und wirtschaftlichen Erfolg in fünf bis zehn Jahren.“ Innovationen sieht er als zwingend erforderlich zum Bewältigen der aktuellen Herausforderungen und Krisen – und das sind, wie eingangs erwähnt, nicht wenige.

„Größte Herausforderung der Menschheit“

Umsatz der Chemieindustrie weltweit: Europa ist der zweitgrößte Chemieproduzent.
Umsatz der Chemieindustrie weltweit: Europa ist der zweitgrößte Chemieproduzent. (Bild: Daten/Bild: Cefic)

Da sind die im Zuge der Covid-19-Pandemie strapazierten Lieferketten und daraus resultierende Engpässe bei Rohstoffen und Ausgangsmaterialien: Besonders elektronische Bauteile und Metalle sowie Kunststoffe und Kunststoff-Bauteile sind schwer zu bekommen. 80 % der Maschinen- und Anlagenbau-Unternehmen haben Anpassungen ihrer Lieferketten vorgenommen und beispielsweise andere Bezugsquellen oder Lieferstrecken erschlossen, beschreibt VDMA-Sprecher Richard Clemens. Durch den Konflikt mit Russland drohende Einschränkungen in der Öl- und Gasversorgung verschärfen die Lage noch.

Und unter diesem Materialmangel ist die Industrie konfrontiert mit „der größten Herausforderung der Menschheit im kommenden Jahrzehnt“, so Clemens, nämlich dem Kampf gegen den Klimawandel. Diesem könne man nur mit neuen Technologien begegnen. Dies bestätigt Cefic-Vertreter Witthault, und verweist auf den „European Green Deal“. Dieser bringt mit schärferen Regularien weitere Herausforderungen für die Chemieindustrie, ist aber auch die treibende Kraft hinter den wichtigen Trends der Zeit: Klimaneutrale Produktion ist ein wichtiges Ziel der Prozessindustrie.

Genau hier liegen, da sind sich die Branchenvertreter einig, angesichts der Herausforderungen auch große Chancen für die europäische Industrie. Denn kann sie ihre Innovationskraft nutzen, um etwa alternative Rohstoffe zu erschließen, so ließe sich das Problem der strapazierten Lieferketten erleichtern. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft hätte nicht nur nachhaltigeren Rohstoffeinsatz und weniger Umweltverschmutzung zur Folge, sondern würde auch Materialien in den Lieferketten halten und diese entlasten. Der Einsatz von Kohlendioxid als Ausgangsstoff ist zwar chemisch anspruchsvoll, doch die Abscheidung und Wiederverwendung des Treibhausgases könnte nicht nur Emissionen senken, sondern darüber hinaus eine Alternative zu Rohstoff-Importen darstellen. In ähnlicher Weise soll Wasserstoff sowohl als Energieträger wie auch als Rohstoff dienen. Um nachhaltig und gleichzeitig wirtschaftlich zu sein, müssen jedoch Anschaffungs- und Betriebskosten etwa von Elektrolyseuren deutlich sinken. Dann jedoch könnte Wasserstoff Entlastung bei Öl- und Gasmangel bieten.

All diese Ansätze fasst Witthault zusammen unter dem Ansatz „Safe and Sustainable by Design“, der zentraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie der europäischen Chemieindustrie ist. Weitere wichtige Werkzeuge sind digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz, Blockchain oder fortgeschrittene Computermodelle, deren sinnvollen Einsatz die Industrie gerade erst zu erschließen beginnt. Clemens betont außerdem die Rolle der Maschinenbauer als Versorger mit notwendiger Technologie – existierender wie noch zu entwickelnder. Für die Anbieter solcher Technologien hält er sogar ein „goldenes Zeitalter“ für möglich.

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