Automation als Jobkiller

CT-Umfrage: Die Folgen der Industrie 4.0 für den Arbeitsmarkt

09.03.2016 Automatisierung wird in Industrieländern zum Jobkiller. Zu diesem wenig optimistischen Schluss kam im Januar 2016 eine Studie des World Economic Forum. Der Maschinenbau-Verband VDMA dementierte umgehend. Doch wie schätzen die CT-Leser die Folgen der Industrie 4.0 ein? Die Redaktion hat nachgefragt.

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Das WEF-Postulat: Durch Digitalisierung und Automation werden bis 2020 zirka 7,1 Mio. Arbeitsplätze obsolet – und lediglich 2 Mio. neue entstehen. „Disruptive Technologien“, so die Studie, „interagieren mit sozio-ökonomischen, geopolitischen und demografischen Faktoren und werden in den kommen fünf Jahren auf dem Arbeitsmarkt einen perfekten Sturm erzeugen.“ Für die Studie haben die Wirtschaftsforscher Führungskräfte der 350 größten Unternehmen der Welt befragt. Gefährdet seien vor allem Büroangestellte mit „weißem Kragen“, die heute in den Unternehmen Routinetätigkeiten erfüllen.

Die düstere Vision, die in dieser Studie beschrieben wird, können wir überhaupt nicht teilen“, dementierte Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA, im Januar postwendend: „Große Automationswellen in den vergangenen Jahrzehnten haben weder zur Auslöschung von Berufen geführt noch die Beschäftigung insgesamt verringert. Steigende Produktivität führt zu mehr Wohlstand und damit zu einer erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften.“ Ist Jobabbau also ein Problem der anderen Industrieländer?

Wir haben in der Leserschaft der CHEMIE TECHNIK nachgefragt: Rund 600 Fachkräfte bei Chemiebetreibern, darunter zahlreiche Automatisierer sowie Anlagenbau-Dienstleister und Hersteller von Automatisierungsausrüstung wurden im Februar angeschrieben, zum Redaktionsschluss hatten 94 der Befragten unseren Online-Fragebogen ausgefüllt.

Und das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Mehr als doppelt so viele Teilnehmer sind der Meinung, dass im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung unter dem Leitbild der Industrie 4.0 mehr Arbeitsplätze verloren gehen werden, als neue entstehen. Und auch bei der Frage, ob durch Industrie 4.0 in Chemie- und Pharmaunternehmen Berufe verschwinden werden, zeigte sich die Mehrheit der Befragungsteilnehmer überzeugt, dass dies so sein wird. Allerdings sind noch deutlich mehr der Fachleute überzeugt, dass auch neue Berufe entstehen werden. Insbesondere für die Nutzung der aus Automatisierung und Digitalisierung gewonnenen Daten wird dies der Fall sein: So rechnen rund drei Viertel der Befragungsteilnehmer damit, dass in den Bereichen Prozessmodellierung und Produktionsdatenanalyse neue Berufe und Jobs entstehen werden. Auch in den Fachstellen für Automatisierung sowie der produktionsnahen IT rechnen die Befragten mit mehr Arbeitsplätzen. Auf der Verliererseite werden vor allem die kaufmännische Auftragsabwicklung, der Einkauf sowie Produktionsplanung, aber auch die Leitwarte (Operator) gesehen. Geschuldet ist dieser Jobverlust der Vernetzung von Geschäftsprozessen und Unternehmen: Wenn beispielsweise ein Füllstandsensor in einem Lagertank beim Unterschreiten eines bestimmten Levels automatisch beim Lieferanten Nachschub bestellt, dann werden beim Abnehmer Einkaufstätigkeiten obsolet, und beim Lieferanten wird die Auftragsabwicklung deutlich vereinfacht. In der Prozessführung ist bereits seit Jahren zu beobachten, dass in Werken mit mehreren Betrieben immer mehr Anlagen in einer Leitwarte zusammengefasst werden – zum Teil sogar über geografisch verteilte Standorte hinweg. Möglich wird dies durch eine immer intensiver automatisierte und vernetzte Technik.

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Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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