Stilllegungen und Investitionsstau

Cefic-Radar: Chemieindustrie-Verband verfolgt Anlagenschließungen und Investitionen

Der „Closures & Investments Radar“ des europäischen Chemieindustrieverbandes Cefic zeigt in Zahlen, wie sehr die Branche unter Druck steht: Seit 2022 haben sich Werksschließungen deutlich beschleunigt, während neue Investitionen spürbar zurückgehen. Der Bericht beziffert die seitdem kumulativ stillgelegte Kapazität auf 37 Mio. t.

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Fotorealistisches Weitwinkelbild eines industriellen Chemieclusters: links ältere, teilweise stillgelegte Anlagen mit gedimmten Lichtern und abgesperrten Bereichen, rechts eine moderne, neu wirkende Anlagensektion mit aktiver Beleuchtung und sichtbaren Baustellen-Elementen

Die Stillegungen entsprechen einem Rückgang von rund 9 % der gesamten europäischen Chemieproduktionskapazität. Damit einher gehen laut Bericht rund 20.000 betroffene direkte Arbeitsplätze. Hinzu kommen etwa 89.000 Jobs, die Cefic als indirekt gefährdet einschätzt. Schon Anfang 2025 hatte der Verband in einer Studie die Wettbewerbsfähigkeit der euroäischen Chemie analysiert und sofortiges politisches Handeln gefordert, um die Branche zu stützen. Diese Art der Analyse soll nun mit dem neu angelegten Bericht fortlaufend und regelmäßig geschehen.

Stilllegungen: Schwerpunkt in der Grundstoffchemie

Die Dynamik zeigt sich besonders in der jährlichen Stilllegungsrate: Zwischen 2022 und 2025 stiegen die angekündigten Stilllegungen von 2,9 Mt auf 17,2 Mt pro Jahr. Zudem habe sich die Rate zwischen 2024 und 2025 nochmals verdoppelt. Inhaltlich konzentrieren sich die Kapazitätsrückgänge vor allem auf vorgelagerte Wertschöpfungsstufen: Upstream-Petrochemie macht 17,8 Mt (48 %) der angekündigten Stilllegungen aus, gefolgt von Basischen Anorganika mit 11,7 Mt (32 %), Polymeren mit 5,4 Mt (15 %) und Spezialchemikalien mit 2,0 Mt (5 %). Die Anzahl der Ankündigungen ist dabei laut Bericht gleichmäßiger über die Segmente verteilt als die Kapazitätsmengen.

Innerhalb der Petrochemie ragt ein Punkt heraus: Rund 50 % der dort angekündigten Stilllegungskapazität betrifft neun Steamcracker. Das entspricht einer Netto-Reduktion von 16 % der europäischen Steamcracking-Kapazität. Alle betroffenen Anlagen liegen in integrierten Chemieclustern, was den Druck auf diese Standorte zusätzlich erhöht, da zentrale Vorprodukte und Verbundstrukturen betroffen sind.

Geografisch verteilen sich die angekündigten Stilllegungen über Europa, mit Schwerpunkten in großen Chemiestandorten: Deutschland 8,8 Mt (25 %), Niederlande 7,2 Mt (20 %), Vereinigtes Königreich 4,5 Mt (12 %), Frankreich 3,9 Mt (10 %), Italien 2,5 Mt (7 %), Belgien 2,3 Mt (6 %), Spanien 1,6 Mt (4 %) sowie Rest Europa 6,0 Mt (16 %).

Als wichtigste Begründung für Stilllegungsentscheidungen geben Unternehmen in 49 % der Fälle die Wettbewerbsfähigkeit der Energiekosten an. Es folgen nachfragebezogene Erwägungen (19 %), Überkapazitäten (9 %) sowie regulatorische Faktoren (8 %).

Investitionen: Bestätigte Kapazität und CAPEX gehen massiv zurück

Auf der Investitionsseite zeigt der Radar einen gegenläufigen, aber ebenfalls eindeutigen Trend: Bestätigte Investitionen folgen einer stark abnehmenden Entwicklung, von 2,7 Mt bestätigter Investitionskapazität im Jahr 2022 auf 0,3 Mt im Jahr 2025. Der Cefic-Bericht beziffert den Rückgang im Vergleich zum Vorjahr auf -86 %. Kumuliert ergeben sich über 2022 bis 2025 rund 7 Mt bestätigte Investitionskapazität. Das entspricht etwa 2 % der europäischen Chemieproduktionskapazität.

Segmentseitig dominiert auch bei den Investitionen die Petrochemie: 3,8 Mt (59 %) der bestätigten Investitionen entfallen auf diesen Bereich – was die -17,8 Mt petrochemischer Stilllegungen jedoch nur teilweise kompensiert. Länderseitig konzentrieren sich die größten bestätigten Kapazitätsinvestitionen auf Belgien (2,4 Mt; 36 %), Deutschland (0,8 Mt; 12 %) und Frankreich (0,4 Mt; 6 %); zusammen stehen diese drei Länder für rund 60 % der bestätigten Investitionskapazität.

Parallel dazu ist laut Radar auch der bestätigte Investitions-Capex deutlich gefallen: von 7,6 Mrd. Euro (2022) auf 1,5 Mrd. Euro (2025), ein Rückgang um den Faktor fünf. Auffällig ist dabei, dass Deutschland trotz der größten Chemieindustrie Europas mit 1,4 Mrd. Euro (10 %) hinter Frankreich (1,7 Mrd.Euro, 12 %) und den Niederlanden (1,5 Mrd. Euro, 11 %) liegt. Thematisch werden Investitionen unter anderem Projekten in der Batterie-Wertschöpfungskette (1,9 Mrd. Euro; 14 %), der Emissionsminderung (1,9 Mrd. Euro, 14 %) und dem Recycling (1,5 Mrd. Euro, 11 %) zugeordnet – allerdings folgen auch diese Themen dem übergeordneten Abwärtstrend.

„Es spielt keine Rolle mehr, ob es fünf Minuten vor oder nach zwölf ist", formuliert Marco Mensink, Hauptgeschäftsführer von Cefic. "Der Sektor steht unter massivem Druck und beginnt zu brechen. Die Zahl der Stilllegungen hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt – und noch schlimmer: Die jährlichen Investitionen haben sich halbiert und liegen nahe null. Auf beiden Seiten beschleunigt sich das Tempo, statt langsamer zu werden. Wir brauchen in diesem Jahr entschlossenes Handeln – mit Wirkung bis auf die Ebene der Fabrikhallen.“

Wachsende Asymmetrie

Aus der Gegenüberstellung von angekündigten Stilllegungen und bestätigten Investitionen ergibt sich laut Bericht eine zunehmende Asymmetrie, die über den betrachteten Dreijahres-Zeitraum in eine Netto-Kapazitätsreduktion von -30,2 Mt münden könnte. Die Daten weisen zudem darauf hin, dass diese Asymmetrie unterschätzt sein könnte, weil Investitionen mit zwei bis fünf Jahren typischerweise  eine längere Vorlaufzeit haben als Anlagensschließungen mit ein bis zwei Jahren.

Hinzu kommt ein Standortproblem: Länder mit den meisten Stilllegungen sind nicht automatisch jene, die die größten Investitionen anziehen. In der Länderbilanz zeigen sich negative Salden insbesondere für Deutschland (-8,0 Mt), die Niederlande (-6,9 Mt), das Vereinigte Königreich (-4,2 Mt), Frankreich (-3,5 Mt) sowie Mittel- und Osteuropa (-3,4 Mt). Belgien ist als Ausnahme nahezu ausgeglichen (+0,1 Mt), was der Bericht mit einigen relativ großen Projekten begründet.

Auch in den verschiedenen Segmenten bleibt die Schieflage deutlich: Besonders betroffen ist die Upstream-Petrochemie (-14,0 Mt), gefolgt von Basischen Anorganika (-11,3 Mt) und Polymeren (-4,8 Mt). Spezialchemikalien sind vergleichsweise ausgeglichener (-0,3 Mt), gestützt durch Investitionen, etwa im Umfeld der Batterie-Wertschöpfungskette.

Radar als KPI für Wettbewerbsfähigkeit

Der „European Chemical Closures & Investments Radar 2022–2025“ wurde von Cefic beauftragt und von Roland Berger erstellt. Er dient als wiederkehrender Tracker und soll als KPI für europäische Wettbewerbsfähigkeit sowie die Wirksamkeit industriepolitischer Maßnahmen fungieren. Erfasst werden öffentlich angekündigte Kapazitätsschließungen und -investitionen; Reorganisationen, Effizienzprogramme und reine Auslastungsänderungen sind explizit ausgenommen. Der Tracker soll mehrmals pro Jahr aktualisiert werden; zweimal jährlich ist eine verdichtete Trendzusammenfassung vorgesehen.