Mit der Überarbeitung der EU-Kommunalabwasserrichtlinie (KARL) verschärfen sich die Anforderungen an Kläranlagen deutlich. Neben neuer Verfahrenstechnik gewinnt vor allem eine zuverlässige und kontinuierliche Datenerfassung an Bedeutung.
Dr. Christoph WolterDr. ChristophWolterDr. Christoph WolterProduktmanager, Endress+Hauser Deutschland
3 min
Moderne Sensorik überwacht die Wasserqualität direkt im Prozess und liefert wichtige Daten für KARL-konforme Klärprozesse.Endress+Hauser
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Neue regulatorische Vorgaben verändern derzeit die Anforderungen an die
Abwasserbehandlung in Europa grundlegend. Mit der überarbeiteten
EU-Kommunalabwasserrichtlinie werden bis 2027 strengere Regeln für die
Einleitung von Abwasser verbindlich. Hintergrund sind wachsende Belastungen der
Gewässer durch Mikroplastik, anthropogene Spurenstoffe sowie steigende
Nährstoffeinträge aus Stickstoff und Phosphor. Die Richtlinie ersetzt die
bisherige Fassung von 1991 und bringt mehrere Neuerungen: niedrigere Grenzwerte
für Nährstoffe, die Einführung einer vierten Reinigungsstufe zur Entfernung von
Mikroschadstoffen sowie eine stärkere Kostenbeteiligung bestimmter
Industriezweige nach dem Verursacherprinzip. Vor allem für Betreiber kommunaler
Kläranlagen bedeutet das zusätzliche Investitionen in Technik, optimierte
Prozesse und ein kontinuierliches Monitoring der Anlagenleistung. Doch wo
beginnt die Umsetzung in der Praxis?
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Aufwand für weniger Spurenstoffe
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Besonders anspruchsvoll
ist für viele Betreiber die Einführung der vierten Reinigungsstufe. Sie zielt
darauf ab, Rückstände aus Arzneimitteln, Industriechemikalien und anderen
persistenten Spurenstoffen aus dem Abwasser zu entfernen. Je nach lokalen Rahmenbedingungen
kommen dafür unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, etwa Ozonbehandlung oder
Prozesse auf Basis von Aktivkohle. Dabei sollen ausgewählte Leitstoffe im
Durchschnitt um mindestens 80 % reduziert werden. In der Praxis bringt diese
zusätzliche Reinigungsstufe jedoch nicht nur neue Technik mit sich, sondern
verändert auch die Dynamik der gesamten Anlage. Schwankende Zulaufqualitäten,
unterschiedliche Belastungen und variierende Abbauprozesse erfordern eine
deutlich präzisere Prozessführung als in den bisherigen Reinigungsstufen.
Überprüfung der Online-Analytik auf der Kläranlage: Messsysteme erfassen kontinuierlich Wasserparameter und liefern die Grundlage für eine präzise Prozesssteuerung.Endress+Hauser
Raus aus dem Pilotbetrieb
Seit mehr als zehn Jahren
begleitet Endress+Hauser Betreiber von Kläranlagen sowie
Forschungseinrichtungen bei der Einführung und Weiterentwicklung der vierten
Reinigungsstufe. Dabei kommen verschiedene technische Konzepte zum Einsatz,
etwa das Ulmer Verfahren mit Pulveraktivkohle sowie Systeme mit granulierter
Aktivkohle oder eine Kombination aus Aktivkohle und Ozonung. In diesen
Anwendungen bringt Endress+Hauser seine Erfahrung in der Prozessmesstechnik
ein. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf robusten optischen Messverfahren, die
einen sicheren Anlagenbetrieb unterstützen. Sie ermöglichen eine
kontinuierliche Kontrolle des Einsatzes von Betriebsmitteln und liefern
wichtige Informationen über die Eliminationsleistung der einzelnen
Reinigungsstufen.
In aktuellen Projekten
wird zudem verstärkt untersucht, welchen Einfluss industrielle
Abwassereinleitungen auf die Wirksamkeit der verschiedenen Prozessschritte bei
der Spurenstoffentfernung haben. Während die vierte Reinigungsstufe zu Beginn
häufig noch im Pilotbetrieb lief und stark von manuellen Eingriffen geprägt
war, hat sie sich mit zunehmender Betriebserfahrung und moderner Messtechnik zu
einem stabil regelbaren Prozess entwickelt. Damit wird KARL-konformes Messen
mehr als nur eine regulatorische Vorgabe: Es bildet die Grundlage für einen
effizienten Betrieb, wirtschaftliche Prozesse und einen nachhaltigen Schutz der
Gewässer.
Bedarfsgerechte Fällmitteldosierung
Auch die Dosierung von Fällmitteln rückt mit den neuen Anforderungen der
KARL stärker in den Fokus. Auf der Kläranlage Colditz in Sachsen, die Veolia
Wasser Deutschland im Auftrag des Versorgungsverbandes Grimma-Geithain
betreibt, bestand daher die Aufgabe, die Phosphatkonzentrationen im Abwasser
zuverlässiger zu überwachen und dauerhaft innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte
zu halten.
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Bis dahin basierte die Fällmitteldosierung auf Ergebnissen aus
regelmäßigen Laboranalysen. Das eingesetzte Fällmittel sorgt dafür, dass
gelöste Phosphate zu festen Partikeln reagieren und anschließend im Klärprozess
entfernt werden können. Die Laborwerte lieferten zwar eine Orientierung für den
Anlagenbetrieb, spiegelten jedoch nur einzelne Zeitpunkte wider. Tatsächlich
unterliegt die Belastung des Abwassers im Tagesverlauf erheblichen Schwankungen
– etwa durch variierende Zulaufmengen, unterschiedliche Tageszeiten oder
zusätzliche industrielle Einleitungen.
Da diese Dynamik mit den bisherigen Messmethoden nicht abgebildet werden
konnte, entstand bei den sehr niedrigen einzuhaltenden Grenzwerten ein gewisses
Betriebsrisiko. Um auf der sicheren Seite zu bleiben, wurde das Fällmittel
daher häufig mit einem zusätzlichen Puffer dosiert. Die Folge waren ein
erhöhter Chemikalienverbrauch, steigende Betriebskosten und eine weniger
stabile Prozessführung.
Blick auf das Monitoring-Dashboard: Prozessdaten aus der Kläranlage werden über die Netilion Cloud in Echtzeit verfügbar gemacht.Endress+Hauser
Echtzeitdaten statt Momentaufnahmen
Um die gesetzlichen Vorgaben dauerhaft einzuhalten, reichte eine
punktuelle Kontrolle der Phosphatwerte nicht mehr aus. Stattdessen war eine
kontinuierliche und präzise Überwachung der Konzentrationen im Abwasser
erforderlich. Gemeinsam mit Veolia entwickelte Endress+Hauser deshalb eine
Lösung für eine durchgängige Phosphatmessung direkt im Prozess. Zum Einsatz
kommt dabei der Phosphatanalysator CA80PH, der die Konzentrationen in beiden
Belebungsbecken zuverlässig erfasst. Auf Basis dieser Messdaten kann die
Dosierung des Fällmittels deutlich genauer an den tatsächlichen Bedarf
angepasst werden.
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Anstatt sich auf Schätzungen oder einzelne Laborergebnisse zu stützen,
orientiert sich die Dosierung nun direkt an den aktuellen Messwerten im
Prozess. Dadurch wird jeweils genau die Menge an Chemikalien zugegeben, die im
jeweiligen Betriebszustand erforderlich ist. Ergänzend kommen digitale Lösungen
zum Einsatz: Die Messdaten werden in Echtzeit über die Netilion Cloud
übertragen. Auf diese Weise lassen sich Anlagenzustand und Wartungsbedarf
frühzeitig erkennen. Zude m ermöglicht ein Fernzugriff dem Service von
Endress+Hauser, bei Bedarf direkt auf den Analysator zuzugreifen und
Unterstützung zu leisten. Mit solchen Lösungen wird die Abwasserbehandlung
zunehmend datenbasiert – und damit präziser steuerbar als je zuvor.
Mehr Artikel und Reportagen zum Thema Industriewasser können Sie unserer kürzlich erschienenen Sonderausgabe industrieWASSER lesen.