Internationale Hydrogen Mobility Tech Konferenz

Wasserstoff wird erwachsen. Und damit unbequemer.

Wo trägt Wasserstoff wirklich – und wo bleibt er ein teures Versprechen? Ein Fachbeitrag über Marktlogik, Infrastruktur und Regulierung, der zugleich zeigt, warum der Expertendialog in München jetzt zur richtigen Zeit kommt.

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Waage mit Wasserstoffbehälter und Münzstapeln vor moderner Industrie- und Energieanlage.
Balanceakt: Wie sich Investitionen in Wasserstoffanlagen trotz hoher Energiepreise und unsicherer Rahmenbedingungen rechnen sollen.

Lange war Wasserstoff in Deutschland ein Versprechen, das erstaunlich viel aushielt: zu hohe Kosten, zu wenig Infrastruktur, eine überschaubare Zahl belastbarer Abnahmeverträge. In Strategiepapiere passte er trotzdem immer gut. Wasserstoff klang nach Industriepolitik, nach Klimaneutralität, nach Ingenieurskunst. Vor allem aber klang er nach Zukunft.

Nun aber beginnt die Phase, in der Zukunft nicht mehr reicht. Wer heute in der produzierenden Industrie, im Maschinen- und Anlagenbau oder in der Energiewirtschaft Verantwortung trägt, fragt nicht mehr zuerst, ob Wasserstoff technisch funktioniert. Das tut er. Die härtere Frage lautet: Wo rechnet er sich, wer trägt das Risiko, und wie wird aus einzelnen Demonstrationsprojekten ein Markt, in dem Investitionen nicht nur politisch erwünscht, sondern betriebswirtschaftlich vertretbar sind?

Woran scheitert der Markthochlauf bisher?

Genau an dieser Stelle wird die Debatte interessant. Denn Wasserstoff scheitert derzeit nicht an einem Mangel an Visionen. Er scheitert, wo er scheitert, an Strompreisen, Netzentgelten, Genehmigungslogiken, fehlenden Abnahmegarantien, unklaren Verteilnetzen, Speicherfragen und an der Tatsache, dass industrielle Transformation selten auf PowerPoint-Folien stattfindet.

Dr. Geert Tjarks, Geschäftsführer der EWE Hydrogen GmbH und einer der Impulsgeber der Hydrogen Mobility Tech Conference am 10. Juni 2026 in München, bringt es im Gespräch auf den Punkt: Der fehlende Markthochlauf liege „weniger an der Technologie als an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“. Entscheidend seien niedrigere Erzeugungskosten, eine Finanzierung der Differenz zu fossilen Alternativen und ein besser abgestimmtes Zusammenspiel von Erzeugung, Transport, Speicherung und Nachfrage. Das klingt nüchtern. Aber gerade diese Nüchternheit ist vielleicht der wichtigste Fortschritt der Branche.

Wo ist Wasserstoff unverzichtbar – und wo eher nicht?

Für Entscheider ist diese Unterscheidung zentral. Sie räumt mit der Vorstellung auf, Wasserstoff werde sich gleichmäßig über alle Sektoren legen wie eine zweite Elektrifizierung. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher: Wasserstoff wird dort gebraucht, wo Elektronen allein nicht reichen oder wirtschaftlich nicht sinnvoll eingesetzt werden können. In Raffinerien, in Teilen der Chemie, bei bestimmten Hochtemperaturprozessen, in der Stahlindustrie, perspektivisch in ausgewählten Schwerlast-, Nutzfahrzeug- und Logistikanwendungen. Nicht überall. Aber dort mit erheblicher strategischer Bedeutung.

Tjarks sieht den größten realistischen Hebel derzeit in industriellen Anwendungen mit hohem und kontinuierlichem Energiebedarf. Raffinerien nennt er als kurzfristiges Feld, auch getrieben durch regulatorische Vorgaben wie die Treibhausgasminderungsquote. In der Stahlindustrie könne Wasserstoff eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung spielen, allerdings nur dann, wenn zusätzliche wirtschaftliche Absicherungsinstrumente verhindern, dass europäische Standorte im internationalen Wettbewerb unter Druck geraten.

Gleichzeitig warnt diese Perspektive vor Übertreibung. Im Wärmemarkt sprechen Kostenstruktur und Umbaukomplexität gegen eine breite Wasserstofflösung. Im Personenverkehr hat sich die batterieelektrische Technologie bereits so weit etabliert, dass Wasserstoff dort eher eine Nischenrolle behalten dürfte. Auch das ist keine ideologische Aussage, sondern eine industriepolitisch wichtige Unterscheidung: Wer Wasserstoff überall verspricht, schwächt jene Anwendungen, in denen er wirklich gebraucht wird.

Ist das Wasserstoff-Kernnetz schon der Durchbruch?

Deutschland hat inzwischen einen zentralen Baustein gelegt: den Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes. Doch ein Kernnetz ist noch kein Markt. Es ist eher das Rückgrat eines Körpers, der erst noch Organe, Muskeln und Kreislauf ausbilden muss.

Tjarks weist deshalb auf das hin, was in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt: Speicher und Verteilinfrastruktur. Für viele industrielle Anwendungen genügt es nicht, dass irgendwo Wasserstoff produziert und irgendwann eine Leitung gebaut wird. Prozesse brauchen Zuverlässigkeit, Mengen, Druckniveaus, Redundanz und Lieferprofile, die mit Produktion und Logistik zusammenpassen. Wer Bandlast benötigt, kann nicht allein auf volatile Erzeugung setzen. Wer Investitionen in neue Anlagen tätigt, braucht mehr als politische Sympathie.

Welche Rolle spielt der Maschinen- und Anlagenbau?

Hier liegt eine besondere Aufgabe für den Maschinen- und Anlagenbau. Die Wasserstoffwirtschaft wird nicht durch einen einzelnen Durchbruch entstehen, sondern durch eine Kette belastbarer industrieller Lösungen: Elektrolyseure, Verdichter, Armaturen, Mess- und Regeltechnik, Speichertechnik, Sicherheitssysteme, Wasseraufbereitung, Leistungselektronik, thermisches Management, digitale Steuerung, Wartungskonzepte.

Für viele mittelständische Anbieter ist das keine ferne Energiewende-Romantik, sondern ein mögliches Geschäftsfeld – aber eines mit anderen Spielregeln als im klassischen Anlagenverkauf.

Denn der Kunde kauft künftig nicht nur Technik. Er kauft Verfügbarkeit, regulatorische Konformität, Bankability, Skalierbarkeit und Servicefähigkeit. Ein Elektrolyseur, der technisch funktioniert, aber nicht in ein wirtschaftliches Abnahme-, Speicher- und Netzkonzept eingebettet ist, bleibt ein Investitionsrisiko. Eine Brennstoffzellenlösung, die im Demo-Betrieb überzeugt, aber im Total Cost of Ownership gegen Batterie, Diesel, Oberleitung oder alternative Kraftstoffe verliert, wird nicht in die Flotte kommen. Wasserstoff ist damit weniger ein Produkt als ein Systemgeschäft.

Welche Regulierung macht Wasserstoff wirtschaftlich?

Auch auf europäischer Ebene verschiebt sich der Rahmen. Die EU will erneuerbaren und kohlenstoffarmen Wasserstoff als Baustein zur Dekarbonisierung energieintensiver Industrien und des Verkehrs etablieren. Doch Regulierung ist in dieser Phase zweischneidig. Sie kann Märkte schaffen, aber auch Kosten erhöhen.

Genau deshalb verweist Tjarks auf Strombezugskriterien, Netzentgelte und Strompreiskompensation. Diese Begriffe klingen trocken, entscheiden aber darüber, ob grüner Wasserstoff zu Preisen hergestellt werden kann, die industrielle Abnehmer tragen können. Selbst wenn die Erzeugungskosten sinken, bleibt grüner Wasserstoff vielerorts teurer als fossile Alternativen. Diese Differenz muss adressiert werden – über Differenzverträge, Leitmärkte oder Quotenmodelle, die beim Abnehmer ansetzen und Investitionssicherheit schaffen.

Wie sollten Unternehmen ihre Wasserstoffstrategie prüfen?

Für Unternehmensleitungen folgt daraus eine unbequeme, aber hilfreiche Konsequenz: Wasserstoffstrategie darf nicht mit Technologieauswahl beginnen. Sie muss mit der Frage beginnen, wo es im eigenen Geschäftsmodell tatsächlich keine wirtschaftlich sinnvolle Alternative gibt. Erst danach kommen die Fragen nach Beschaffung, Infrastruktur, Förderung, Zertifizierung, Standort, Partnern und Zeitplan.

Eine praktikable Wasserstoffprüfung für Industrieunternehmen könnte deshalb fünf Punkte umfassen. Erstens: Gibt es einen Prozess, der schwer direkt zu elektrifizieren ist? Zweitens: Ist der Energiebedarf hoch, kontinuierlich und strategisch relevant? Drittens: Gibt es Zugang zu künftigen H₂-Clustern, dem Kernnetz, regionalen Verteilstrukturen oder Importkorridoren? Viertens: Lässt sich die Mehrkostenlücke gegenüber fossilen Energieträgern regulatorisch oder über Kundenmärkte schließen? Fünftens: Kann das Unternehmen die Transformation in Etappen organisieren, ohne sich technologisch zu früh festzulegen?

Was ist die am meisten unterschätzte Herausforderung?

Die vielleicht wichtigste Einsicht aus Tjarks’ Interview lautet: Die größte unterschätzte Herausforderung liegt nicht in einer einzelnen Wertschöpfungsstufe. Nicht allein Produktion, nicht allein Infrastruktur, nicht allein Regulierung, nicht allein Zahlungsbereitschaft. Der Engpass ist das Zusammenspiel.

Investitionen in Elektrolysekapazitäten, Netze und Speicher müssen zeitlich und wirtschaftlich zusammenpassen. Zuständigkeiten liegen bei verschiedenen Akteuren. Nationale und europäische Rahmenbedingungen müssen ineinandergreifen. Andernfalls entstehen Ineffizienzen – oder gar keine Geschäftsmodelle.

Das ist weniger spektakulär als die alte Erzählung vom Energieträger der Zukunft. Aber es ist relevanter. Die Wasserstoffwirtschaft wird nicht durch große Worte erwachsen, sondern durch Verträge, Standards, Projektfinanzierungen, Genehmigungen, Lieferketten, Wartungspläne und durch industrielle Kunden, die wissen, warum sie Wasserstoff einsetzen – und warum nicht.

Warum lohnt sich jetzt der fachliche Austausch?

Die Hydrogen Mobility Tech Conference 2026 setzt genau an dieser Schwelle an. Sie ist kein Ort für eine weitere Feier des Möglichen. Der produktivere Reiz liegt woanders: in der Begegnung von politischer Ambition und wirtschaftlicher Realität.

Genau dort entscheidet sich, ob Wasserstoff in Deutschland und Europa ein industriepolitisches Rückgrat bekommt – oder ein schönes Versprechen bleibt, das immer knapp vor dem Durchbruch steht.

Hydrogen Mobility Technology Conference (HyMoTec) – 10. Juni 2026 in München

Wasserstoff entwickelt sich zunehmend zum strategischen Schlüssel für eine klimaneutrale Mobilität und industrielle Transformation.

  • Wie realistisch sind Business Cases heute?
  • Welche Technologien setzen sich durch?
  • Welche Rolle spielen Infrastruktur, Regulierung und Förderung in Deutschland und Europa?

Antworten liefert die Hydrogen Mobility Technology Conference (HyMoTec) am 10. Juni 2026 in der Panoramalounge des SZ-Hochhauses in München. Das neue Konferenzformat bringt Entscheider aus Automotive, Nutzfahrzeugindustrie, Energie- und Wasserstoffwirtschaft in einen intensiven Dialog – mit Keynotes führender Akteure, praxisnahen Impulsvorträgen zu Anwendungen in Verkehr und Industrie sowie einer hochkarätigen Paneldiskussion.

Im Fokus stehen unter anderem:

  • Wasserstoff als Backbone der Energiewende
  • Brennstoffzelle und H₂-Anwendungen in Bus, Truck und Pkw
  • Elektrolyse-Technologien und industrielle Skalierung
  • Infrastruktur, Kosten und Treibhausgasquote
  • Start-up-Pitches zu Innovationen rund um grünen Wasserstoff

Die HyMoTec richtet sich gezielt an C-Level-Entscheider, die Wasserstoffstrategien bewerten, Partnerschaften aufbauen und Investitionen in H₂-Technologien vorantreiben möchten.