Studie beschreibt Wasserverlust als Standortfaktor
Wasserstress bedroht Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland
Deutschland steht unter Wasserstress: Einer aktuellen Analyse zufolge hat das Land seit Anfang der 2000er Jahre rund 60 Mrd. Kubikmeter Wasser aus Grundwasser und Speichern verloren. Die wirtschaftlichen Kosten könnten auf bis zu 25 Mrd. Euro pro Jahr steigen.
Ansgar KretschmerAnsgarKretschmerRedakteur der Fachmagazine CHEMIE TECHNIK und Pharma+Food
4 min
NABU / Norman Schiwora
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Deutschland galt lange als wasserreich. Genau dieses Bild stellen der Umweltschutzverband Nabu und die Boston Consulting Group (BCG) nun in Frage. Ihrer im Januar 2026 veröffentlichten Studie zufolge hat das Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 60 Mrd. m³ Wasser aus Grundwasser und Wasserspeichern verloren – eine Größenordnung, die etwa dem Volumen des Bodensees entspricht. Für die Studienautoren ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass Deutschland derzeit mehr Wasser verliert, als seine natürlichen Systeme wieder auffüllen können.
Die Folgen sind nicht nur punktuell sichtbar, sondern zunehmend strukturell. Genannt werden Dürren, Überschwemmungen, Belastungen der Wasserqualität und ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen Wasserangebot und Nachfrage. Schon heute könnten sich die jährlichen Schäden durch Überschwemmungen, Dürren und Wasserverschmutzung auf 10 bis 15 Mrd. Euro belaufen. Hinzu kommen langfristige Belastungen. Die schrittweise Erschöpfung der Grundwasservorkommen, regionale Engpässe und ein verschärfter Wettbewerb um knappe Wasserressourcen könnten die Schäden bis 2050 deutlich erhöhen. Für dieses Jahr beziffern die Vorlagen die Kosten des Nichthandelns auf 20 bis 25 Mrd. Euro pro Jahr. Über die kommenden 25 Jahre ergäbe sich daraus ein volkswirtschaftlicher Schaden von 500 bis 625 Mrd. Euro.
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Wassermangel auch wirtschaftliches Risiko
Bemerkenswert ist, dass Wasserknappheit nicht nur als Umwelt- und Klimathema beschrieben wird, sondern ausdrücklich auch als ökonomisches Risiko. Einberechnet werden nicht allein direkte Schäden wie Ernteausfälle durch Dürre oder Versicherungsschäden infolge von Hochwasser. Die Mitteilungen verweisen auch auf indirekte Kosten, die sich schleichend in Wirtschaft und Infrastruktur niederschlagen können. Dazu zählen etwa steigende Wasserpreise, wenn Entnahme und Aufbereitung aufwendiger werden, ebenso wie Produktivitätsverluste in Unternehmen. Als Beispiel wird die Binnenschifffahrt genannt: Bei Niedrigwasser können Transporte auf Flüssen eingeschränkt oder ausgesetzt werden, Lieferketten geraten unter Druck. Aus Sicht der Analyse führt das zu einem schleichenden Kapitalverlust, der langfristig die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands schwächen kann.
Wasser ist für viele Industrieprozesse eine strategische Ressource – von der Versorgung über Kühlkreisläufe bis zur betrieblichen Infrastruktur.KI-generiert mit ChatGPT / OpenAI
Damit rückt Wasser in eine neue Kategorie. Die Autoren plädieren dafür, die Ressource ähnlich strategisch zu behandeln wie Energie oder kritische Rohstoffe. Wasser dürfe nicht länger als unbegrenzt verfügbare Selbstverständlichkeit betrachtet werden. Der Wasserstress wird ausdrücklich nicht allein auf veränderte Wetterlagen oder den Klimawandel zurückgeführt. Zwar verschärfen häufigere Hitzesommer, längere Trockenphasen, unregelmäßigere Niederschläge und mehr Starkregen den Druck auf den Wasserhaushalt. Der eigentliche Befund reicht jedoch tiefer: Die kleinen Wasserkreisläufe, die Landschaften kühlen, feucht und fruchtbar halten, gelten in weiten Teilen als gestört.
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Als Ursachen nennen die Vorlagen unter anderem jahrzehntelange Entwaldung, naturferne Wälder, Bodenversiegelung, intensive Landwirtschaft, verdichtete Böden sowie auf schnelle Entwässerung ausgerichtete Landschaften. Regenwasser fließt dadurch vielerorts zu rasch ab, statt in Böden zu versickern, dort als Bodenfeuchte gespeichert zu bleiben und Grundwasserreservoirs wieder aufzufüllen. Gerade darin liegt ein zentraler Punkt: Die Studie beschreibt Wasserknappheit als menschengemacht und damit auch als gestaltbar. Nicht nur Wetter und Klima, sondern vor allem Landnutzung und Landschaftszustand entscheiden darüber, ob Wasser gespeichert wird, versickert oder ungenutzt abfließt.
Landschaft soll mehr Wasser halten
Vor diesem Hintergrund setzen Nabu und BCG stark auf Maßnahmen, die die Speicherfähigkeit von Böden und Landschaften erhöhen. Untersucht werden dabei zwei sich ergänzende Wege: Zum einen soll das insgesamt verfügbare Wasserdargebot steigen, zum anderen soll vorhandenes Wasser effizienter und bedarfsgerechter genutzt werden. Zu den wichtigsten Hebeln zählen dabei regenerative Landwirtschaft, klimaangepasste Forstwirtschaft und dynamische Drainagesysteme. Regenerative Landwirtschaft soll die Bodengesundheit verbessern und die Schwammfunktion des Bodens wiederherstellen. In der Forstwirtschaft geht es vor allem darum, anfällige Nadelbaumbestände in widerstandsfähigere Misch- und Laubwaldökosysteme zu überführen. Ergänzend dazu wird die dynamische Drainage als technischer Hebel beschrieben, mit dem sich der Landschaftswasserhaushalt flexibler an Phasen von Wasserüberschuss und Wasserknappheit anpassen lässt.
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Darüber hinaus werden weitere landschaftsbasierte Maßnahmen genannt, etwa Agroforstsysteme, Feuchtgebiete und Auen, die Wasser gezielt zurückhalten können. Auch urbane Ansätze spielen eine Rolle: Schwammstadt-Konzepte mit Entsiegelung und Begrünung sollen dazu beitragen, Wasser in Städten besser zu halten und zugleich Kühlungseffekte zu erzeugen.
Mehr Effizienz im Umgang mit Wasser
Neben dem Wasserrückhalt in der Fläche betonen die Autoren auch die effizientere Nutzung des bereits verfügbaren Wassers. Dazu gehören die Wiederverwendung von Grauwasser sowie ein intelligenterer und zirkulärerer Einsatz in Landwirtschaft, Industrie und Haushalten. Der Ansatz zielt damit nicht allein auf zusätzliche Wassermengen, sondern auch auf eine bessere Verteilung und Nutzung der vorhandenen Ressourcen.
Insgesamt kommen die Autoren zu dem Schluss, dass vor allem regenerative Landwirtschaft, Forstwirtschaft und dynamische Drainage die größte kombinierte Hebelwirkung entfalten könnten. Zusammen ließen sich dadurch jährlich etwa 7 bis 7,5 Mrd. m³ Wasser zusätzlich in der Landschaft halten. Nach Darstellung der Analyse wäre das ausreichend, um den derzeitigen Negativtrend bis 2040 umzukehren und die Wasserbilanz schrittweise zu stabilisieren.
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Die vorgeschlagenen Maßnahmen sollen dabei nicht nur die Wasserspeicherfähigkeit erhöhen, sondern auch weitere positive Effekte mit sich bringen: geringeren Oberflächenabfluss, stabilere Mikroklimata, resilientere Ökosysteme und insgesamt eine robustere Landschaft gegenüber klimatischen Extremen.
Finanzierung bleibt Kernproblem
So klar die Richtung der Maßnahmen beschrieben wird, so deutlich benennen die Vorlagen auch die strukturellen Hindernisse. Demnach profitieren viele Akteure von einer höheren Wassersicherheit, während die Investitionen oft dort nötig wären, wo Kapital und Anreize fehlen. Landwirte und Waldbesitzer könnten die Wasserverfügbarkeit in der Fläche besonders wirksam verbessern, verfügen aber häufig nicht über ausreichende finanzielle Mittel oder passende Anreizsysteme. Gleichzeitig zahlen große Wasserverbraucher wie Industrie und Versorgungsunternehmen bislang eher niedrige Preise und investieren nach Darstellung der Autoren zu wenig in den langfristigen Erhalt der Ressource.
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Daraus ergibt sich eine Finanzierungslücke, die politisch und regulatorisch adressiert werden muss. Wasserresilienz lasse sich nicht allein durch Appelle erreichen, sondern brauche neue Regeln, neue Finanzierungsmechanismen und ein anderes Verständnis von Wasser als strategischer Ressource. Die Studienautoren plädieren deshalb dafür, Wasser anders zu verwalten, zu finanzieren und zu bewerten. Vorgeschlagen wird, bestehende Infrastrukturmittel gezielt in Wasserresilienz umzulenken, staatliche und private Initiativen besser zu verzahnen und Preise, Anreize sowie Regulierung stärker aufeinander abzustimmen.
Genannt werden außerdem regionale Wasserfonds sowie Wasser- oder Naturcredits, die messbare Verbesserungen bei Wasserspeicherung, Grundwasserneubildung und Wasserqualität honorieren sollen. Auch ein „Wassercent“, über den Verbraucher mitzahlen könnten, wird als mögliches Instrument erwähnt. Dahinter steht die Überlegung, dass die langfristigen Vorteile stabiler Wasserhaushalte oft breit verteilt sind, während die Kosten einzelner Maßnahmen lokal und kurzfristig anfallen.
Noch ist der Trend umkehrbar
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Aus Sicht der Autoren reicht es deshalb nicht, allein auf technische Einzelmaßnahmen oder lokale Projekte zu setzen. Gefordert wird ein koordiniertes Zusammenwirken von öffentlicher Hand, Unternehmen, Landbewirtschaftern und Finanzakteuren.
Trotz der klaren Warnungen ist der Grundton der Analyse nicht rein alarmistisch. Die Autoren betonen, dass die Entwicklung noch umkehrbar sei. Frühzeitige Investitionen in Wassersicherheit würden demnach deutlich weniger kosten als die Folgen anhaltender Untätigkeit. Den Kosten des Nichthandelns wird ein deutlich geringerer Investitionsbedarf für frühzeitige Maßnahmen gegenübergestellt; in einer der Mitteilungen wird dieser auf 15 bis 20 Mrd. Euro beziffert.
Der Kernbefund lautet damit: Deutschlands Wasserhaushalt ist aus dem Gleichgewicht geraten, doch die Hebel für eine Stabilisierung sind bekannt. Entscheidend wird sein, Wasser nicht länger nur als Umweltgut, sondern als Grundlage für Klimaanpassung, ökologische Erneuerung und wirtschaftliche Resilienz zu behandeln.
Verbreitete Mythen zum Wasser – und was tatsächlich gilt
Mythos
Realität
Wasser ist nur für Flüsse, Seen und Meere wichtig.
Wasser prägt nicht nur Süßwasser- und Meeresökosysteme, sondern auch Lebensräume an Land und damit das Funktionieren ganzer Landschaften.
Wasser ist auf der Erde im Überfluss vorhanden, es wird immer genug geben.
Nutzbares Süßwasser ist nur in sehr begrenztem Umfang verfügbar. Der Anteil, der allen Menschen tatsächlich zur Verfügung steht, ist überraschend klein.
Mit Wasser muss man sich vor allem im Sommer beschäftigen.
Für Grundwasserneubildung, Speicherung und Wasserbilanz sind alle Jahreszeiten relevant.
Wasserknappheit lässt sich allein über sparsamen Verbrauch und mehr Effizienz lösen.
Effizienz allein reicht nicht aus. Um Wasserknappheit wirksam zu begegnen, muss die gesamte Wasserbilanz betrachtet werden, von Rückhalt und Versickerung bis zur Nutzung.
Wasser ist nur ein Thema für den Naturschutz.
Die Verfügbarkeit von Wasser betrifft Landwirtschaft, Industrie, Energieversorgung, Infrastruktur und Kommunen gleichermaßen. Damit ist die Wasserversorgung auch ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Schlüsselthema.
Deutschland hat keine Wasserprobleme.
Regionale und saisonale Knappheiten, Qualitätsprobleme und steigende Hochwasserrisiken treten auch in Deutschland häufiger und gravierender auf.