Anlagenbau im Stresstest

CT-Umfrage: Wie der Anlagenbau in politisch unsicheren Zeiten auf Transformation setzt

Politische Risiken, hohe Energiepreise und zögerliche Investitionen bremsen aktuell den Anlagenbau. Doch gerade jetzt setzen viele Unternehmen auf Digitalisierung, Standardisierung und neue Geschäftsmodelle. Das zeigen die Ergebnisse einer exklusiven Umfrage unter Führungskräften des Anlagenbaus.

3 min
Geteilte Industrieanlage: links rauchig und grau, rechts blau leuchtend und digitalisiert.

  • Politische Unsicherheiten und Energiepreise stehen ganz oben auf der Risikoliste der Anlagenbauer.
  • Die Erwartungen an den Auftragseingang sind deutlich vorsichtiger als im Vorjahr.
  • Standardisierung, Modularisierung und KI gelten als wichtigste Hebel für mehr Produktivität im Engineering.

Investitionen in Industrieanlagen brauchen einen langen Atem – manchmal über Jahrzehnte. Genau deshalb sind stabile Rahmenbedingungen für den Anlagenbau entscheidend. Doch genau hier liegt derzeit das Problem. In der aktuellen CHEMIE-TECHNIK-Umfrage nennen Führungskräfte aus dem Anlagenbau politische Unsicherheiten erneut als größte Herausforderung für ihr Geschäft. Dahinter folgen steigende Energiepreise und ein Mangel an Aufträgen. Bürokratie, Fachkräftemangel sowie Handelskonflikte komplettieren die Liste der größten Risiken.

Politische Unsicherheiten, Fachkräftemangel und Mangel an Aufträgen sind derzeit die größten Herausforderungen für den Anlagenbau
Politische Unsicherheiten, Fachkräftemangel und Mangel an Aufträgen sind derzeit die größten Herausforderungen für den Anlagenbau.

Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Gewichtung leicht verschoben: 2025 standen nach politischen Risiken vor allem Fachkräftemangel und steigende Zulieferpreise im Mittelpunkt – Energiepreise spielten damals eine geringere Rolle. Heute rücken Energiepreise und geopolitische Spannungen stärker in den Vordergrund. Für viele Anlagenbauer stellt sich inzwischen eine grundsätzliche Frage: Wie wettbewerbsfähig bleibt Europa als Industriestandort?

Stimmungsbild: Zustimmung zu vorgegebenen Thesen
Stimmungsbild: Zustimmung zu vorgegebenen Thesen

 Auftragseingang: Der Optimismus schwindet

Die Unsicherheit spiegelt sich auch in den Erwartungen für das noch junge Geschäftsjahr wider. Für 2026 rechnet knapp die Hälfte der befragten Unternehmen mit stagnierenden Auftragseingängen. Rund ein Viertel erwartet Wachstum – ein ähnlich großer Anteil geht dagegen von rückläufigen Aufträgen aus. Das ist ein deutlich vorsichtigeres Bild als im Vorjahr. Damals erwarteten noch 40 % der Unternehmen steigende Aufträge, während lediglich 15 % einen Rückgang prognostizierten.

3: Erwartungen der Befragten mit Blick auf den Auftragseingang in 2026.
Die Befragten rechnen mit Blick auf den Auftragseingang 2026 mit ...

Der Anlagenbau befindet sich damit offensichtlich in einer Übergangsphase. Investitionen in Energieinfrastruktur, Wasserstoffprojekte oder neue Industrieanlagen werden zwar grundsätzlich erwartet – doch viele Projekte verschieben sich. Unsichere politische Rahmenbedingungen, regulatorische Fragen oder fehlende Business Cases bremsen derzeit die Dynamik.

Energieerzeugung, Rechenzentren, Sicherheitsindustrie sowie Speichertechnologien werden für den Anlagenbau wichtiger, Chemie, Pharma und Raumfahrt verlieren an Bedeutung.
Energieerzeugung, Rechenzentren, Sicherheitsindustrie sowie Speichertechnologien werden für den Anlagenbau wichtiger, Chemie, Pharma und Raumfahrt verlieren an Bedeutung.

Engineering wird standardisiert und beschleunigt

Während sich die Marktperspektiven eintrüben, bleibt der Innovationsdruck hoch. Besonders deutlich zeigt sich das bei den technologischen Hebeln für mehr Produktivität im Engineering. Ganz oben auf der Prioritätenliste stehen Standardisierung und Modularisierung. Sie gelten vielen Anlagenbauern als Schlüssel, um Projekte schneller und kosteneffizienter umzusetzen. Dahinter folgen Themen wie KI-gestütztes Engineering, integrierte Datenplattformen und automatisierte Angebotskalkulation. Die Branche versucht damit zunehmend, ihre traditionelle Projektlogik zu verändern.

KI, Standardisierung, Modularisierung und digitale Zwillinge gehören zu den wichtigsten Technologien, mit denen der Anlagenbau seine Performance steigert.
KI, Standardisierung, Modularisierung und digitale Zwillinge gehören zu den wichtigsten Technologien, mit denen der Anlagenbau seine Performance steigert.

Der Anlagenbau war lange ein Geschäft der Einzelanfertigungen. Heute wächst der Druck, Engineering-Prozesse stärker zu standardisieren – mit Plattformen, wiederverwendbaren Modulen und durchgängigen Datenmodellen. „Der Anlagenbau muss lernen, Projekte stärker zu industrialisieren. Standardisierte Module sind der Schlüssel zu kürzeren Projektlaufzeiten“, konkretisiert ein Teilnehmer der CT-Umfrage.

Dazu kommt auch eine strukturelle Transformation: EPC- und EPCM-Lieferanten sollen zunehmen auch die Verantwortung für frühe Projektphasen und die komplette Projektsteuerung übernehmen.

KI verändert das Engineering – langsam, aber sicher

Ein zentrales Thema der Umfrage ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Treiber sind dabei Produktivitätsgewinne und der Fachkräftemangel. Viele Unternehmen sind überzeugt, dass KI ihre Engineering-Prozesse in den kommenden Jahren grundlegend verändern wird – etwa in der Planung, Dokumentation oder Angebotsphase. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein bekanntes Problem der Digitalisierung: Technologie allein reicht nicht aus. Der eigentliche Engpass liegt häufig in der Datenbasis. Ohne konsistente Engineering-Daten, integrierte Plattformen und durchgängige Datenmodelle bleibt der Nutzen von KI begrenzt.

Die Branche steht damit vor einer doppelten Transformation: Sie muss nicht nur neue Technologien einführen, sondern auch ihre Datenstrukturen und Arbeitsprozesse grundlegend modernisieren. Ein Befragter bringt es auf den Punkt: „Künstliche Intelligenz wird das Engineering verändern – aber nur, wenn wir unsere Datenstrukturen endlich konsequent digitalisieren.“

Märkte im Wandel

Auch geografisch verschieben sich die Perspektiven. In der Umfrage melden die Unternehmen vor allem für Europa, Indien und das übrige Asien eine wachsende Bedeutung, während China häufiger als Markt mit abnehmender Relevanz genannt wird. „Wir sehen eine stärkere Regionalisierung der Märkte. Unternehmen versuchen, geopolitische Risiken durch breiter diversifizierte Marktportfolios zu reduzieren“, bringt es ein Teilnehmer der CT-Umfrage auf den Punkt.

5: Indien, Asien und Europa werden für den Anlagenbau – wie auch schon 2025 – wichtiger.
Indien, Asien und Europa werden für den Anlagenbau – wie auch schon 2025 – wichtiger.

Gleichzeitig bleiben Indien und andere asiatische Märkte wichtige Wachstumstreiber. China wird dagegen zunehmend kritischer gesehen. Handelsbarrieren, politische Spannungen und stärker werdende lokale Wettbewerber verändern hier die Marktbedingungen.

Viele Unternehmen reagieren darauf mit einer vorsichtigeren Globalisierungsstrategie. Statt auf wenige große Märkte zu setzen, versuchen sie ihre regionale Präsenz breiter zu diversifizieren.

Partnerschaften statt Einzelkämpfer

Parallel dazu verändert sich auch das Geschäftsmodell vieler Anlagenbauer. Die klassische EPC-Rolle bleibt zwar für viele Unternehmen das Fundament ihres Geschäfts – doch sie wird zunehmend ergänzt. Besonders häufig nennen die Befragten stärkere Projektpartnerschaften als Zukunftsmodell. „Viele Projekte lassen sich heute nur noch in Partnerschaften stemmen. Kooperation wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor“, konstatiert ein Umfrage-Teilnehmer.

Projektpartnerschaften spielen eine wesentliche Rolle in der Transformation der Geschäftsmodelle des Anlagenbaus.
Projektpartnerschaften spielen eine wesentliche Rolle in der Transformation der Geschäftsmodelle des Anlagenbaus.

Doch auch Service- und Lifecycle-Geschäft sowie datenbasierte Geschäftsmodelle gewinnen an Bedeutung. Ein weiterer Trend ist die Entwicklung kompletter Technologiepakete statt rein projektbezogener Leistungen. Anlagenbauer positionieren sich damit stärker als Systemintegratoren und Lösungsanbieter.

Fazit: Eine Branche im Umbruch

Für den Anlagenbau galt schon immer: Nichts ist beständiger als der Wandel. Politische Unsicherheiten, volatile Märkte und steigende Kosten erschweren das Projektgeschäft. Gleichzeitig wächst der Druck, Engineering-Prozesse effizienter zu machen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen jedoch auch eine Branche, die ihre Transformation aktiv gestaltet: mit stärker standardisierten Engineering-Prozessen, neuen Kollaborationsmodellen und dem zunehmenden Einsatz digitaler Technologien. 

 

Save the Date – 12. Engineering Summit 2026

Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage werden auch den 12. Engineering Summit (15. und 16. September, Darmstadt) prägen. Auf dem wichtigsten Branchentreffpunkt für den Anlagenbau im deutschsprachigen Raum diskutieren hochkarätige Branchenvertreter aktuelle Herausforderungen und Perspektiven:

  • Wettbewerbsfähigkeit – Was macht den Anlagenbau stark am Standort Europa?
  • KI, Automatisierung und autonome Anlagen – Wo liegt die Zukunft des Anlagenbaus?
  • Engineering the Future – Welche Skills sind im Anlagenbau gefragt?
  • Disruptiv oder inkrementell – Wie wird der Anlagenbau produktiver?

Top-Speaker aus Industrie, Politik und Forschung liefern Impulse, Best Practices und kontroverse Debatten – ergänzt durch Networking-Sessions und eine Fachausstellung. Der Engineering Summit bietet damit einmal mehr die Plattform, um Trends zu setzen und Projekte der Zukunft auf den Weg zu bringen.

Mehr Infos und Anmeldung unter www.engineering-summit.de