VDMA-Präsident Betram Kawlath zum Engineering Summit 2026
„Europa hat eigentlich alles, um im Anlagenbau führend zu bleiben“
Technologische Tiefe, industrielle Vernetzung und Erfahrung mit komplexen Projekten zählen zu Europas großen Stärken. Trotzdem gerät der Anlagenbau-Standort zunehmend unter Druck. Im Vorfeld seiner Keynote beim Engineering Summit 2026 erklärt VDMA-Präsident Bertram Kawlath, was Politik, aber vor allem auch Unternehmen jetzt tun müssen.
Jona GöbelbeckerJonaGöbelbeckerChefredakteur CHEMIE TECHNIK und Pharma+Food
4 min
Wie steht es um die Zukunft des europäischen Anlagenbaus? Es hilft nicht, nur auf die Politik zu zeigen, "auch Unternehmen müssen sich verändern", meint VDMA-Präsident Bertram Kawlath.BlackLion - stock.adobe.com (KI-generiert)
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Herr Kawalth, Ihre Keynote auf dem Engineering Summit steht unter der Frage, was den Anlagenbau am Standort Europa stark macht. Woran lässt sich diese „Stärke“ konkret messen: an Marktanteilen, Innovationsfähigkeit, Profitabilität, technologischer Souveränität oder an der Fähigkeit, Projekte zuverlässig abzuwickeln?
Kawlath: Stärke zeigt sich nicht an einer einzelnen Kennzahl. Marktanteile, Profitabilität und Innovationskraft sind wichtige Indikatoren, aber für den Anlagenbau kommt etwas Entscheidendes hinzu: die Fähigkeit, hochkomplexe Projekte zuverlässig zu realisieren. Europäische Unternehmen sind dort stark, wo Technologie, Engineering, Sicherheit und Projektmanagement zusammenspielen. Wer eine Chemieanlage, ein Stromnetzprojekt oder industrielle Infrastruktur im Milliardenbereich plant und erfolgreich in Betrieb nimmt, braucht genau diese Fähigkeiten. Europas Stärke liegt deshalb vor allem in seiner technologischen Tiefe, seiner industriellen Vernetzung und seiner Fähigkeit, anspruchsvolle Lösungen für ganz spezielle Kundenwünsche zu liefern, die über Jahrzehnte funktionieren.
Nicht verpassen: Engineering Summit 2026
Der Engineering Summit bringt Entscheiderinnen und Entscheider aus Anlagenbau, Engineering und Betreiberunternehmen zusammen. Im Mittelpunkt stehen die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Anlagenbaus, neue Märkte, produktivere und resilientere Projekte, veränderte Kompetenzanforderungen sowie der Einsatz von KI. Vorträge, Executive Talks, Workshops und Diskussionsformate verbinden strategische Einordnung mit Erfahrungen aus der Projektpraxis.
Wann: 15. und 16. September 2026
Wo: Wissenschafts- und Kongresszentrum Darmstadtium, Darmstadt
Apropos Stärke: Europäische Anlagenbauer verweisen häufig auch auf Engineering-Kompetenz, Qualität, Sicherheit und langjährige Projekterfahrung. Reichen diese Stärken noch aus, wenn Wettbewerber zugleich schneller, günstiger und bei Finanzierung oder lokalen Wertschöpfungsanteilen flexibler auftreten?
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Kawlath: Nein, allein reichen sie nicht mehr aus. Sie bleiben aber die unverzichtbare Grundlage unserer Wettbewerbsfähigkeit. Die Realität ist, dass sich der Wettbewerb verändert hat. Kunden erwarten heute nicht nur Qualität und Sicherheit, sondern auch Geschwindigkeit, wettbewerbsfähige Kosten, Finanzierungslösungen und lokale Wertschöpfung. Deshalb müssen europäische Anlagenbauer ihre traditionellen Stärken mit mehr Produktivität, Digitalisierung, Standardisierung und globaler Marktpräsenz verbinden. Die Antwort kann nicht sein, bei der Qualität Abstriche zu machen. Die Antwort muss sein, die gleiche Qualität schneller und effizienter zu liefern.
Die Antwort muss sein, die gleiche Qualität schneller und effizienter zu liefern.
Bertram Kawlath
Sie sind selbst auch Unternehmer: Würden Sie heute eine neue Produktion eher in Deutschland, in einem anderen europäischen Land oder außerhalb Europas errichten? Welcher Faktor würde den Ausschlag geben?
Zur Person
Bertram Kawlath, Jahrgang 1970, studierte Geschichte in London und Erlangen und absolvierte ein MBA-Studium in der Schweiz. Seit 2004 ist er geschäftsführender Gesellschafter der Schubert&Salzer-Firmengruppe mit den Kerngeschäftsfeldern Mess- und Regeltechnik und ERP-Systeme. Seit Oktober 2024 ist Bertram Kawlath VDMA-Präsident und vertritt damit 3.500 deutsche und europäische Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus.
Kawlath: Als Unternehmer würde ich zunächst prüfen, welcher Markt künftig eine gute Entwicklungschance bietet und wo die besten langfristigen Rahmenbedingungen vorliegen. Dazu gehören nicht nur Lohn- oder Energiekosten, sondern auch Genehmigungszeiten, Steuerbelastung, Verfügbarkeit von Fachkräften und die Nähe zu Kunden und Lieferketten. Europa bietet weiterhin enorme Vorteile: qualifizierte Mitarbeiter, einen starken Binnenmarkt und technologische Exzellenz. Gleichzeitig müssen wir ehrlich sein: Manche Investitionen werden heute außerhalb Deutschlands schneller und einfacher realisierbar sein. Der entscheidende Faktor ist weniger die Geografie als die Frage, welcher Standort Investitionen tatsächlich willkommen heißt.
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Die Rahmenbedingungen für Investitionen setzt insbesondere die Politik. Wenn Sie für die kommenden zwölf Monate nur drei Reformen auswählen könnten: Welche müssten Deutschland und die EU zuerst umsetzen, damit Anlagenbauer eine spürbare Verbesserung feststellen?
Kawlath: Erstens: eine entschlossene europäische Handels- und Standortpolitik. Europa muss offen bleiben, neue Freihandelsabkommen vorantreiben, endlich den EU-Binnenmarkt vollenden und gleichzeitig faire Wettbewerbsbedingungen sicherstellen. Zweitens: bessere Rahmenbedingungen für Investitionen und Innovationen, etwa durch wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, Investitionsanreize und einen leistungsfähigen europäischen Kapitalmarkt. Drittens: ein konsequenter Abbau von Bürokratie und eine deutliche Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren.
Viele der genannten Standortnachteile können einzelne Unternehmen nicht beeinflussen. Wo macht es sich der europäische Anlagenbau vielleicht dennoch zu einfach, wenn er auf Politik, Energiepreise und Regulierung verweist?
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Kawlath: Politik und Regulierung spielen eine große Rolle, aber wir dürfen nicht jede Herausforderung auf äußere Faktoren schieben. Auch Unternehmen müssen sich verändern. Wir müssen bei Digitalisierung, KI-Nutzung, Standardisierung und Produktivität schneller werden. Wir müssen Innovationszyklen verkürzen und stärker darüber nachdenken, wie wir Engineering-Leistung skalieren können. Wer nur auf bessere Rahmenbedingungen wartet, wird im globalen Wettbewerb nicht erfolgreich sein.
Wenn wir auf den globalen Wettbewerb blicken: Die deutschen Auftragseingänge im Großanlagenbau sind 2025 um 34 Prozent zurückgegangen, während die Exportquote auf 84 Prozent gestiegen ist. Kann der europäische Anlagenbau überhaupt international dauerhaft stark bleiben, wenn im Heimatmarkt immer weniger industrielle Großprojekte realisiert werden?
Wer nur auf bessere Rahmenbedingungen wartet, wird im globalen Wettbewerb nicht erfolgreich sein.
Bertram Kawlath
Kawlath: Kurzfristig ja. Der europäische Anlagenbau ist traditionell stark exportorientiert und in vielen Weltmärkten hervorragend positioniert. Langfristig wäre eine solche Entwicklung aber problematisch. Ein starker Heimatmarkt ist mehr als nur ein Absatzmarkt. Er ist Referenzmarkt, Innovationsraum und Demonstrationsplattform für neue Technologien. Wenn industrielle Großprojekte zunehmend anderswo stattfinden, besteht die Gefahr, dass mit ihnen auch Know-how, Wertschöpfung und Innovationsdynamik abwandern.
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Wo sehen Sie auf dem Heimatmarkt momentan belastbare Wachstumsmärkte: Energieinfrastruktur, Defence, Wasserstoff, Dekarbonisierung oder andere Bereiche?
Kawlath: Energieinfrastruktur gehört klar dazu. Die Modernisierung von Stromnetzen und die Versorgung mit bezahlbarer Energie werden enorme Investitionen erfordern. Hinzu kommen Dekarbonisierung, industrielle Elektrifizierung, Kreislaufwirtschaft und bestimmte Verteidigungs- und Sicherheitsanwendungen. Wasserstoff bleibt langfristig ein relevantes Thema, auch wenn die Entwicklung langsamer verläuft als ursprünglich erwartet. Entscheidend ist: Überall dort, wo komplexe industrielle Systeme entwickelt und umgesetzt werden müssen, ist der europäische Anlagenbau gefragt.
Doch auch die Konkurrenz schläft nicht: Chinesische Wettbewerber zum Beispiel gelten als schnell bei Entwicklung, Industrialisierung und Projektabwicklung. Was kann der europäische Anlagenbau davon übernehmen, ohne seine Stärken bei Sicherheit, Qualität und Verlässlichkeit aufs Spiel zu setzen?
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Kawlath: China zeigt, wie wichtig Geschwindigkeit, Skalierung und Innovationsbereitschaft sind. Europa sollte lernen, Entscheidungen schneller zu treffen, Infrastrukturprojekte zügiger umzusetzen und Innovationen rascher in den Markt zu bringen. Was wir nicht aufgeben dürfen, sind unsere Stärken: Verlässlichkeit, Sicherheit, Qualitätsstandards und langfristige Kundenbeziehungen. Es geht nicht um ein Entweder/Oder. Es geht darum, europäische Qualität mit mehr Tempo zu verbinden.
China zeigt, wie wichtig Geschwindigkeit, Skalierung und Innovationsbereitschaft sind.
Bertram Kawlath
Ein Schlüssel zu mehr Tempo könnte Künstliche Intelligenz sein. Kann KI den Kostennachteil europäischer Engineering-Standorte teilweise ausgleichen – oder besteht die Gefahr, dass internationale Wettbewerber dieselben Werkzeuge schneller skalieren und ihren Vorsprung weiter ausbauen?
Kawlath: KI bietet die Chance, Produktivitätssprünge in Disziplinen wie Engineering, Einkauf und Service zu erreichen. Routineaufgaben können automatisiert, Entwicklungszeiten verkürzt und Wissen besser genutzt werden. Das ist ein erhebliches Potenzial. Gleichzeitig werden Wettbewerber weltweit dieselben Werkzeuge einsetzen. KI allein wird deshalb keinen strukturellen Standortnachteil kompensieren. Entscheidend wird sein, wie schnell Unternehmen die Technologie tatsächlich in ihre Prozesse integrieren und welche Rahmenbedingungen Europa für datengetriebene Innovationen schafft.
Herr Kawlath, lassen Sie uns auf das große Branchentreffen im September schauen: Was erwarten Sie von den anwesenden Unternehmensentscheidern – nicht von der Politik –, wenn sie den Engineering Summit verlassen?
Kawlath: Ich hoffe, dass niemand den Summit mit dem Eindruck verlässt, die Lösung liege allein bei der Politik. Natürlich brauchen wir bessere Rahmenbedingungen. Aber Wettbewerbsfähigkeit entsteht zuerst in den Unternehmen. Wer heute erfolgreich sein will, muss investieren: in Menschen, in Technologie, in Innovation und in neue Geschäftsmodelle. Mein Wunsch wäre, dass die Teilnehmer mit einem klaren Bewusstsein für die Herausforderungen, aber vor allem mit Zuversicht und Gestaltungswillen nach Hause gehen. Europa hat alle Voraussetzungen, um im Anlagenbau weltweit führend zu bleiben. Entscheidend ist, dass wir diese Stärken jetzt konsequent nutzen.
Jetzt anmelden zum Engineering Summit!
Der Engineering Summit bringt am 15. und 16. September 2026 auf der wichtigsten Veranstaltung des europäischen Anlagenbaus wieder Top-Speaker aus Industrie, Politik und Forschung liefern Impulse, Best Practices und kontroverse Debatten. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen sollten sich Branchenvertreter diese einmalige Gelegenheit zum Austausch und zur Vernetzung nicht entgehen lassen.