KI als Kostenrisiko und Steuerungsinstrument für die Chemie
Der KI-Ausbau verschärft für die Chemieindustrie den Wettbewerb um Strom, Netzanschlüsse und elektrische Komponenten. Gleichzeitig liefert die Technologie, die als Kostentreiber wirkt, ein wirksames Pricing-Instrument, um steigende Kosten gezielt weiterzugeben.
Steffen KampmannSteffenKampmannPartner, Prof. Roll & Pastuch
Simon Wiedemann van ZylSimonWiedemann van ZylSenior Consultant, Prof. Roll & Pastuch
4 min
KI-Datenzentren verknappen Ressourcen wie Strom und Netzanschlüsse.Sepia100 – stock.adobe.com
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Entscheider-Facts:
Der KI-Ausbau verteuert Strom und Betriebsmittel spürbar.
Engpässe erschweren Investitionen für die Chemieindustrie.
Datenbasiertes Pricing federt steigende Kosten ab.
Der zunehmende Ausbau der KI-Infrastruktur verknappt genau die Ressourcen, auf die auch die Chemieindustrie für ihre Transformation angewiesen ist: Strom, Netzanschlüsse und viele elektrische Komponenten. Neben Investitionsprojekten verteuert das auch die laufenden Kosten. Die entscheidende Frage ist, ob sich diese Kostensteigerungen über das Pricing erfolgreich weitergeben lassen.
Preis wandert durch KI-Boom nach oben
Wie der KI-Boom die Preise treibt, lässt sich derzeit im Elektronikhandel beobachten. Apple, Microsoft und Nintendo haben ihre Geräte teils deutlich verteuert, bei Apple um bis zu 66 %, begründet mit teureren Komponenten. Ursache ist die Verknappung bei Speicherchips, seit die Hersteller ihre Kapazitäten auf die margenstarken Hochbandbreitenspeicher (HBM) für KI-Rechenzentren umgestellt und konventionelle Speicher gedrosselt haben. Für die Prozessindustrie ist der Konsumgütermarkt allerdings nur das sichtbare Vorbeben. Die relevanten Übertragungswege verlaufen tiefer.
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Volkswirtschaftlich ist die Richtung bereits messbar. Der Notenbankexperte Krishna Guha von Evercore ISI schätzt, dass KI die Kerninflation aktuell um 0,25 bis 0,3 Prozentpunkte anhebt, mit einem möglichen Höhepunkt von bis zu 0,6 Prozentpunkten zum Jahreswechsel. Der Morgan-Stanley-Stratege Jim Caron beschreibt einen Wettlauf um Infrastruktur, in dem Unternehmen nahezu jeden Preis akzeptieren und diese Kosten weiterreichen. Kurzfristig wirkt der KI-Ausbau damit preistreibend; ob langfristig Produktivitäts- oder Nachfrageeffekte überwiegen, ist noch offen.
Drei Engpässe treffen Chemiebranche direkt
Für Investitions- und Planungsentscheidungen sind allerdings weniger die Konsumentenpreise relevant als der Wettbewerb um drei knappe Ressourcen, die KI-Ausbau und die Chemieindustrie gleichzeitig beanspruchen.
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Leistungstransformatoren haben Lieferzeiten von 18 bis 36 Monaten, einzelne Netzkomponenten bis zu sechs Jahre.Working Moments – stock.adobe.com
Strom: Die Internationale Energieagentur erwartet, dass sich der Verbrauch der Rechenzentren zwischen 2025 und 2030 verdoppelt und bald rund 3 % des globalen Bedarfs erreicht. Zugleich benötigt die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland mit der zunehmenden Elektrifizierung ihrer Verfahren künftig deutlich größere Strommengen, bei derzeit international nicht wettbewerbsfähigen Stromkosten. Damit treffen zwei stark wachsende Verbrauchergruppen auf dasselbe Stromsystem, mit absehbaren Folgen für Preise, Netzentgelte und Beschaffungsentscheidungen.
Netzanschluss: Bestehende und neu hinzukommende Großverbraucher konkurrieren um dieselbe Netzkapazität. Netzbetreiber wie Tennet und die österreichische APG berichten, dass Anschlussanfragen aus Industrie, Wasserstoff und Rechenzentren die verfügbaren Kapazitäten übersteigen. So spricht sich etwa RWE-Chef Markus Krebber dafür aus, dass sich Rechenzentren an den Kosten des Netzausbaus beteiligen. Für Neubauten oder das Erweitern von Produktionsstandorten kann der Netzanschluss damit zu einem kritischen Faktor werden.
Elektrische Komponenten: Siemens Energy nennt für Leistungstransformatoren Lieferzeiten von 18 bis 36 Monaten. Einzelne Komponenten der Netztechnik benötigen bis zu sechs Jahre. Die zusätzliche Nachfrage aus KI-Rechenzentren trifft dabei auf Lieferketten, die durch Netzausbau und industrielle Elektrifizierung ohnehin stark ausgelastet sind. Der eigentliche Engpass liegt damit nicht mehr in der Chipfabrik, sondern in der Netztechnik. Dieses Nadelöhr kann auch elektrifizierte Chemieprojekte erheblich verzögern und verteuern.
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In der Netztechnik gilt inzwischen die Faustregel, dass ohne heutige Bestellung in fünf Jahren nicht gebaut wird. Für Capex-Entscheidungen mit langem Vorlauf ist das die eigentliche Botschaft.
Eigentliches Risiko sitzt im Investitionskalkül
Damit verschiebt sich das Risiko dorthin, wo es am teuersten ist, in die Wirtschaftlichkeit der Transformationsinvestitionen. Elektrifizierung und Dekarbonisierung stehen bei den in Europa derzeit nicht wettbewerbsfähigen Stromkosten ohnehin unter Druck. Hebt der KI-Ausbau die Strom- und Betriebsmittelkosten weiter an und verlängert die Lieferketten, geraten ROI-Rechnungen (Return on Investment) zusätzlich ins Wanken.
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Auf der Ertragsseite entscheidet dann häufig eine einzige Frage über die Belastbarkeit des Business-Case: Lassen sich die höheren Produktionskosten am Markt durchsetzen? Ein Investitionsmodell, das die vollständige Kostenweitergabe unterstellt, ist fragil. Bei austauschbaren Basischemikalien mit Überkapazitäten aus Asien ist oft nur ein Bruchteil der Kostensteigerung durchsetzbar, der Rest frisst die Marge und damit die Rendite der Anlage. Pricing-Power ist deshalb kein nachgelagertes Vertriebsthema, sondern muss Teil der Investitionsentscheidung sein.
Pricing wird schon in der Planung Teil der Investitionsentscheidung.Happy Photo – stock.adobe.com
KI ist zugleich schärfstes Pricing-Instrument
An dieser Stelle dreht sich die Perspektive. Dieselbe Technologie, die als Kostentreiber wirkt, liefert ein wirksames Instrument, um Kosten erfolgreich weiterzugeben. KI-gestützte Preissteuerung verknüpft Rohstoffindizes, Energiekosten, Auslastung, Wettbewerbsreaktionen oder Wechselkurse und übersetzt sie nahezu in Echtzeit in Preisempfehlungen, differenziert nach Produkt, Region, Branche und Kunde. Kostenschübe wie steigende Strom- oder Betriebsmittelpreise fließen so unmittelbar in die Kalkulation ein, statt mit Monaten Verzögerung über pauschale Runden.
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Die Chancen sind erheblich: schnellere Reaktion auf volatile Kosten, konsistente Preislogik über tausende Positionen, besseres Ausschöpfen vorhandener Zahlungsbereitschaften. Die Risiken sind es allerdings ebenso. Ein Algorithmus, der sofort auf Wettbewerbspreise reagiert, beschleunigt in Überkapazitätsmärkten die Abwärtsspirale. Ein Modell, das den Kundenwert nicht systematisch berücksichtigt, optimiert am eigentlichen Ziel vorbei. Und Preise, die für den Kunden nicht nachvollziehbar sind, kosten Vertrauen. Datengetriebenes Pricing funktioniert deshalb nur mit klaren Leitplanken und nachvollziehbarer Logik.
Rollenverteilung zwischen Pricing, Vertrieb und IT
Damit KI im Pricing zum Wettbewerbsvorteil und nicht zum Blindflug wird, braucht es eine klare Rollenverteilung. In vielen Unternehmen arbeiten Pricing, Vertrieb und IT noch aneinander vorbei. Das Pricing sollte Strategie, Preislogik und Freigabegrenzen verantworten. Der Vertrieb bringt sein Markt- und Kundenwissen ein und behält die Kontrolle über die Kundenbeziehung. Die IT sichert saubere, aktuelle Daten und stabile Systeme. Der Algorithmus liefert Empfehlungen, die finale Entscheidung über kritische Preise bleibt im Rahmen definierter Korridore aber beim Menschen. Ohne dieses systematische Zusammenspiel entstehen entweder technisch beeindruckende, aber marktferne Modelle oder gut gemeinte Preisregeln ohne klare Durchsetzung und Nachvollziehbarkeit.
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Beschaffung und Pricing zusammendenken
Ob KI die Inflation langfristig anheizt oder über Produktivitätsgewinne dämpft, darüber sind sich Ökonomen bisher noch uneinig. Für die Chemie ist diese Grundsatzfrage zweitrangig. Kurzfristig ist der KI-Ausbau ein realer Kosten- und Terminfaktor, der die Branche gleichzeitig an der Lieferkette und in der Investitionsrechnung trifft. Entscheidend sind zwei Fähigkeiten: Strom, Netzanschluss und Betriebsmittel früh genug in die Projektplanung zu ziehen und volatile Kosten anschließend über ein datenbasiertes, differenziertes Pricing erfolgreich weiterzugeben.
Damit wird KI für die Chemie zugleich Kostenrisiko und Steuerungsinstrument. Unternehmen, die Beschaffung und Pricing zusammendenken, verwandeln den KI-Inflationsschock in einen beherrschbaren Faktor. Wer weiter pauschal plant und kalkuliert, wird es über verzögerte Projekte und verlorene Marge spüren.