Warum der europäische Anlagenbau EPC-Geschäft verliert – und wie Robotik und KI Chancen eröffnen
Der europäische Anlagenbau steht an einem Wendepunkt. Jahrzehntelang galt er als technologisch führend und als verlässlicher Partner für komplexe Großprojekte. Doch dieses Selbstverständnis gerät ins Wanken. Was vom Modell „Generalunternehmer aus Deutschland“ bleibt und was sich ändern muss, diskutieren Dr. Wolfgang Benz, Jürgen Nowicki, Dr. Hannes Storch und Thomas Wehrheim.
CT: Wo steht der deutsche und europäische
Anlagenbau heute im internationalen Wettbewerb?
Nowicki: Wenn wir ehrlich sind: Der
klassische deutsche Großanlagenbau ist in seiner bisherigen Form praktisch
verschwunden – unabhängige Player gibt es nicht mehr. Und in Konzernen ist das
EPC-Geschäft selten der strategische Fokus.
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Wehrheim: Man sieht das sehr konkret:
Bei großen Projekten mit einem Volumen von 1 Mrd. Euro oder mehr
treten deutsche Anbieter kaum noch als Generalunternehmer auf. Banken und
Investoren wollen einen EPC-Partner – aber der kommt heute oft aus Asien oder
aus internationalen Konsortien.
Storch: Im kleineren Projektgeschäft
funktioniert EPC noch. Aber ab etwa 100 Mio. Euro wird es kritisch. Dort
ziehen sich viele deutsche Anbieter zurück und positionieren sich stattdessen
als Technologiegeber, Equipment-Lieferant oder Servicepartner.
CT: Warum ist das so? Ist es ein
Kostenproblem?
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Dr. Wolfgang BenzRedaktion
Produktivität und Geschwindigkeit entscheiden über die Zukunft.“
Dr. Wolfgang Benz
Benz: Kosten sind nur ein Teil. Ein
zentraler Punkt ist das Vertragsrisiko. Die Verträge sind über die Jahre
deutlich härter geworden. Um einen Auftrag zu gewinnen, müssen Anlagenbauer
heute Risiken übernehmen, die früher nicht üblich waren. Gleichzeitig sind die
Margen gesunken.
Nowicki: Früher konnten wir uns Fehler
leisten. Es gab Puffer, es gab Folgeprojekte, es gab Vertrauen. Heute ist das
weg. Und wenn gleichzeitig zu sehen ist, dass andere oft schneller und günstiger
liefern, dann bricht das Modell.
Wehrheim: Hinzu kommt ein
strukturelles Problem: Viele Organisationen sind schlicht langsamer geworden.
Entscheidungen werden in großen Gremien abgesichert und oft zerredet. Das
kostet Zeit – und Zeit ist heute der entscheidende Wettbewerbsfaktor.
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CT: Ist das ein spezifisch europäisches
Problem?
Storch: Zumindest sehen wir es hier
besonders stark. Neue Anforderungen werden auf bestehende Prozesse aufgesetzt,
statt sie grundsätzlich zu hinterfragen.
Nowicki: Das Ergebnis ist fatal:
Projekte dauern heute oft 28 oder 30 Monate, während andere vergleichbare
Projekte in 18 bis 20 Monaten schaffen. Das ist ein massiver
Wettbewerbsnachteil.
Benz: Und es ist nicht nur ein
Zeitproblem. Es ist auch ein Kompetenzproblem. Viele erfahrene Leute sind
gegangen, Nachwuchs kommt nach, aber ohne die gleiche Erfahrung. Gleichzeitig
sind Projekte komplexer geworden. Das verstärkt den Effekt.
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CT: Welche Rolle spielt die Konkurrenz
aus Asien?
Jürgen NowickiRedaktion
Das alte Geschäftsmodell des deutschen Anlagenbaus funktioniert nicht mehr.
Jürgen Nowicki
Nowicki: Eine entscheidende. China ist
heute nicht mehr nur „billiger Anbieter“. Die haben in vielen Bereichen
technologisch aufgeholt – und sie sind extrem schnell. Sie analysieren genau,
wo sie produktiver werden können, und setzen das konsequent um.
Wehrheim: Und sie gehen anders mit
Risiko um. Während wir jeden Lieferantenwechsel durchregulieren, entscheiden
andere in zwei Wochen. Das ist riskanter – aber auch deutlich schneller.
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Storch: Dazu kommt: Es gibt keinen Rückzugsraum
mehr. Die chinesischen Anbieter sind inzwischen in praktisch jeder Nische präsent.
Wer glaubt, er könne
sich irgendwo „verstecken“,
täuscht sich.
Ohne Construction kein Lernen
CT: Viele europäische Anbieter
reduzieren den Construction-Anteil. Ist das langfristig tragfähig?
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Storch: Das ist gefährlich. Wer
Construction und Inbetriebnahme nicht mehr selbst verantwortet, verliert die Rückkopplung
ins Engineering. Man lernt weniger, verbessert sich langsamer – und verliert Stück für Stück Kompetenz.
Nowicki: Früher haben wir Innovationen
im EPC-Projekt umgesetzt. Heute verkaufen wir Lizenzen oder Equipment – und
haben oft keinen Zugriff mehr auf das Gesamtsystem. Das ist ein echter
Einschnitt.
Wehrheim: Und es hat auch eine
Marktfolge: Wer kein EPC anbietet, kommt bei bestimmten Projekten gar nicht
mehr zum Zug.
CT: Kann Robotik auf der Baustelle ein
Ausweg sein?
Benz: Ein wichtiger Hebel – ja. In der
Montage liegt noch viel Potenzial. Wenn wir schneller werden wollen, müssen wir
dort ansetzen. Und wenn es mit Menschen allein nicht mehr geht, dann eben mit
Maschinen.
Nowicki: Aber Robotik wird kein
Differenzierungsmerkmal sein. Wenn sie funktioniert, werden alle sie einsetzen.
Wer sie nicht nutzt, verliert den Anschluss – aber sie allein rettet den
Anlagenbau nicht.
Dr. Hannes StorchRedaktion
Das ist keine normale Krise, sondern ein Strukturbruch. Wir müssen bereit sein, uns neu zu erfinden.
Dr. Hannes Storch
Storch: Entscheidend ist, Robotik als
Teil eines Gesamtsystems zu verstehen. Es geht nicht darum, Roboter zu kaufen,
sondern Prozesse, Schnittstellen und Standards so zu gestalten, dass Robotik überhaupt
sinnvoll eingesetzt werden kann.
KI als Chance: Holt sich das
Engineering die Wertschöpfung zurück?
CT: Das arbeitsintensive
Detail-Engineering wurde von vielen Anlagenbau-Unternehmen in den vergangenen
Jahren beispielsweise nach Indien verlagert. Bietet KI die Chance, das wieder
zurückzuholen?
Nowicki: Ja, das ist ein riesiger
Hebel. Detail-Engineering ist zu großen Teilen regelbasiert. Genau das kann KI
hervorragend. Warum sollten wir das dauerhaft verlagern, wenn wir es vor Ort
digitalisieren können?
Wehrheim: KI und Robotik eröffnen uns
die Chance, Prozesse zu automatisieren und Wertschöpfung zurückholen – oder zumindest völlig neu zu
organisieren.
Storch: Aber nur, wenn wir es
strategisch denken. KI ist kein Tool, das man „einführt“. Sie verändert das gesamte Setup – von der
Datenbasis bis zur Projektabwicklung. KI kann helfen, die Durchlaufzeiten
drastisch zu reduzieren. Was heute Wochen oder Monate dauert, kann
perspektivisch in Tagen oder Stunden passieren.
CT: Welche Rolle spielt die Arbeitskultur der
Ingenieure im internationalen Wettbewerb?
Nowicki: Eine sehr große. Wir müssen uns ehrlich machen: Die
Arbeitsrealität in Deutschland unterscheidet sich massiv von anderen Regionen.
Die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden liegen deutlich unter denen in den
USA oder Asien – bei höheren Kosten. Das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil.
Wehrheim: … und das ist kein Vorwurf an Einzelne – das ist ein
Systemthema. Aber das ändert sich gerade, und KI wird das noch verstärken. Wenn
KI produktiver macht und gleichzeitig weniger Personal benötigt wird, dann
kippt der Arbeitsmarkt vom Arbeitnehmermarkt hin zum Arbeitgebermarkt. Das
bedeutet: Leistung, Geschwindigkeit und Ergebnisorientierung werden wieder
wichtiger.
Benz: Und auch Verantwortung. Wir haben uns in vielen Bereichen daran
gewöhnt, Entscheidungen maximal abzusichern. In Zukunft werden wir wieder mehr
und schneller entscheiden müssen.
CT: Ist das am Ende vor allem ein Strukturproblem oder eine Frage der Veränderungsbereitschaft?
Storch: Ich glaube, es ist vor allem ein Thema der
Veränderungsgeschwindigkeit.
Wir haben Strukturen, die über Jahrzehnte hervorragend funktioniert haben. Und
genau deshalb fällt es uns so schwer, sie grundsätzlich infrage zu stellen.
Nowicki: Wir optimieren – aber wir transformieren nicht. Neue
Anforderungen werden einfach auf bestehende Prozesse draufgesattelt. Das System
selbst bleibt unangetastet.
Thomas WehrheimRedaktion
Veränderung ist keine Option mehr – sie ist zur Voraussetzung geworden.
Thomas Wehrheim
Wehrheim: Und genau da sind andere konsequenter. Die stellen Dinge
radikal infrage – Lieferketten, Abläufe, Entscheidungswege. Bei uns dauert
allein die Diskussion oft länger als bei anderen die Umsetzung.
Storch: Das ist der entscheidende Punkt: Wir behandeln die aktuelle
Situation wie eine weitere Krise. Aber es ist keine normale Krise – es ist ein
Strukturbruch.
Nowicki: Früher konntest du nach einer Krise wieder zum alten Modell
zurückkehren.
Das geht diesmal nicht mehr.
Wehrheim: Und das bedeutet: Veränderung ist keine Option mehr – sie ist
Voraussetzung.
CT: Wenn EPC aus Deutschland nicht
mehr funktioniert – wie könnte das Zukunftsmodell für den deutschen und europäischen
Anlagenbau aussehen?
Storch: Ich glaube, wir müssen uns vom klassischen
Bild lösen. Der Anlagenbauer der Zukunft ist kein
„Alles-aus-einer-Hand“-Generalunternehmer mehr, …
Wehrheim: … sondern ein
Systemintegrator – mit starken Technologiekompetenzen, digitalen Fähigkeiten
und einem Partnernetzwerk für die Umsetzung. Viele werden sich stärker in
Richtung Betreiber, Service und langfristiger Partnerschaften entwickeln. Das
sehen wir heute schon.
Nowicki: Aber das löst nicht alle
Probleme. Wenn alle auf Service setzen, schrumpft die Wertschöpfung. Es wird
weniger Personal gebraucht, weniger Projekte, weniger Volumen.
Storch: Deshalb geht es um mehr:
Unternehmen müssen sich neu positionieren. Welche Rolle wollen sie in der
Wertschöpfungskette
spielen? Technologieanbieter? Integrator? Betreiberpartner? Das sind
strategische Entscheidungen.
Wehrheim: Das zukünftige Modell basiert auf standardisierten Anlagen,
digitalem Engineering, robotisierten Baustellen und globalen Partnernetzwerken.
Benz: Und zukunftsgerichtete Anlagenbau-Unternehmen müssen
einen viel stärkeren Fokus auf Zeit legen. Die Frage ist nicht mehr nur: Wie
gut ist die Anlage? Sondern: Wie schnell bekomme ich sie in Betrieb?
CT: Wenn Sie es zuspitzen müssten: Was
ist die wichtigste Erkenntnis?
Nowicki: Dass das alte Geschäftsmodell
nicht mehr funktioniert.
Wehrheim: Dass wir Veränderung nicht länger
aufschieben können.
Benz: Dass Produktivität und
Geschwindigkeit über die Zukunft entscheiden.
Storch: Und dass wir nur dann eine
Zukunft haben, wenn wir bereit sind, uns wirklich neu zu erfinden.
CT: Gibt es trotz allem Gründe für
Optimismus?
Storch: Ja, wenn wir
bereit sind, uns zu verändern. Denn Deutschland hat weiterhin enorme Stärken:
eine hohe Ingenieurskompetenz, Innovationsfähigkeit und industrielle Erfahrung.
Wehrheim: Diese
Stärken müssen wir neu kombinieren. Technologie allein reicht nicht mehr.
Nowicki: Die Chance
liegt darin, deutsche Ingenieurskunst mit KI, Standardisierung und Robotik zu
verbinden.
Engineering Summit 2026: Zukunft des Anlagenbaus im Fokus
Die im Interview diskutierten
Fragestellungen stehen auch im Zentrum des Engineering Summit (15. bis 16.
September 2026 in Darmstadt). Der Networking-Kongress bringt Entscheider
aus Anlagenbau, Betreiberunternehmen und Technologieanbietern zusammen. Im
Mittelpunkt stehen unter anderem:
Was
macht den Anlagenbau stark am Standort Europa?
Disruptiv
oder inkrementell – wie wird der Anlagenbau produktiver?
Engineering
the Future – welche Skills sind im Anlagenbau gefragt?
Was
erwarten Betreiber vom Anlagenbau?
KI,
Automatisierung und autonome Anlagen – wo liegt die Zukunft des Anlagenbaus?