Früher war alles besser! Oder?
CT-Spotlight: Nostalgie ist im Trend
Auf Instagram und Tiktok romantisieren Menschen gerade das Jahr 2016, insbesondere im Vergleich mit 2026. War in der Chemieindustrie vor zehn Jahren auch alles besser? Ein Rückblick.
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Sich die „guten alten Zeiten“ zurückzuwünschen, ist ein sehr menschlicher Wesenszug, und da Branchen ohne die für sie arbeitenden Menschen nicht existieren würden, lässt sich diese Attitüde auch auf ganze Industrien anwenden. Also blicken wir im Sinne des Trends 2016 vs. 2026 zehn Jahre in die Vergangenheit, was die Chemieindustrie damals umgetrieben hat. Ausgangspunkt für die Reise in die Vergangenheit ist der Jahresabschlussbericht des Verbands der chemischen Industrie (VCI) aus dem Jahr 2016 mit dem Titel: „Durchwachsenes Jahr für die deutsche Chemie“. Schauen wir doch in die Details.
Eine Frage des Blickwinkels
2016 lag die Kapazitätsauslastung der Chemiebranche bei 84 %, der Umsatz sank aufgrund sinkender Herstellerpreise. Der VCI begründete das mit „politischen Turbulenzen in Europa und der Verunsicherung vieler Marktteilnehmer“. Zehn Jahre später geht es nicht nur in Europa turbulent zu, sondern weltweit und wie es scheint, hat sich die allgemeine Verunsicherung eher ausgebreitet, als dass sie eingedämmt worden wäre. Ende 2025 lag die Kapazitätsauslastung übrigens nur noch bei 70 %.
Einen großen Teil zur Verunsicherung tragen nach heutigem Stand die hohen Energiekosten in Deutschland bei. Der Industrie-Strompreis lag 2016 bei 15,6 ct/kWh, der Gaspreis für die Industrie bei 2,69 ct/kWh. Anfang 2026 zahlten Industrieunternehmen in Deutschland für Strom 16 ct/kWh und für Gas 6,75 ct/kWh – war also früher alles besser?
Besser ist immer eine Frage des Blickwinkels, aber anders sicherlich. Der günstige Gaspreis wurde unter anderem durch russisches Gas ermöglicht. Über die Folgen dieser Abhängigkeit wollte sich 2016 niemand Gedanken machen. Wintershall DEA, was damals noch zu BASF gehörte, erhielt 2016 von der Bundesregierung Garantien für Investitionen in russische Gasfelder. Da aufgrund der heutigen Sanktionen gegen Russland die Aktivitäten des Konzerns dort zum Stillstand gekommen sind, sind laut Handelsblatt-Angaben aus 2026 Entschädigungszahlungen fällig geworden. Diese lagen im dritten Quartal 2025 wohl bei 229 Mio. Euro, finanziert aus Steuergeldern. Die Summe ging über Dividendenzahlungen von Wintershall DEA weiter an BASF.
Was die Turbulenzen in Europa angeht, die der VCI in seiner Pressemitteilung aus 2016 erwähnt, könnte die Brexit-Volksabstimmung eine Rolle darin gespielt haben. Später im selben Jahr sind politische Unsicherheiten sicher auch auf die erste Amtszeit von Donald Trump als Präsident der USA zurückzuführen. Und wenn Sie denken, das muss es für 2016 doch jetzt gewesen sein; nein, denn das Beste kommt zum Schluss. Vor zehn Jahren nahm Bayer 66 Mrd. US-Dollar in die Hand, um seine Agrarsparte zu erweitern – mit dem Kauf von Monsanto. Wie das ausgegangen ist, wissen wir ja alle.