Mann vor Anlage bei Nacht

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| von Redaktion
  • Strukturelle Probleme des Anlagenbaus werden durch die Corona-Pandemie verschärft.
  • Die Branche hat mit Digitalisierungsinitiativen, neuen Abwicklungskonzepten und viel Kreativität auf die Situation reagiert.
  • Auf Dauer wird sich die Art der Zusammenarbeit in Projekten verändern, wodurch Remote Leadership zum Faktor wird.
Dr. Ralph Wiechers, VDMA
Dr. Ralph Wiechers, VDMA, rechnet damit, dass der langfristige Wachstumstrend im Maschinen- und Anlagenbau intakt bleibt. Bilder: Redaktion

Gleich zu Beginn machte Dr. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Maschinen- und Anlagenbau-Verbands VDMA deutlich, welche Dimension die Corona-Pandemie für die Branche hatte: Zwischen Januar und September 2020 fiel der Auftragseingang im Vergleich zum Vorjahr um 15 %. Bereits zu Beginn des ersten Lockdowns Mitte März kam es zu massiven Störungen in den Lieferketten: Vor allem Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen bereiteten die größten Probleme. In mehreren Blitzumfragen fühlte der Verband seinen Mitgliedern den Puls. Und vor allem für den Anlagenbau zeigte sich schnell: Strukturelle Probleme der Branche werden durch die Pandemie weiter verschärft: Diese sind ein wachsender Preiswettbewerb, eine zunehmende Fragmentierung der Märkte sowie die Barrieren im Außenhandel.

Unmittelbar spürten Anlagenbauer die Folgen in laufenden Projekten: Die Abwicklung von Baustellen wurde durch die Lockdown-Maßnahmen hart getroffen. So berichteten Teilnehmer und Referenten beispielsweise von Baustellenschließungen: Personal musste in Quarantäne, kurzfristig ausreisen, oder Abläufe auf der Baustelle mussten so umgestellt werden, dass Kontakte zwischen den Baustellenmitarbeitern minimiert wurden. Thomas Wehrheim, CEO bei TGE Gas Engineering, zeigte im Summit Talk beispielhaft, wie schwierig der geforderte Abstand von 1,5 Metern beim Schweißen von Rohrleitungen einzuhalten ist. Aber auch beim Isolieren von Rohrleitungen und Behältern sind die bisherigen Abläufe unter den Hygiene-Randbedingungen der Pandemie nicht mehr geeignet. Der EPC-Anbieter musste deshalb seine Baustellen stoppen und Abläufe komplett neu aufstellen: Die Effizienz auf der Baustelle ging in der Spitze, so Wehrheim, um 40 % zurück. Erst nach und nach konnten Lösungen entwickelt werden, um die Baustelle wieder effizient abzuwickeln.

Remote Leadership wird zum Wettbewerbsfaktor

Michael Manss und Sebastian Scheibner von der Thyssenkrupp Akademie verdeutlichten die Bedeutung von Remote Leadership und stellten neue Konzepte für Führungsarbeit im Anlagenbau vor.
Michael Manss und Sebastian Scheibner von der Thyssenkrupp Akademie verdeutlichten die Bedeutung von Remote Leadership und stellten neue Konzepte für Führungsarbeit im Anlagenbau vor.

Doch nicht nur auf Baustellen im Ausland mussten die Engineering-Spezialisten sich mit der neuen Situation zurechtfinden: Von jetzt auf nachher wurden ganze Teams in das Homeoffice versetzt und Videochat-Programme zur digitalen Kommunikation installiert werden. Das funktionierte in der Regel erstaunlich reibungslos, doch spätestens seit Jahresmitte stellt sich in den meisten Unternehmen die Frage, wie solche Teams dauerhaft effizient und wirkungsvoll geführt werden können. Im Impulsvortrag „Remote Leadership“ plädierten Sebastian Scheibner und Michael Manss von der Thyssenkrupp-Akademie dafür, die Corona-Pandemie als Chance für den Anlagenbau zu begreifen, um neue Formen der Zusammenarbeit und Führung zu etablieren. Die Weiterbildungsspezialisten stellten klar, dass der Anlagenbau hervorragende Voraussetzungen dafür mitbringt, um mit neuen Arbeitsformen auf die Erfolgsspur zurückzukommen.

Das Zielbild: von dem bisherigen Single Office oder von Multi-Office-Lösungen die Transformation hin zum Single Remote Office vollziehen. Wo sich Teams früher in einer einheitlichen Büroumgebung getroffen hatten, können die Teammitglieder künftig aus ihren einzelnen Büros zusammengeschaltet werden. Insbesondere im Recruiting zahlt sich das aus, weil so Talentpools deutlich größer werden, da keine Standortrestriktionen mehr bestehen. Weil andere Branchen dieses Remote-Konzept bereits realisieren, könnte es für den Anlagenbau langfristig zum Nachteil werden, am traditionellen Setup festzuhalten oder zu diesem zurückzukehren – denn dann würde der Talentpool für die Branche kleiner.

Aber auch die Frage nach der Mitarbeitermotivation stellt sich nicht erst seit der Corona-Pandemie. Allerdings fehlen in der Remote-Situation den Führungskräften liebgewonnene Kontrollmechanismen – die Frage nach intrinsischen Motivationsfaktoren gewinnt an Bedeutung. Scheibner stellte klar: Es geht um die Aspekte Purpose, Mastery und Autonomie: „Purpose“ ist dabei der motivierende Sinn hinter der Tagesarbeit. „Mastery“ ist das Streben nach Selbstwirksamkeit und der Wunsch, besser zu werden. „Autonomy“ ist die Entscheidungsfreiheit und der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen. Um diese intrinsischen Motivationsfaktoren zu unterstützen, muss sich Führung, so die Experten, verändern: weg von „command-and-control“ hin zu „leadership as a service“. Dass das funktioniert, hat man bei Thyssenkrupp bereits gelernt: Eine Umfrage unter 600 Führungskräften zeigte, dass die Produktivität auch dann hoch bleibt, wenn die räumlich verteilten Teams weniger kontrolliert werden.

Digitalisierung hilft – Kreativität gefragt

Dass die Bereitschaft zur Veränderung da ist, berichteten Teilnehmer des Engineering Summits: So erklärte beispielsweise Björn Griesemann, geschäftsführender Gesellschafter der Griesemann Gruppe, dass es für die Einführung der Kommunikationslösung MS Teams in seinem Unternehmen bereits vor Corona einen Einführungsplan gab, die Umsetzung dann allerdings in drei Tagen abgeschlossen war – ein Beispiel dafür, dass man Prozesse nicht verkomplizieren sollte.

Björn Griesemann und Thomas Wehrheim sehen den Strukturwandel im Anlagenbau in vollem Gang.
Björn Griesemann und Thomas Wehrheim sehen den Strukturwandel im Anlagenbau in vollem Gang.

Überhaupt sind digitale Tools und die Digitalisierung insgesamt ein Schlüssel für die Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie. So berichtete Robert Werner vom Metallurgie-Anlagenbauer SMS, dass der Einsatz von Virtual- oder Augmented-Reality-Lösungen inzwischen unverzichtbarer Bestandteil der Baustellenarbeit und des Servicegeschäfts geworden ist und die Akzeptanz für den Einsatz dieser Werkzeuge deutlich zugenommen hat. Der Anlagenbauer setzt bereits seit einem halben Jahrzehnt ein ehrgeiziges Programm zur Digitalisierung seiner Baustellen um. Eines der Ziele: die Präsenzzeiten der Bauleiter auf der Baustelle zu reduzieren. Wenn Bauleiter durch den Einsatz digitaler Tools täglich 15 Minuten sparen, bedeutet das für das Unternehmen jährlich bis zu vier Millionen Euro Einsparungen.

Künftig Roboter auf der Baustelle?

Thomas Wehrheim sieht allerdings noch weitere Aspekte der Digitalisierung, die über Dokumente und Informationen hinausgehen. Aus seiner Sicht sollten beispielsweise auch Roboter Einzug auf den Baustellen halten und künftig bisher manuelle Tätigkeiten unterstützen oder ablösen – beispielsweise bei der Montage von Rohrleitungen oder Isolierungen. Aus seiner Erfahrung in Führungsaufgaben asiatischer Unternehmen berichtete Wehrheim von den starken Digitalisierungsbemühungen der Konkurrenz aus Fernost und deren Vorsprung dabei. Aber auch er sieht in der Kreativität und Freiheit hiesiger Ingenieure die Möglichkeit zur Differenzierung gegenüber dem Wettbewerb und plädierte dafür, entsprechende Ideen in der Plattform des Anlagenbau-Verbands VDMA zu bündeln. In der Kombination aus Kreativität und Freiheit sahen die Teilnehmer des ersten Summit Talks eine der wesentlichen Stärken und ein Differenzierungsmerkmal des deutschen Anlagenbaus gegenüber den Wettbewerbern aus Fernost. Aus Sicht von Thomas Wehrheim hat die Branche hierzulande gezeigt, dass sie sich sehr schnell auf neue Herausforderungen einstellen kann.

Beim ersten Summit Talk diskutierten Dr. Ralph Wiechers (VDMA), Thomas Wehrheim (TGE), Björn Griesemann (Griesemann Gruppe) und Armin Scheuermann die Folgen der Corona-Krise für den Industrieanlagenbau (von rechts nach links).
Beim ersten Summit Talk diskutierten Dr. Ralph Wiechers (VDMA), Thomas Wehrheim (TGE), Björn Griesemann (Griesemann Gruppe) und Armin Scheuermann die Folgen der Corona-Krise für den Industrieanlagenbau (von rechts nach links).

Kleine und mittelständische Engineeringanbieter an den Rand gedrängt

Einen Strukturwandel im Anlagenbau sieht der auf Engineering Services spezialisierte Björn Griesemann. Er rechnet in diesem Markt mit einer Konsolidierung, weil vor allem kleine Anbieter, die in den vergangenen Jahren aufgrund der starken Nachfrage kaum in die Weiterentwicklung ihrer Prozesse investiert haben, nun in Schwierigkeiten geraten. Aus seiner Sicht werden Kunden der Prozessindustrie und Energiewirtschaft die Folgen dieser Konsolidierung auf der Angebotsseite spüren: Die Zahl der Unternehmen, die in der Lage sind, Aufträge in den Vertragsformen EPC oder EPCm abzuwickeln, wird zurückgehen. Gerade die Forderung der Kunden in den Prozessindustrien nach Dienstleistern, die Engineeringleistungen über viele Disziplinen hinweg erbringen können, dränge kleine Anbieter immer stärker an den Rand. Entwender, so Griesemann, müssen die Kunden wieder selbst Engineeringabteilungen aufbauen, oder Projekte seien groß genug für internationale Anlagenbau-Unternehmen. Alles dazwischen wird aus seiner Sicht für die Kunden zu einer Herausforderung werden.

Gleichzeitig sieht Ralph Wiechers in dem Strukturwandel Chancen für neue Geschäftsideen. So stehen beispielswiese Überkapazitäten in der Basischemie ein Wachstum in der Spezialchemie gegenüber. Auch die Pläne zur Dekarbonisierung der Wirtschaft könnten für den Anlagenbau zu einer enormen Chance werden. Eine Sichtweise, die auch am zweiten Tag des digitalen Engineering Summits deutlich wurde. So berichtete beispielsweise Linde-Manager Tilman Weide von Schätzungen, wonach das Umsatzpotenzial der Dekarbonisierung für den internationalen Anlagenbau bis 2050 bei 10 Billionen Euro liegen könnte.

Im Hinblick auf die Corona-Krise zeigten sich die Teilnehmer beeindruckt, mit welcher Geschwindigkeit die Branche auf die Herausforderungen reagiert hat. Ralph Wiechers berichtete von den Erwartungen, dass 18 % des Maschinen und Anlagenbaus bereits 2021 mit einer Rückkehr auf das Auftragsniveau von 2019 rechnen, 46 % gehen davon aus, dass dieses 2022 erreicht werden wird. Aus Sicht des Großanlagenbaus rechnen zwar zwei Drittel der befragten Unternehmen mit einer weiteren Konsolidierung in ihrem Markt, doch der langfristige Wachstumstrend im Maschinen- und Anlagenbau sei – so die Erwartung von VDMA-Chefvolkswirt Dr. Ralph Wiechers, weiter intakt.

190 Teilnehmer beim digitalen Engineering Summit

Der erste digitale Engineering Summit – insgesamt die siebte Veranstaltung seit dem Start 2011 – fand in diesem Jahr coronabedingt komplett virtuell statt: 190 Teilnehmer, überwiegend Führungskräfte aus dem europäischen Anlagenbau, hatten sich zu der Veranstaltung angemeldet, die von einer innovativen 3D-Networking-Ausstellung begleitet wurde. An drei Tagen diskutierte die Branche die Folgen der Corona-Pandemie für den Anlagenbau, die Chancen durch die Dekarbonisierung der Industrie sowie Methoden und Prozesse. Dabei wurden auch spektakuläre Großprojekte wie das von Technip durchgeführte Yamal-LNG-Projekt vorgestellt und Aspekte wie das Risikomanagement in der Angebotsphase oder die Digitalisierung von Baustellen gezeigt. Interaktive Summit-Talk-Formate, die live im Studio sowie per Zuschaltung gestreamt wurden, ergänzten Vorträge und Diskussionen. Der nächste Engineering Summit ist als Präsenzveranstaltung Anfang Dezember 2021 geplant.

Über die Diskussion zur und die Chancen der Dekarbonisierung der Industrie für den Anlagenbau werden wir in
CHEMIE TECHNIK 1/2021 berichten.

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