Wie der europäische Anlagenbau zukunftsfähig bleibt
Europas Anlagenbauer verfügen über technisches Know-how und Erfahrung mit komplexen Projekten. Doch internationale Wettbewerber, geopolitische Verschiebungen, hohe Kosten und fehlende Fachkräfte setzen das bisherige Erfolgsmodell unter Druck. Der Engineering Summit 2026 zeigt, welche fünf Hebel jetzt über die Zukunftsfähigkeit der Branche entscheiden.
Jona GöbelbeckerJonaGöbelbeckerChefredakteur CHEMIE TECHNIK und Pharma+Food
5 min
Ist der europäische Anlagenbau fit für das Wettrennen um die Zukunft?FotoArtist - stock.adobe.com
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Der europäische Anlagenbau hat viele Voraussetzungen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen: erfahrene Ingenieure, umfangreiches Prozesswissen, gewachsene industrielle Netzwerke und die Fähigkeit, technisch anspruchsvolle Projekte zu realisieren. Doch diese Stärken garantieren keine führende Marktposition. Neue Wettbewerber holen technologisch auf, Investitionen verlagern sich in andere Regionen und Kunden erwarten kürzere Projektlaufzeiten bei steigender Kostensicherheit.
Hinzu kommen geopolitische Konflikte, regulatorische Anforderungen und der Fachkräftemangel. Die Branche steht deshalb nicht nur vor einer konjunkturellen Schwächephase. Sie muss klären, wie ihr Geschäfts- und Projektmodell unter veränderten Bedingungen funktionieren kann.
Unter dem Leitgedanken „Fitnessprogramm für den europäischen Anlagenbau“ stellt der Engineering Summit 2026 diese Frage in den Mittelpunkt. Am 15. und 16. September diskutieren Führungskräfte aus Anlagenbau, Industrie und Verbänden in Darmstadt über Wettbewerbsfähigkeit, neue Märkte, Projektperformance, Zusammenarbeit und Künstliche Intelligenz. Das Programm macht deutlich: Zukunftsfähigkeit hängt nicht von einer einzelnen Technologie oder politischen Entscheidung ab. Mehrere Veränderungen müssen ineinandergreifen.
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Engineering Summit 2026
Der Engineering Summit bringt Entscheiderinnen und Entscheider aus Anlagenbau, Engineering und Betreiberunternehmen zusammen. Im Mittelpunkt stehen die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Anlagenbaus, neue Märkte, produktivere und resilientere Projekte, veränderte Kompetenzanforderungen sowie der Einsatz von KI. Vorträge, Executive Talks, Workshops und Diskussionsformate verbinden strategische Einordnung mit Erfahrungen aus der Projektpraxis.
Wann: 15. und 16. September 2026
Wo: Wissenschafts- und Kongresszentrum Darmstadtium, Darmstadt
Den Ausgangspunkt bildet die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa. VDMA-Präsident Bertram Kawlath eröffnet den Summit mit der Frage, welche politischen Rahmenbedingungen und unternehmerischen Strategien notwendig sind, damit europäische Anlagenbauer ihre Kompetenzen auch künftig international ausspielen können.
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Dabei geht es unter anderem um Kosten, Regulatorik und geopolitische Unsicherheit. Im Kern steht jedoch die Frage, wie aus technischem Know-how wieder ein belastbarer Wettbewerbsvorteil wird. Qualität, Sicherheit und Erfahrung bleiben wichtige Argumente. Sie müssen aber mit schnelleren Prozessen, fokussierten Angeboten und international anschlussfähigen Organisationsstrukturen verbunden werden.
Sebastian Jureczek, CEO von Air Liquide Deutschland, greift diese Perspektive aus Unternehmenssicht auf. Sein Beitrag richtet den Blick darauf, wie sich europäische Anlagenbauer strategisch, organisatorisch und technologisch aufstellen müssen. Der anschließende Executive Talk führt beide Perspektiven zusammen: Was kann die Politik verbessern – und welche Veränderungen müssen die Unternehmen selbst angehen?
Neue Märkte verlangen neue Strategien
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Zukunftsfähigkeit entscheidet sich auch daran, wo Anlagenbauer künftig wachsen. Traditionelle Absatzmärkte entwickeln sich schwächer oder werden schwerer kalkulierbar. Gleichzeitig verändern staatliche Investitionsprogramme, Energiepolitik und sicherheitspolitische Prioritäten die weltweiten Investitionsströme.
Oliver Richtberg, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft beim VDMA, analysiert, welche Regionen und Rahmenbedingungen für europäische Anlagenbauer an Bedeutung gewinnen. Dabei geht es nicht nur um zusätzliche Exportmärkte. Unternehmen müssen entscheiden, wo sie lokale Engineering-Kapazitäten, Partnerschaften oder Servicenetze benötigen und welche Risiken sie dabei eingehen können.
Ein Beispiel für neue Anwendungen ist der Defence-Sektor. Steigende Verteidigungsausgaben und der Aufbau resilienter Lieferketten eröffnen auch Anlagenbauern und industriellen Zulieferern Geschäftsmöglichkeiten. Der Markt folgt jedoch eigenen Regeln. Sicherheitsanforderungen, Zertifizierungen, lange Beschaffungsprozesse und besondere Kundenerwartungen erschweren den Einstieg. Götz Witzel von Wimcom zeigt, welche Erfahrungen und Voraussetzungen Unternehmen dafür mitbringen sollten.
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Wie eine strategische Neuausrichtung in der Praxis aussehen kann, beschreibt Benjamin Fiedler von CAC Engineering. Der mittelständische Anlagenbauer nutzte eine schwierige Marktphase, um neue Regionen und Kundengruppen zu erschließen und zugleich Digitalisierung und KI voranzutreiben. Das Beispiel zeigt: Neue Märkte allein reichen nicht aus. Sie müssen mit einer Anpassung der eigenen Strukturen verbunden werden.
Projektperformance wird zum Wettbewerbsfaktor
Der globale Wettbewerb entscheidet sich nicht nur darüber, wer eine technisch anspruchsvolle Anlage planen kann. Mindestens ebenso wichtig ist, wer Projekte kalkulierbar, schnell und belastbar realisiert. Gerade bei Großprojekten treffen engere Budgets auf ambitionierte Zeitpläne, fragile Lieferketten und schwer vorhersehbare Risiken.
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Denis von der Weydt von der SMS Group überträgt dazu Erkenntnisse aus dem Katastrophenschutz auf das Projektmanagement. Im Mittelpunkt stehen eine proaktive Steuerung, klare Entscheidungswege und Strukturen, die auch unter hohem Druck handlungsfähig bleiben. Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, sämtliche Risiken vermeiden zu wollen. Entscheidend ist vielmehr, Störungen früh zu erkennen und schneller auf sie reagieren zu können.
Joscha Zimmer von Thost Projektmanagement zeigt, wie KI diese Entwicklung unterstützen kann. Anwendungen für Termin- und Kostenprognosen, Frühwarnsysteme und Claims Management sollen Projektteams helfen, von einer reaktiven zu einer vorausschauenden Steuerung zu gelangen.
Gleichzeitig darf Geschwindigkeit nicht zulasten von Sicherheit und Zuverlässigkeit gehen. Hauke Jürgensen von Siemens Energy beschreibt deshalb das notwendige Zusammenspiel von Disruption und kontinuierlicher Weiterentwicklung. Anlagenbauer müssen neue Technologien und Geschäftsmodelle erproben, ohne die Verlässlichkeit zu gefährden, die Kunden bei Investitionen in kritische Infrastruktur und langlebige Produktionsanlagen erwarten.
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Produktivität entsteht an den Schnittstellen
Viele Produktivitätsverluste entstehen nicht erst auf der Baustelle. Ihre Ursachen liegen häufig in frühen Projektphasen: Anforderungen sind nicht eindeutig, Informationen werden über Systemgrenzen hinweg mehrfach übertragen, Änderungen erfolgen spät und Verantwortlichkeiten enden an Vertragsgrenzen.
Der zweite Konferenztag rückt deshalb die Zusammenarbeit zwischen Betreibern, Owners Engineers und EPCs in den Mittelpunkt. Sebastian Mahler von Covestro und Tobias Schlichtmann von BASF zeigen aus Betreiberperspektive, wie Engineering-Partner gemeinsam eine höhere Projektproduktivität erreichen können. Eine wichtige Rolle spielen Datenqualität, Standardisierung, Automatisierung und eine frühzeitige Abstimmung.
Der Summit bleibt dabei nicht bei Vorträgen stehen. In parallelen Workshops bearbeiten die Teilnehmer Handlungsfelder wie Rollen und Erwartungen, Governance, Produktivität in der Projektabwicklung sowie die Voraussetzungen für digitale Methoden und KI. Die Ergebnisse werden anschließend im Plenum vorgestellt und in einer Fishbowl-Diskussion eingeordnet.
Damit adressiert der Summit einen strukturellen Punkt: Produktivität ist keine Einzelleistung eines Anlagenbauers oder Betreibers. Sie entsteht im Zusammenspiel aller Beteiligten. Zukunftsfähige Projektmodelle müssen gemeinsame Ziele und durchgängige Daten stärker gewichten als die Abgrenzung einzelner Leistungsbereiche.
KI verändert das Engineering-Modell
Künstliche Intelligenz ist im Anlagenbau nicht mehr nur Gegenstand von Pilotprojekten. Sie wird bereits für wiederkehrende Aufgaben, die Auswertung großer Informationsmengen und die Vorbereitung von Entscheidungen eingesetzt. Entscheidend ist nun, ob sich diese Anwendungen skalieren und in bestehende Engineering-Prozesse integrieren lassen.
Oliver Franke, Technischer Geschäftsführer von Planting, zeigt anhand eines Use Cases, wie KI Prozesse beschleunigen, Kosten senken und zugleich die Qualität verbessern kann. Ein Beitrag von Metso und Outotec zur Exportkontrolle erweitert den Blick: KI kann auch in regelintensiven Nebenprozessen helfen, Informationen schneller auszuwerten, Compliance-Entscheidungen vorzubereiten und Risiken in internationalen Projekten frühzeitig zu erkennen.
Doch die technologische Entwicklung wirft eine weitergehende Frage auf: Wie sollen Engineering-Organisationen künftig aufgebaut sein? Genau daran knüpft der abschließende Summit Talk mit Silvia Kärtner von Covestro, Nils Schöche von SilverSHIFT und Jürgen Nowicki an. Unter dem Titel „Wo liegt die Zukunft des Engineerings – in Deutschland, in Indien oder in der KI?“ diskutieren sie das Verhältnis von Standort, globaler Arbeitsteilung und Automatisierung.
Die Antwort dürfte nicht in einem Entweder-oder liegen. Unternehmen müssen differenzieren: Welche Aufgaben erfordern lokales Prozesswissen und unmittelbare Kundennähe? Welche lassen sich in internationalen Engineering-Hubs bearbeiten? Und welche können künftig von KI-Systemen übernommen oder unterstützt werden? Damit verändern sich auch die Kompetenzprofile. Datenverständnis, Prozesssteuerung und die Fähigkeit, KI-Ergebnisse fachlich zu bewerten, gewinnen an Bedeutung.
Das europäische Erfolgsmodell muss sich weiterentwickeln
Der europäische Anlagenbau muss seine bisherigen Stärken nicht aufgeben. Er muss sie unter veränderten Bedingungen neu organisieren. Technische Kompetenz bleibt die Grundlage. Wettbewerbsfähigkeit entsteht jedoch erst, wenn sie mit schnelleren Projekten, einer gezielten Marktstrategie, partnerschaftlicher Zusammenarbeit und digitaler Produktivität verbunden wird.
Der Engineering Summit 2026 bildet diese Zusammenhänge ab. Er fragt nach den notwendigen Rahmenbedingungen, zeigt operative Ansätze und bringt Betreiber und Engineering-Partner in gemeinsamen Arbeitsformaten zusammen. Damit wird die Veranstaltung zu einer Standortbestimmung für eine Branche, die weiterhin über umfangreiches Know-how verfügt – es künftig aber schneller und konsequenter in Markterfolg übersetzen muss.
Nicht verpassen, jetzt anmelden!
Der Engineering Summit bringt am 15. und 16. September 2026 auf der wichtigsten Veranstaltung des europäischen Anlagenbaus wieder Top-Speaker aus Industrie, Politik und Forschung liefern Impulse, Best Practices und kontroverse Debatten. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen sollten sich Branchenvertreter diese einmalige Gelegenheit zum Austausch und zur Vernetzung nicht entgehen lassen.