Engineering Summit Salon über den Dächern von Köln
Zwischen Leuchtturmprojekten und Ernüchterung
In der Chemieregion Rheinland wird gebaut, was andernorts nur diskutiert wird. Doch beim Engineering Summit Salon in Köln wurde klar: Die Leuchtturmprojekte täuschen über eine Investitionslücke hinweg, die sich mit dem Ende der FID-Hochphase auftut.
Blick auf die Chemieregion Rheinland: Über den Dächern von Köln skizzierte VCI-Präsident Dr. Markus Steilemann auf dem Engineering Summit Salon die dreifache Transformation, in der sich die Branche derzeit befindet.Redaktion
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Gipfel ermöglichen Überblick: Mit
einem grandiosen Blick auf die Skyline von Köln eröffnete Björn Griesemann, Geschäftsführer des
Anlagenbauers Griesemann Gruppe, am 2. Juli den Engineering Summit Salon. Vor
der Tür: Eine Anlage für chemisches Recycling in Rekordgröße, der größte PEM-Elektrolyseur
im Bau, eine beispiellose Raffinerie-Transformation, dazu Europas größte Flusswärmepumpe. Alles Projekte, so
Griesemann, die aus der Hochphase der Investitionsentscheidungen vor zwei, drei
Jahren stammen – und genau das sei das Problem: Neue Entscheidungen kommen
seltener, manches Projekt findet aktuell schlicht nicht den Weg in die
Umsetzung.
„Wir sehen ganz viele tolle Projekte
entstehen, aber genauso sehen wir eben auch ganz viele tolle Projekte gerade
nicht entstehen“, brachte Griesemann die Stimmung auf den
Punkt. Daraus zog er drei Impulse. Erstens: günstige Energie: Nach Zahlen des
EWI werde Deutschland langfristig 50 bis 70 Prozent seiner molekularen Energie –
Wasserstoff und Derivate – importieren müssen. Als künftige Partner nannte das Institut Kanada und Australien,
denn politische Stabilität entscheide zunehmend über den Kapitalkostensatz von
Investitionen.
Björn Griesemann, Geschäftsführer der Griesemann Gruppe
Zweitens: Klügere Anreize statt mehr
Regulierung. Sein Lieblingsbeispiel: Freiwillige Zehn-Euro-Aufpreise für
nachhaltigen Flugkraftstoff verpufften wirkungslos, verpflichtende, EU-weite
SAF-Quoten könnten dagegen einen belastbaren, europaweiten Markt schaffen.
Drittens: Transformationskompetenz als Exportgut. Wer heute lerne,
Wasserstoffintegration, Elektrifizierung, Methanol-Hubs oder
Circular-Chemistry-Konzepte im industriellen Maßstab zu betreiben, exportiere
morgen komplette Lösungen.
„Technologieführerschaft ersetzt eben keinen wettbewerbsfähigen
Produktionsstandort“, so Griesemann – nur dort, wo produziert
werde, entstehe auch Know-how.
VCI-Präsident Steilemann: „Die schwerste Krise seit
dem Zweiten Weltkrieg“
Noch deutlicher wurde es im
Hauptvortrag von Dr. Markus Steilemann, CEO von Covestro und Präsident des Chemieverbands VCI. Seine Diagnose:
Die chemische Industrie stecke in der schwersten und längsten Krise seit dem
Zweiten Weltkrieg. Die Anlagenauslastung liege branchenweit bei rund 70 Prozent
– profitabel werde es erst jenseits der 80, eher in den niedrigen 90 Prozent.
Die Fahrzeugproduktion, einer der wichtigsten Abnehmermärkte, liege 20 Prozent
unter dem Niveau von 2019.
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Steilemann skizzierte eine dreifache
Transformation: eine Wertschöpfungstransformation,
weg von energieintensiven Grundchemikalien, hin zu spezialisierten, kundennahen
Produkten; eine CO2-Transformation, über
Klimaschutz und alternative Rohstoffe; und eine Resilienz-Transformation, die
Abhängigkeiten von einzelnen Regionen und Rohstoffquellen verringert, ohne auf
vollständige Autarkie zu setzen. Energiepolitisch plädierte er für einen
pragmatischen Mix – Ausbau der Erneuerbaren, neue Gaskraftwerke, längere
Laufzeiten für Kohlekraftwerke und ausdrücklich eine erneute Debatte über
Kernenergie in Deutschland.
„Wir bleiben dem Klimaziel verpflichtet. Der Weg dahin wird aber deutlich pragmatischer“
Dr. Markus Steilemann, Präsident des VCI und CEO von Covestro
Als zweiten Hebel benannte er
Innovation und Künstliche Intelligenz. Mit dem neuen Supercomputer in Jülich,
jahrzehntelangem, oft nur in Laborjournalen dokumentiertem Erfahrungswissen und
komplexen, gut modellierbaren Molekülproblemen verfüge Deutschland über beste
Voraussetzungen für eine industrielle KI-Anwendung – diese könne Forschungsprozesse um das Acht-
bis Zehnfache beschleunigen. Allerdings investierten die USA derzeit etwa
achtmal so viel wie Europa in Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Rechenzentren
aber, gab Steilemann zu bedenken, seien selbst enorme Energieverbraucher – gegen
ein großes davon wirke ein Chemiewerk wie ein
Kindergarten. Sein Fazit: Mit AAA-Rating, den meisten MINT-Absolventen im
G20-Vergleich und hoher Rechtssicherheit habe Nordrhein-Westfalen das Zeug zum
Katalysator einer europäischen Transformation – wenn Reformen
dort ankommen, wo es zählt: an den Werkstoren.
Weiterdiskutieren auf dem Engineering Summit
Die im Salon angerissenen Fragen – Investitionslücke, Förderbürokratie,
Datenhoheit und KI als Wachstumshebel – stehen auch beim Engineering Summit im September im Mittelpunkt. Das zentrale Branchentreffen des europäischen Anlagenbaus geht am
15. und 16. September 2026 im darmstadtium in die zwölfte Runde und bringt Top-Entscheider
aus Industrie, Politik und Forschung für Keynotes, Best Practices und
kontroverse Debatten zusammen.
In der Podiumsrunde mit Hans Gennen
(COO des Chemiepark-Betreibers Currenta), Dr. Martin Schmickler (CEO und Mitgründer
des Power-to-X-Start-ups Greenlyte) und Griesemann relativierte Steilemann
seine eigene These vom Klimaschutz als alleinigem Leitstern. Er beschrieb eine „Sturm-und-Drang-Phase“,
in der Europa davon ausging, mit eigenen Standards und Marktmacht den Rest der
Welt mitzuziehen. Die Zahlen sprechen dagegen: Als Angela Merkel Kanzlerin
wurde, lagen China und Deutschland beim BIP etwa gleichauf, heute
erwirtschaftet China das Vierfache. Der Weltmarktanteil der europäischen Chemie
habe sich im selben Zeitraum fast halbiert. „Wir bleiben dem Klimaziel
verpflichtet. Der Weg dahin wird aber deutlich pragmatischer“,
so Steilemann.
Wie gelingt die Transformation: Das Podium auf dem Engineering Summit Salon bot viel Expertise zu dieser entscheidenden Frage.Redaktion
Gennen beschrieb eine doppelte
Transformation an den Standorten Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen: Rückbau
und Modularisierung überdimensionierter Infrastruktur bei schrumpfenden
Kundenkapazitäten auf der einen, gezielter Ausbau auf der anderen Seite. An
allen drei Standorten werden über 100 Tonnen Dampferzeugung elektrifiziert,
dazu kommen Wasserstoffanschlüsse und CO2-Abscheidung. Bei
Neuansiedlungen setzt Currenta bewusst nicht auf Rechenzentren, sondern auf
Betriebe, die tatsächlich Dampf, Kälte oder Feuerwehrinfrastruktur brauchen – etwa
im Umfeld von Kunststoff- und chemischem Recycling.
Für Greenlyte ist der Standort Marl
das Fundament der ersten industriellen E-Methanol-Anlage des Start-ups: CO2
aus der Atmosphäre wird zu Methanol und weiteren Grundchemikalien verarbeitet,
eingebettet in bestehende Verbundstrukturen. Dass Resilienz kein abstraktes
Ziel ist, habe zuletzt die Iran-Krise gezeigt, deren Blockadefolgen die Preise
für Kerosin und CO2 in die Höhe trieben. Schmicklers Team, ursprünglich aus der
Softwareentwicklung, skaliert die Anlagentechnik in wochenkurzen
Iterationszyklen von der Labor- über Pilot- bis zur Demonstrationsanlage – finanziert
über Venture Capital, mit Machine-Learning-Modellen zur Vorhersage des
Scale-up-Verhaltens.
Dr. Martin Schmickler berichtete aus erster Hand von den Projekterfahrungen seines Power-to-Startups Greenlyte.Redaktion
Der wunde Punkt: Förderbürokratie. Einig war sich die
Runde vor allem in der Kritik an der Förderlandschaft. Ein Zuhörer brachte es auf den Punkt:
Kreislaufwirtschaft funktioniere nur, wenn jeder Akteur in der Kette
wirtschaftlich profitiert – sonst breche der Kreis. Schmickler rechnete vor,
dass an Förderverfahren mitunter 50 bis 150
Unternehmen beteiligt seien, am Ende aber oft nur wenige Millionen Euro tatsächlich
in die Realisierung flössen,
während ein erheblicher Teil in der Bürokratie hängen bleibe.
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Griesemann sekundierte mit Blick auf
die vielen angekündigten Projekte: Bei geschätzt 70 bis 80 Prozent der öffentlichkeitswirksam angekündigten
Projekte bleibe es beim Announcement, während die finale
Investitionsentscheidung ausbleibt. Meist scheitere es an Formalien im Förderantrag, nicht an der Technologie.
Im Vergleich zu chinesischen Investitionen fehle es in Deutschland nicht an
Nachfrage, Anlagenbauern, Fachkräften oder Universitäten, ergänzte Schmickler,
sondern an einem „Think-Big“-Mindset,
das bereit ist, in großem Maßstab vorzufinanzieren.
KI-Readiness und die Frage der
Datenhoheit
Dass KI ein wichtiger Hebel für die
Prozessindustrie ist, schien unstrittig. Steilemann differenzierte: Effizienz-
und Effektivitätsgewinne durch KI würden über kurz oder lang zur Commodity – ein
dauerhafter Wettbewerbsvorteil liege dagegen darin, via KI Wachstum zu
erzeugen. Etwa im Konzept des „virtuellen Reaktors“, bei dem Prozesse direkt vom Labormaßstab
in die Großanlage überführt werden, ohne den klassischen Weg über Technikum und
Pilotanlage. Molekulare Wirkmechanismen ließen sich inzwischen für Systeme mit
bis zu 8.000 Atomen berechnen – vor einem Jahr noch undenkbar.
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"Nur dort, wo produziert wird, entsteht auch Know-how“, sagt Anlagenbauer Björn Griesemann.Redaktion
Kontrovers wurde es bei der
Datenhoheit. Griesemann berichtete, sein Unternehmen habe sich bewusst gegen
große US-Hyperscaler entschieden und stattdessen eine alternative, in Köln gehostete Plattform für rund zwei
bis drei Terabyte Prozessdaten aus zehn Jahren Anlagenbau gewählt – aus Sorge
um die Kontrolle über sensible Kundendaten. „Die Daten unserer Kunden sind ein
absolutes Heiligtum“, so Griesemann. Steilemann pflichtete bei:
Marktübliche, große Sprachmodelle könnten mit unternehmensspezifischen Massendaten wenig
anfangen, solange sie nicht mit dem über hundertjährigen Erfahrungswissen der deutschen Industrie trainiert
seien – genau dieses Wissen im Land zu halten, sei selbst ein
Wettbewerbsvorteil. Man überlege bei Covestro derzeit grundsätzlich, ob die
Zusammenarbeit mit US-Hyperscalern noch sinnvoll sei, denn wer sein System
auslagere, mache sich abhängig.
Ausblick: Von der Abhängigkeit zur
Handlungsfähigkeit
Zum Abschluss sollten die
Diskussionsteilnehmer einen Blick fünf Jahre voraus werfen: Woran würde man
erkennen, dass Transformation tatsächlich zum Stabilitätsfaktor geworden ist? Für
Hans Gennen ist der Maßstab simpel –
wenn Transformation nicht mehr als Kosten- und Risikofaktor, sondern als
Standort- und Wettbewerbsvorteil wahrgenommen wird. Für Schmickler zeigt sich
Erfolg dann, wenn aus der Abhängigkeit der Region Handlungsfähigkeit geworden
ist und das Momentum genutzt wird, um neue Ideen nach vorne zu bringen. Einig
war sich die Runde: Die Leuchtturmprojekte im Rheinland sind ein Anfang. Ob
daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell für den Standort wird, entscheidet sich
an den vielen kleineren, weniger spektakulären Investitionsentscheidungen, die
jetzt anstehen.
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Nicht verpassen: Engineering Summit 2026
Mit dem Engineering Summit steigt am 15. und 16. September 2026 in Darmstadt wieder die wichtigste Veranstaltung des europäischen Anlagenbaus. Top-Speaker aus Industrie, Politik und Forschung liefern Impulse, Best Practices und kontroverse Debatten – ergänzt durch Networking-Sessions und eine Fachausstellung. Der Summit bietet damit einmal mehr die Plattform, um Trends zu setzen und Projekte der Zukunft auf den Weg zu bringen.