Produktion, Umsatz und Exporte fallen, Erzeugerpreise steigen
VCI-Halbjahresbilanz: „Atempause, keine Trendwende“
Das erste Halbjahr 2026 lief für die Chemieindustrie etwas besser als die zweite Hälfte 2025, aber von einer nachhaltigen Erholung kann keine Rede sein. Der VCI sieht die Branche bedrohter denn je, während BASF und Evonik ihre Prognosen erhöhen.
Investitionsstau blockiert Standortpotenzial: Der VCI sieht zwar eine kurze Erholung in der Wirtschaftslage der Chemieindustrie, eine nachhaltige Trendwende sei aber nur mit umfassenden und vor allem schnellen Maßnahmen möglich.
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Die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie lag im ersten Halbjahr 2026 rund drei Prozent unter Vorjahr, der Umsatz sank um ein Prozent auf 106 Mrd. Euro. Gleichzeitig gehen die Investitionen weiter zurück – bereits das dritte Jahr in Folge. Für den Verband der Chemischen Industrie (VCI) ist dies ein Warnsignal. VCI-Präsident Markus Steilemann zufolge stelle sich sogar die Frage, „ob wir die Zukunft unserer Unternehmen diesem Standort anvertrauen können.“
„Grundsätzlich vom Potenzial der Branche überzeugt“
„Die Halbjahresbilanz ist enttäuschend“, fasst Steilemann zusammen. „Eine leichte Belebung ist kein Grund zur Entwarnung“ Dafür seien vor allem Sondereffekte aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nahost verantwortlich, erklärte Steilemann: Unternehmen füllen derzeit wegen des Kriegs am Golf ihre Lager auf, um möglichen Versorgungsengpässen vorzubeugen. Gleichzeitig ließ der Wettbewerbsdruck aus Asien durch die Sperrung der Straße von Hormus vorübergehend nach. „Vorratskäufe sind kein Wachstum. Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende“, so Steilemann weiter. „Grundsätzlich bin ich aber weiter von dem großen Potenzial unserer Branche als Treiber für die notwendige Transformation zu Nachhaltigkeit und Resilienz überzeugt.“
Das Inlandsgeschäft der chemisch-pharmazeutischen Industrie hat sich unter diesen Bedingungen in den ersten sechs Monaten zuletzt etwas stabilisiert. Die Exporte sind jedoch weiterhin schwach. Viele Anlagen sind nach wie vor unterausgelastet. Produktion und Absatz liegen deutlich unter dem Niveau von 2021. Steilemann sieht in der Lage der Branche „keine konjunkturelle Herausforderung, sondern eine existenzielle Krise.“ Besonders bedroht seien die mittelständischen Unternehmen, die rund 90 % der Mitglieder des Verbands ausmachen. Diese verfügen im Gegensatz zu Großkonzernen kaum über die Möglichkeit, auf günstigere Produktionsstandorte auszuweichen.
Viele Unternehmen rechnen auch für die kommenden Monate mit einer schwierigen Geschäftsentwicklung. Steigende Kosten, schwache Absatzmengen und der insgesamt intensive internationale Wettbewerb setzen die Erträge weiterhin unter Druck. Für das Gesamtjahr erwartet der VCI deshalb einen Produktionsrückgang von 1,5 Prozent. Von weiteren Prognosen sieht der Verband angesichts der volatilen geopolitischen Lage derzeit ab.
Besonders besorgniserregend ist aus Sicht des VCI der Rückgang der Sachanlageinvestitionen. Sie liegen rund 15 Prozent unter dem Niveau von 2023. Diese Entwicklung passt zu einem alarmierenden Gesamtbild: Die produktiven Nettoinvestitionen in Deutschland liegen einer Studie zufolge nur noch bei etwa 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auch in Europa werden Produktionskapazitäten abgebaut, ohne dass ausreichend in neue Anlagen und Zukunftstechnologien investiert wird. Für die Unternehmen zählen hohe Energie- und Produktionskosten sowie weitere negative Rahmenbedingungen in Deutschland zu den größten Investitionshemmnissen.
Reformpaket als wichtiges Signal
Vor diesem Hintergrund kommt es aus Sicht des VCI jetzt darauf an, dass die bisherigen Einzelmaßnahmen der Bundesregierung in eine umfassende Strukturreform münden. „Das Reformpaket der schwarz-roten Koalition ist der erste ernsthafte Versuch seit Jahren, die regulatorischen Ketten des Standorts Deutschland zu sprengen“, so Steilemann. Das Paket sei ein wichtiges Signal in die richtige Richtung, erreicht sei damit aber noch wenig, weshalb er betonte: „Dieser Kurs muss konsequent fortgesetzt werden. Zusätzliche Belastungen würden die Lage weiter verschärfen.“
Als ein Beispiel führte der VCI-Präsident den Zustand des CO2-Emissionshandelssystems ETS aus: Einerseits setzen stetig steigende Preise für immer knappere CO2-Zertifikate insbesondere die energieintensiven und damit emissionsstarken Industrien unter Druck. Andererseits fehlt den am meisten betroffenen Unternehmen die Möglichkeit, in ausreichendem Maß auf emissionsarme Technologien umzusteigen. Zugang zu Grünstrom und Wasserstoff als klimafreundliche Energieträger ist nicht ausreichend ausgebaut, und auch die Infrastruktur zur Abführung von CO2 ist kaum vorhanden. Eine weitere Verschärfung des Emissionshandels sei darum der falsche Weg sowohl für die Industrie als auch für den Klimaschutz, so Steilemann, da sie lediglich zur Verlagerung der Produktion an Standorte ohne hohe CO2-Kosten führe. Das ETS dürfe sich nicht schneller entwickeln, als die Industrie sich anpassen kann.
Deutschland hat die industrielle Substanz und die Innovationskraft. Jetzt ist die Zeit, diese Stärken wieder zur Entfaltung zu bringen. [...] Entscheidend ist die Einsicht, dass die Kosten des Nicht-Handelns größer werden als die Kosten gemeinsamer Reformen.
VCI-Präsident Markus Steilemann
Das Ausmaß des Handlungsbedarfs zeigt auch die aktuelle VCI-Mitgliederumfrage: Mehr als 80 Prozent der Unternehmen sehen die Risiken einer Deindustrialisierung politisch nicht ausreichend berücksichtigt. Der Verband fordert deshalb vor allem wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, niedrigere Arbeitskosten, schnellere Genehmigungen und weniger Bürokratie.
Trotz der anhaltenden Krise sieht der VCI weiterhin großes Potenzial für den Industriestandort Deutschland. Insbesondere die Chemieindustrie als „eine der hochinnovativsten Branchen“ sei potenzialträchtig, so Steilemann. Darum sei es wichtig, Innovationsanreize in diesen Bereichen zu unterstützen. Als extremes Gegenbeispiel führte er die Gesetzentwürfe zur Gesundheitsreform an, die mehrere große Pharmaunternehmen von geplanten Großprojekten in Deutschland abgehalten hatten. Doch gerade die hochentwickelten und forschungsintensiven Technologien wie in der chemisch-pharmazeutischen Industrie seien zukunftsträchtig. Steilemann betont: „Deutschland hat die industrielle Substanz und die Innovationskraft. Jetzt ist die Zeit, diese Stärken wieder zur Entfaltung zu bringen. Dazu brauchen wir auch einen Mentalitätswandel hin zu mehr Offenheit, Veränderungsbereitschaft und Eigenverantwortung. Entscheidend ist die Einsicht, dass die Kosten des Nicht-Handelns größer werden als die Kosten gemeinsamer Reformen.“
BASF und Evonik heben Prognosen an
Bei den deutschen Chemie-Größen schlägt sich die "Atempause" auch deutlich in den Zahlen nieder. So hat beispielsweise die BASF ihren Ausblick für 2026 angepasst und rechnet nun zum Jahresabschluss mit rund 700 Mio. Euro mehr im Ergebnis als erwartet. Unsicherheiten spiegeln sich jedoch weiterhin in einer verhältnismäßig großen Spanne in der Prognose von 6,9 bis 7,7 Mrd. Euro. Die tatsächliche Entwicklung hänge "in erheblichem Maße von den Ergebnissen der Verhandlungen zwischen den USA und Iran ab, insbesondere zur Nutzbarkeit der Straße von Hormus für den Handel von energetischen und petrochemischen Rohstoffen aus dem Nahen Osten", teilte der Konzern mit.
Besser als erwartet läuft es auch bei Evonik: Der Konzern "profitiert von Engpässen in globalen Lieferketten", heißt es in der Meldung zur Halbjahresbilanz. Steigende Verkaufsmengen und höhere Preise veranlassen das Unternehmen, seine Prognose für 2026 von 1,7 bis 2,0 Mrd. Euro auf 2,0 bis 2,2 Mrd. anzuheben. Ebenfalls positiv wirkten sich "fortlaufende Kostensenkungen" aus. Diese Sparmaßnahmen, unter anderem die Streichung von 3.200 Stellen in Deutschland, will der Konzern in seinem Sparprogramm "Evonik Tailor Made" auch weiter vorantreiben.