Tarifblog mit allen News zu den Chemie-Tarifverhandlungen 2024; Gewerkschaft, IGBCE, Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, chemisch-pharmazeutische Industrie, Arbeitgeber, Arbeitnehmer

Bei Geld hört die Freundschaft auf und der Arbeitskampf beginnt. (Bild: Yuriy Shevtsov, Grispb, karepa - stock.adobe.com)

Tarifrunde im Bezirk Nordrhein ebenfalls gescheitert

18. April: Nach Rheinland-Pfalz ist auch die Chemie-Tarifrunde im Bezirk Nordrhein ohne Ergebnis ausgegangen – die Verhandlungen sollen am 14. Mai auf Bundesebene fortgesetzt werden. „Wo keine Zuwächse sind, können wir auch keine verteilen. In der chemisch-pharmazeutischen Industrie ist die Produktion 2023 um 8 % eingebrochen. Für 2024 ist keine nachhaltige Besserung absehbar“, erklärte der Verhandlungsführer der Chemiearbeitgeber Nordrhein, Randolf Bursian.

„Die IGBCE muss - auch in Zeiten von Tarifverhandlungen - die äußerst kritische Lage der Branche anerkennen und sehen, dass wir uns nur gemeinsam aus dem Krisenmodus herausbewegen können“, meint Bursian weiter. „Es macht keinen Sinn, wenn die Gewerkschaft die Lage verharmlost, um eine Entgeltforderung zu rechtfertigen, die nicht in Einklang mit der wirtschaftlichen Situation steht.“

Die geforderte Besserstellung von IGBCE-Mitgliedern lehnen die Arbeitgeber ab, dem Modernisieren des Bundesentgelttarifvertrags stehen sie hingegen offen gegenüber – aber nur wenn dadurch keine Kostenerhöhungen entstehen.

Zeitplan der Chemie-Tarifrunde 2024

  • 30. Januar: Forderungsempfehlung des IGBCE-Hauptvorstandes
  • Februar und März: Forderungsdiskussion in den Betrieben
  • 10. April: Forderungsbeschluss durch die Bundestarifkommission der IGBCE
  • April und Mai: Verhandlungen in den Regionen
  • 14./15. Mai: Erste Verhandlungsrunde auf Bundesebene
  • 30. Juni: Ende der Friedenspflicht

"Ziemliche Empörung": Erste regionale Tarifverhandlung gescheitert

15. April: Die erste regionale Tarifverhandlungsrunde für die Chemieindustrie ist gescheitert. Arbeitgeber und Gewerkschaft in Rheinland-Pfalz konnten sich nicht einigen, die Verhandlungen endeten „ergebnislos“. Die Arbeitgeberseite hatte angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage viele Betriebe eine Nullrunde gefordert, die Gewerkschaft will dagegen bundesweit ein Lohnplus von 7 % durchsetzen. „Die Realität wird sein, dass viele Unternehmen auch 2024 wieder ihr Dividenden-Füllhorn ausschütten werden“, erklärte der regionale Verhandlungsführer der Gewerkschaft IGBCE, Roland Strasser. „Dann aber den Beschäftigten, die dies alles überhaupt erst tagtäglich erarbeiten zu sagen, für Euch ist kein Geld da – das ist realitätsfern, respektlos und sorgte in der Tarifkommission für ziemliche Empörung.“ Die Arbeitgeber setzen dagegen. "Die Produktion am Standort Deutschland ist vielfach nicht mehr wettbewerbsfähig", sagte Verhandlungsführer Hendrik Müller. Daher brauche man jetzt einen "Krisentarifvertrag für die Branche“. Die Verhandlungen werden nun zunächst in allen anderen Tarifbezirken durchgeführt, danach wechselt das Mandat voraussichtlich auf die Bundesebene.

7 % mehr Lohn: Gewerkschaft hat Bundesforderung beschlossen

Beschluss in der Tarifkommission
Der Beschluss in der Tarifkommission fiel einstimmig. (Bild: IGBCE)

10. April: Heute hat die Chemiegewerkschaft IGBCE ihre bundesweite Forderung für die anstehenden Tarifverhandlungen beschlossen. Das Ergebnis: Die Tarifkommission will 7 % mehr Lohn für die fast 585.000 Beschäftigen in der chemisch-pharmazeutischen Industrie durchsetzen. Außerdem fordert die Gewerkschaft eine Besserstellung für eigene Mitglieder. Bei den Chemie-Arbeitgebern stößt die Forderung erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe. „Die Forderung der IGBCE ist weder krisengerecht noch finanzierbar. Wo keine Zuwächse sind, können wir keine verteilen. Wir müssen dem Schutz des Standorts Deutschland oberste Priorität einräumen und die begonnene De-Industrialisierung gemeinsam stoppen", meint Verhandlungsführer Matthias Bürk. Für eine Modernisierung des Entgelttarifvertrags zeigen sich die Arbeitgeber dagegen offen.

Weitere Hintergründe zur Gewerkschaftsforderung lesen Sie hier.

Die ausführliche Erwiderung der Arbeitgeber gibt es hier.

Arbeitgeber veröffentlichen "Krisen-Umfrage"

9. April: Der Chemie-Arbeitgeberverband BAVC hat die Ergebnisse einer aktuellen Konjunkturumfrage veröffentlicht – und sich damit auch deutlich für die anstehenden Tarifverhandlungen in der Chemie- und Pharmaindustrie positioniert. „Unsere Branche ist in der Krise - und wird es bis auf Weiteres auch bleiben", erklärte BAVC-Hauptgeschäftsführer Klaus-Peter Stiller. „Das Jahr 2024 haben viele Unternehmen aufgrund fehlender Aufträge bereits abgeschrieben. Umso wichtiger ist, dass wir in den anstehenden Tarifverhandlungen einen Weg finden, der den Unternehmen Zuversicht gibt und die Planbarkeit erhöht. Eine Branche in der Krise braucht einen Tarifabschluss für die Krise. Und genau daran werden wir in den nächsten Wochen mit der IGBCE arbeiten. Wir müssen dem Schutz des Standorts oberste Priorität einräumen und die begonnene De-Industrialisierung gemeinsam stoppen.“

Die Ergebnisse der Umfrage im Einzelnen finden Sie in unserem ausführlichen Bericht.

"Gewerkschaft ignoriert die aktuelle Lage"

28. März: Auch der Landesbezirk Westfalen der IGBCE hat inzwischen seine regionale Forderung beschlossen. Wie die anderen Tarifkommission fordern auch die Westfalen 7 % mehr Lohn, Vorteile exklusiv für Gewerkschaftsmitglieder sowie eine Modernisierung des Bundesentgelttarifvertrags. „Unsere Forderung ist eine Forderung mit Maß“, sagt IGBCE-Landesbezirksleiter Thomas Meiers. Sie überfordere auf Unternehmensseite niemanden – helfe aber auf Belegschaftsseite vielen. Dem widersprechen die Arbeitgeber deutlich: Die Gewerkschaft habe mit ihrer Forderung den Grundstein dafür gelegt, dass der Standort Deutschland für immer mehr Unternehmen unattraktiver wird. „Wir lesen links und rechts von Standortverlagerungen, von Personalabbau, von Produktionsrückgang infolge Auftragsrückgang", erklärte Dirk W. Erlhöfer, Hauptgeschäftsführer des Westfälischen Arbeitverberverbandes Chemie. „In diesem wirtschaftlichen Umfeld mindestens 7 % Entgeltsteigerungen zu fordern, ignoriert die Realität völlig“, so Erlhöfer. Die regionalen Verhandlungen für Westfalen finden am 23. April statt.

Auch Baden-Württemberg fordert 7 % mehr

21. März: Die regionale Tarifkommission der IGBCE in Baden-Württemberg fordert 7 % höhere Entgelte, für alle Auszubildenden eine Erhöhung von 100 Euro Festbetrag, mehr tariflichen Schutz exklusiv für IGBCE-Mitglieder und einen modernisierten Bundesentgelttarifvertrag. Catharina Clay, Verhandlungsführerin der Tarifkommission Baden-Württemberg, zufolge konnte der letzte Tarifabschluss vom Oktober 2022 mit zweimal 3,25 % und insgesamt 3000 Euro steuer- und abgabenfreier Inflationsausgleichsprämie die massiven Preissteigerungen über die Laufzeit von 20 Monaten zwar zunächst ausgleichen. „Das war aber eben nicht von Dauer. Die Wirkung der Einmalzahlungen ist inzwischen verpufft.“

Prämien für Azubis gefordert

20. März: Auch die Tarifkommission Nordrhein hat ihre Forderung beschlossen. Wie in Rheinland-Pfalz und im Saarland (siehe 18.3.) werden 7 % mehr Lohn sowie Tarifextras für Gewerkschaftsmitglieder gefordert. Neu in der Forderung sind Freistellungsmöglichkeiten für Azubis sowie eine Ausbildungsstartprämie in Höhe von 3000 Euro. Auch nach dem Lohnplus zum Januar müssten sich laut einer aktuellen IGBCE-Umfrage drei von vier Beschäftigten beim Haushaltsbudget einschränken, eine Mehrheit von 59 % blickt für sich persönlich pessimistisch in die Zukunft. „Das darf so nicht bleiben. Reallohnverluste in dieser Leitindustrie werden wir nicht akzeptieren“, sagte Gewerkschafts-Landesbezirksleiter Frank Löllgen.

Erste regionale Tarifforderung in Rheinland-Pfalz

Abstimmung Tarifbeschluss
(Bild: IGBCE)

18. März: Die IGBCE hat die erste regionale Tarifforderung beschlossen. Die Forderung soll die Interessen der über 75.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Rheinland-Pfalz und dem Saarland vertreten und umfasst damit unter anderem den derzeit kriselnden BASF-Standort in Ludwigshafen. Die regionale Tarifkommission orientierte sich am oberen Rand der im Januar beschlossenen Forderungsempfehlung und will eine Erhöhung der Entgelte von mindestens 7 % erreichen. Dies sei für die Beschäftigten „dringend erforderlich“, um die Arbeitnehmer vor den Auswirkungen der Inflation zu schützen, erklärte Roland Strasser, Verhandlungsführer der Gewerkschaft. Die wirtschaftliche Lage in der Chemieindustrie sei aktuell zwar schwierig, aber „eine existentielle Krise sieht anders aus“, so Strasser. Das sehen die Arbeitgeber naturgemäß anders: Die Chemie-Industrie erlebe derzeit einen gravierenden Wandel voller Unsicherheiten, erklärte Bernd Vogler, Hauptgeschäftsführer der Chemieverbände Rheinland-Pfalz. „Gleichzeitig sind die Auftragsbücher leer und die Produktion ist nicht ausgelastet. Erste Anlagen wurden bereits abgeschaltet. Diesen Realitäten werden wir uns in den kommenden Tarifverhandlungen stellen müssen“, meint Vogler. Die Verhandlungen zwischen beiden Seiten beginnen am 15. April 2024 in Frankenthal. Weitere Forderungen der Gewerkschaft werden dabei Vorteile für Gewerkschaftsmitglieder und eine Modernisierung des geltenden Bundesentgelttarifvertrags sein.

"Wir steuern auf eine Krisen-Tarifrunde zu."

15. März: Der Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber, Matthias Bürk, geht in dieser Tarifrunde von schwierigen Verhandlungen aus. Man steuere auf eine "Krisen-Tarifrunde" zu, sagte er dem Nachrichtenmagazin Focus. Bürk sieht die Chemie-Arbeitgeber durch die sinkende Nachfrage und "strukturelle Nachteile" nicht in der Lage, den Gewerkschaftsforderungen nachzukommen. Auf die Frage ob er eine Null-Runde wolle, antwortet Bürk, dass bereits die in der vergangenen Tarifrunde ausgemachten Erhöhung zu Anfang Januar 2024 ein Kraftakt gewesen sei, weil sie in der tiefsten Krise des Jahrzehnts erfolgt sei. Er sieht bei vielen Betrieben die Belastungsgrenze schon überschritten und meint, jedes zusätzliche Zehntel würde Arbeitsplätze kosten. Auf den Hinweis seines Interviewpartners, dass die Energiepreise doch wieder auf Vorkrisenniveau lägen, erläutert Bürk, dass die Industrie aktuell auf dem Niveau von 2005 produziere, aber die Entgelte aus 2024 zahle.


Arbeitgeber weisen Gewerkschaftsforderung zurück

5. Februar: Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) hat die angekündigten Forderungen der Gewerkschaft IGBCE für die kommende Tarifrunde 2024 klar zurückgewiesen. Die Erwartungen der Gewerkschaft zur Lohnsteigerung seien „weder krisengerecht noch finanzierbar.“ Klaus-Peter Stiller, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie, verwies vor allem auf die aktuell schwierige konjunkturelle Lage in der Chemieindustrie. „Die Branchendaten sprechen eine deutliche Sprache: 2023 ist die Produktion erneut eingebrochen, um weitere 8 %. Die Produktion am Standort Deutschland ist damit in vier der letzten fünf Jahre geschrumpft. Der Branchenumsatz lag mit minus 12 % noch tiefer in den roten Zahlen. In weiten Teilen der chemischen Industrie ging die Beschäftigung in den vergangenen Monaten zurück.“

Startschuss mit Forderungsempfehlung

30. Januar: Die Tarifrunde 2024 hat mit mit der sogenannten Forderungsempfehlung des Hauptvorstandes der IGBCE ihren Auftakt genommen. Der Chemie-Verhandlungsführer Oliver Heinrich forderte stellvertretend eine Erhöhung der Entgelte in der Spanne von 6 bis 7 % und tarifliche Regelungen für besseren Schutz und Arbeitsplatzsicherheit für IGBCE-Mitglieder. Zudem hatten sich beide Seiten bereits im vergangenen Tarifvertrag darauf verständigt, gemeinsam Regelungen zur Stärkung der Tarifbindung verabreden zu wollen. Die Forderungsempfehlung umfasst auch eine Modernisierung des Bundesentgelttarifvertrags (BETV). „Hier herrscht ein gewaltiger Modernisierungsstau“, sagt der IGBCE-Tarifvorstand. Der BETV stamme aus dem Jahr 1987, kenne noch nicht mal Bachelor und Master, habe viel zu komplizierte Regelungen bei Höhergruppierungen und umfasse inzwischen viele Akademikerinnen und Akademiker nicht mehr. Die am 30.01.2024 verkündete Forderungsempfehlung wird nun in den Betrieben besprochen und die Resultate fließen in den Forderungsbeschluss am 10. April 2024 ein.

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