Chemiestandort Ost: Zwischen Transformationsdruck und neuen Perspektiven
Die Diskussion über die Zukunft des Chemiestandorts Deutschland hat längst eine neue Schärfe erreicht. Gerade im Osten stehen die Standorte vor einer doppelten Herausforderung: industrielle Wertschöpfung sichern und gleichzeitig Transformation bewältigen.
Jona GöbelbeckerJonaGöbelbeckerJona GöbelbeckerChefredakteur CHEMIE TECHNIK
3 min
Aufbruch oder Abwicklung? Der Industriestandort in Mitteldeutschland steht vor großen HerausforderungenKI-generiert mit Gemini
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Wie ernst die Lage ist, zeigt die angekündigte Stilllegung
des Steamcrackers in Böhlen, einem zentralen Baustein des mitteldeutschen
Chemieverbunds. Auf dem Engineering Summit Salon in Leipzig diskutierten
Vertreter aus Industrie, Forschung und Gewerkschaften darüber, welche
Perspektiven der Chemiestandort Ost unter diesen Bedingungen noch besitzt – und
ob die Region vor einem neuen industriellen Aufbruch oder schrittweiser
Abwicklung steht.
Steamcracker Böhlen als Zäsur
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Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Entscheidung des
US-Konzerns Dow, den Steamcracker in Böhlen bis Ende 2027 stillzulegen . Die
Anlage bildet bislang einen zentralen Ausgangspunkt für zahlreiche Stoffströme
innerhalb des mitteldeutschen Chemiedreiecks. Entsprechend deutlich fielen die
Einschätzungen aus.
„Das ist eine ziemliche Katastrophe für die Region“, sagte
Dr. Joachim Schulze, Vorstandsvorsitzender Fachverbands Bioeconomy, der seinen
Sitz in Leuna hat. Besonders betroffen seien Unternehmen in Schkopau und
entlang der nachgelagerten Wertschöpfungsketten. Neben direkten
Arbeitsplatzverlusten gerate damit das gesamte hochintegrierte
Stoffverbundsystem unter Druck.
Das ist eine ziemliche Katastrophe für die Region!
Joachim Schulze, Vorstandsvorsitzender Bioeconomy e.V.
Auch eine aktuelle Studie des Fraunhofer IKTS kommt zu dem
Ergebnis, dass die Schließung erhebliche Folgen für die Region haben würde.
Gruppenleiterin Lisa Plümer stellte in Leipzig verschiedene
Transformationspfade vor, mit denen sich die wegfallenden Stoffströme
perspektivisch ersetzen ließen. Untersucht wurden dabei unter anderem
synthetisches Naphtha, methanolbasierte Chemieplattformen sowie
biotechnologische Produktionsansätze.
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Die Ergebnisse zeigen jedoch auch die Größenordnungen der
Herausforderung: Selbst in optimistischen Szenarien wären enorme Mengen
erneuerbarer Energie und Rohstoffe erforderlich. Für einen biobasierten
Methanolpfad würden beispielsweise jährlich rund 10,6 Mio. t Biomasse sowie
erhebliche Strommengen benötigt.
Keine einfache 1:1-Transformation
Mehrfach wurde während der Diskussion deutlich, dass die
bisherigen petrochemischen Strukturen nicht einfach eins zu eins ersetzt werden
können. Patrice Heine, Geschäftsführer des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen,
sprach von einer notwendigen Neuorientierung der Industrie.
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„Vielleicht machen wir zukünftig einfach nicht mehr alles,
was wir heute machen“, sagte Heine. Die bisherige Logik der hochintegrierten
Chemieproduktion stoße unter den Bedingungen der Dekarbonisierung und
steigender Energiepreise an Grenzen. Gerade die Vielzahl an Koppelprodukten
mache bestehende Systeme zwar wirtschaftlich effizient, erschwere aber die
vollständige Transformation erheblich.
Vielleicht machen wir zukünftig einfach nicht mehr alles, was wir heute machen.
Patrice Heine, Geschäftsführer des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen
Stattdessen müsse stärker darüber nachgedacht werden, welche
Produkte künftig tatsächlich benötigt würden und welche Wertschöpfungsketten
sich unter neuen Rahmenbedingungen wirtschaftlich darstellen ließen. Chancen
sieht Heine insbesondere in neuen Industrieclustern wie Batteriechemie,
Kreislaufwirtschaft und biobasierten Spezialchemikalien.
Bioökonomie allein reicht nicht aus
Trotz vieler Hoffnungen auf biobasierte Produktionsprozesse
warnten mehrere Teilnehmer vor überhöhten Erwartungen. Schulze machte deutlich,
dass auch die Bioökonomie hoch energieintensiv sei. „Bioökonomie ist eine
extrem energieverbrauchende Industrie“, betonte er.
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Zwar böten biotechnologische Verfahren Chancen für selektive
Anwendungen und neue Produkte, eine vollständige Stabilisierung des gesamten
Stoffverbunds sei damit jedoch kurzfristig kaum möglich. Zudem stellten hohe
Energiepreise und langwierige Genehmigungsverfahren erhebliche
Wettbewerbsnachteile dar.
Kritisch bewertet wurden insbesondere regulatorische Hürden
innerhalb Europas. Viele innovative Verfahren scheiterten weniger an der
Technologie als an komplizierten Zulassungs- und Genehmigungsprozessen. „Wir
behindern uns durch Regularien selbst“, sagte Schulze.
Trotz aller Probleme wurde die vorhandene Infrastruktur
mehrfach als wesentlicher Vorteil des Standorts hervorgehoben. Die
mitteldeutschen Chemieparks verfügen über historisch gewachsene Verbundsysteme,
Leitungsnetze, Energieinfrastruktur und industrielle Dienstleistungen, die neue
Ansiedlungen erleichtern können.
„Das System funktioniert wie ein Ökosystem“, erklärte Heine.
Gerade für neue Unternehmen und Scale-ups seien vorhandene Medienversorgung,
Dampfnetze oder Wasserstoffleitungen ein entscheidender Faktor.
Allerdings zeigten sich auch hier strukturelle Probleme.
Zwar existieren bereits erste Wasserstoffleitungen in der Region, vielfach
fehlen jedoch klare Geschäftsmodelle, verlässliche Rahmenbedingungen und offene
Netzzugänge. Investitionsentscheidungen würden dadurch verzögert.
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Beschäftigte zwischen Unsicherheit und
Veränderungsbereitschaft
Die Perspektive der Beschäftigten brachte Frank Franke von
der IGBCE in die Diskussion ein. Rund 700 Arbeitsplätze seien durch die Steamcracker-Schließung
allein direkt in Böhlen betroffen, hinzu kämen zahlreiche indirekte Effekte.
„Die Menschen erleben eine gefühlte Ohnmacht“, sagte Franke.
Entscheidungen würden weit entfernt von den Standorten getroffen, obwohl die
Beschäftigten hohe Identifikation mit den Anlagen und dem Industriestandort
hätten.
Gleichzeitig sieht Franke eine hohe Bereitschaft, neue Wege
mitzugehen. Viele Beschäftigte hätten bereits frühere Strukturbrüche erlebt und
seien offen für neue industrielle Entwicklungen. Voraussetzung sei allerdings,
dass Politik und Unternehmen den Wandel aktiv gestalten und neue Perspektiven
schaffen.
Das Podium auf dem Engineering Summit Salon in Leipzig.Ultima Germany Media / Christian Schneider-Broecker
Ostdeutschland als Transformationsraum
Trotz der angespannten Lage überwog auf dem Podium am Ende
ein vorsichtig optimistischer Blick auf die Zukunft. Mehrfach wurde betont,
dass Ostdeutschland bereits umfangreiche Transformationserfahrungen gesammelt
habe – von der Deindustrialisierung nach 1990 bis zum Aufbau neuer Industrien
in den vergangenen Jahrzehnten. „Die Menschen im Osten haben gezeigt, dass sie
sich neu erfinden können“, sagte Steffen Seidel, Geschäftsführer vom Thüringer
Anlagenbau-Unternehmen.
Hier ist mehr Substanz vorhanden, als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt.
Martin Haase, Geschäftsführer Spiegltec Deutschland
Auch Martin Haase, Geschäftsführer von Spiegltec Deutschland,
betonte in seinem Impulsvortrag die Stärke des Industriestandorts Ost und
verwies dabei unter anderem auf die industrielle Infrastruktur, gut
ausgebildete Fachkräfte und eine ausgeprägte Forschungslandschaft mit vielen wissenschaftliche
Einrichtungen. „Hier ist mehr Substanz vorhanden, als die öffentliche
Wahrnehmung vermuten lässt“, sagte Haase. Die Eröffnung des neuen Standorts der
Spiegltec-Gruppe in Leipzig, die auch den Rahmen für den Engineering Summit
Salon bot, wollte Haase als bewusste Investitionsentscheidung verstanden
wissen. „Aufbruch oder Abwicklung ist keine rhetorische Frage – es ist eine
Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen wird.“
Ob der Aufbruch gelingt, dürfte am Ende maßgeblich davon
abhängen, wie schnell Politik, Industrie und Kapitalgeber gemeinsam tragfähige
Rahmenbedingungen schaffen. Klar wurde in Leipzig jedenfalls: Die Debatte über
die Zukunft des Chemiestandorts Ost hat längst begonnen – und sie wird nicht nur
über einzelne Anlagen entscheiden, sondern über die industrielle Perspektive
einer ganzen Region.
Nächste Gelegenheit zum Mitdiskutieren: Engineering Summit Salon in Köln
Nach dem Auftakt in Leipzig öffnen wir am 2. Juli 2026 in Köln den nächsten Engineering Summit Salon. Auch diesmal erwarten Sie wieder hochkarätige Impulse, praxisorientierte Diskussionen und erstklassige Networking-Gelegenheiten treffen im Salon-Format auf persönlichen Dialog in einem exklusiven Umfeld.
Der Salon in Köln steht unter dem Motto "Transformation als Stabilitätsfaktor – Nachhaltigkeit ohne Illusionen": Das Rheinland ist eine Schlüsselregion der industriellen Transformation. Betreiber von Chemieparks, Raffinerien und Energieinfrastruktur stehen vor konkreten Fragen zu Investitionen, Wirtschaftlichkeit und Technologien wie Elektrifizierung, Wasserstoff oder Kreislaufwirtschaft. In einem exklusiven Kreis von bis zu 70 Gästen diskutieren wir aktuelle Herausforderungen und Erfahrungen aus der Region. Durch das Programm führt Armin Scheuermann. In der Paneldiskussion werden unter anderem Markus Steilemann, CEO von Covestro und Präsident des VCI, Hans Gennen, Mitglied der Geschäftsführung und COO des Standortbetreibers Currenta und Björn Griesemann, Geschäftsführer der Griesemann Gruppe, ihre Perspektiven aus der Praxis einbringen.