Diskussion um Aufbruch oder Abwicklung

Chemiestandort Ost: Zwischen Transformationsdruck und neuen Perspektiven

Die Diskussion über die Zukunft des Chemiestandorts Deutschland hat längst eine neue Schärfe erreicht. Gerade im Osten stehen die Standorte vor einer doppelten Herausforderung: industrielle Wertschöpfung sichern und gleichzeitig Transformation bewältigen.

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Aufbruch oder Abwicklung? Der Industriestandort in Mitteldeutschland steht vor großen Herausforderungen

Wie ernst die Lage ist, zeigt die angekündigte Stilllegung des Steamcrackers in Böhlen, einem zentralen Baustein des mitteldeutschen Chemieverbunds. Auf dem Engineering Summit Salon in Leipzig diskutierten Vertreter aus Industrie, Forschung und Gewerkschaften darüber, welche Perspektiven der Chemiestandort Ost unter diesen Bedingungen noch besitzt – und ob die Region vor einem neuen industriellen Aufbruch oder schrittweiser Abwicklung steht.

Steamcracker Böhlen als Zäsur

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Entscheidung des US-Konzerns Dow, den Steamcracker in Böhlen bis Ende 2027 stillzulegen . Die Anlage bildet bislang einen zentralen Ausgangspunkt für zahlreiche Stoffströme innerhalb des mitteldeutschen Chemiedreiecks. Entsprechend deutlich fielen die Einschätzungen aus.

„Das ist eine ziemliche Katastrophe für die Region“, sagte Dr. Joachim Schulze, Vorstandsvorsitzender Fachverbands Bioeconomy, der seinen Sitz in Leuna hat. Besonders betroffen seien Unternehmen in Schkopau und entlang der nachgelagerten Wertschöpfungsketten. Neben direkten Arbeitsplatzverlusten gerate damit das gesamte hochintegrierte Stoffverbundsystem unter Druck.

Das ist eine ziemliche Katastrophe für die Region!

Joachim Schulze, Vorstandsvorsitzender Bioeconomy e.V.

Auch eine aktuelle Studie des Fraunhofer IKTS kommt zu dem Ergebnis, dass die Schließung erhebliche Folgen für die Region haben würde. Gruppenleiterin Lisa Plümer stellte in Leipzig verschiedene Transformationspfade vor, mit denen sich die wegfallenden Stoffströme perspektivisch ersetzen ließen. Untersucht wurden dabei unter anderem synthetisches Naphtha, methanolbasierte Chemieplattformen sowie biotechnologische Produktionsansätze.

Die Ergebnisse zeigen jedoch auch die Größenordnungen der Herausforderung: Selbst in optimistischen Szenarien wären enorme Mengen erneuerbarer Energie und Rohstoffe erforderlich. Für einen biobasierten Methanolpfad würden beispielsweise jährlich rund 10,6 Mio. t Biomasse sowie erhebliche Strommengen benötigt.

Keine einfache 1:1-Transformation

Mehrfach wurde während der Diskussion deutlich, dass die bisherigen petrochemischen Strukturen nicht einfach eins zu eins ersetzt werden können. Patrice Heine, Geschäftsführer des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen, sprach von einer notwendigen Neuorientierung der Industrie.

„Vielleicht machen wir zukünftig einfach nicht mehr alles, was wir heute machen“, sagte Heine. Die bisherige Logik der hochintegrierten Chemieproduktion stoße unter den Bedingungen der Dekarbonisierung und steigender Energiepreise an Grenzen. Gerade die Vielzahl an Koppelprodukten mache bestehende Systeme zwar wirtschaftlich effizient, erschwere aber die vollständige Transformation erheblich.

Vielleicht machen wir zukünftig einfach nicht mehr alles, was wir heute machen.

Patrice Heine, Geschäftsführer des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen

Stattdessen müsse stärker darüber nachgedacht werden, welche Produkte künftig tatsächlich benötigt würden und welche Wertschöpfungsketten sich unter neuen Rahmenbedingungen wirtschaftlich darstellen ließen. Chancen sieht Heine insbesondere in neuen Industrieclustern wie Batteriechemie, Kreislaufwirtschaft und biobasierten Spezialchemikalien.

Bioökonomie allein reicht nicht aus

Trotz vieler Hoffnungen auf biobasierte Produktionsprozesse warnten mehrere Teilnehmer vor überhöhten Erwartungen. Schulze machte deutlich, dass auch die Bioökonomie hoch energieintensiv sei. „Bioökonomie ist eine extrem energieverbrauchende Industrie“, betonte er.

Zwar böten biotechnologische Verfahren Chancen für selektive Anwendungen und neue Produkte, eine vollständige Stabilisierung des gesamten Stoffverbunds sei damit jedoch kurzfristig kaum möglich. Zudem stellten hohe Energiepreise und langwierige Genehmigungsverfahren erhebliche Wettbewerbsnachteile dar.

Kritisch bewertet wurden insbesondere regulatorische Hürden innerhalb Europas. Viele innovative Verfahren scheiterten weniger an der Technologie als an komplizierten Zulassungs- und Genehmigungsprozessen. „Wir behindern uns durch Regularien selbst“, sagte Schulze.

Infrastruktur als Standortvorteil

Trotz aller Probleme wurde die vorhandene Infrastruktur mehrfach als wesentlicher Vorteil des Standorts hervorgehoben. Die mitteldeutschen Chemieparks verfügen über historisch gewachsene Verbundsysteme, Leitungsnetze, Energieinfrastruktur und industrielle Dienstleistungen, die neue Ansiedlungen erleichtern können.

„Das System funktioniert wie ein Ökosystem“, erklärte Heine. Gerade für neue Unternehmen und Scale-ups seien vorhandene Medienversorgung, Dampfnetze oder Wasserstoffleitungen ein entscheidender Faktor.

Allerdings zeigten sich auch hier strukturelle Probleme. Zwar existieren bereits erste Wasserstoffleitungen in der Region, vielfach fehlen jedoch klare Geschäftsmodelle, verlässliche Rahmenbedingungen und offene Netzzugänge. Investitionsentscheidungen würden dadurch verzögert.

Beschäftigte zwischen Unsicherheit und Veränderungsbereitschaft

Die Perspektive der Beschäftigten brachte Frank Franke von der IGBCE in die Diskussion ein. Rund 700 Arbeitsplätze seien durch die Steamcracker-Schließung allein direkt in Böhlen betroffen, hinzu kämen zahlreiche indirekte Effekte.

„Die Menschen erleben eine gefühlte Ohnmacht“, sagte Franke. Entscheidungen würden weit entfernt von den Standorten getroffen, obwohl die Beschäftigten hohe Identifikation mit den Anlagen und dem Industriestandort hätten.

Gleichzeitig sieht Franke eine hohe Bereitschaft, neue Wege mitzugehen. Viele Beschäftigte hätten bereits frühere Strukturbrüche erlebt und seien offen für neue industrielle Entwicklungen. Voraussetzung sei allerdings, dass Politik und Unternehmen den Wandel aktiv gestalten und neue Perspektiven schaffen.

Das Podium auf dem Engineering Summit Salon in Leipzig.

Ostdeutschland als Transformationsraum

Trotz der angespannten Lage überwog auf dem Podium am Ende ein vorsichtig optimistischer Blick auf die Zukunft. Mehrfach wurde betont, dass Ostdeutschland bereits umfangreiche Transformationserfahrungen gesammelt habe – von der Deindustrialisierung nach 1990 bis zum Aufbau neuer Industrien in den vergangenen Jahrzehnten. „Die Menschen im Osten haben gezeigt, dass sie sich neu erfinden können“, sagte Steffen Seidel, Geschäftsführer vom Thüringer Anlagenbau-Unternehmen.

Hier ist mehr Substanz vorhanden, als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt.

Martin Haase, Geschäftsführer Spiegltec Deutschland

Auch Martin Haase, Geschäftsführer von Spiegltec Deutschland, betonte in seinem Impulsvortrag die Stärke des Industriestandorts Ost und verwies dabei unter anderem auf die industrielle Infrastruktur, gut ausgebildete Fachkräfte und eine ausgeprägte Forschungslandschaft mit vielen wissenschaftliche Einrichtungen. „Hier ist mehr Substanz vorhanden, als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt“, sagte Haase. Die Eröffnung des neuen Standorts der Spiegltec-Gruppe in Leipzig, die auch den Rahmen für den Engineering Summit Salon bot, wollte Haase als bewusste Investitionsentscheidung verstanden wissen. „Aufbruch oder Abwicklung ist keine rhetorische Frage – es ist eine Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen wird.“

Ob der Aufbruch gelingt, dürfte am Ende maßgeblich davon abhängen, wie schnell Politik, Industrie und Kapitalgeber gemeinsam tragfähige Rahmenbedingungen schaffen. Klar wurde in Leipzig jedenfalls: Die Debatte über die Zukunft des Chemiestandorts Ost hat längst begonnen – und sie wird nicht nur über einzelne Anlagen entscheiden, sondern über die industrielle Perspektive einer ganzen Region.

Nächste Gelegenheit zum Mitdiskutieren:
Engineering Summit Salon in Köln

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Der Salon in Köln steht unter dem Motto "Transformation als Stabilitätsfaktor – Nachhaltigkeit ohne Illusionen": Das Rheinland ist eine Schlüsselregion der industriellen Transformation. Betreiber von Chemieparks, Raffinerien und Energieinfrastruktur stehen vor konkreten Fragen zu Investitionen, Wirtschaftlichkeit und Technologien wie Elektrifizierung, Wasserstoff oder Kreislaufwirtschaft. In einem exklusiven Kreis von bis zu 70 Gästen diskutieren wir aktuelle Herausforderungen und Erfahrungen aus der Region. Durch das Programm führt Armin Scheuermann. In der Paneldiskussion werden unter anderem Markus Steilemann, CEO von Covestro und Präsident des VCI, Hans Gennen, Mitglied der Geschäftsführung und COO des Standortbetreibers Currenta und Björn Griesemann, Geschäftsführer der Griesemann Gruppe, ihre Perspektiven aus der Praxis einbringen. 

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