Februar 2013
  • Unkonventionelle Vorkommen an Schiefergas und -öl sind inzwischen ein geopolitischer Faktor geworden.
  • Deutschland wird allerdings auf Jahre hinaus von Erdgas-Importen abhängig bleiben. Mindestens bis 2014 wird der Gaspreis in Deutschland weiter deutlich steigen.
  • Mittel- bis langfristig könnte der Gaspreis aufgrund der Schiefergasförderung und zunehmenden Flüssiggastransporten fallen.
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Unkonventionelle Gasvorkommen sind inzwischen ein geopolitischer Faktor. Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos vereinbarten im Januar die Ukraine und der Energiekonzern Shell die gemeinsame Erschließung des Yuzivska-Erdgasfelds. Sollte sich das Potenzial der Fundstätte bestätigen, könnte die Produktion bereits in fünf Jahren aufgenommen werden und jährlich 7 bis 20 Mrd. Kubikmeter Erdgas liefern. Für die Ukraine ist der Schritt von enormer Bedeutung, da das Land seine Abhängigkeit von Russland zu verringern sucht.
Auch in Polen hegt man aus den gleichen Gründen große Erwartungen an die im Boden verborgenen Schiefergas-Vorkommen, musste aber bereits einige Fehlschläge bei Probebohrungen hinnehmen. Dennoch gehen Geologen davon aus, dass das Land neben Frankreich die größten Vorkommen in Europa besitzt.

Optimistische Pläne in China, Zögern in Europa

China hat im aktuellen Fünfjahresplan (2011 bis 2015) das Ziel ausgegeben, dass bis 2015 jährlich 6,5 Mio. Kubikmeter Schiefergas gefördert werden sollen. Doch in China sind die Vorkommen – anders als in den USA – wesentlich schwieriger zu erreichen. Sie liegen größtenteils in deutlich tieferen Gesteinsschichten und zudem noch in Regionen, in denen kaum genug Wasser für den Fracking-Prozess vorhanden ist.  Vor diesem Hintergrund gehen Beobachter davon aus, dass der chinesische Fünfjahresplan in Bezug auf Schiefergas zu optimistisch ist.

Weitere wesentliche Vorkommen gibt es in Südamerika, vor allem in Argentinien. Dort will beispielsweise der US-Energiemulti Chevron in den kommenden Jahren über einhundert Bohrlöcher einrichten.

Auch in Europa – vor allem in Frankreich, Polen, Norwegen und der Ukraine – gibt es nennenswerte Vorkommen. Aufgrund potenzieller Risiken für das Grundwasser und die Umwelt ist Fracking in Frankreich bislang verboten. Doch die Stimmen nach einer Aufhebung des Verbots werden immer lauter. Zuletzt forderte Gérard Mestrallet, Chef des mächtigen Energieriesen GDF Suez, im Januar die Regierung auf, ihre Haltung zu überdenken.

Europa: erst ab 2015 sinkende Gaspreise in Sicht

Nicht zuletzt Deutschland wird dagegen auf Jahre hinaus von Erdgas-Importen abhängig bleiben. Das Beratungsunternehmen A.T. Kearney schätzt, dass die Gaspreise in Deutschland bis 2014 um 30 bis 40 Prozent steigen werden. Ab 2015, so die Studie, werden globale Überkapazitäten zu einem Einbruch beim Gaspreis führen. Bereits heute ist der Einfluss von LNG-Spotmengen zu spüren: Stromerzeuger wie E.on und RWE verhandeln ihre langfristigen Lieferverträge neu, um die immer weiter aufgehende Schere zwischen börsenbasierten Gaspreisen und langfristigen Imporverträgen abzufedern.

Konsequenzen dürften Schiefergas-Funde und steigende LNG-Mengen mittelfristig auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern haben. Denn derzeit wird die Gasimport-Infrastruktur für Pipelinegas und LNG massiv ausgebaut. Bis 2020 erwartet A.T. Kearney eine Zunahme der Pipelinekapazitäten um mehr als 65  Prozent und gleichzeitig doppelt so viele LNG-Importterminals. Ab 2018 will beispielsweise Aserbaidschan jährlich 16 Mio. Kubikmeter Gas über die Pipeline Nabucco (OMV, RWE) oder alternativ über Seep (BP) nach Europa leiten. Auch dies könnte die These von mittelfristig sinkenden Gaspreisen stützen. Doch dass der Preisunterschied zwischen den USA und Europa kompensiert werden wird, bleibt bei einem derzeit dreimal so hohen Gaspreis unrealistisch.   

Chemiebasis Erdgas versus Naphta

In Sachen Rohstoffbasis ist die Chemiewelt derzeit zweigeteilt. Während die deutsche, europäische und asiatische Chemie ihre Grundstoffe aus Öl (Naphta) synthetisiert, kommt in den USA Erdgas zum Einsatz. Und während der Ölpreis stetig steigt, wird Erdgas in den USA aufgrund massiver Ausweitung der Schiefergas-Förderung stetig billiger. Von 16 US-Dollar pro mmBtu in 2005 fiel der  Preis auf 2,5 USD in 2012. Das macht die USA für Investitionen der Chemie interessant.

Weiterführende Links:

Studie zu den weltweiten Schiefergasreserven US Energy Information Agency 

Global Data-Studien zur Gewinnung von unkonventionellem Gas und Öl

World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur

WiWo-Artikel zur Schiefergasförderung

Schiefergas-Potzenzial in Deutschland – Studie der BGR

Global Data zum chinesischen Fünfjahresplan zur Schiefergasförderung

Spiegel-Artikel zur BND-Studie über geopolitische Folgen des Schieferöl-Booms

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