Erste regionale Verhandlungen für bundesweite Chemie-Tarifrunde 2026
Chemiearbeitgeber fordern tarifpolitische Atempause
Die regionalen Tarifverhandlungen für die bundesweite Chemie-Tarifrunde 2026 haben am 14. Januar begonnen. Während die Arbeitgebervertreter, die historisch schlechten Umstände anführen, die die Industrie belasten, berufen sich die Arbeitnehmervertreter darauf, dass es in nicht wenigen Betrieben trotzdem rund laufe.
Auftakt der regionalen Chemietarif-Verhandlungen in Köln für den Bezirk Nordrhein.
IGBCE / Leo Ammelung
Den
Anfang bei den regionalen Verhandlungen zum Chemietarif 2026 machte der Bezirk Nordrhein am 14.
Januar 2026. Die Gespräche kamen zu keinem Ergebnis, sodass sie am 3. Februar
2026 auf Bundesebene fortgesetzt werden. Ebenso ergebnislos verliefen die
Verhandlungen in Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Konkret fordert die IGBCE ein
Erhöhen der Einkommen für die Tarifbeschäftigten und Auszubildenden, das die
Kaufkraft weiter stärkt, sowie tarifliche Instrumente zur
Beschäftigungssicherung. Mehr Details zur Forderung der IGBCE hier.
Termine der regionalen Verhandlungen für den Chemietarif 2026:
Nordrhein Mittwoch,
14.01.26
Hessen Donnerstag,
15.01.26
Rheinland-Pfalz
Freitag, 16.01.26
Baden-Württemberg
Montag, 19.01.26
Nord &
Nordost Dienstag, 20.01.26
Westfalen
Mittwoch, 21.01.26
Bayern Donnerstag,
22.01.26
Saarland Freitag, 23.01.26
Aussagen
der Arbeitnehmervertretungen
Nordrhein: Der
kommissarische Landesbezirksleiter und Verhandlungsführer in Nordrhein, Thomas Meiers, betont:
„Die Lage der chemischen Industrie in unserer Region ist in großen Teilen
herausfordernd. Das wissen auch unsere Kolleginnen und Kollegen. Das darf aber
nicht bedeuten, dass alle Probleme der Branche auf ihrem Rücken ausgetragen
werden. Gleichzeitig gibt es nicht wenige Betriebe und Industriebereiche, in
denen es rund läuft.“ Eine Nullrunde sei nicht zielführend. Sie würde der
Branche, in der die Lohnkosten nur rund ein Siebtel der Gesamtkosten ausmachen,
auch nicht entscheidend helfen. Meiers unterstreicht: „Im Sinne von
Standortsicherheit und Zukunftsfähigkeit müssen sich die Arbeitgeber auf uns zu
bewegen.“ Meiers erläutert weiter: „Es gibt auch viele Betriebe, die gut verdienen,
und Bereiche, die wachsen.“ Zudem habe die Politik verschiedene Maßnahmen auf
den Weg gebracht, um die chemische Industrie zu stärken.
Hessen-Thüringen:
Sabine Süpke, IGBCE-Landesbezirksleiterin Hessen-Thüringen betont nach der
Verhandlung: „Die Lage der chemischen Industrie in unserer Region ist nur für
einen Teil der Betriebe herausfordernd. Der andere Teil der Betriebe kann sich
in der derzeitigen Situation relativ gut behaupten, und sie verdienen gut.
Außerdem wachsen ihre Bereiche, und es ist ein Beschäftigtenaufbau in der
Pharmaindustrie zu sehen. Die Suche nach Fachkräften wird schwierig, dafür
braucht es vielfältige Lösungen. Das wissen auch unsere Kolleginnen und
Kollegen. Das darf aber nicht bedeuten, dass alle Probleme der Branche auf
ihrem Rücken ausgetragen werden. Für eine gute Zukunft der Branche brauchen wir
gute Arbeitsbedingungen und gute Löhne. Eine Nullrunde kommt daher für uns
nicht infrage!" Zudem habe die Politik verschiedene Maßnahmen auf den Weg
gebracht, um die chemische Industrie zu stärken. Das werde für Wachstum sorgen.
Rheinland-Pfalz: Roland Strasser, Verhandlungsführer
und Landesbezirksleiter Rheinland-Pfalz, betont nach der Verhandlung: „Die Lage der chemischen
Industrie in unserer Region ist in Teilen herausfordernd. Das wissen auch
unsere Kolleginnen und Kollegen. Das darf aber nicht bedeuten, dass alle
Probleme der Branche auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Gleichzeitig gibt es
nicht wenige Betriebe und Industriebereiche, in denen es rund läuft.“ Er
unterstreicht: „Eine tarifliche Atempause, also eine Nullrunde, ist mit uns
nicht zu machen. Sie würde der Branche, in der die Lohnkosten nur rund ein
Siebtel der Gesamtkosten ausmachen, auch nicht entscheidend helfen. Die
Arbeitgeber müssen sich deutlich auf uns zu bewegen.“
Baden-Württemberg: Catharina Clay, Verhandlungsführerin und Landesbezirksleiterin: „Baden-Württemberg ist das Bundesland mit der bundesweit besten Umsatzentwicklung in Chemie und Pharma. Es gibt zwar auch im Land Betriebe in wirtschaftlicher Schieflage, aber die meisten Unternehmen verdienen offenbar gut und können weiterwachsen. Die Arbeitgeber selbst haben eine Umsatzentwicklung in den ersten zehn Monaten 2025 mit +3,5 % veröffentlicht. Rund 60 Prozent der von uns Ende 2025 befragten Betriebsräte geben an, dass aktuell in ihre baden-württembergischen Standorte investiert wird. Diese Fakten zeigen eindrucksvoll, dass eine Nullrunde für unsere Kolleginnen und Kollegen absolut nicht in Frage kommt. Wenn für sie die Kaufkraft mit einer guten Tariferhöhung gesteigert wird, stärkt das die Nachfrage nach Konsumprodukten aus der Branche und hilft so auch den Unternehmen“, stellt Clay klar.
Aussagen der Arbeitgebervertretungen
Nordrhein: Der Verhandlungsführer der Chemiearbeitgeber Nordrhein, Randolf Bursian, erklärte, dass historisch schlechte Umstände die deutsche Chemieindustrie belasten: „Hohe Energie- und Arbeitskosten, steigender Importdruck und neue Zölle, überbordende Bürokratie und schwache Nachfrage, geopolitische Verschiebungen und tiefgreifende strukturelle Veränderungen setzen die Unternehmen massiv unter Druck. Die Auslastung liegt auf einem historisch niedrigen Niveau. Tarifliche Regelungen müssen den Unternehmen Luft zum Atmen lassen, um Innovationen, Transformation und den Erhalt industrieller Wertschöpfung in Deutschland und in unserer Region zu ermöglichen. Eine tarifpolitische Atempause ist unverzichtbar“, unterstreicht Bursian.
Derzeit werden in der deutschen Chemieindustrie Tausende Arbeitsplätze abgebaut oder stehen zur Disposition. „Wir erleben auch hier in Nordrhein Anlagenschließungen und damit einhergehende Arbeitsplatzverluste infolge fehlender Wettbewerbsfähigkeit. Wenn einzelne Bausteine aus dem Verbundsystem wegbrechen, ist das ganze Produktionsnetzwerk der Region gefährdet“, verdeutlicht Friedrich Überacker, Geschäftsführer der Chemiearbeitgeber Nordrhein. „Sichere Arbeitsplätze lassen sich nicht verordnen, weder durch die Politik noch durch die Sozialpartner auf Branchenebene. Je schneller wir wieder wettbewerbsfähig werden, desto besser sind die Perspektiven für eine sichere Beschäftigung“, so Überacker.
Hessen: „Die Chemiebranche erlebt die schwierigste Zeit seit Jahrzehnten“, sagt Holger Kison, Head of Group HR bei der Infraserv Höchst-Gruppe und Verhandlungsführer der hessischen Chemie-Arbeitgeber. „In der Branche bleibt derzeit kein Stein auf dem anderen. Darauf müssen wir tarifpolitisch reagieren.“ Nach der letzten Tarifrunde gab es noch Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. Diese hat sich nicht erfüllt. 2025 ist die Branche weiter geschrumpft. „Wir haben kein Wachstum, keinen Aufschwung und damit auch keinen Verteilungsspielraum“, so Kison. „In dieser Situation kann auch die Inflationsrate kein Maßstab für Tarifpolitik sein. Wir müssen uns an der wirtschaftlichen Realität unserer Betriebe orientieren.“
Gleichzeitig stehen die Unternehmen unter Druck – durch international nicht wettbewerbsfähige Arbeitskosten, steigenden Importdruck, neue Zölle, hohe Energiepreise, Bürokratie sowie eine schwache Nachfrage im In- und Ausland. Die Auslastung liegt auf historisch niedrigem Niveau. Hohe Kosten machen viele Produkte unrentabel, Chemieanlagen werden gedrosselt, stillgelegt oder dauerhaft geschlossen – insbesondere in der klassischen Chemie. Auch im Pharmabereich herrscht Stillstand; zusätzliche Unsicherheiten entstehen durch neue US-Zölle und bilaterale Preisverhandlungen mit der US-Regierung.
Doch fehlt die Wettbewerbsfähigkeit, gerät auch Beschäftigung unter Druck. Sichere Arbeitsplätze entstehen nur dort, wo Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich am Markt bestehen können. Ein zentraler Hebel dafür ist die Produktivität. Die Arbeitskosten sind gestiegen, während die Produktivität gesunken ist.
Rheinland-Pfalz: „Wir alle haben keine Blaupause für diese Tarifrunde, da wir eine solche Situation in dieser Form noch nicht erlebt haben. In der schwierigsten Lage seit Jahrzehnten kann es auch in der Tarifpolitik kein ‚Weiter so‘ geben“, erklärt Michael Müller, Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz.
Die Produktion am Standort Deutschland ist vielfach nicht mehr wettbewerbsfähig, Investitionen und Wachstum verlagern sich zunehmend ins Ausland. Die rheinland-pfälzische Chemie ist mit einem Exportanteil von rund 70 Prozent von dieser Entwicklung besonders betroffen. Viele Unternehmen reagieren bereits mit Spar- und Kostensenkungsprogrammen.
Nach Einschätzung der Arbeitgeber haben die Betriebe in den vergangenen Jahren erhebliche Belastungen getragen – unter anderem durch Tarifabschlüsse, stark gestiegene Energiepreise sowie zunehmende Regulierung und Bürokratie. „Die Chemie ist ins Rutschen geraten. In der Folge geraten Standorte unter Druck und Anlagen werden geschlossen“, so Müller. Zugleich verweist er darauf, dass die Beschäftigten in der Chemiebranche in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich von Tarifabschlüssen profitiert haben. „Gerade deshalb müssen wir jetzt verantwortungsvoll handeln, um Arbeitsplätze, Investitionen und Standorte nicht zu gefährden.“
Baden-Württemberg: Über die LinkedIn-Seite des Arbeitgeberverbands der Chemie in Baden-Württemberg wurde vor den Verhandlungen am 19.01.2026 deren Hauptgeschäftsführer Björn Sucher zitiert: „Unsere Mitglieder haben glasklare Erwartungen: Es gibt kein Wachstum. Es gibt keinen Aufschwung. Es gibt keinen Verteilungsspielraum. Wir brauchen jetzt eine tarifpolitische Atempause."