Infos zu den regionalen Verhandlungen für bundesweite Chemie-Tarifrunde 2026

Chemiearbeitgeber fordern tarifpolitische Atempause

Die regionalen Tarifverhandlungen für die bundesweite Chemie-Tarifrunde 2026 haben am 14. Januar begonnen. Während die Arbeitgebervertreter, die historisch schlechten Umstände anführen, die die Industrie belasten, berufen sich die Arbeitnehmervertreter darauf, dass es in nicht wenigen Betrieben trotzdem rund laufe.

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Die regionalen Tarifverhandlungen für die bundesweite Chemie-Tarifrunde 2026 haben am 14. Januar begonnen. Während die Arbeitgebervertreter, die historisch schlechten Umstände anführen, die die Industrie belasten, berufen sich die Arbeitnehmervertreter darauf, dass es in nicht wenigen Betrieben trotzdem rund laufe.
Auftakt der regionalen Chemietarif-Verhandlungen in Köln für den Bezirk Nordrhein.

Regionale Verhandlungen gescheitert

Die Chemietarif-Verhandlungen haben auf regionaler Ebene keine Einigung gebracht.  Alle neun Regionen beauftragten die Bundesebene mit den Verhandlungen. Die erste Bundestarifverhandlung findet ab dem 3. Februar 2026 in Hannover statt und ist für zwei Tage angesetzt. Hier gelangen Sie zum Tarifblog, der die Verhandlungen begleitet.

Den Anfang bei den regionalen Verhandlungen zum Chemietarif 2026 machte der Bezirk Nordrhein am 14. Januar 2026. Die Gespräche kamen zu keinem Ergebnis, sodass sie am 3. Februar 2026 auf Bundesebene fortgesetzt werden. Ebenso ergebnislos verliefen die Verhandlungen in den Bezirken Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Nordost, Nord, Westfalen, Bayern und zuletzt im Saarland. Konkret fordert die IGBCE ein Erhöhen der Einkommen für die Tarifbeschäftigten und Auszubildenden, das die Kaufkraft weiter stärkt, sowie tarifliche Instrumente zur Beschäftigungssicherung. Mehr Details zur Forderung der IGBCE hier.

Kernaussagen der Arbeitnehmervertretungen

Termine der regionalen Verhandlungen für den Chemietarif 2026:

Nordrhein Mittwoch, 14.01.26 

Hessen Donnerstag, 15.01.26 

Rheinland-Pfalz Freitag, 16.01.26 

Baden-Württemberg Montag, 19.01.26 

Nord & Nordost Dienstag, 20.01.26 

Westfalen Mittwoch, 21.01.26 

Bayern Donnerstag, 22.01.26 

Saarland Freitag, 23.01.26 

Arbeitnehmervertretungen über alle Regionen malen ein ähnliches Bild: Die wirtschaftliche Lage der chemischen Industrie ist zwar in Teilen herausfordernd, doch zahlreiche Betriebe stehen gut da, wachsen oder investieren sogar. Die Beschäftigten kennen die Situation, dürfen aber nicht zum Ausgleich aller Branchenprobleme herangezogen werden. Daher lehnt die IGBCE in allen Landesbezirken eine Nullrunde entschieden ab, zumal die Lohnkosten nur ein Siebtel der Gesamtkosten ausmachen und eine solche Maßnahme der Branche kaum helfen würde. Stattdessen fordern die Gewerkschaftsvertreter klare Bewegung der Arbeitgeber, um Standort- und Zukunftssicherheit zu gewährleisten. Zudem wird darauf verwiesen, dass politische Initiativen bereits positive Rahmenbedingungen schaffen, die das Wachstum der Industrie unterstützen sollten. Gute Arbeitsbedingungen und angemessene Löhne seien dafür unverzichtbare Voraussetzungen.

Die ausführlichen Zitate nach den jeweiligen regionalen Verhandlungen finden Sie weiter unten.

Kernaussagen der Arbeitgebervertretungen

Die Arbeitgeberverbände der chemischen Industrie beschreiben die aktuelle Lage der Branche in allen Regionen als historisch schwierig und von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt. Hohe Energie- und Arbeitskosten, steigender Importdruck, neue Zölle, eine wachsende Bürokratie sowie die schwache Nachfrage führen dazu, dass die Auslastung vieler Anlagen auf einem historisch niedrigen Niveau liegt. Zahlreiche Betriebe reagieren bereits mit Drosselungen, Stilllegungen oder Standortschließungen, wodurch Arbeitsplätze in großem Umfang gestrichen wurden oder gefährdet sind. Die Arbeitgeber betonen, dass sichere Beschäftigung nur dort entstehen kann, wo Unternehmen wettbewerbsfähig und wirtschaftlich erfolgreich sind.

Da es weder Wachstum noch Aufschwung gibt und in vielen Betrieben Produkte unrentabel geworden sind, sehen die Arbeitgeber keinen Spielraum für Lohnerhöhungen. Eine tarifpolitische Atempause sei deshalb notwendig, um den Unternehmen die nötige Luft für Transformation und den Erhalt industrieller Wertschöpfung zu verschaffen. Tarifpolitik müsse die außergewöhnliche wirtschaftliche Realität anerkennen und dürfe die Krise nicht weiter verschärfen. Der Schutz der Standorte und die Sicherung der Beschäftigung stünden in dieser Situation an oberster Stelle.

Die ausführlichen Zitate nach den jeweiligen regionalen Verhandlungen finden Sie weiter unten.

Ausführliche Aussagen der Arbeitnehmervertretungen

Nordrhein: Der kommissarische Landesbezirksleiter und Verhandlungsführer in Nordrhein, Thomas Meiers, betont: „Die Lage der chemischen Industrie in unserer Region ist in großen Teilen herausfordernd. Das wissen auch unsere Kolleginnen und Kollegen. Das darf aber nicht bedeuten, dass alle Probleme der Branche auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Gleichzeitig gibt es nicht wenige Betriebe und Industriebereiche, in denen es rund läuft.“ Eine Nullrunde sei nicht zielführend. Sie würde der Branche, in der die Lohnkosten nur rund ein Siebtel der Gesamtkosten ausmachen, auch nicht entscheidend helfen. Meiers unterstreicht: „Im Sinne von Standortsicherheit und Zukunftsfähigkeit müssen sich die Arbeitgeber auf uns zu bewegen.“ Meiers erläutert weiter: „Es gibt auch viele Betriebe, die gut verdienen, und Bereiche, die wachsen.“ Zudem habe die Politik verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht, um die chemische Industrie zu stärken.

Hessen-Thüringen: Sabine Süpke, IGBCE-Landesbezirksleiterin Hessen-Thüringen betont nach der Verhandlung: „Die Lage der chemischen Industrie in unserer Region ist nur für einen Teil der Betriebe herausfordernd. Der andere Teil der Betriebe kann sich in der derzeitigen Situation relativ gut behaupten, und sie verdienen gut. Außerdem wachsen ihre Bereiche, und es ist ein Beschäftigtenaufbau in der Pharmaindustrie zu sehen. Die Suche nach Fachkräften wird schwierig, dafür braucht es vielfältige Lösungen. Das wissen auch unsere Kolleginnen und Kollegen. Das darf aber nicht bedeuten, dass alle Probleme der Branche auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Für eine gute Zukunft der Branche brauchen wir gute Arbeitsbedingungen und gute Löhne. Eine Nullrunde kommt daher für uns nicht infrage!" Zudem habe die Politik verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht, um die chemische Industrie zu stärken. Das werde für Wachstum sorgen.

Rheinland-Pfalz: Roland Strasser, Verhandlungsführer und Landesbezirksleiter Rheinland-Pfalz, betont nach der Verhandlung: „Die Lage der chemischen Industrie in unserer Region ist in Teilen herausfordernd. Das wissen auch unsere Kolleginnen und Kollegen. Das darf aber nicht bedeuten, dass alle Probleme der Branche auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Gleichzeitig gibt es nicht wenige Betriebe und Industriebereiche, in denen es rund läuft.“ Er unterstreicht: „Eine tarifliche Atempause, also eine Nullrunde, ist mit uns nicht zu machen. Sie würde der Branche, in der die Lohnkosten nur rund ein Siebtel der Gesamtkosten ausmachen, auch nicht entscheidend helfen. Die Arbeitgeber müssen sich deutlich auf uns zu bewegen.“

Baden-Württemberg: Catharina Clay, Verhandlungsführerin und Landesbezirksleiterin: „Baden-Württemberg ist das Bundesland mit der bundesweit besten Umsatzentwicklung in Chemie und Pharma. Es gibt zwar auch im Land Betriebe in wirtschaftlicher Schieflage, aber die meisten Unternehmen verdienen offenbar gut und können weiterwachsen. Die Arbeitgeber selbst haben eine Umsatzentwicklung in den ersten zehn Monaten 2025 mit +3,5 % veröffentlicht. Rund 60 Prozent der von uns Ende 2025 befragten Betriebsräte geben an, dass aktuell in ihre baden-württembergischen Standorte investiert wird. Diese Fakten zeigen eindrucksvoll, dass eine Nullrunde für unsere Kolleginnen und Kollegen absolut nicht in Frage kommt. Wenn für sie die Kaufkraft mit einer guten Tariferhöhung gesteigert wird, stärkt das die Nachfrage nach Konsumprodukten aus der Branche und hilft so auch den Unternehmen“, stellt Clay klar.

Nordost: Stephanie Albrecht-Suliak, Landesbezirksleiterin IGBCE Nordost und Verhandlungsführerin, betont: „Die Forderung nach einer tarifpolitischen Atempause kann bei einem normalen Menschen nur Schnappatmung verursachen. Die Abwehrhaltung der Arbeitgeberseite ist schlichtweg weltfremd. Denn sicherlich ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt, dass die Lage der chemischen Industrie in unserer Region in der Grundstoffchemie besonders herausfordernd ist. Das wissen auch unsere Kolleginnen und Kollegen. Das darf aber nicht bedeuten, dass alle Probleme der Branche auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Gleichzeitig gibt es nicht wenige Betriebe und Industriebereiche, in denen es rund läuft. Das haben die Vertreter meiner Tarifkommission heute deutlich aufgezeigt.“ Zudem habe die Politik auch auf Druck der IGBCE bereits verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht, um die chemische Industrie zu stärken. Das werde für Wachstum sorgen.

Albrecht-Suliak unterstreicht: „Eine Nullrunde kommt also nicht in Frage. Sie würde der Branche, in der die Lohnkosten nur rund ein Siebtel der Gesamtkosten ausmachen, auch nicht entscheidend helfen. Die Arbeitgeber müssen sich deutlich auf uns zu bewegen.“

Nord:  „Eine Nullrunde löst nicht die strukturellen Probleme unserer Betriebe wie zu hohe Energiekosten. An deren Lösung arbeiten wir schon lange gemeinsam. Das gehört nicht in eine Tarifrunde“, stellte Ralf Becker, Verhandlungsführer und Landesbezirksleiter, klar und wies den Vorschlag der Arbeitgeberseite einer „tarifpolitischen Atempause“ zurück.  Laut Becker gehe es aktuell darum, die „Kaufkraft unserer Beschäftigten zu erhalten, damit der Konsum steigt und sich die Inlandsnachfrage erholen kann.“  Becker führte weiter aus: „Die Hauptausgaben für Miete, Nahrung und Verkehr sind seit 2020 um 28 Prozent gestiegen. Unsere Beschäftigten erleben heute, dass am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist.“ Ein entsprechendes Einkommensplus sei notwendig, damit sie nicht abgehängt würden.  Tarifverträge würden Sicherheit geben – für Einkommen und Arbeitsplätze. Becker sagte dazu: „Wir fordern tarifpolitische Instrumente zu entwickeln wie den Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen, die Verlängerung von Kündigungsfristen oder Qualifizierungsangebote.“

Westfalen: Der kommissarische Landesbezirksleiter NRW und Verhandlungsführer Thomas Meiers betont: „Die Lage der chemischen Industrie ist auch in Westfalen in Teilen herausfordernd. Das wissen unsere Kolleginnen und Kollegen sehr genau. Das darf aber nicht bedeuten, dass alle Probleme der Branche auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Gleichzeitig gibt es Betriebe und Industriebereiche, in denen es gut läuft.“ Eine Zurückhaltung bei den Einkommen sei keine Lösung. Sie würde der Branche, in der die Lohnkosten nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Gesamtkosten ausmachen, auch nicht entscheidend helfen. Meiers unterstreicht: „Im Sinne von Standortsicherheit und Zukunftsfähigkeit müssen sich die Arbeitgeber deutlich auf uns zu bewegen.“

Eine spürbare Steigerung der Einkommen sei notwendig und realistisch. Gleichzeitig brauche es klare Vereinbarungen zur Sicherung von Beschäftigung, um die Standorte zu stabilisieren. „Es gibt auch viele Betriebe, die gut verdienen, und Bereiche, die wachsen“, führt Meiers aus. Zudem habe die Politik verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht, um die chemische Industrie zu stabilisieren und ein positives Ungeld für Investitionen zu schaffen.

Bayern: IGBCE-Verhandlungsführer und Landesbezirksleiter Harald Sikorski machte nach der ergebnislosen Runde deutlich: „Die Lage der chemischen Industrie in ganz Deutschland und auch bei uns im Freistaat ist in Teilen herausfordernd. Das wissen selbstverständlich auch unsere Kolleginnen und Kollegen. Das darf aber nicht bedeuten, dass alle Probleme der Branche auf ihrem Rücken ausgetragen werden.“ Gleichzeitig gebe es nicht wenige Betriebe und Industriebereiche, in denen es rund laufe.

„Eine Nullrunde kommt nicht in Frage. Sie würde der kapitalintensiven Branche, in der die Lohnkosten nur rund 15 Prozent der Gesamtkosten ausmachen, nicht entscheidend helfen.“ Sikorski forderte mehr Realitätssinn in der Debatte und kritisierte ein pauschales Krisen-Narrativ. Er verwies auch auf politische Maßnahmen, die zur Stärkung der chemischen Industrie auf den Weg gebracht wurden, und mittelfristig für Wachstum sorgen würden. Ohnehin gebe es noch immer massiven Nachholbedarf bei den Löhnen, da nach Jahren mit Rekordinflation die Reallohnverluste bis heute nicht komplett ausgeglichen seien.

Neben den Entgeltfragen unterstrich Harald Sikorski die Bedeutung der Beschäftigungssicherung und der Fachkräfte: „Es wäre vermessen zu glauben, dass die chemische-pharmazeutische Industrie die massiven Herausforderungen der nächsten Jahre ohne Fachpersonal bewältigen kann.“ Und weiter: „Die wichtigste Investition der Unternehmen ist die in ihre Fachkräfte.“

Ausführliche Aussagen der Arbeitgebervertretungen

Nordrhein: Der Verhandlungsführer der Chemiearbeitgeber Nordrhein, Randolf Bursian, erklärte, dass historisch schlechte Umstände die deutsche Chemieindustrie belasten: „Hohe Energie- und Arbeitskosten, steigender Importdruck und neue Zölle, überbordende Bürokratie und schwache Nachfrage, geopolitische Verschiebungen und tiefgreifende strukturelle Veränderungen setzen die Unternehmen massiv unter Druck. Die Auslastung liegt auf einem historisch niedrigen Niveau. Tarifliche Regelungen müssen den Unternehmen Luft zum Atmen lassen, um Innovationen, Transformation und den Erhalt industrieller Wertschöpfung in Deutschland und in unserer Region zu ermöglichen. Eine tarifpolitische Atempause ist unverzichtbar“, unterstreicht Bursian.

Derzeit werden in der deutschen Chemieindustrie Tausende Arbeitsplätze abgebaut oder stehen zur Disposition. „Wir erleben auch hier in Nordrhein Anlagenschließungen und damit einhergehende Arbeitsplatzverluste infolge fehlender Wettbewerbsfähigkeit. Wenn einzelne Bausteine aus dem Verbundsystem wegbrechen, ist das ganze Produktionsnetzwerk der Region gefährdet“, verdeutlicht Friedrich Überacker, Geschäftsführer der Chemiearbeitgeber Nordrhein. „Sichere Arbeitsplätze lassen sich nicht verordnen, weder durch die Politik noch durch die Sozialpartner auf Branchenebene. Je schneller wir wieder wettbewerbsfähig werden, desto besser sind die Perspektiven für eine sichere Beschäftigung“, so Überacker.

Hessen: „Die Chemiebranche erlebt die schwierigste Zeit seit Jahrzehnten“, sagt Holger Kison, Head of Group HR bei der Infraserv Höchst-Gruppe und Verhandlungsführer der hessischen Chemie-Arbeitgeber. „In der Branche bleibt derzeit kein Stein auf dem anderen. Darauf müssen wir tarifpolitisch reagieren.“ Nach der letzten Tarifrunde gab es noch Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. Diese hat sich nicht erfüllt. 2025 ist die Branche weiter geschrumpft. „Wir haben kein Wachstum, keinen Aufschwung und damit auch keinen Verteilungsspielraum“, so Kison. „In dieser Situation kann auch die Inflationsrate kein Maßstab für Tarifpolitik sein. Wir müssen uns an der wirtschaftlichen Realität unserer Betriebe orientieren.“

Gleichzeitig stehen die Unternehmen unter Druck – durch international nicht wettbewerbsfähige Arbeitskosten, steigenden Importdruck, neue Zölle, hohe Energiepreise, Bürokratie sowie eine schwache Nachfrage im In- und Ausland. Die Auslastung liegt auf historisch niedrigem Niveau. Hohe Kosten machen viele Produkte unrentabel, Chemieanlagen werden gedrosselt, stillgelegt oder dauerhaft geschlossen – insbesondere in der klassischen Chemie. Auch im Pharmabereich herrscht Stillstand; zusätzliche Unsicherheiten entstehen durch neue US-Zölle und bilaterale Preisverhandlungen mit der US-Regierung.

Doch fehlt die Wettbewerbsfähigkeit, gerät auch Beschäftigung unter Druck. Sichere Arbeitsplätze entstehen nur dort, wo Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich am Markt bestehen können. Ein zentraler Hebel dafür ist die Produktivität. Die Arbeitskosten sind gestiegen, während die Produktivität gesunken ist.

Rheinland-Pfalz: „Wir alle haben keine Blaupause für diese Tarifrunde, da wir eine solche Situation in dieser Form noch nicht erlebt haben. In der schwierigsten Lage seit Jahrzehnten kann es auch in der Tarifpolitik kein ‚Weiter so‘ geben“, erklärt Michael Müller, Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz.

Die Produktion am Standort Deutschland ist vielfach nicht mehr wettbewerbsfähig, Investitionen und Wachstum verlagern sich zunehmend ins Ausland. Die rheinland-pfälzische Chemie ist mit einem Exportanteil von rund 70 Prozent von dieser Entwicklung besonders betroffen. Viele Unternehmen reagieren bereits mit Spar- und Kostensenkungsprogrammen.

Nach Einschätzung der Arbeitgeber haben die Betriebe in den vergangenen Jahren erhebliche Belastungen getragen – unter anderem durch Tarifabschlüsse, stark gestiegene Energiepreise sowie zunehmende Regulierung und Bürokratie. „Die Chemie ist ins Rutschen geraten. In der Folge geraten Standorte unter Druck und Anlagen werden geschlossen“, so Müller. Zugleich verweist er darauf, dass die Beschäftigten in der Chemiebranche in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich von Tarifabschlüssen profitiert haben. „Gerade deshalb müssen wir jetzt verantwortungsvoll handeln, um Arbeitsplätze, Investitionen und Standorte nicht zu gefährden.“

Baden-Württemberg: Über die LinkedIn-Seite des Arbeitgeberverbands der Chemie in Baden-Württemberg wurde vor den Verhandlungen am 19.01.2026 deren Hauptgeschäftsführer Björn Sucher zitiert: „Unsere Mitglieder haben glasklare Erwartungen: Es gibt kein Wachstum. Es gibt keinen Aufschwung. Es gibt keinen Verteilungsspielraum. Wir brauchen jetzt eine tarifpolitische Atempause."

Nordost: „Wir stehen vor einer existenziellen Herausforderung für den Chemiestandort Ostdeutschland“, betonte Jens Haselow, Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Nordostchemie. „In den vergangenen Monaten mussten bereits Unternehmen in unserer Region Anlagen schließen. Jeder Arbeitsplatz, der verloren geht, schwächt nicht nur die betroffenen Familien, sondern die gesamte Wertschöpfungskette unserer Verbundstandorte.“ 

„Wir brauchen einen Tarifabschluss, der die Krise anerkennt und nicht verschärft“, meint Haselow weiter. „Unser oberstes Ziel muss der Schutz des Standorts und die Sicherung von Arbeitsplätzen sein. Die De-Industrialisierung, die wir bereits erleben, müssen wir gemeinsam stoppen.“

Nord: Werde Arbeit am Standort Deutschland noch teurer, verschärfe sich die Krise und beschleunige sich der Substanzverlust. „In dieser Situation muss Tarifpolitik entlasten, statt zusätzliche Belastungen zu forcieren. Wir brauchen dringend eine tarifpolitische Atempause“, fordert Dr. Sarah Saeidy-Nory, Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Chemienord.

Eine Reihe der norddeutschen Chemie- und Pharmaunternehmen kämpft mit hohen Arbeitskosten von zum Teil über 40 % am Umsatz. Viele Unternehmen leiden unter Ertragsverlusten und sehen derzeit kaum Anzeichen für eine Erholung. 86 % der norddeutschen Chemie- und Pharmaunternehmen haben deutlich unter 500 Beschäftigten. Der nächste Tarifabschluss muss also insbesondere auch für kleine und mittelständische Unternehmen umsetzbar und finanzierbar sein. Jede weitere Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit durch weiter steigende Arbeitskosten gefährdet Standorte und damit Beschäftigung im Norden. „Angesichts von Insolvenzen, Anlagenschließungen und Stellenabbau müssen wir dringend Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen. Nur wettbewerbsfähige Unternehmen können Krisen überstehen und damit für Beschäftigung sorgen“, betont Saeidy-Nory.

Westfalen: Über die LinkedIn-Seite der  Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen wurde vor den Verhandlungen am 14.01.2026 Lars Bergmann zitiert, Hauptgeschäftsführer des AGV Chemie Westfalen: „Es gibt kein Wachstum, keinen Aufschwung und keinen Verteilungsspielraum. Höhere Kosten würden die Krise verschärfen. Was wir jetzt brauchen, ist eine tarifpolitische Atempause, damit sich die Betriebe neu aufstellen können." Bergmann warnte außerdem vor falschen Erwartungen: „Sichere Arbeitsplätze lassen sich nicht verordnen – weder durch Politik noch durch Tarifverträge. Beschäftigung entsteht durch Wettbewerbsfähigkeit. Je schneller wir sie zurückgewinnen, desto besser sind die Perspektiven für die Beschäftigten. Deshalb benötigen wir eine tarifpolitische Atempause.“

Bayern: „Gerade in Bayern, wo wir mit 500 Betrieben und rund 90.000 Beschäftigten ein zentrales Rückgrat unseres Industriestandorts stellen, brauchen wir jetzt eine tarifpolitische Atempause“, erklärt Dr. Markus Born, Verhandlungsführer der bayerischen Chemie-Arbeitgeber. „Es gibt derzeit kein Wachstum, keinen Aufschwung und damit keinen Verteilungsspielraum. Produktivität statt weiterer Kostensteigerungen muss jetzt im Mittelpunkt stehen, sonst gefährden wir Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung gleichermaßen.“

Die chemische Industrie produziert seit Anfang 2022 um ein Viertel weniger. Die Aufträge sind im selben Zeitraum für Chemie (ohne Pharma) um fast 30 % zurückgegangen. Die Kapazitätsauslastung liegt seit vielen Quartalen unterhalb der Rentabilitätsschwelle – zuletzt bei lediglich 70 %. Unter diesen wirtschaftlichen Bedingungen kann es keine Jobgarantie geben. Die Belastungen aus dem Tarifabschluss von 2024 wirken bis heute nach. Mitten in der Krise wurden die Entgelte um insgesamt 6,85% angehoben. Dieser Kostenschub, mit dem die Arbeitgeber bei der letzten Tarifrunde in Vorleistung gegangen sind, schränkt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vieler bayerischer Betriebe inzwischen spürbar ein.