ICIS-Trendbericht 2026 “Beyond the horizon”
Chemieindustrie im Umbruch: Dauerstress als neue Normalität
Die Chemieindustrie kommt allmählich aus der Phase extremer Volatilität heraus, schätzt der Branchendienst ICIS. Doch die entstehende Stabilität ist weniger Ergebnis einer klassischen Erholung als Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturwandels.
KI-generiert mit OpenAI Dall-E / ChatGPT
Lieferketten, Energiepreise, Handelsströme und
Investitionsentscheidungen werden spätestens seit 2020 von einer Kombination
aus geopolitischen Spannungen, strukturellen Kostenverschiebungen und
schwächerem Nachfragewachstum geprägt. Ausnahmezustände sind zur neuen
Normalität geworden. In der Chemie bleiben die Margen unter Druck: Die
Nachfrage erholt sich nur verhalten, während Produktionskosten hoch sind.
Gleichzeitig verändern politische Konflikte und industriepolitische Maßnahmen,
wo Chemikalien produziert werden und wie sie grenzüberschreitend gehandelt
werden. Die Abkehr Europas von russischem Gas wirkt dabei ebenso nach wie die
anhaltenden globalen Überkapazitäten, insbesondere in der Petrochemie.
Margendruck, Standortfragen und Energie als strategischer Faktor
Die USA setzen stärker auf handelspolitische Instrumente, um
ihre Wettbewerbsposition zu sichern – und können zugleich ihren energetischen
Standortvorteil nutzen. Demgegenüber nehmen Anlagenstilllegungen in Europa und
Nordostasien zu. Zusätzliche Belastung entsteht durch den verschärften
Wettbewerb um LNG-Mengen: Gerade Europa bleibt strukturell auf importiertes Gas
angewiesen, was Versorgungssicherheit und Kostenposition zu zentralen
Parametern strategischer Entscheidungen macht.
Aus der Industrie kommen entsprechend deutliche Signale.
INEOS Inovyn verweist auf eine wachsende Wettbewerbsasymmetrie: Während
Produzenten in den USA und China von vergleichsweise günstiger Energie
profitieren, drohten europäische Hersteller durch hohe Energiekosten und
regulatorische Belastungen an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen. Hinzu komme der
Druck durch Importware mit teils höherem Emissionsprofil.
China: Selbstversorgung als industriepolitisches Leitmotiv
Ein wesentlicher Treiber der strukturellen Verschiebungen
ist Chinas anhaltender Kurs in Richtung Selbstversorgung. Seit 2014 stützt der
Staat die petrochemische Wertschöpfung über Finanzierung, Innovationszentren
und umfangreiche F&E-Programme. Aus ICIS-Sicht bedeutet das: China entfernt
sich zunehmend von der Rolle als „marginaler Importeur“, der in vielen Märkten
den Ausgleich am Rand des Angebots-Nachfrage-Gefüges bildete.
Die Dynamik zeigt sich besonders deutlich in nachgelagerten
Produkten. Bei Polypropylen ist China heute nahezu selbstversorgend; Importe
sind innerhalb weniger Jahre stark zurückgegangen, während Exporte deutlich
zulegten. Für globale Anbieter verschiebt sich damit die Marktlogik:
Absatzchancen in China werden selektiver, zugleich entstehen neue Exportströme
aus China in andere Regionen.
Parallel nimmt die Präsenz internationaler Konzerne im Land
zu. Multinationale Unternehmen investieren, um am chinesischen Markt zu
partizipieren – ein Teil des Kapazitätsausbaus, etwa bei Ethylen, wird durch
ausländische Akteure getragen. Das verstärkt die Integrations- und
Wettbewerbsintensität in einem Markt, der zugleich von staatlicher
Industriepolitik geprägt bleibt.
Weniger Unsicherheit, aber keine Erholung
ICIS beschreibt die Lage als eine Phase, in der Unsicherheit
zwar langsam abnimmt, Unternehmen jedoch nicht mit einer klassischen zyklischen
Erholung rechnen sollten. Vielmehr deuten die Indikatoren auf einen „Reset“
hin: Höhere Finanzierungskosten, gestiegene Produktionskosten und eine schwache
Nachfrage erschweren strategische Entscheidungen – selbst wenn Inflation und
Zinsen tendenziell nachlassen.
Regional sind die Ausgangslagen stark unterschiedlich. In
den USA stützen niedrige Feedstock-Kosten und Zölle kurzfristig die
Wettbewerbsposition. Gleichzeitig wächst der politische und gesellschaftliche
Druck, Emissionen zu adressieren. Im Vergleich dazu starten europäische und
nordostasiatische Produzenten mit deutlichen Standortnachteilen in das Jahr
2026 – getrieben durch Energiepreise, Importdruck und strukturelle
Kostenfaktoren.
Die Energiefrage gilt dabei zunehmend als strategisches
Thema. Spätestens seit der Drosselung russischer Gaslieferungen nach Europa
wird Energieversorgung nicht mehr primär als Markt- und Preisfrage verstanden,
sondern als Sicherheits- und Industriepolitik. Europa hat seit 2022 durch
verpflichtende Speicherstände, zusätzliche LNG-Infrastruktur und Anreize für
heimische Produktion die Resilienz erhöht. Zugleich bleiben die Kosten über dem
Vorkrisenniveau – mit unmittelbaren Folgen für die energieintensive Industrie.
Energiewende unter Kostendruck
Auch die Energiewende steht unter neuen Vorzeichen. ICIS
verweist auf eine wachsende Kluft zwischen Zielbildern und
Investitionsrealität: Der globale Energiebedarf steigt, und der Verbrauch von
Kohle und Gas nimmt weiterhin zu. Großprojekte im „grünen“ Bereich werden
hingegen durch hohe Finanzierungskosten, Netzausbaugrenzen, Wettervariabilität
und Unsicherheiten bei Förderregimen gebremst.
Entsprechend passen Unternehmen ihre Strategien an. Mehrere
integrierte Energiekonzerne haben Investitionspläne in erneuerbare Energien
zurückgenommen und den Fokus wieder stärker auf Öl- und Gasaktivitäten gelegt –
auch mit Verweis auf wirtschaftliche Prioritäten und Renditeerwartungen.
Die USA profitieren in diesem Kontext von reichlich
Schiefergas und einer ausgebauten LNG-Exportposition. LNG wird damit nicht nur
zum Handelsgut, sondern zunehmend zum geopolitischen Instrument: Langfristige
Lieferverträge, Diversifizierungsstrategien der Käufer und der Wettbewerb um
Exportmengen erhöhen die politische Relevanz eines bislang vergleichsweise
global integrierten Marktes.
Kapital als Machtfaktor
Neben den USA und China positioniert sich insbesondere der
Nahe Osten neu. Dort werden Öleinnahmen gezielt genutzt, um Assets entlang der
Energie- und Chemie-Wertschöpfungskette zu erwerben. Die Region tritt damit
nicht mehr allein als Lieferant auf, sondern stärker als Investor und Betreiber
– mit Einfluss auf Märkte über Kapitalallokation, nicht nur über
Produktionsmengen.
Für Europa und Nordostasien verschärft sich damit die
Gemengelage: hohe Kosten, chinesische Wettbewerbsdynamik und ein struktureller
Energienachteil treffen auf kapitalstarke Wettbewerber und regionalisierte
Industriepolitiken.
„Lower for longer“ als Leitplanke
ICIS leitet daraus eine klare Konsequenz ab: Unternehmen
sollten nicht auf eine schnelle Rückkehr alter Marktmechaniken setzen. Das
Umfeld nach 2019 ist geprägt durch geringeres Nachfragewachstum,
regionalisiertere Handelsstrukturen und eine dauerhaft veränderte Rolle Chinas.
Der Wettbewerb nimmt zu, Margen bleiben tendenziell niedriger, Flexibilität
wird zum entscheidenden Faktor.
Strategisch bedeutet das für viele Chemieunternehmen einen
Fokus auf Kostendisziplin, selektive Investitionen und Portfolioumbau. Starke
Bilanzstrukturen ermöglichen es, Kosten zu senken, Investitionen zu verschieben
und gegebenenfalls Nicht-Kerngeschäfte zu veräußern. Für schwächere Akteure
rücken Restrukturierungen und Standortentscheidungen in den Vordergrund – mit
der Perspektive weiterer Stilllegungen, Konsolidierung und einer stärkeren
Ausrichtung auf margenstärkere Spezialitäten und differenzierte Produkte,
einschließlich CO₂-ärmerer Angebote.
Gleichzeitig werden Wachstumsfenster eher in Nischen und
anwendungsgetriebenen Märkten gesehen, etwa in Infrastruktur- oder
Verteidigungssegmenten. Als organisatorische Konsequenz empfiehlt ICIS,
strategische Frühaufklärung systematisch zu verankern: Wer Markt-, Energie- und
Geopolitiksignale sektorübergreifend zusammenführt, mehrere Szenarien
vorbereitet und früh entscheidet, erhöht die Handlungsfähigkeit in einem
Umfeld, das weniger von Konjunkturzyklen als von Strukturbrüchen geprägt ist.