Ein halbes Jahr nach der Namur-Hauptsitzung luden Krohne und zehn Partnerunternehmen ins BASF-Gesellschaftshaus nach Ludwigshafen ein. Rund 120 Prozessautomatisierer kamen, um zu prüfen, was aus den großen Themen geworden ist – und stellten fest: Die Technologien stehen bereit, jetzt entscheidet die Umsetzung.
Rund 120 Prozessautomatisierer waren zum Namur-Update ins Gesellschaftshaus der BASF in Ludwigshafen gekommen.Redaktion
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Die
autonome Anlage bleibt das große Ziel – und viele Schritte dorthin sind schon
heute im Bestand möglich.
Die
Projektbeispiele und eine Kostenstudie zeigen: In der Investitionsphase ist
Ethernet APL nicht teurer als die klassische 4…20-mA-Technik, zahlt sich aber
vielfältig aus.
Profisafe über
Ethernet APL wird zum nächsten Hebel: Funktionen der funktionalen Sicherheit
ließen sich künftig flexibler nachrüsten und automatisiert prüfen.
Das Gesellschaftshaus vor dem Werkstor 1 der BASF in Ludwigshafen hat eine über 125-jährige Geschichte.Redaktion
Hohe Stuckdecken, Spiegelsaal – das
Gesellschaftshaus vor dem Werkstor 1 der BASF in Ludwigshafen hat in seiner über 125-jährigen Geschichte schon viel gesehen:
Direktoren, Nobelpreisträger und so manche strategische Weichenstellung für das
größte Chemiewerk Europas. Und es musste sich immer wieder erneuern, um nicht
aus der Zeit zu fallen. Genau diese Aufgabe stellt sich die europäische Chemie
heute im Großen: aus dem Bestand mehr herausholen. „Wir haben Brownfield, und
wir müssen aus diesen Brownfield-Anlagen mehr rausholen“, sagte Tobias Schlichtmann, der
Vorstandsvorsitzende der Namur und SVP Strategic Projects bei BASF. Er erklärte
das alte Haus kurzerhand zum Sinnbild der ganzen Branche. Nun ging es um die nüchterne
Frage, was vom Leitthema „Autonome Anlage“ Realität geworden ist – in Bezug auf
Autonomie, Ethernet APL und dessen Nutzung für die funktionale Sicherheit.
Für Schlichtmann ist Autonomie dabei
kein Selbstzweck. „Es geht nicht um das Automatisieren des Automatisierens,
sondern wir müssen aus unseren Anlagen mehr Effizienz und mehr Flexibilität
gewinnen“, sagte er im Eröffnungsdialog mit Krohne-CEO Dr.
Attila Bilgic – von den bekannten Quick Wins wie Regleroptimierung bis hin zu
KI-gestützten Optimierern für die ganze Anlage.
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Ethernet APL: vom Test in den
Produktivbetrieb
Seit dem letzten Anwendertreffen im
September hat sich vor allem bei Ethernet APL einiges getan: Aktuelle Projekte
zeigen, dass die Technologie den Sprung vom Labortest in den produktiven
Anlagenbetrieb geschafft hat. „Das Ökosystem APL ist reif und kann genutzt
werden. Da gibt es kaum noch Ausreden“, konstatierte Bilgic. Wie weit der
Reifegrad reicht, wurde bei der Namur-Update-Veranstaltung auf den Prüfstand
der Praxis gestellt: An einem laufenden Großprojekt in Ludwigshafen, einem
Greenfield-Standort in China und einer Wirtschaftlichkeitsstudie.
„Wir müssen aus diesen Brownfield-Anlagen mehr rausholen." Tobias Schlichtmann ist Vorstandsvorsitzender der Namur und SVP Strategic Projects bei BASFRedaktion
Das Großprojekt präsentierte BASF
selbst. In seinem Vortrag „Pionierleistung in der Praxis“ berichtete
Maintenance Manager Philipp Beckmann von der Inbetriebnahme zweier neuer
World-Scale-Anlagen in Ludwigshafen mit rund 1.750 Ethernet-APL- und
Profibus-PA-Feldgeräten in einem MRP-Ring (Media Redundancy Protocol). Beckmann
machte aus seiner anfänglichen Skepsis keinen Hehl: „Ich wurde eines Besseren
belehrt.“ Die Anlagen seien termingerecht und unter Budget angefahren worden.
Die Bilanz: rund 28 % Zeitersparnis beim Loop-Check, eine geringere Fehlerquote
bei der Montage, Plug-and-Play-Gerätetausch über Nachbarschaftserkennung und
ein Troubleshooting, das sich von der Hardware zur Software verlagert hat.
Klassische Wirk- und Klemmenpläne entfallen, da ein Topologie-Scan jedes Gerät
an Switch und Port anzeigt. Die Kehrseite benannte Beckmann offen: Die
Kinderkrankheiten der jungen Technologie verlangten zahlreiche Geräte-Updates,
und das Engineering verlagerte sich „hin zu Systemverständnis“ – mit hoher
Anfangshürde und Schulungsbedarf bei Profinet und Netzwerktechnik.
„Das Ökosystem APL ist reif und kann genutzt werden. Da gibt es kaum noch Ausreden.“
Dr. Attila Bilgic ist CEO von KrohneRedaktion
Anders die Ausgangslage in China: Dort
baute BASF den neuen Verbundstandort Zhanjiang als Greenfield von Grund auf
APL-Ready auf. „Wir haben den ersten großen Standort in Südchina mit APL
erfolgreich in Betrieb gebracht – dieser Standort produziert“,
berichtete Schlichtmann und verwies auf den anwesenden Senior Automation
Engineer Dr. Kai Krüning, der das Projekt maßgeblich mit vorangetrieben hat.
Dabei handelt es sich um eine Kombination aus APL-Readiness und teilweise voll
durchgängiger APL-Installation. Wie Krüning in einem Interview mit CHEMIE TECHNIK schilderte, wurden in Zhanjiang im Sommer 2025 rund 2.500 Field-Switches verbaut und zwei Anlagen vollständig mit APL ausgerüstet. In der
Praxis zeigte sich sofort ein deutlich geringerer Aufwand bei den Loop-Checks.
Einige Planungsannahmen gingen jedoch nicht auf – was nicht an Ethernet APL
lag, sondern daran, dass vor Ort mehr konventionell verdrahtet wurde als
erwartet. In Europa dagegen, so Schlichtmann, heißt die Realität „Brownfield“: eine schrittweise Modernisierung im
Rahmen knapper Budgets. „Das braucht einen klaren Business Case, daran mangelt
es oft noch“, so Krüning.
Die ökonomische Flankierung lieferte das
PLT-Labor der TH Köln.
Dessen Wirtschaftlichkeitsstudie ist nicht neu – schon vor einem Jahr
vorgestellt –, doch in Ludwigshafen zeigte sich nun, wo ihre Thesen in der
Praxis aufgehen. Auf Basis eines Mengengerüsts der Namur-APL-Taskforce mit
1.570 Signalen verglich das Team drei Installationskonzepte. Das Ergebnis: In
der Beschaffung sind die Varianten vergleichbar; bei den Gesamtkosten liegen
die Varianten mit 4…20 mA über Remote I/Os und mit Ethernet APL jedoch fast
600.000 Euro unter der klassischen Stammkabel-Verdrahtung, die mit rund 6,2
Mio. Euro zu Buche schlägt. Ethernet APL ist also selbst gegenüber der Remote I/O-Anschaltung nicht teurer, dafür deutlich zukunftsgerichteter. Die größten
Vorteile zeigen sich beim Engineering, im Schaltraum und vor allem bei der
Inbetriebnahme. Hier setzt der Praxisbefund von BASF an, und aus dem Publikum
kam Bestätigung: Die Werte deckten sich mit den eigenen Erfahrungen.
Obwohl sich Ethernet APL bereits über
die Investitions- bzw. Migrationsrechnung selbst tragen muss, erwartet die
Branche darüber hinaus weiteren Nutzen im Betrieb – über NOA, Condition
Monitoring und zusätzliche Diagnosedaten, die bislang kaum monetär bewertet
wurden. Dies will das PLT-Labor in einem Folgeprojekt mit den ersten
Pilotanwendern nachholen und dabei die funktionale Sicherheit einbeziehen – über
eine um 20 % erweiterte Referenzanlage mit PLT-Schutzeinrichtungen.
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Wie Ethernet APL in Ludwigshafen als „Pionierleistung in der Praxis“ funktioniert, zeigte Maintenance Manager Philipp Beckmann von der BASF.Redaktion
Profisafe: der nächste große Hebel
Damit rückt der zweite Schwerpunkt in
den Fokus: Ethernet APL für die funktionale Sicherheit. „Wir müssen als Namur
jetzt schauen, wie wir das Maximum aus APL schöpfen“, sagte Schlichtmann und nannte neben Cybersecurity ausdrücklich das Thema Safety. Beckmann, der die Safety-Funktionen
seiner neuen Anlagen noch klassisch in 4…20-mA-Technik ausgeführt hat, sieht
beim Wechsel zu Profisafe „einen noch größeren Hebel“ als im
Standard-Regelkreis: „Da habe ich einfach aufwendige Prüfungen, ich muss
Safety-Parameter kontrollieren und so weiter, das kann man mit APL
automatisieren.“ Heute bedeutet eine wiederkehrende Safety-Prüfung: Ein
Handwerker klemmt sein Diagnose-Tool vor Ort am Gerät an und arbeitet sich
durch herstellerspezifische HART-Menüs – pro Sensor schnell 20 Minuten.
Der eigentliche Charme liegt jedoch in
der Flexibilität: Ein Feldgerät, das heute in einem klassischen Regelkreis
arbeitet, ließe sich künftig per Konfiguration zu einem Gerät in einer
Sicherheitsfunktion machen – etwa wenn eine wiederkehrende
Sicherheitsbetrachtung in einer Bestandsanlage eine zusätzliche
PLT-Schutzfunktion verlangt. In der analogen 4…20-mA-Welt ist eine solche Nachrüstung
extrem aufwendig und teuer. Ein Teilnehmer ergänzte: Mit Profisafe gelange der
Messwert direkt und ohne Genauigkeitsverlust in die Sicherheitssteuerung, während
HART über 4…20 mA Genauigkeit koste – ein Gewinn an Spielraum bei den
Schaltpunkten.
Macher-Hürde statt Technikhürde
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Den nächsten Schritt verortete Thomas
Scherwietes von Evonik jenseits der Feldebene: „Im Zusammenhang mit APL wird
inzwischen das zugehörige Ökosystem diskutiert.“ Sobald Ethernet
APL die Daten entfessle, zeigten sich Fragen des IT-Umfelds – etwa eine
automatisierte Zertifikatsverwaltung für Tausende Feldgeräte und
Security-Updates im Sinne des Cyber Resilience Act (CRA): Die Infrastruktur
muss mitwachsen.
Bei den übrigen Bausteinen fiel das
Update nüchterner aus. MTP sei zwar einsatzbereit, dümpele aber, so ein
Teilnehmer, „ziemlich dahin“; auch NOA biete noch ungenutztes
Potenzial. Beim Cyber Resilience Act sei Ethernet APL Problem und Lösung zugleich: Die Pflicht, bis ins
Feldgerät abzusichern, mache die Technik anspruchsvoller, liefere die Mittel
zur automatisierten Umsetzung aber gleich mit. „Wer in die rein analoge
Verkabelung zurückweicht, manövriert
sich auf Dauer in eine Sackgasse“, so Bilgic.
Die aktuelle Diagnose deckt sich mit
der von November: Die Technik ist vorhanden, es hakt jedoch bei der Umsetzung.
Wie schnell sie vorankommt, hängt davon ab, wie gut sich der Zielkonflikt aus
aktuellem Sparzwang und der Notwendigkeit auflösen lässt, die Wettbewerbsfähigkeit
gerade jetzt durch Automatisierungstechnik zu stärken. Schlichtmann nahm die
Betreiber in die Pflicht: „Wir müssen uns für unsere Anlagen selbst ein
Zielbild geben.“ Die weiteren Workshops ergänzten das Bild: Monitoring von
PLT-Schutzeinrichtungen (Hima), Fehler im Sicherheitslebenszyklus (TÜV Nord
Infrachem), Wartungsplanung mit digitalem Zwilling (Samson) und Blatt 5 der
VDI/VDE 2180 (Ramsys).
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Das Fazit fällt konkreter aus als im
November: Aus dem Werkzeugkasten sind erste fertige Anlagen geworden. Es bleibt
Schlichtmanns Appell, „stärker in die Implementierung“ zu kommen – jetzt mit
positiven und produktiven Referenzen im Rücken.