Insolvenzen, Stilllegungen und Investitionsstau setzen Europas Chemiecluster unter Druck
Chemieparks sind Meisterwerke industrieller Effizienz: Stoffströme, Energie und Infrastruktur greifen ineinander wie Zahnräder. Doch was passiert, wenn eines dieser Zahnräder plötzlich ausfällt? Insolvenzen, Anlagenstilllegungen und ausbleibende Investitionen setzen Europas Chemiecluster zunehmend unter Druck. Droht ein Kipp-Punkt, an dem der Verbund seine wirtschaftliche Logik verliert – und ganze Standorte ins Wanken geraten?
Die BASF tariert ihren größten Verbundstandort in Ludwigshafen neu aus – und investiert inzwischen deutlich weniger.BASF SE
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An
einem grauen Wintermorgen im Chemiepark Leuna wirkt alles wie immer. Kühltürme
atmen weißen Dampf in den Himmel, Rohrleitungen verlaufen wie metallene
Autobahnen über das Gelände. Ein Tankzug rollt langsam zwischen den Anlagen
hindurch. Chemieanlagen haben ihre eigene Zeitrechnung: Sie laufen nicht in
Tagen oder Quartalen, sondern in Jahrzehnten. Doch manchmal reicht eine
Nachricht, um dieses Gefühl von Dauer zu erschüttern.
Eine
solche Nachricht erreichte die Öffentlichkeit am 28. Dezember 2025: Domo
Caproleuna, eine Tochter des Polyamidherstellers Domo, hatte für mehrere
deutsche Gesellschaften Insolvenzantrag gestellt – betroffen sind Teile der
Caprolactam‑ und Polyamid‑6‑Produktion in Leuna. Was für Außenstehende wie eine
Randnotiz des Wirtschaftsgeschehens wirkt, schlug am Verbundstandort Leuna und
bei Branchenbeobachtern wie eine Bombe ein. Denn Chemieparks folgen einer
einfachen, aber unerbittlichen Logik: Alles hängt mit allem zusammen.
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Was
hier Nebenprodukt ist, ist dort Rohstoff. Abwärme, Dampf, Wasserstoff, Ethylen
oder Ammoniak wandern durch kilometerlange Rohrleitungen über das Gelände,
helfen, Energie zu sparen und Stoffkreisläufe zu schließen. Fällt ein Glied
aus, verändern sich Versorgung, Kostenstruktur und teilweise auch die
Sicherheit des ganzen Systems – im Fall Domo musste das Land Sachsen‑Anhalt per
Gefahrenabwehr einen Notbetrieb anordnen, um Anlagen zu schützen und Risiken zu
vermeiden. Und damit drängt sich eine Frage auf, die lange theoretisch klang,
inzwischen aber sehr real wirkt: Wann kippt ein Chemieverbund?
Die
Ereignisse in Leuna sind kein Einzelfall. In ganz Europa verdichten sich die
Signale einer strukturellen Verschiebung. Eine aktuelle Cefic/Roland‑Berger‑Analyse
zeigt, dass zwischen 2022 und Ende 2025 chemische Produktionskapazitäten von 37
Mio. t pro Jahr zur Schließung angekündigt wurden – das entspricht rund 9 % der
europäischen Kapazität. Noch dramatischer ist die Geschwindigkeit: Die jährlich
angekündigten Stilllegungen haben sich in dieser Zeit fast versechsfacht – von
2,9 Mio. t (2022) auf 17,2 Mio. t (2025).
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2025 wurden bereits sechsmal mehr Chemiekapazitäten zur Schließung angekündigt als im Jahr 2022.Cefic / Roland Berger
Besonders
betroffen sind die Grundstoffe der petrochemischen Wertschöpfungskette,
also genau jene Upstream‑Anlagen, die in Clustern die größten Effizienzvorteile
bringen. Der Radarbericht nennt ein besonders sensibles Beispiel: neun
Steamcracker in europäischen Chemieclustern stehen vor der Stilllegung, was
einem Kapazitätsabbau von etwa 16 % der europäischen Cracker‑Kapazität
entspricht. Cracker sorgen für den molekularen Herzschlag eines
Verbundstandorts – sie liefern Ethylen, Propylen und weitere Bausteine für eine
Vielzahl nachgelagerter Produkte. Wenn sie verschwinden, verliert der
Verbundorganismus seinen Takt.
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Vor allem petrochemische Betriebe und anorganische Basischemie sind von Schließungen betroffen.Cefic / Roland Berger
Parallel
dazu bricht die Investitionstätigkeit ein. Laut der Cefic/Roland-Berger-Studie
ist das Volumen neu angekündigter Chemieinvestitionen in Europa zwischen 2022
und 2025 um fast 90 % eingebrochen, während in China und
im Mittleren Osten weiter massiv in neue, effiziente Anlagen investiert wird.
Europa baut derzeit also schneller Chemiekapazitäten ab, als neue entstehen – und
das ausgerechnet in den zentralen Verbundkernen.
Ludwigshafen:
Der Verbund wird neu austariert
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Selbst
der größte Chemieverbund der Welt spürt diesen Druck. BASF hat angekündigt,
mehrere Anlagen am Stammwerk Ludwigshafen zu schließen oder zu verkaufen – darunter
Ammoniak‑, TDI‑ und
Caprolactam-/Adipinsäure‑Linien
sowie Düngemittel‑Kapazitäten, insgesamt sind rund 700 Stellen am Standort
betroffen. Hintergrund sind hohe Energiepreise, ein zusätzlicher Energieaufwand
von rund 3,2 Mrd. € im Jahr 2022 und das Ziel, die
Fixkosten am Standort um mehr als 200 Mio. € jährlich
zu senken.
Auf
der Namur‑Hauptsitzung im November 2025 formulierte BASF‑Manager Olaf Abel die
Lage ungewöhnlich offen: „Viele stehen vor der Entscheidung:
investieren oder schließen.“ Die Branche arbeitet seit Jahren unter schwierigen
Rahmenbedingungen: niedrige Auslastung, volatile Märkte, hohe Energiekosten.
Der VCI‑Quartalsbericht 2/2025 beziffert die Kapazitätsauslastung der chemisch‑pharmazeutischen
Industrie in Deutschland auf 71,7 % – den niedrigsten Wert seit 1991 und
„weit unter der Profitabilitätsschwelle von etwa 82 %“. Für Grundstoffanlagen,
die von Skaleneffekten leben, ist das eine kritische Marke: Unterhalb dieser
Schwelle werden Fixkosten nicht mehr ausreichend gedeckt.
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Energie,
Überkapazitäten, Regulierung
Warum
geraten Europas Chemiecluster so stark unter Druck? Die Ursachen sind bekannt –
und sie verstärken sich gegenseitig.
Energie- und CO₂‑Kosten: In Umfragen und Analysen nennen Unternehmen in
fast der Hälfte der betrachteten Stilllegungsfälle Energiekosten als Hauptgrund
für Standortschließungen – Gas- und Strompreise liegen im mehrjährigen
Durchschnitt deutlich über dem Niveau in den USA oder im Mittleren Osten.
Globale Überkapazitäten: Parallel
entstehen in China und der Golfregion neue Chemiekomplexe im Weltmaßstab. China
hat seinen Anteil am weltweiten Chemieumsatz auf rund 46 %
ausgebaut, während Europa (EU27) auf etwa 13 % zurückgefallen
ist.
Regulierung und Genehmigung: Die Cefic‑Advancy‑Studie und weitere Branchenberichte nennen
Regulierungsdichte und lange Genehmigungsverfahren als zentrale Faktoren, die
Investitionen bremsen und die Wettbewerbsfähigkeit schwächen.
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Für
europäische Anlagen bedeutet das: Sie konkurrieren mit größeren, moderneren und
energieeffizienteren Komplexen, müssen gleichzeitig höhere
Energie‑ und CO₂‑Kosten tragen und arbeiten bei deutlich niedriger
Auslastung – ein Dreifachdruck, der sich direkt in Stilllegungs- und
Insolvenzwellen übersetzt.
Deutschland und die Niederlande sind besonders von Anlagenschließungen in der Chemie betroffen.Cefic / Roland Berger
Der
stille Kipp-Punkt: Investitionsstau
Doch
Stilllegungen allein erklären den Strukturwandel nicht. Viele Branchenexperten
sehen ein noch viel gefährlicheres Phänomen: den Investitionsstau.
Chemieanlagen werden oft 25 Jahre und länger betrieben. Wenn Unternehmen über längere
Zeit weniger investieren, als sie ihre Anlagen abschreiben, altert der
Produktionspark – der Kapitalstock schrumpft real.
Die Chemieindustrie in Deutschland und Europa investiert inzwischen unter dem Abschreibungsniveau.Cefic / Roland Berger
Genau
diese Tendenz ist inzwischen offen sichtbar: Die BASF hat beispielsweise angekündigt,
die Sachinvestitionen (Capex) ab 2026 „deutlich unter das Niveau von
Abschreibungen und Amortisation“ zu senken, um den Free Cashflow zu erhöhen.
Das bedeutet: Es wird bewusst weniger in Ersatz und Modernisierung investiert,
als jedes Jahr an Anlagenwert abgeschrieben wird.
Die
Folge ist ein schleichender Wettbewerbsverlust. Neue Anlagen in China, im
Mittleren Osten oder in den USA arbeiten größer, energieeffizienter und mit
besserer CO₂‑Performance. Gleichzeitig verlagern europäische Konzerne
ihre Großinvestitionen: Prominentes Beispiel ist der neue Verbundstandort im
chinesischen Zhanjiang, in den BASF rund 10 Mrd. €
investiert. Für Europa bleiben häufig nur Ersatzinvestitionen oder Retrofits – und
auch die werden zunehmend verschoben.
Damit
entsteht ein gefährlicher Pfad: Niedrige Auslastung führt dazu, dass
Investitionen gestutzt werden. In der Folge veralten Anlagen, was dazu führt,
dass die Kosten hoch bleiben. Dadurch verliert der Betreiber Wettbewerbsfähigkeit
und Marktanteile– die Auslastung sinkt weiter. Ab einem bestimmten Punkt reicht
ein konjunktureller Aufschwung nicht mehr aus, um die Lücke zu schließen – der
Standort lebt von der Substanz und verliert den Anschluss.
Industrie
fordert politischen Kurswechsel
Die
Industrie hat diese Entwicklung erkannt und fordert inzwischen offen einen
Kurswechsel. Schon in der „Antwerp Declaration for a European Industrial Deal“ von 2024 drängten
mehr als 1.300 Unternehmen, Verbände und Gewerkschaften – darunter die im
Verband Cefic organisierten Chemieproduzenten – auf einen industriepolitischen Neustart.
Und
die Situation hat sich zuletzt deutlich verschärft. Statt nur auf die Antwerp
Declaration von 2024 zu verweisen, bringen Verbände inzwischen sehr konkrete
Forderungskataloge auf den Tisch. In Deutschland drängt der VCI mit seiner „Chemieagenda 2045“ auf einen Standort-Notfallplan: 20 Maßnahmen in 45 Tagen –
von wettbewerbsfähigen Energie- und CO₂-Kosten
über einen Bürokratieabbau um mindestens 25 % bis
hin zu besseren Investitionsbedingungen und einer gezielten
Innovationsoffensive für Chemie und Pharma. Auf EU-Ebene formiert sich parallel
die Critical Chemicals Alliance, die von der EU-Kommission einen Aktionsplan
verlangt, um „eine ausreichende Menge wettbewerbsfähiger Chemieproduktion in
Europa“ zu sichern – mit Schwerpunkten auf bezahlbarer Energie, smarter
Regulierung, Handelsschutz und der Skalierung klimafreundlicher
Chemietechnologien.
Wie
dramatisch die Lage aus Sicht der Industrie ist, brachte kürzlich Ineos‑Chairman
Sir Jim Ratcliffe auf den Punkt. Die derzeitigen Rahmenbedingungen seien für
die europäische Chemie „unsurvivable“, kein
Chemieunternehmen könne mit den aktuellen Energie‑ und CO₂‑Kosten ohne Schutzmaßnahmen langfristig überleben, „the industry is currently in the
process of shutting down“. Seit dem ersten
Antwerp‑Gipfel im Februar 2024 seien bereits 101 Industriestandorte
geschlossen, 25 Mio. t Chemiekapazität aus Europa verschwunden und 75.000
Arbeitsplätze verloren gegangen – der Wiederaufbau dieser Anlagen würde rund 70
Mrd. Euro kosten.
Verbund
macht stark – und verwundbar
Und
so ist die eigentliche Stärke von Chemieparks wie Ludwigshafen, Leuna oder
Schkopau – das eng verzahnte Netzwerk von Stoffströmen,
Energieflüssen und Infrastruktur, das Skaleneffekte hebt und
Ressourceneffizienz ermöglicht – aktuell auch die
Achillesferse: Solange genügend Anlagen gleichzeitig laufen, entsteht ein
austariertes System, in dem Nebenprodukte sinnvoll genutzt, Energie geteilt und
Infrastrukturausgaben verteilt werden. Wenn jedoch immer mehr Glieder aus
dieser Kette verschwinden, verlieren die verbleibenden Anlagen ihre Vor- und
Abnehmer, die Stückkosten steigen und die Fixkosten verteilen sich auf weniger
Schultern – der Verbund verliert seine Effizienz.
Die
aktuelle Welle von Insolvenzen und Stilllegungen – von Domo Caproleuna in Leuna
über den geplanten Dow‑Cracker in Böhlen bis hin zu Anlagenstilllegungen
in Ludwigshafen – zeigt, dass diese Effekte längst keine Theorie mehr sind.
Wenn zentrale Upstream‑Anlagen in Clustern vom Netz gehen und die Auslastung über
Jahre deutlich unter der Profitabilitätsschwelle verharrt, verschieben sich die
Parameter so stark, dass weitere Stilllegungen rational erscheinen – und der
Verbund als Ganzes in eine Abwärtsspirale gerät.
Am
Ende entscheidet eine einzige Frage über die Zukunft eines Standorts. Oder, wie
BASF‑Manager Olaf Abel es formuliert: „Prüfkriterium ist die Erwartung der künftigen
Wettbewerbsfähigkeit.“ Fehlt diese Erwartung, wird aus einer jahrzehntelang
laufenden Anlage irgendwann eine Entscheidung – und aus einem Ventil ein
Schalter.