Chemieanlagen bei Nacht

Für das Konsenspapier hat der VCI sich bemüht, mit allen Parteien zu sprechen, die am Wandel der Chemieindustrie beteiligt sind beziehungsweise sein sollten. (Bild: krunja – AdobeStock)

  • Der VCI hat sein Konsenspapier mit Vertretern aus Industrie, Gewerkschaften, Umweltverbänden und Politik besprochen.
  • Die festgelegten Eckpunkte beziehen sich auf die Energieversorgung der Chemiebranche, die Forschung und die Kreislaufwirtschaft.
  • Die EU-Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit von Oktober 2020 erntet von der Branche Zuspruch, aber auch
    einige Kritikpunkte.

Der VCI führte zwischen Juli 2021 und April 2022 Gespräche mit verschiedenen Vertretern aus der Industrie sowie Politikerinnen und Politikern von SPD, Grünen, FDP und CDU, wie die Chemiebranche zukünftig erfolgreich gestaltet werden könnte. Es ging vor allem darum, Antworten zu finden, wie eine der energie- und emissionsintensivsten Industrien Deutschlands nachhaltiger und ressourcenschonender werden kann. Der Großteil der Gespräche wurde vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine geführt. Doch bereits davor war klar, dass für eine treibhausgasneutrale Produktion große Mengen erneuerbaren Stroms und Wasserstoff nötig sein würden. Der Krieg hat lediglich das Zeitfenster, in dem dies geschehen sollte, verkleinert.

CT-Fokusthema Wasserstoff

(Bild: Corona Borealis – stock.adobe.com)

In unserem Fokusthema informieren wir Sie zu allen Aspekten rund um das Trendthema Wasserstoff.

 

  • Einen Überblick über die ausgewählten Artikel zu einzelnen Fragestellungen – von der Herstellung über den Transport bis zum Einsatz von Wasserstoff – finden Sie hier.
  • Einen ersten Startpunkt ins Thema bildet unser Grundlagenartikel.

Nach diesem knappen Jahr, gefüllt mit Gesprächen, haben die Beteiligten sich auf die nun folgenden Eckpunkte geeinigt. Es müssen zügig Rahmenbedingungen für einen günstigen Industriestrompreis geschaffen werden sowie Infrastrukturen für ausreichend erneuerbaren Strom, grünen Wasserstoff und Energiespeicher. Weiterhin sei für die Transformation mehr Grundlagenforschung und eine stärkere Vernetzung von privater und universitärer Forschung nötig. Außerdem soll der Kreislaufwirtschaft in Zukunft eine tragendere Rolle zukommen. Es wurden auch Eckpunkte für den Beitrag der Chemie zur Landwirtschaft und die Zukunft der Pharma­branche festgelegt.


Für eine zukunftsfähige Kreislaufwirtschaft in der Chemieindustrie müssen die Produktzusammensetzung und die dazugehörigen Daten über den gesamten Lebenszyklus des Produkts hinweg transparent sein. Die Verfasser des Konsenspapiers wünschen sich zudem mehr Offenheit für neue Technologien beim Recycling und dass die Möglichkeit der Wiederverwertung beim Produktdesign direkt mitgedacht wird.


Bei der Kreislaufwirtschaft geht es in dem Konsenspapier nicht nur um Materialrecycling in Form von chemischem Recycling, welches das mechanische ergänzt, sondern auch um CO2. Da Kohlenstoff der Ausgangsstoff für viele Produkte ist, muss nach Möglichkeiten gesucht werden, diesen nicht nur zu binden, wie aktuell im Carbon Capture, sondern das Prinzip der Photosynthese zu kopieren. Also aus Sonnenenergie, Wasser und CO2 chemische Energie zu gewinnen.

Gefährliche Chemikalien weiterhin, aber sicher verwenden

Ein weiterer Punkt, der im Konsenspapier behandelt wird, ist die im Oktober 2020 von der EU-Kommission vorgestellte Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit kurz CSS. Deren Ziel ist es, Lösungen für sichere und nachhaltige Chemikalien zu fördern sowie Menschen und Umwelt stärker vor gefährlichen Chemikalien zu schützen. In Bezug auf diese Strategie ist die chemische Industrie zwiegespalten. Grundsätzlich unterstützt die Branche die Ziele der CSS, sie weist aber auch darauf hin, dass es herausfordernd sein wird, mit den Auswirkungen der Strategie umzugehen. Ein Problem sehen die Branchenvertreter darin, dass die 80 CSS-Maßnahmen so konzipiert sind, dass sie für sich alleine stehen. Ihre Wechselwirkungen oder Abhängigkeiten untereinander wurden nicht mitgedacht.

Die Chemieindustrie unterstützt also die CSS, fordert aber gleichzeitig, dass die Strategie Innovationen und Investitionen nicht hemmt. Dazu gehört laut dem Konsenspapier auch, dass eine Gefahrenvermeidung für Mensch und Umwelt und die sichere Verwendung gefährlicher, aber essenzieller Chemikalien durch professionelle Anwender sich nicht ausschließen. Zudem sehen die Autoren der Veröffentlichung die Politik in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, sodass Hersteller bessere und sichere Produkte, die gleich funktional sind, auf den Markt bringen können. Wenn es darum geht, die CSS zu gestalten und umzusetzen, stünde Qualität vor Geschwindigkeit.
Ralf Fücks, der Gründer des Zentrums Liberale Moderne in Berlin, der Herausgeber des Papiers, und Wolfgang Große Entrup, der Hauptgeschäftsführer des VCI, fassen das Konsenspapier in ihrer Vorbemerkung wie folgt zusammen: „Eine nicht zu unterschätzende Erfolgsbedingung dafür, die Transformation der Branche trotz der vielfältigen Krisen zu meistern, ist ein grundlegender Konsens zwischen Politik, Zivilgesellschaft und Unternehmen über eine nachhaltige Zukunft der Chemieindustrie in Deutschland und Europa. Erst eine solche Verständigung ermöglicht eine langfristige Orientierung für Regierungshandeln und Privatwirtschaft.“

 

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