Ölfässer und Spritze

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  • Die Corona-Krise hat die Ölindustrie durch sinkende Mengen und Preise stark erschüttert.
  • Viele Konzerne suchen daher ihr Glück in neuen Geschäftsfeldern wie erneuerbaren Energien oder der Chemieproduktion.
  • Die Rolle der von Öl abhängigen Staaten vor allem im Nahen Osten ist jedoch noch nicht eindeutig.

Lange Zeit durfte Erdöl für eine Reihe von Staaten und globalen Konzernen als Gelddruckmaschine gelten. Dass das nicht auf ewig so weitergehen würde, dürfte den meisten Akteuren spätestens in den letzten Jahren bewusst geworden sein. Wer aber bisher davon ausging, sich weiter auf stabile Einnahmen aus dem Ölgeschäft verlassen und das Geschäftsmodell dabei über die Jahre allmählich auf nachhaltigere Felder erweitern zu können, den muss die Corona-Krise erschreckt haben – und zwar ebenfalls nachhaltig.

Zweifellos geht 2020 als eines der größten Krisenjahre der Ölindustrie in die Geschichte ein: Die Nachfrage nach Erdöl brach um knapp ein Viertel ein, der Ölpreis notierte zeitweise sogar im negativen Bereich. Diese Kombination sorgte beim jahrzehntelang gewinnverwöhnten „Big Oil“ für Rekordverluste: Shell und Exxon Mobil verzeichneten für 2020 jeweils ein Minus von knapp 22 Mrd. US-Dollar. BP – mit einem Verlust von 6 Mrd. Dollar noch vergleichsweise glimpflich davongekommen – kündigte einen Abbau von 10.000 Stellen an, beim Konkurrenten Shell sollen es bis zu 9.000 Stellen werden.

Corona-Krise hat „nachhaltige“ Auswirkungen

Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß dieser Krise. Und auch die Ölkonzerne gehen mittlerweile davon aus, dass es nach Corona keine Rückkehr zur vergleichsweise gemütlichen Vor-Krisen-Welt geben wird. Zwar rechnet BP in seinem Energy Outlook 2020 damit, dass der globale Energiebedarf – getrieben von den Entwicklungsländern – auch in den nächsten Jahren steigen wird. Schon jetzt ist aber absehbar, dass dieses Wachstum durch die Corona-Krise deutlich geringer ausfallen wird als ursprünglich angenommen. Dies liegt neben dem geringeren erwarteten Wirtschaftswachstum auch an sich ändernden Verhaltensweisen der Menschen im Zuge der Krise. So könnten Menschen weniger reisen, auf andere Verkehrsmittel umsteigen oder – auch in einer „Nach-Corona-Welt“ –häufiger von zu Hause arbeiten, glaubt BP.

Viele dieser möglichen Änderungen betreffen gerade den Ölverbrauch. Und so geht auch BP selbst im Falle von „Business-as-Usual“ nur noch von einer etwa gleichbleibenden Nachfrage nach Öl aus, die sich über die nächsten 20 Jahre stabil bei etwa 100 Mb/d einpendeln soll. 2050 läge man dann bei 95 Mb/d. Glaubt man dagegen dem „Rapid“-Szenario, das weltweit wachsende Klima-Bemühungen miteinbezieht, hat die Ölnachfrage im Vorkrisenjahr 2019 bereits ihren Höhepunkt erreicht und wird nun kontinuierlich sinken: bis 2050 auf 55 Mb/d. Im Fall von „Net Zero“ – also einer weltweiten Klimapolitik, die das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen will – könnte der Ölverbrauch sogar auf etwa 30 Mb/d sinken. Und nicht nur der Verbrauch sinkt, auch die Preiserwartungen müssen die Ölkonzerne korrigieren: Bis 2050 rechnet BP nur noch mit einem durchschnittlichen Preis der Ölsorte Brent von 55 Dollar pro Fass. Das ist fast ein Drittel weniger als die Schätzungen vor der Krise.

Ölkonzerne setzen auf Erneuerbare, Wasserstoff und Chemie

Viele Ölkonzerne haben daher den bisher eher gemächlichen Umbau ihres Geschäftsmodells nochmal deutlich beschleunigt. Ähnlich wie die Automobilindustrie stehen die Unternehmen dabei vor einem Dilemma: Während man den Zugang zu den angestammten Futtertrögen nicht verlieren will, um den teuren Umbau überhaupt finanzieren zu können, ist man gleichzeitig gezwungen, immer mehr Investitionen in den Aufbau der neuen Geschäftsfelder zu stecken. Ein durchaus nicht immer einfacher Balanceakt.

Mercedes SUV
Viele klassische Ölkonzerne setzen nun auf neue Geschäftsfelder wie Wasserstoff. Bild: OMV

Und auch die Frage, wo denn die größten Zukunftschancen für die Unternehmen überhaupt liegen, ist alles andere als eindeutig. Vor allem die europäischen Konzerne setzen hier weiter auf den Bereich Energie, aber diesmal erneuerbare. So hat sich etwa Shell nicht nur das Ziel gesetzt, in Deutschland bis 2030 rund 1.000 Schnellladesäulen an seinen Tankstellen zu errichten, sondern auch eigene Offshore-Wind-Projekte voranzutreiben. Der Strom soll dann auch für verschiedene Wasserstoff-Projekte wie in der Rheinland-Raffinerie Wesseling zum Einsatz kommen. Insgesamt will Shell zum „führenden Anbieter von grünem Wasserstoff für Industrie- und Transportkunden“ aufsteigen. Ähnliche Pläne gibt es bei BP, wo man die Investitionen in erneuerbare Energien bis 2030 auf jährlich 5 Mrd. Dollar steigern und die Erzeugung erneuerbarer Energien auf 50 GW erhöhen will. Die Produktion von Öl soll dagegen in den nächsten 10 Jahren um 40 % sinken.

Mensch mit Mundnasenschutz
Die Corona-Pandemie hat auch in der Ölindustrie die Zeichen der Zeit geändert. Bild: ryanking999 – stock.adobe.com

Neben erneuerbaren Energien verlegen die Konzerne ihre Aktivitäten von der klassischen Ölförderung auch verstärkt in den Downstream-Bereich. Am deutlichsten ist diese Verschiebung bei OMV zu erkennen. Die Österreicher machten ihre Ambitionen schon im März 2020 klar, als sie ihren Anteil am Petrochemie-Unternehmen Borealis auf 75 % aufstockten. Mit den gemeinsamen Produktionskapazitäten soll das Unternehmen zur „Nummer 1 unter den Ethylen- und Propylenproduzenten in Europa“ und zu einem der zehn größten Polymerhersteller weltweit aufgestiegen sein. Diese Ambitionen untermauert das Unternehmen auch mit neuen Projekten in diesem Bereich, etwa mit der zuletzt angekündigten 40-Millionen-Euro-Investition am Chemiestandort Burghausen. 2021 kündigte OMV außerdem eine neue Unternehmensstruktur an, die „den Ausbau des Chemiegeschäfts deutlich voranbringen“ soll. Das Unternehmen sieht sich damit selbst auf dem Weg der „Vorwärtsintegration in den Chemiesektor“.

Vorsicht: Nicht alle sind dabei

Während also vor allem die europäischen Ölkonzerne schon einen deutlichen Schritt in eine neue Richtung gemacht haben, sind US-amerikanische Ölkonzerne wie Exxon oder Chevron noch deutlich zurückhaltender. Dies liegt sicher auch an einem deutlich anderen politischen Umfeld unter US-Präsident Trump, der das klassische Geschäftsmodell mit Deregulierung und immer neuen Bohrerlaubnissen förderte. Auch hier ändern sich jedoch allmählich die Zeichen der Zeit.

Ganz aufgeben wollen die Ölkonzerne ihre alten Pfründe jedoch freiwillig nicht. Das liegt auch daran, dass die Welt außerhalb Europas und Amerikas immer noch ganz anders aussieht. Neben dem immer noch wachsenden Energiebedarf in den Entwicklungsländern liegt das auch an der „Angebotsseite“, wie der Journalist Gabor Steingart unlängst in einem Morning Briefing betonte. Denn auf dem Ölmarkt spielen nicht nur die westlichen Ölkonzerne, sondern auch Öl-Multis wie Saudi Aramco und National Iranian Oil eine herausragende Rolle. Diese Unternehmen und die hinter diesen Konzernen stehenden Staaten „denken nicht daran, die ihnen gehörenden fossilen Bodenschätze zu versiegeln und ihre Geschäftsmodelle einzustampfen“, analysiert Steingart. Und gerade durch sinkende Ölpreise könnte der Rohstoff dann für manche Märkte erst so richtig attraktiv werden. Der „Abschied“ vom Öl könnte sich am Ende also doch noch einmal hinauszögern.

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