Überschwemmung

Von den Überschwemmungen in Westdeutschland war neben vielen Privathaushalten auch die Chemiebranche betroffen. Bild: TA-Photographie - stock.adobe.com

  • Durch die Überflutungen im Juli lief im Chemiepark Knapsack die Abwasseranlage über und eine wichtige Bahnstrecke wurde zerstört.
  • Im Chemiepark Gendorf werden die präventiven Schutzmaßnahmen aufgrund der aktuellen Ereignisse reevaluiert.
    In Wiesbaden setzt man im Industriepark Kalle Albert am Rhein auf die Geländetopografie als Hochwasserschutz.

Bei den zehn biblischen Plagen folgt auf die Seuche der Hagel – auf die aktuelle Situation umgemünzt folgt also auf die globale Pandemie die Flut. Und ihrem biblischen Vorbild folgend, machten die Wassermassen die Mitte Juli herabregneten der Bezeichnung Flut alle Ehre.

Sie führten dazu, dass am 14. Juli im Chemiepark Knapsack die zentrale Abwasser­behandlungs-Anlage überlief. Erhebliche Mengen Niederschlagswasser sowie Abwasser flossen auf die Industriestraße und in den Ortsteil Alt-Hürth. Grund dafür waren die hohen Regenmengen an dem Tag. Wir haben das zum Anlass genommen, in diesem und anderen Chemieparks nachzufragen, welche Maßnahmen dort aktuell getroffen werden und ob sich aufgrund des Überlaufs in Hürth daran etwas ändert. Denn nicht nur der Regen selbst führt zu Überschwemmungen, sondern auch die steigenden Pegel von Flüssen, an denen die meisten Chemieparks liegen.

Auf Nachfrage erläutert der Leiter der Kommunikation des Chemieparks Knapsack, Thomas Kuhlow, dass, nachdem Starkregen angekündigt war, die entsprechenden Schutzmaßnahmen getroffen wurden. Dafür wurde das Klärbecken leergefahren und im Vorhinein größere Mengen Abwasser als üblich mit Genehmigung der zuständigen Behörden rausgefahren. Laut Kuhlow sind die Anlagen auf sogenannte Jahrhundert-Hochwasser ausgelegt und mit entsprechenden Rückhaltekapazitäten ausgestattet. Trotzdem war die Niederschlagsmenge so hoch, dass die Abwasserbehandlungs-Anlage überlief. Durch die anderen Vorsichtsmaßnahmen war die Kläranlage gedrosselt und Schlimmeres konnte verhindert werden, da lediglich Oberflächenwasser austrat. Die Partikel befanden sich am Boden des Beckens, weshalb keine Chemikalien die Umwelt kontaminierten und die Verdünnung durch den Niederschlag tat ihr Übriges.

Ohne Bahnanbindung keine Produkte

Der Überlauf ging zum Glück glimpflich für die Gesundheit der Parkmitarbeitenden sowie der Anwohnerinnen und Anwohner aus, trotzdem hat er materielle Schäden verursacht. Nach aktuellen Angaben von Kuhlow findet immer noch die Schadenserhebung und -ergänzung statt.

Die wohl signifikanteste Folge der Überschwemmungen ist die Beschädigung der Bahnschienen, über die der Chemiepark Knapsack beliefert wird. Ohne Bahnanbindung können bestimmte Produkte, die nur über Zugverkehr transportiert werden, nicht geliefert werden. Schon Mitte August, vor dem geplanten Termin, konnte der Park wieder an eine Bahnlinie angebunden werden. Es handelt sich um eine nicht mehr genutzte Bahnlinie von RWE, für deren Reaktivierung laut Kuhlow ein „vorbildliches Miteinander“ an den Tag gelegt wurde. Genehmigungen vom zuständigen Bundesamt, die sonst Monate in Anspruch nähmen, seien bereits nach einer Woche da gewesen. Sowohl die Politik als auch die Behörden wollen mit dem Chemiepark bald Gespräche darüber aufnehmen, was die momentane Situation für die Zukunft bedeute.

Präventive Schutzmaßnahmen reevaluieren

Im Chemiepark Gendorf im gleichnamigen Gemeindeteil von Burgkirchen an der Alz haben die Unwetter zwar keine Schäden angerichtet, aber Vorsicht ist bekanntlich besser als Nachsicht. Deshalb gibt es auch in diesem Park präventive Schutzmaßnahmen gegen Starkregen und Hochwasser. Laut Unternehmenssprecherin des Betreibers Infraserv Gendorf, Martina Kress, hat im Chemiepark bisher kein Wetterereignis zu gravierenden Problemen geführt. Trotzdem wird das jüngste Extremwetter zum Anlass genommen, das Sicherheitskonzept zu prüfen und insbesondere die zugrundeliegenden Gefährdungsszenarien kritisch zu hinterfragen.

Derzeit beschäftigt sich daher ein interdisziplinäres Expertenteam mit den Auswirkungen des Unwetters auf den Chemiepark. Dieses hatte Ende Juli im benachbarten Berchtesgadener Land große Zerstörungen verursacht. Auch im Chemiepark Gendorf näherten sich das Kanal- und Abwassersystem sowie die Rückhalte-Einrichtungen den Kapazitätsgrenzen. Das Expertenteam führt nun eine systematische Analyse des Ereignisses durch und sucht nach Schwachpunkten und Verbesserungsmöglichkeiten. Dafür gäbe es Möglichkeiten, wie die Wasserrückhalte-Kapazitäten zu vergrößern oder sich zielgenauer prozessual auf solche Wetterereignisse vorzubereiten. „Beispielsweise könnten die Unternehmen im Chemiepark bei drohendem Starkregen vorsorglich die dezentralen Abwasserbecken an ihren Anlagen komplett vorab entleeren, damit wir insgesamt mehr Rückhaltekapazitäten zur Verfügung haben“, schließt Kress.

Hochstapeln gegen Hochwasser

Doch nicht nur baulich können Chemieparks sich vor Hochwasser schützen, sondern auch durch die Geländetopografie, was das Beispiel des Kalle-Albert-Parks am Rhein zeigt. Der Betreiber Infraserv Wiesbaden hat für seinen Park ähnliche Hochwasser-Präventionsmaßnahmen wie die vorhergenannten und zusätzlich durch ansteigendes Gelände in Richtung des Parks noch einen Standortvorteil.

Einer der Standortvorteile ist, dass der Industriepark durch eine etwa 25 bis 30 m breite Bebauungsstrecke mit vielen Freiflächen ohne kritische Produktionsanlagen vom Rheinufer getrennt ist. Danach folgt eine zweispurige Straße mit Gehwegen – auch noch außerhalb der Industrieparkgrenzen. Eine Gefährdung durch Hochwasser ist laut Thomas Deichmann, dem Leiter der Unternehmenskommunikation, daher nicht sehr hoch einzustufen. Die Produktionsanlagen und speziell gesicherte Gefahrstoffläger liegen oberhalb des Hochwasserpegels, der im statistischen Mittel alle 100 Jahre auftritt. Wichtige Infrastrukturelemente wie für die Energieversorgung sind noch höher verbaut worden, um sie vor Hochwasser zu schützen.

Eine topografische Besonderheit stellt die biologische Abwasserreinigungs-Anlage (Bara) dar, da bei deren Bau Anfang der siebziger Jahre das Gelände gegen Hochwasser aufgestockt wurde. Deshalb liegt die Hauptanlage der Bara auf der dem Industriepark vorgelagerten Rhein­insel Petersaue höher als das Festland.

Aufgrund der oben beschriebenen Geländetopografie gibt es für den Industriepark keine Schutzwände oder sonstige mechanische Absperrvorrichtungen wie in benachbarten Stadtteilen von Wiesbaden oder Mainz. Deichmann erläutert: „In Hochwassersituationen wird aber immer frühzeitig unsere Werkfeuerwehr alarmiert, die bei Bedarf Gebäude und Gelände sichern kann.“ Für den technischen Hochwasserschutz hielte diese tragbare sowie fahrbare Pumpen und palettenweise Sandsäcke bereit.

Yncoris
Der Betreiber des Chemieparks Knapsack, Yncoris, gehörte zu den Geschädigten der Juli-Hochwasser. Bild: Yncoris

Segen und Fluch zugleich ist bei Hochwasser der durch den Industriepark verlaufende Salzbach. Er dient einerseits als zusätzliche Retentionsfläche für den Rhein, andererseits aber kann sich dort bei sehr hohen Rhein-Wasserständen Wasser anstauen, welches dann zu einem Wassereintritt in einem der umliegenden Gebäude führt. Darum liegt auf dem Salzbach bei Hochwasser ein besonderes Augenmerk. Um sich auf einen solchen Wasser­eintritt einstellen zu können, überwacht Infraserv Wiesbaden den Salzbach-Einlauf in den Rhein mittels einer technischen Einrichtung. Diese löst bei einem schnellen Anstieg des Messpegels einen Alarm in der Gefahrenabwehr-Zentrale aus und Gebäudenutzer können rechtzeitig vorgewarnt und Sicherungsmaßnahmen eingeleitet werden.

„Die starken Niederschläge im Juli und die Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hatten glücklicherweise keinen Einfluss auf den Industrieparkbetrieb,“ berichtet Thomas Deichmann. „Der Industriepark Wiesbaden liegt stromaufwärts von den im Juli besonders stark betroffenen Gebieten und Einleitern in den Rhein. Der Wasserstand an unserem Pegel Mainz lag Anfang Juli und Anfang August bei rund 4,4 m. In der Zwischenzeit erreichte er am 19. Juli einen für den Industriepark unkritischen Höchststand von knapp 5,7 m.“

Schon jetzt haben die Chemiepark-Betreiber also vorgesorgt für Jahrhundert-Hochwasser. Trotzdem zeigen die aktuellen Ereignisse in Knapsack, dass solche Präventionsmaßnahmen immer wieder evaluiert und an veränderte Situationen angepasst werden müssen. Denn das was wir aktuell Jahrhundert-Hochwasser aufgrund seiner geringen Häufigkeit nennen, wird in Zukunft durch die Auswirkungen des Klimawandels seinem Namen nicht mehr gerecht werden.

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